Danny (Ma Fanny): „Drag ist nicht bequem!“

Regenbogen-Fahnen, Pride-Parolen und eine wichtige Message: Liebe, wen du willst. Auf der diesjährigen CSD-Polit-Parade herrschte wieder buntes Treiben. Mittendrin statt nur dabei: Dragqueen Danny Ma Fanny. Sie ist das Alter Ego von Hairstylist Danny Dombrowski aus Stuttgart-Ost. Wir haben den 25-Jährigen bei seiner Verwandlung begleitet.

Stuttgart – Es ist Samstagvormittag – spätestens um 11 Uhr, hatte mir Danny noch am Vorabend geschrieben, wolle er mit dem Styling beginnen. Drei Stunden müsse man dafür schon einplanen. Tja, nur leider bin ich wie immer etwas spät dran – natürlich unabsichtlich –, also muss es bei meiner Ankunft schnell gehen, wir machen das Vorher-Foto und nehmen mit einer Tasse Kaffee am Tisch Platz. Dort liegt alles fein säuberlich sortiert – Make-up, Pinsel und Tuben – und ein Spiegel, der super fancy, iPad-like leuchtend daherkommt. Danny legt routiniert los, greift als erstes zu einem Klebestift (ja, ihr habt richtig gelesen), um sich die Augenbrauen abzukleben. Ich gucke ihn fragend an. Es sei der billigste, aber auch der beste Kleber, meint er wie selbstverständlich. Aha. „Er wird schon wissen was er tut“, denke ich mir.

Drag: Die Verwandlung in eine andere Person

Während sich Danny also seinen Augenbrauen widmet, fängt er an, von seiner Kindheit und Jugend zu erzählen. Ursprünglich sei er aus Leipzig, aber mit elf Jahren nach Aalen gezogen und auf der „wunderschönen, schwäbischen Ost-Alb“ aufgewachsen. Die Schulzeit hat der 25-Jährige als nicht ganz so prickelnd in Erinnerung. „Aber wer hat das schon?“, frage ich mich.

 Ich war eben schon immer ein sehr femininer Junge, wurde deshalb nicht gemobbt, aber habe halt auch nicht zu den Coolen gehört.

Während dieser Zeit hat Danny nie offen über seine Sexualität gesprochen, obwohl er sich bereits mit 17 Jahren geoutet hatte. „Ich wollte nicht, dass es dann komisch wird.“ Im Endeffekt habe es sich eh jeder gedacht, sagt er schulterzuckend. Wir lachen. Die treibenden House-Beats im Hintergrund bringen unser Gespräch in Fahrt. „Bei meiner Friseurausbildung war das dann alles kein Problem mehr“, betont der Hairstylist und beginnt, sich rhythmisch zur Musik abzupudern.

„Und wie war das Outing für deine Family?“, frage ich. Anfangs nicht so dolle, aber später seien alle voll okay damit gewesen. „Mein Zwillingsbruder hat sich dann vier Jahre später geoutet.“ Seitdem hätte man auch wieder eine stärkere Verbindung. Apropos Zwillingsbruder. Punkt 12 – nein, nicht die Sendung – Danny ist mittlerweile schon beim Contouring (on fleek) angekommen, klingelt es und Tommy steht mit seinem Freund Jonas vor der Tür. Mit im Gepäck hat er das CSD-Outfit für seinen Twin. Und aus mir platzt es heraus: „Er sieht aus, wie du vorher ausgesehen hast.“ Irre. Anderes Thema.

Wir plaudern munter weiter. Die beiden verbinde keine übernatürliche Zwillingsbeziehung, trotzdem sei man sehr close, erklärt Danny. Und wir stellen fest, dass die beiden sich jetzt auch perfekt ergänzen – so als Dragqueen und Fashion-Designer. „Aufgrund meiner Drag-Geschichte war Tommys Bachelor-Thema dann auch Drag“, so Danny. Wie passend, freue ich mich für die Brüder.

Während sich der leidenschaftliche Friseur immer mehr in Danny Ma Fanny verwandelt, schwärmt er von Stuttgart, wir bestellen eine Pizza, ich trinke mittlerweile meinen zweiten Kaffee. Wir sind uns einig, dass unser Städtle einiges zu bieten hat und Berlin doch völlig überbewertet sei. „Ich bin voll der Stuttgart-Fan“, betont Danny und zieht seine Fake-Augenbraue schwungvoll nach oben.

Aber wie fing das denn jetzt mit dem Drag-Ding an? Ganz bewusst erst im letzten Jahr, erinnert sich der Friseur. Inspiriert habe Danny dabei ganz besonders die Sendung „RuPaul’s Drag Race“.

