Das Club Kollektiv Stuttgart stellt sich vor

Diese fantastischen Vier sind keine Unbekannten im Stuttgarter Nachtleben: Rainer Guist, Tobias Rückle, Juliane Blanck und Colyn Heinze wollen als Club Kollektiv ein Sprachrohr für die Club-Kultur im Kessel sein – und das nicht nur nachts.

Stuttgart – Seit Ende letzten Jahres weht frischer Wind durch die (Club-)Landschaft im Kessel. Und das nicht etwa, weil neue Clubs beziehungsweise alte Nightlife-Locations wieder eröffneten, sondern weil das Club Kollektiv einen neuen Vorstand wählte, der ordentlich Wind macht und Vollgas gibt. Schnell war ein Positionspapier formuliert, das Themen wie Open-Air-Flächen, ein belebtes Neckarufer oder Sicherheit im Nachtleben anspricht, erst kürzlich debattierte man darüber bei einer Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl. Doch wer sind die Vier, die der Club-Kultur im Kessel eine Stimme geben? Wir dürfen vorstellen:

Alter: 40

Was machst du so?
DJ (Arcon Ultra) / Veranstalter (Elektrosmog) / Gründer und Geschäftsführer Kulturschiff auf dem Neckar

Was ist deine Position beim Club-Kollektiv?
Vorsitzender

Warum braucht Stuttgart ein Club Kollektiv?
Weil die Stuttgarter Szene in den Bereichen Club-, Live-, und Off-Kultur unterrepräsentiert ist in der Politik und Verwaltung. Die Szene braucht eine Stimme!

Wie würdest du die Club-Szene in Stuttgart beschreiben?
Das, was da ist, ist weitestgehend gesund, aus eigener Kraft. Aber bald werden noch einige Clubs wegen Immobiliengeschäften schließen müssen und für die gibt es keinerlei Aussicht auf Kompensationsflächen. Im Moment eine düstere Zukunft.

Was fehlt dem Nightlife hier?
Anerkennung – Freiheiten – Wohlgesinnung (alles auf der politischen und Verwaltungsebene)

Was wünschst du dir für die Club-Szene im Kessel?
Auflagenreduzierung bei Interimskonzepten, Anerkennung des kulturellen Beitrages für die Stadt, Förderung von Kleinveranstaltungen, Ansprechpartner für notleidende Spielstätten, etc. etc. Die Liste wäre lang…

Welches Thema kam bislang zu kurz, in Bezug auf Stuttgarts Clubs und das Nachtleben hier?
Freie Open-Air-Flächen, Ausbau des öffentlichen Nachtverkehrs, szenebezogene Förderungskonzepte, Studie zur Nachtökonomie, auch hier wieder lange Liste…

Was konntet ihr mit dem Positionspapier schon erreichen, was wollt ihr noch angehen?
Der Nachtbürgermeister wurde von allen Parteien schon angenommen und muss jetzt von uns konkretisiert werden, ein Sitz im Ausschuss für Kultur und Medien, Überlegungen zur Auflösung der Sperrfrist und zur Änderung der Vergnügungsstättenverordnung wären die wichtigsten Punkte, aber es gibt noch mehr in Gesprächen.

Ihr habt eine Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl veranstaltet. Warum ist es wichtig, wählen zu gehen?
Weil wir am Sonntag wählen können, ob wir eine bunte oder graue Stadt haben wollen!

Alter: 28

Was machst du so?
Vieles. Hauptberuflich: Filmproduzent, nebenberuflich mache ich mit Robin, Luca, Nico, Basti, Morri und Martin das Label & Kollektiv LOVEiT. Ehrenamtlich bin ich aktiv im Club Kollektiv und mache eine Initative für die Förderung von soziokulturellen Räumen, Sociocultural Playground, mit der Künstlerin Weiny Fitui.

Was ist deine Position beim Club-Kollektiv?
Ich bin im Vorstand für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig – die Stimme nach Außen, eng abgestimmt mit allen. Das finde ich auch wichtig, da wir doch ein hohes Pensum bewältigen und jeder auch seinen eigenen Background mitbringt. Ich mag die Zusammensetzung sehr – seriös bis Freak, alles dabei.

Warum braucht Stuttgart ein Club Kollektiv?
Zunächst brauchen die Betreiber von Cubs und Spielstätten, genauso wie  Veranstalter, eine Institution, die deren Interessen vertritt. Ich als Veranstalter bin deshalb Mitglied im Club Kollektiv.

