Darum kommen diese Studis aus aller Welt nach Stuttgart

Tausende Kilometer weg von daheim für einen Studienplatz? Drei Studierende haben es gewagt und erzählen von Schwierigkeiten und Glücksmomenten in der neuen Heimat Stuttgart.

Stuttgart – Nach dem Abitur das Nest zu verlassen und zum Studieren in eine andere Stadt zu ziehen erfordert Mumm. Aber was, wenn der Wunschort sogar in einem ganz anderen Land und mehrere Flugstunden entfernt liegt? Drei Studierende aus Georgien, Ägypten und Bulgarien haben uns erzählt warum sie fürs Studium nach Stuttgart und Umgebung gekommen sind, welche Herausforderungen es gab und wo sie sich mittlerweile zuhause fühlen.

Zura Bagalishvili aus Batumi, Georgien

22 Jahre alt, studiert Technische BWL Automobilindustrie an der HS Esslingen

Vor zehn Jahren hat mein Vater in Deutschland gearbeitet. Mit den Jahren haben sich er und sein Chef angefreundet und der meinte zu ihm: „Schick deinen Sohn doch nach Deutschland zum Studieren“. Der Impuls kam also von ihm. Am Anfang konnte ich mir noch gar nicht vorstellen hier zu leben, jetzt bin ich seit 4,5 Jahren da.

Her kam ich als Au-Pair, danach habe ich ein FSJ in Herrenberg gemacht. Dort habe ich von meinem jetzigen Studiengang erfahren und wollte das auch machen. Vorher musste ich allerdings noch ein halbes Jahr Sprachkurs machen und das Abitur nachholen. Weil Georgien nicht in der EU ist, wird mein georgisches Abi hier nämlich nicht anerkannt.

Am Anfang war‘s richtig schwer. Jemand hat mir etwas erklärt, aber ich habe das nicht gecheckt. Ich musste dann aber sagen, ich hab’s verstanden, weil er es schon zwei Mal erklärt hat und ich mich nicht mehr getraut habe, noch ein drittes Mal zu fragen. Solche peinlichen Momente hatte ich richtig viele. Mittlerweile bin da sicherer, trotzdem brauche ich immer doppelt so lange um ein Unifach vorzubereiten wie andere.

Die Mentalität in Deutschland ist ganz anders als in Georgien. Bei uns gibt es das zum Beispiel nicht, dass man einen Termin vereinbart, bevor man einen Freund besucht. Man ruft einfach an, wenn man auf dem Weg ist. Dafür ist man in Georgien aber auch immer unter der Lupe. In Stuttgart juckt keinen, was du machst, was du anhast. Das finde ich gut. In Sachen Wirtschaft ist es auch echt nicht vergleichbar. Hier ist die Lebensqualität viel höher. Die Arbeitsbedingungen sind richtig gut, das merke ich auch in meinem Werkstudentenjob.

Was ich auf jeden Fall weiß, ist, dass ich in Georgien sterben will. Ich kann aber sagen, dass ich hier integriert bin, ich verstehe die Kultur und die Verhaltensmuster und habe Freunde kennengelernt, die mir für immer bleiben werden. Als ich das letzte Mal in Georgien war, habe ich diese Disziplin von hier sogar vermisst. In beiden Ländern fühle ich mich wohl, also ist irgendwie beides mein Zuhause.

Laila Abdallah aus Kairo, Ägypten

22 Jahre alt, studiert Crossmedia-Redaktion an der HdM Stuttgart

In Kairo war ich auf einer deutschen Auslandsschule und habe dort auch Abitur gemacht. Da war es einfach sinnvoll, fürs Studium nach Deutschland zu ziehen und Stuttgart kannte ich schon sehr gut, weil ich damals hier auf Austausch war.

Am Anfang war’s auf jeden Fall eine Herausforderung. In Deutschland muss man viel selbstständiger sein, auch wenn man es finanziell gut hat. In Ägypten gibt es so eine Art Dienstschicht. Das heißt, wenn du ein bisschen mehr Geld hast, kannst du einen Fahrer haben, eine Putzfrau, Leute, die deine Einkäufe nachhause bringen und so weiter. Ich habe nie dran gedacht, wie absurd das eigentlich alles ist, bis ich hierher gekommen bin.

