Das Weiße Ross eröffnet als „Ciao, Amore!“ neu

Das Rotlichtviertel verändert sein Gesicht. Im Hintergrund gestaltet eine Tochtergesellschaft der Stadt diesen Wandel kräftig mit. Gastronomie-Betriebe spielen dabei die Hauptrolle: Am Freitag feiert die Bar Weißes Ross Neueröffnung – mit neuem Namen.

Stuttgart – Was man manchmal gar nicht angemessen würdigt, weil man mittendrin steckt: Stuttgart verändert sich. Dieser Wandel funktioniert nicht überall so gut wie im Leonhardsviertel. Das höchste der gastronomischen Gefühle stellten dort früher die Weinstube Fröhlich und die Bäckerei Schmälzle dar. Auf letztgenannten Traditionsbetrieb konnten sich auch Nachtschwärmer verlassen: Viele gingen dort vom letzten Getränk der Nacht zur ersten Mahlzeit des Tages über.

Ciao, Amore! ist die kleine Schwester vom Paul & George

Das Schmälzle ist seit fast acht Jahren Geschichte, das Fröhlich wird es als Konstante bis zum jüngsten Gericht geben, in der Zwischenzeit sind mit den Bars Paul & George, Immer Beer Herzen, dem Korridor und anderen so viele Anlaufstellen für Getränke mit Attitude dazugekommen, dass sich das Viertel von einer reinen Rotlicht- in eine vielstimmige Ausgeh-Ecke gewandelt hat.

Am Freitag kommt ein weiterer Grund hinzu, in der Altstadt Fünfe gerade sein zu lassen: Das Weiße Ross feiert Neueröffnung. Die Bar sieht künftig nicht nur ganz anders aus, sondern heißt auch anders, nämlich „Ciao, Amore!“. „Der Name gefällt mir auch deshalb besonders gut, weil ich zuvor zehn Jahre im Bergamo am Hans-im-Glück-Brunnen gearbeitet und mich dort zum Halbitaliener entwickelt habe“, erklärt Heiko Schöbinger, der den Betrieb leiten und gemeinsam mit Janusch Munkwitz, Maximilian Lucas Prigl und Florian Baumgärtner gestalten wird. Die beiden letztgenannten hatten die Zwischennutzung der Gastronomie mitverantwortet.

Bier im Fokus

Inhaltlich steht im Ciao, Amore! das Bier im Fokus: „Neben unseren Lieblingsbieren von Dinkelacker werden wir eine große Auswahl an Craft Bier haben“, erklärt Schöbinger. „Damit wollen wir die Lücke schließen, die Craft-Bier-König Sebastian ‚Sebbo‘ Riedmüller hinterlassen hat.“ Riedmüller ist kürzlich der Liebe wegen nach Australien gezogen. „Durch Sebbo bin ich zum Craft Bier gekommen. Ich bin bei weitem kein Profi wie er, sondern probiere mich durch und kann so meine Empfehlung aussprechen“, erklärt Schöbinger weiter.

Bei der Renovierung des Raumes hat sich Janusch Munkwitz ausgetobt. Ähnlich wie in seinen anderen Betrieben, dem Paul & George an der Weberstraße oder der Sattlerei an der Tübinger Straße, hat der gelernte Architekt im Stile eines Stadt-Archäologen einen Raum zum Vorschein gebracht, der die ursprüngliche Geschichte des Hauses in der Gegenwart weitererzählt.

Im Sinne des Hausbesitzers und des Denkmalschutzes haben wir zum Vorschein gebracht, wie viel Potenzial der Raum hat.

Im Fall des Ciao, Amore! hatte eine Spielothek die Schönheit des Hauses an die Grenzen der optischen Belastbarkeit geführt. Unter den Zwiebelschichten einer Kaschemme haben Munkwitz und seine Mitstreiter wunderschöne Dielen, Fliesen und Stuck freigelegt. „Im Sinne des Hausbesitzers und des Denkmalschutzes haben wir zum Vorschein gebracht, wie viel Potenzial der Raum hat“, sagt Munkwitz, der das Ciao, Amore! als eigenständige kleine Schwester des Paul & George versteht. Neben den Inneneinrichtungs-Details – einer alten Metzgerstheke von 1897 und Mamortischen – setzt Munkwitz außerdem auf einen guten Klang, um dem Trend der audiophilen Bars aus Japan gerecht zu werden: „Auf einer JBL-Anlage aus den 70ern lassen wir unsere Lieblingsmusik für sich sprechen.“

Dem Hausbesitzer, der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), kommt die Liebe zum Konzept-Detail gelegen. Die SWSG spielt beim Wandel im Leonhardsviertel nämlich keine kleine Rolle: „Wir bieten Räume für Handel, Gewerbe und Gastronomie an, die einen deutlichen Kontrapunkt zu Rotlicht und Prostitution setzen. Diese Geschäfte etablieren das Leonhardsviertel als attraktive Ausgeh-Adresse in der Innenstadt“, erklärt SWSG-Pressesprecher Peter Schwab und verweist auf weitere Mieter der Wohnungsbaugesellschaft, die für eine Durchmischung im Viertel sorgen: der Falafel-Imbiss Yafa neben dem Brunnenwirt oder Traditionsbetriebe wie die Jakobstube und die Metzgerei Ergenzinger.

Auch das Fanprojekt Stuttgart ist in einer SWSG-Immobilie untergebracht, in direkter Nachbarschaft zum neuen Ciao, Amore!. Dort können Fußballfans in der ehemaligen Heimat des Café Schmälzle – siehe oben – ihrer großen Liebe zum Ballsport nachgehen: Zum Beispiel bei der nächsten Veranstaltung am 6. Dezember. Dann liest Michael Wulzinger aus dem Enthüllungs-Buch „Football Leaks“, das er gemeinsam mit Rafael Buschmann geschrieben hat. Falafel, Fußball, Bier: Im neuen Leonhardsviertel ist für jeden Geschmack etwas geboten.

(Fotos: Lichtgut/Leif Piechowski)

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