Wie würdest du die Club-Szene in Stuttgart beschreiben?
Man muss wissen, wo man Spaß haben kann, deshalb muss das Angebot vielfältig sein, da die Geschmäcker verschieden sind. Der Begriff Club trifft auf einige Orte, wo ich gerne Musik höre und ausgehe, nicht zu. Es gibt interessante Orte, wo auch Musik und Kunst konsumiert werden. Für diese Orte sind „Tanzveranstaltungen“ oft ein Problem und es wird gerne in die anrüchige Ecke zu Spielhallen gedrängt. Das ist absurd. Das Problem ist, dass die Auswirkungen der Vergnügungsstättenverordnung jetzt erst erkannt werden. Puffs, Spielhallen und Wettbüros alles in einen Topf mit Bars und Clubs. Diese sind nur im Stadtkern geduldet und heftigen Mieten ausgesetzt. Dabei macht es Sinn, auch andere Stadtteile zu beleben.

Was fehlt dem Nightlife hier?
Spielstätten in unterschiedlicher Größe und Open-Air-Flächen. Ich wünsche mir auch, dass die Oper einen adäquaten Platz findet. Da gibt es einen guten Architektur-Entwurf eines Studenten der Uni Stuttgart. Ein Amphitheater im Kreisel des Österreichischen Platzes. Mehr davon! Einfach auch mal was in dem Bereich machen und wagen und die Angst vor dem Scheitern hintenanstellen. Scheitern ist nicht schlimm. Bin schon öfter gescheitert in meinem Leben, habe aus jeder Erfahrung etwas gelernt.

Was wünschst du dir für die Club-Szene im Kessel?
Einen guten Zusammenhalt der Produzenten im Nachtleben und vor allem viel Austausch mit den Interessierten. Wir veröffentlichen alle Termine mit anderen Akteuren, wie der Politik.

Was konntet ihr mit dem Positionspapier schon erreichen, was wollt ihr noch angehen?
Unsere Ansichten werden eigentlich von den meisten Fraktionen im Gemeinderat größtenteils geteilt und auch geschätzt. Stadträte müssen nicht nur das Thema Nachleben auf dem Schirm haben, daher ist Austausch wichtig. Außerdem haben (fast) alle in der Stadt das selbe Problem, nämlich Räume zu finden – zum Wohnen, Arbeiten und Leben.

Ihr habt eine Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl veranstaltet. Warum ist es wichtig, wählen zu gehen?
Weil es Sinn macht, sein fast einziges Mittel der politischen Partizipation in einer parlamentarischen Demokratie zu nutzen. Jeder soll wählen, damit möglichst die ganze Gesellschaft abgebildet wird und verschieden Meinungen Gehör finden. Als Bevölkerung sehe ich übrigens all die Personen, die in einem Land, zum Beispiel Deutschland, leben. Ich finde jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, ein Teil der Gesellschaft zu werden. Wenn ich durch eine Stadt gehe, freue ich mich auf neue Einflüsse aus anderen Kulturen, weil ich allgemein interessiert bin. Aber gut, ich liebe auch Musik aus der ganzen Welt – warum einschränken?

Juliane Blanck

Alter: 29

Was machst du so?
Ich arbeite bei take Stuttgart, einem „Safer Party“-Angebot von Release Stuttgart e.V. und bin bis vor kurzem mit unserem Verein Panopticum e.V. auch gastronomisch in der Pano.Bar tätig gewesen. Jetzt steht der Sommer an und bei beidem dreht sich viel um Open-Airs und Festivals.

Was ist deine Position beim Club Kollektiv?
Ich bin die Kassenwartin. Durch meine jahrelange Erfahrung im Nachtleben und die Arbeit bei take ist mir das Thema „Safer Nightlife“ ein Anliegen und die Weiterentwicklung der Situation für Sub- und Kulturschaffende sowie Gastronome wichtig.

Warum braucht Stuttgart ein Club Kollektiv?
Weil es sonst keines hat. Eine Lobby für die Nachtökonomie und Kulturbetriebe ist einfach wichtig.

Wie würdest du die Club-Szene in Stuttgart beschreiben?
Geprägt von ihren Bedingungen.

Was fehlt dem Nightlife hier? Was wünschst du dir für die Club-Szene im Kessel?
Es fehlen Flächen und Räume, außerdem mangelt es an „Spielraum“ und Vertrauen, um auch Projekten und Junggastronomen Raum zu geben, damit sie sich (weiter)entwickeln können.