An Drag gefällt mir das Kreative, du spielst mit dem Geschlecht, verwandelst dich in eine andere Person – das hat mich so gereizt, dass ich es unbedingt auch mal machen wollte.

Im Drogeriemarkt deckte sich Danny zu Beginn mit allerlei (billigem) Schminkzeug ein – mit dem Gedanken: „Wer weiß, ob ich das in zwei Wochen noch machen will.“ Nach und nach kam immer mehr hochwertiges Make-up dazu. Drag sei schon ein teurer Spaß, stellt der Friseur fest. „Ich will nicht wissen, wie viel Geld ich mittlerweile für Schminke, Perücken und hohe Hacken ausgegeben habe. Aber ich hatte vorher nie ein Hobby, also ist das jetzt auch voll in Ordnung“, sagt er lachend.

Mich fasziniert die Schminktechnik. Theaterschminke kommt mit ins Spiel. Wir tauschen uns aus als wären wir auf einer Kosmetikmesse und die 25-jährige Dragqueen erinnert sich an ihre Anfänge. Es sei eine schöne, aber auch anstrengende Zeit gewesen. „Ich bin sehr perfektionistisch.“ Nach allerlei „Ausprobiererei“ ist Danny mittlerweile zu 90 Prozent zufrieden mit dem, was er make-up-mäßig aus sich herausholt.

Du wirst immer sehen, dass die Augenbrauen abgeklebt sind, weil sie nunmal auch abgeklebt sind. Und es ist wichtig, sich damit abzufinden. Man sieht eben – gerade bei Tageslicht – aus wie ein Clown, jeder sieht, dass du Tonnen von Schminke im Gesicht hast, aber das ist okay, weil du eine Dragqueen bist.

Und es sei schon auch ein sehr zeitaufwendiges Hobby. Danny versucht jede Woche einen Drag-Look bei Instagram hochzuladen. Er habe schon ein bisschen Bock auf Instafame, gibt er zu. „Ich hätte aber auch nichts dagegen, Veranstaltungen zu hosten. Ich bin da super offen.“

Mehr Raum für feminine Männer

Für Danny ist Drag eine Art sich auszudrücken, zu provozieren – nicht massentauglich und auch nicht gesellschaftskonform. „Natürlich lehnt man sich damit auch bewusst gegen Gender-Regeln auf. Mir ist wichtig, zu zeigen, dass Femininität bei Männern keine Schwäche, sondern eine Stärke ist.“

Hairstylist Danny Dombrowski und sein Drag-Alter-Ego Danny Ma Fanny

Toxische Maskulinität vergiftet unsere Gesellschaft, weil sie uns vorschreibt, wie Männer sein müssen. Dabei kann ich auch als Mann in Frauenkleidern stark sein, die Masc-for-Masc-Society ist Blödsinn, man muss mehr Raum schaffen für feminine Männer.

Drag ist eben nicht bequem – gesellschaftlich, aber auch ins Sachen Styling.

Du trägst lange Wimpern, Perücke, hast lange Fingernägel, schnürst dir die Taille ab und die Genitalien sonst wo hin – du versuchst auszusehen wie eine Göttin, trägst aber einen richtig unbequemen Look mit viel zu hohen Schuhen.

Drag ist nicht bequem, aber …

Und was macht die Verwandlung mit Danny, macht sie überhaupt was? „Ich werde impulsiver, vorlauter, selbstbewusster. Es verändert meine Persönlichkeit, aber nicht zu 100 Prozent“, beschriebt der Kreativkopf seine Gefühlswelt. „Im Endeffekt präsentiere ich eine andere Seite von mir, bin aber niemand anderes. Klar, meine Drag-Persona ist anders, mein Ziel ist es schon, ein bisschen selbstbewusster und femininer zu sein.“

Danny Ma Fanny sei ein sehr femininer, starker, modischer Charakter, der versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Das ist mir als Junge nicht ganz so wichtig.“ Ist Danny Ma Fanny tougher als Danny? „Ja, weil man sich unter der ganzen Schminke und Maskerade verstecken kann und dadurch viel edgier, extrovertierter und vorlauter wird.“

Danny ist fertig gestylt. In seinem – wie könnte es auch anders sein – begehbaren Kleiderschrank zieht er sich um, am Tisch hilft Bruder Tommy noch beim Fingernägel aufkleben, es wird hektisch. Viel gesprochen wird jetzt nicht mehr, Konzentration ist gefragt, für ein paar Nachher-Bilder reicht die Zeit gerade noch und dann flitzen wir auch schon in Richtung Stadt. Und während wir so im Auto sitzen, denke ich nur: „Drag ist vielleicht nicht bequem, aber so verdammt cool.“

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