Die Partyszene war für mich der größte Kulturschock. Alkohol ist hier ja ein riesen Teil vom Studentenleben. Ich habe am Anfang gar nicht getrunken, deshalb habe mich etwas ausgeschlossen gefühlt. Nach unserer Erstsemester-Party bin ich für zwei Monate erst mal auf keine Partys mehr gegangen.

Ich versuche mittlerweile, meiner Familie gegenüber meine Meinung offener zu vertreten, damit sie kapieren, dass ich jetzt ein bisschen westlicher orientiert bin. Zum Beispiel was das Thema Homosexualität angeht, das ist bei uns noch ein Tabu. Oder, dass ich jetzt ein Tattoo habe – ein No-Go in unserer Religion und Kultur. Heimweh habe ich aber natürlich trotzdem manchmal. Gerade war ja Ramadan-Zeit. Das ist bei uns wie Weihnachten hier. Wenn ich hier faste, dann ist es komisch und eine Sache, die nicht alle immer verstehen.

Wenn ich mal eine Familie haben sollte, würde ich das gerne in Ägypten machen, weil es meine Kindheit war und vieles von der Kultur sehr schön ist. Aber ich weiß, dass ich hier in Sachen Karriere bessere Chancen habe. Bei uns ist es so korrupt, vieles läuft schief, besonders im Journalismus. Wenn du so zwischen zwei Ländern bist, hast du auch ein bisschen eine Identitätskrise. Aber ich glaube, dass Zuhause ein Gefühl ist und nicht an einem Ort verankert.

Luiza Samarova aus Razlog, Bulgarien

23 Jahre alt, studiert Public Relations an der HdM Stuttgart

Ich finde, dass Bulgarien im Bereich Kommunikation an den Unis nicht so weit ist. Also war für mich klar, dass ich ins Ausland wollte. Zufällig habe ich dann die Hochschule der Medien mit dem Studiengang „Public Relations“ entdeckt – genau was ich machen wollte.

Ich habe dann Deutschunterricht genommen und Sommerkurse angefangen. Meine erste Sprachlehrerin meinte damals zu mir: „Luiza, dein Deutsch ist so schlecht, du kriegst das nicht hin“. Das war auch der Fall, für mich gab es keinen Unterschied zwischen „Tisch“ und „Tasche“. Ich bin nie wieder zu dieser Lehrerin gegangen, habe mir eine andere gesucht, es durchgezogen und hab‘s in 1,5 Jahren hingekriegt, Deutsch zu lernen.

Als ich dann herkam war ich sehr aufgeregt und habe mich riesig gefreut. Das war mein Traum und ich habe hart dafür gekämpft. Aber es hat nicht angefangen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es gab kein Verständnis von den Kommilitonen und auch kein Interesse. „Woher kommst du eigentlich, was machst du hier?“, das hat niemand gefragt.

Auf dem Sprachzertifikat steht zwar C1 aber hier ist das was komplett anderes. Du musst aufpassen, wie du die Leute genau ansprichst. Hat sich das jetzt gemein angehört? War ich höflich genug? Auf meiner Sprache hören sich manche Sachen gar nicht gemein an, aber wenn ich‘s dann auf Deutsch sage und nicht „bitte“ oder „danke“ sage wie eine Beleidigung. Und das Schwäbische hat mir auch sehr schnell ins Gesicht geschlagen.

Nach dem Bachelor will ich einen Master machen, vielleicht an der Uni Hohenheim. Stuttgart bleibt definitiv meine Stadt. Diese Mischung von großen Parks, Industrie und Entertainment ist genau, was ich brauche. Danach will ich hier ein bisschen Erfahrung sammeln. Wenn ich mich entwickelt genug fühle, will ich aber schon nach Bulgarien zurückkehren. Gerade fühlt es sich so an, als ob ich zwei Leben habe. Mein Leben in Bulgarien und mein Leben in Stuttgart.

(Fotos: Sabrina Höbel)

Hier kommen die Studierenden her:

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