Was konntet ihr mit dem Positionspapier schon erreichen, was wollt ihr noch angehen?
Das Thema „Koordinierungsstelle im Nachtleben“ (Nachtbürgermeister) ist in aller Munde, das freut mich. Außerdem ist die Rede von einem Perspektivenwechsel beim Thema Nachtökonomie, Safer Nightlife und Awareness im Nachtleben als Haltung zu implementieren und das Verständnis für die Stadt nach acht. Wir brauchen mehr Flächen für unsere Mitglieder und zukünftige Clubs und Spielstätten.

Colyn Heinze

Alter: 23

Was machst du so? 
Mein Hauptjob ist bei der Stadtplanung, nebenberuflich arbeite ich bei der Schräglage. Dazu noch einiges an politischem Ehrenamt, nicht nur fürs Nachtleben.

Was ist deine Position beim Club-Kollektiv?
Als Stellvertreter von Rainer im Vorsitz kümmere ich mich vor allem um unsere kommunale Lobbyarbeit. Nach den Wahlen heißt das, die Politik an ihre Versprechen zu erinnern und die Ziele unseres Positionspapiers durchzusetzen.

Warum braucht Stuttgart ein Club Kollektiv?
Weil es an lauten Stimmen für die Anliegen des Nachtlebens mangelt. Die Hochkultur macht vor wie man das richtig und vereint angeht. Wir wollen endlich auch als relevant für eine Großstadt wie Stuttgart angesehen werden. Deshalb setzen wir uns, gerade in den letzten Monaten, so stark dafür ein.

Wie würdest du die Club-Szene in Stuttgart beschreiben?
Für macht die große Bandbreite, von Mainstream bis Off-Kultur, von Hip-Hop bis Techno, die Szene hier aus. Das möchten wir bewahren und weiter ausbauen.

Was fehlt dem Nightlife hier?
Vor allem eine Vision, in welche Richtung und mit welchen Rahmenbedingungen es sich entwickeln soll. Die aktuelle Entwicklung geht beispielsweise eindeutig in Richtung Monokultur und das ist keine Perspektive. Hier muss aktiv gegengesteuert werden.

Was wünschst du dir für die Club-Szene im Kessel?
Mehrere Hotspots. Ich möchte gerne auf ein Open-Air im Westen auf einer bürokratiefrei bespielbaren Fläche gehen, gute Konzert-Locations in den Außenbezirken und gleichzeitig den Club-Besuch in der Innenstadt nicht missen. Die räumliche Verteilung würde dadurch auch Konfliktlagen wie Lärm, Müll oder Gewalt nicht so auf die Stadtmitte zentrieren.

Welches Thema kam bislang zu kurz, in Bezug auf Stuttgarts Clubs und das Nachtleben hier?
Die Stadtpolitik muss endlich erkennen, dass die Unterstützung des Nachtlebens Kultur und Wirtschaft gleichzeitig fördert! Das heißt, die vielfältigen Angebote endlich als Kultur anerkennen, aber auch ihren wirtschaftlichen Stellenwert bemessen. Dafür wünschen wir uns eine Studie, die Umsätze, Arbeitsplätze und andere Faktoren feststellt. Darauf aufbauend kann dann endlich ordentlich über die einzelnen Aspekte gesprochen werden.

Was konntet ihr mit dem Positionspapier schon erreichen, was wollt ihr noch angehen?
Wir haben mit häufigem Austausch und öffentlichen Diskussionen auf jeden Fall schon erreicht, dass über das Thema in der Gesellschaft und Presse endlich gesprochen wird. So wird der Nachtbürgermeister kommen und wir bekommen nach den Wahlen einen Sitz im Ausschus für Kultur und Medien. Wir bleiben dran!

Ihr habt eine Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl veranstaltet. Warum ist es wichtig, wählen zu gehen?
Egal, ob kommunal, regional oder für Europa, es stehen entscheidende Jahre an. Wer sich dieses Jahr nicht beteiligt, darf sich in fünf Jahren auch nicht über den Status Quo beschweren. Außerdem sind gerade wir jungen Menschen nicht aktiv genug bei Wahlen, obwohl es um unsere Zukunft geht, einfach absurd. Deshalb auf jeden Fall das Kreuzchen demokratisch setzen, Auswahl gibt es genug.

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