Corona: Wie Stuttgarts Club-Szene mit der Krise umgeht

Livestreams, Zwischennutzung, Mietkostenzuschuss: Die Club-Szene im Kessel hat an der Corona-Krise besonders zu knabbern, ist aber im Umgang damit kreativer denn je. Trotzdem: Wann die Nightlife-Spots wiedereröffnen, steht in den Sternen. Wie es weitergeht, ist unklar. Wir haben uns mal in der Szene und beim Club Kollektiv umgehört.

Stuttgart – Die Ungewissheit in Zeiten wie diesen ist wohl für alle da draußen das Schlimmste. Genauso wie die lokalen Shops, die nun versuchen, langsam wieder zurück zur Normalität zu finden, bangen Restaurants und Clubs der Stadt um ihre Existenz. Wann und wie sie wiederöffnen bleibt unklar, Corona und die damit verbundene Krise trifft alle hart. Und trotzdem ist da ein Kampfgeist und so viel Solidarität wie selten zu spüren. Livestreams, Spenden und Aktionen zeigen: Hey, wir sind noch da! Wir geben nicht auf! Wir kämpfen! Wahnsinn. Und auch das Club Kollektiv leistet mal wieder Support und Vermittlungsarbeit an vorderster Front, wird nicht müde zu betonen: Clubs haben eine Daseinsberechtigung und auch für sie muss eine Lösung in Form von finanzieller Unterstützung gefunden werden – nicht nur von Bund und Ländern, sondern auch von der Stadt.

Die Idee einer Zwischennutzung steht im Raum

Ja, die Lage ist ernst. Auch wenn Livestreams versuchen, ein kleines bisschen Normalität zu vermitteln, sind sie noch lange nicht die Lösung aller Probleme – vor allem aus finanzieller Sicht. Spenden durch verkaufte Shirts oder auch direkt auf den Seiten der Streams tun erstmal gut und motivieren – vor allem auch als mentale Stütze in dieser schwierigen Zeit – „aber da muss definitiv noch mehr kommen“, betont Colyn Heinze vom Club Kollektiv. „Wir brauchen direkte Hilfen, weil es gerade noch keinen absehbaren Zeitpunkt gibt, an dem die Clubs wiedereröffnen können.“ Alles sei noch unsicher.

Warum ist das so wichtig? Damit es nach diesem ganzen Schlamassel noch ein vitales, aktives, kulturelles Leben in der Stadt gibt!

Zusätzlich zur Veranstaltungsförderung vom Popbüro Baden-Württemberg fordert das Club Kollektiv deshalb einen „Fond Mietzuschuss Nachtkultur“, um die Fixkosten der Clubs zu decken, die sie momentan am meisten unter Druck setzen. Außerdem würde man die Erweiterung der Außengastronomien begrüßen und bringe sich liebend gern auch selbst ein. Vorschläge sind unter anderem Slow-Openings. Was heißt das konkret? „Dass man den Betrieb quasi langsam wieder hochfährt“, so Colyn. Außerdem wird es einen Katalog geben, aus dem sich die Clubbetreiber die wichtigsten Facts zu den Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen ziehen können, sprich Masken, Schutzvorrichtungen, das Einhalten von Abstandsreglen usw.

Auch die Idee der Zwischennutzung steht im Raum. Die leerstehenden Clubs bieten Flächen, die nach wie vor begehrt sind. Warum diese also nicht anderweitig nutzen?!

Die große Frage: Wie geht es für die Club-Szene weiter?

Klappt das mit der Soforthilfe? Welche bürokratischen Hürden müssen genommen werden? Wie geht es jetzt weiter? Die Stimmung der Clubbetreiber und Veranstalter im Kessel wechselt von Tag zu Tag. Mal sei man optimistischer, mal weniger postiv gestimmt. „Eine sehr schwierige Situation für alle“, betont Colyn. Aber das Schöne sei nichtsdestotrotz, dass es nun weniger Kleinkrieg und mehr Zusammenhalt in der Szene gibt, man werde (gemeinsam) kreativ und versuche, neue Lösungen zu finden.

Apropos, kreative Lösungen. Livestreams haben sich mittlerweile etabliert – ob über den Dächern der Stadt oder eben aus den leerstehenden Clubs im Kessel. Alles Wissenwerte über „United we stream“ lest ihr hier >>>

Hier nun noch ein paar Stimmen aus dem Stuttgarter Nachtleben:

Florian Buntfuss, Climax-Club-Manager:

„Uns geht es den Umständen entsprechend gut! Wir beobachten alles ganz aufmerksam und verlagern unsere Einnahmen auf Online-Kanäle, zum Glück sind wir gut aufgestellt und haben einen tollen Vermieter. Fazit: Wir wollen stärker rauskommen, als wir reingegangen sind – das ist unser momentanes Motto! Die Livestreams aus dem Climax gehen weiter und werden teilweise auch ausgebaut.“

Tobias Rückle, Veranstalter und Labelbetreiber von LOVEiT:

