„Deine Straße“-App wurde eingestellt

Trotz zahlreicher Preise: Die Stuttgarter App „Deine Straße“ ist gescheitert.

Stuttgart – Mal die Bohrmaschine ausleihen; jemanden haben, der die Blumen gießt, während man im Urlaub ist. Nachbarschaft boomt seit einigen Jahren wieder. Viele sehnen sich nach einer dörflicheren Atmosphäre in der Großstadt. Neu ist, dass sich Nachbarn nun häufig online vernetzen, um sich offline auszutauschen. Das Projekt „Deine Straße“ von vier jungen Medienschaffenden aus der Stuttgarter Innenstadt traf eigentlich den Zeitgeist. Eine Art „Mini-Facebook“, zuerst für den Stuttgarter Süden, dann für die ganze Stadt, hatten sich die Frauen vorgestellt.

Die Konkurrenz war schon da

Aus dem Uniprojekt an der Hochschule der Medien im Jahr 2014 ist das soziale Start-Up von Corinna Groß, Katharina Kulakow, Anja Weiler und Esther Fischer entstanden. Sie haben sich mit dem Generationenhaus Heslach vernetzt, Unterstützung beim Bezirksbeirat Süd gesucht, auf Veranstaltungen in der Stadt wie zum Beispiel dem Übermorgen-Markt ihr Projekt bekannt gemacht. Zeitweise trafen sie sich fast jede Woche, um daran zu arbeiten. Vor einem Jahr ging die App „Deine Straße“ dann an den Start – diese Woche mussten sie diese aber vom Markt nehmen. Sie konnten das soziale Projekt nicht mehr stemmen.

Dabei lief es zum Start eigentlich recht gut. Etwa 1000 Nutzer meldeten sich in den ersten Monaten an. Doch dann stagnierte es schnell. Die Gründe dafür sind den jungen Frauen, die später von einigen, weiteren Helfern inklusive den zwei Entwicklern Sascha Riedel und Mathieu Bulliot unterstützt wurden, bekannt. „Es war von Anfang an ja ein ehrenamtlich gestemmtes Projekt“, sagt Corinna Groß.

Das Thema ist heiß und kommt super an.

Das Problem sei jedoch gewesen, dass die Programmierung der App viel länger gedauert habe als geplant. Immer wieder mussten sie den Start verschieben – obwohl „Deine Straße“ in der Öffentlichkeit schon recht bekannt war. „Es war klar: Das Thema ist heiß und kommt super an“, ergänzt Groß, die hauptberuflich im Kulturbereich arbeitet. Auf den Hype um die Nachbarschaft seien dann aber eben viele aufgesprungen. „Wir haben einfach zu lange gebraucht, bis wir online waren“, sagt Groß ganz selbstkritisch. „Da gab es dann schon viele Konkurrenten.“

Der Platzhirsch unter den Nachbarschaftsplattformen ist „nebenan.de“. Etwa 800 000 Nachbarschaften sind dort aktiv. Die Berliner Christian Vollmann und Till Behnke haben sich damit zum größten Netzwerk in Deutschland entwickelt. Wer sich dort anmeldet, muss nachweisen, dass er in einer Nachbarschaft wohnt, entweder indem er ein Dokument mit seiner Adresse einscannt oder sich über einen Zugangscode eines Flyers oder einer Postkarte anmeldet. Wer der erste in seiner Nachbarschaft ist, wird zum Gründer der Community. Sobald etwa zehn Nachbarn zusammenkommen, ist die Online-Nachbarschaft quasi eröffnet und nebenan.de verteilt unter dem Namen der beiden Gründer sogar Handzettel per Post in dem entsprechenden Viertel. Auch wenn das von vielen Nutzern kritisch gesehen wird, hat das Netzwerk Erfolg.

Nachbarschafts-Apps sind bei Großstädtern inzwischen beliebt

Darüber können sich andere dann ebenfalls registrieren. Sie können Grillfeste planen, Ärzte empfehlen oder Babysitter in der Nachbarschaft suchen – nebenan.de ist quasi eine Art digitales schwarzes Brett für die Menschen aus einem Viertel. Das, was früher die Aushangtafel im Supermarkt um die Ecke war, mit den Rubriken „ich suche“ oder „ich biete“. Inzwischen werden darüber Wohnungen im Viertel weitergegeben, Märkte für gebrauchte Möbel sind ebenso entstanden wie Gruppen, die sich für die Verschönerung ihres Wohnumfeldes einsetzen. So entstand in einer Nachbarschaft am Olgaeck im Stuttgarter Süden kürzlich eine Initiative, die sich gegen die Vermüllung in der Gegend einsetzte und sich kurzerhand traf, um Müll einzusammeln.

Im Sommer 2016 ist der Burda-Verlag und ein weiterer Kapitalgeber mit jeweils 17 Prozent Anteilen eingestiegen, wie das Zeitmagazin kürzlich berichtete. Etwa acht Millionen Euro Kapital sollen die Gründer zur Verfügung haben. Das ist eine Hausnummer, mit der kleinere Projekte wie Deine Straße kaum mithalten können.

Die Gründerinnen um Groß haben ein bisschen auf den Lokalbonus gehofft. In Stuttgart sei man vernetzt, dort kenne man sich aus – doch letztlich hat die Zeit gefehlt, um das Projekt richtig zu stemmen und erfolgreich zu machen. „Wir hatten keine entsprechenden Förderungen“, sagt Groß. So habe es sich nicht realisieren lassen, dass zumindest zwei der Gründerinnen das Projekt als Vollzeit-Job betreiben könnten.

Die Idee von Deine Straße war trotzdem erfolgreich

Auch die beiden Entwickler, die für das Programmieren der App zuständig waren, engagierten sich für Deine Straße nebenher. „Dadurch konnten wir natürlich auch die App nicht so professionell gestalten, wie Nutzer das gewohnt sind“, sagt Groß. Oft sei man dem Feedback der Angemeldeten hinterhergehinkt.

Positiv findet sie, dass die Idee trotzdem Erfolg hat. „Die Nachbarn aus Stuttgart vernetzen sich – damit ist unser Ziel ja erreicht“, sagt sie. Überhaupt habe man viel gelernt, sich gut vernetzt in der Stadt. „Wir sitzen weiterhin zusammen und überlegen, war wir nun stattdessen machen können“, berichtet Groß. Was das genau sein werde, dazu möchte sie sich noch nicht äußern. Auch was zum Thema Nachbarschaft? „Eher nein“, meint sie. „Aber wir sind motiviert, weiterhin ehrenamtlich etwas für Stuttgart zu tun.“

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