„Als Veranstalter von Open-Air- und Club-Veranstaltungen im Bereich House und Techno sind wir als LOVEiT GbR zur Zeit zum Nichtstun verdammt. Alle Projekte sind auf 2021 verschoben. Da wir keine Angestellten haben, sind wir nicht in Kurzarbeit, da wir eine Personengesellschaft sind. Die Soforthilfen haben wir ebenso nicht in Anspruch genommen, da unsere LOVEiT-Tätigkeit weniger als ein Drittel unseres sonstigen Einkommens ausmacht. Aus diesem Grund war es uns zu heikel, dafür eine eidesstattliche Versicherung abzugeben. Außerdem benötigen es andere Institutionen zur Existenzsicherung, wir nicht. Unser gleichnamiges Plattenlabel bringt jedoch im Mai/Juni den sechsten Release an den Start. Hier fehlen uns leider die Umsätze aus den Veranstaltungsprojekten. Daher versuchen wir das Label mit den Umsätzen aus dem Plattenvertrieb voll zu finanzieren.“

Hier könnt ihr LOVEiT unterstützen >>>

Martin Labacher, Projektmanager bei 0711 Entertainment // head of booking & marketing bei der Schräglage:

„Mir als Angestellter einer Agentur geht es im Vergleich zu vielen Selbstständigen und Gastronomen auf jeden Fall ganz gut. Nach ein paar Tagen hat man sich an Homeoffice, Kurzarbeit, tägliche Videokonferenzen und so weiter gewöhnt. Leider hat man sich auch schnell an das unübersichtliche Angebot mehr oder weniger guter Livestreams gewöhnt, weswegen wir mit der Schräglage beim Kollektiv United We Stream Stuttgart dabei sind. Dort werden die Kräfte auf einem Kanal gebündelt und täglich ein buntes, qualitativ-hochwertiges Programm gesendet. Ob die Spenden wirklich ganze Unternehmen am Leben erhalten können, sei mal dahingestellt, aber so können wir als Musik-/Unterhaltungsbranche wenigstens für ein bisschen Abwechslung in dieser Zeit sorgen.“

Die Schräglage und viele befreundete Gastronomien kann man hier supporten >>>

Und Team Souvenirs freut sich natürlich auch über Bestellungen >>>

Armen Shala, einer von drei Geschäftsführern der Schräglage GmbH:

„Puh…wie alle kämpfen auch wir an allen Fronten. Neben der Tatsache, dass wir nicht wissen wie und wann es weitergeht, was uns am meisten den Kopf zerbricht, vermissen wir unseren Club und vor allem unser Team abartig. Am Ende hoffen wir natürlich dass dieser Albtraum so schnell wie möglich aufhört und wir uns alle bald in der Hirschstrasse 14 sehen! Wir sind guter Dinge, dass es irgendwann soweit sein wird, zumal wir ein wirklich starkes Team an der Front haben und gute Partner, die uns supporten. Die Stimmung bleibt also eher positiv gestimmt, wobei man immer mehr bangt, weil sich alles nach hinten zieht und bislang für Clubs wenig Hilfen seitens der Politik zugesagt werden. Wir versuchen weiterhin das Beste daraus zu machen und hoffen, dass wir alle das Ganze gut überstehen. Unterstützten kann man uns und auch alle anderen, indem man sich an die Regeln hält und möglichst daheim bleibt. Nur so haben wir eine Chance, bald wieder zur Normalität zurückzukehren. Wenn es soweit ist, würden wir uns freuen unser Team und unsere Gäste gesund und munter wiederzusehen.“

Christopher Warstat, Mit-Betreiber Freund & Kupferstecher:

„Natürlich trifft uns Corona wie viele andere Clubs in Deutschland und auf der Welt mit voller Wucht. Wie es weitergeht? Wir wissen es nicht. Ob es weitergeht? Wir wissen es nicht. Vielen aus unserem Team bricht von heute auf morgen der Job weg, das Trinkgeld fehlt, die Miete muss trotzdem bezahlt werden. Together in distance – der Satz, der für uns das aktuelle Geschehen in Stuttgart, Deutschland, Europa und auf der Welt in nur drei Worten ziemlich gut beschreibt. Ein Satz, der in dieser ungewissen und bedrückenden Situation auch die guten Dinge zeigt, die aktuell auf der Welt passieren. Menschen nehmen wieder mehr Rücksicht aufeinander, Nachbarschaftshilfen wurden gestartet, kostenlose Pizzen an Ärzte und Pfleger verteilt. Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, ohne sich dabei nahe kommen zu dürfen. Es hat auch gute Seiten, dieses Corona. Supporten könnt ihr das Kupfi, indem ihr ein von Künstler Robin Treier gestaltetes Shirt kauft, auf der Haut und somit auf eurem Herzen tragt – und uns dabei helft, die nächsten Wochen zu überstehen. 5 Euro pro Shirt gehen als Trinkgeld direkt an unser wundervolles Team, das die letzten fünfeinhalb Jahre das Freund & Kupferstecher getragen und zu dem gemacht hat, was es für uns ist: unser Zuhause.“

Bestellen & supporten könnt ihr direkt hier >>>

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