Corona stoppt Weltreise: Gestrandet in Kolumbien

Die Stuttgarterin Nadine Speer hat sich im Dezember aufgemacht, um als digitaler Nomade die Welt zu erkunden. Nach Peru, der Karibik und Ecuador kam Corona – seither befindet sie sich mit einer bunten Truppe in einem kleinen Dorf im Norden Kolumbiens in Quarantäne. Hier erzählt sie wie es ihr ergeht und weshalb sie die Entscheidung dort zu bleiben, nicht bereut.

Stuttgart – Kurz nach meinem 30. Geburtstag ging es los auf meine erste Weltreise. MEINE WELTREISE – das klingt wie Musik in meinen Ohren. Job gekündigt, um als digitaler Nomade die Welt zu erkunden. Freiheit. Reisen. Mein Leben neu kreieren. Dort sein, wo ich gerade sein möchte und weiterziehen, wenn es mich juckt. Im Dezember 2019 bin ich in Peru gestartet und habe seitdem auch die Karibik und Ecuador erkundet. Mit dem Flug von Quito (Ecuador) nach Bogota (Kolumbien) hat sich jedoch einiges geändert.

Quarantäne in Kolumbien

Da war dieses Virus, von dem ich bis dato nur entfernt mitbekommen hatte – ein fast surreales Thema, das in Asien und Europa herumging, jedoch kaum in Kolumbien. Dachte ich. Dennoch fingen langsam die Gespräche darüber auch hier an, es gab erste Fälle infizierter Personen.

Von Bogota bin ich zunächst weitergezogen in den Norden Kolumbiens, um genau zu sein in die Sierra Nevada in ein Dorf namens Minca. Ein ruhiges Plätzchen, etwas zu touristisch für meinen Geschmack, aber schön zum Wandern und Wasserfälle anschauen. Drei Tage wollte ich hier verbringen. Warum ich dann letztendlich doch noch einmal die Unterkunft gewechselt habe und weitere drei Tage hiergeblieben bin, weiß ich inzwischen schon gar nicht mehr – ich würde behaupten, es war Intuition.

Wo ich jetzt bin? Im Siembra Boutique Hostel in den Bergen oberhalb Mincas und auch ich bin in Quarantäne, wie vermutlich der Rest der Welt. Gestrandet mit neun weiteren Gästen und vier Volontären aus aller Welt, dem Besitzer des Hotels und den Mitarbeitern.

Mit einer Waffe in der Nähe fühle ich mich sicherer. Warte – WAS?

Seit dem 20. März herrscht in Kolumbien vor allem in den Städten Ausgangssperre ab bestimmten Uhrzeiten und vieles ist geschlossen. Und auch in meinem Hostel kam die Ansage: Quarantäne!

Keine neuen Gäste werden aufgenommen bis zum offiziellen Ende der Quarantänezeit, wer das Hotel verlässt, kann dementsprechend auch nicht zurückkommen. Wer bleiben möchte, darf bleiben. Lebensmittel werden weitestgehend angeliefert und desinfiziert, bevor sie ins Hotel dürfen. Zimmerpreise sind auf umgerechnet circa 3,50 Euro gesenkt, Speisen ebenfalls vergünstigt. Auf dem Hotelgelände darf man sich bewegen – was für ein Glück also, dass es einen Teil des Flusses und einem kleinen Wasserfall, zu dem man wandern kann, umfasst.

Wir sind in Kolumbien, also in einem nicht ganz ungefährlichen Land, wo Waffen durchaus zum Einsatz kommen, wenn es an etwas mangelt. Wie beruhigend also zu wissen, dass verschlossen Waffen auch hier vorhanden sind inklusive Personen, die ausgebildet sind, sie zu benutzen. Zugegeben: Der Kopf funktioniert wohl etwas seltsam in Extremsituationen – nach dem ersten Schockmoment, der auf diese Waffen-Info folgte, waren sich alle einig, dass das in diesem Fall ein gewisses Sicherheitsgefühl bringt.

Es hat sich genau die richtige Gruppe gefunden

Insgesamt zehn der Gäste und vier Volontäre haben sich also dafür entschieden, die Quarantänezeit hier zu verbringen – und meiner Meinung nach hat sich genau die richtige Gruppe gefunden. Alle, die hier sind, sollen genau jetzt auch hier sein. So fühlt es sich zumindest an. Warum? Weil wir ein bunter Mix aus Menschen sind, mit Talenten und kreativen Ideen. Wir haben beschlossen, einen Aktivitäten-Wochenplan zu machen: Wer möchte was lernen und wer kann was beibringen.

Ich werde vermutlich selten wieder die Gelegenheit bekommen, tägliche Yoga- und Tanzstunden zu bekommen und meine Fotografie-Skills aufzubessern und als Gegenleistung mit Basis-Englisch-Kursen zu bezahlen. Bei so viel Angebot braucht man fast schon gute Disziplin, um die Arbeit nicht zu vergessen…

Außerdem haben wir angefangen, Gemüse anzupflanzen. Momentan würde der Vorrat an Essen bis zu drei bis vier Monate ausreichen, plus Mangos und Avocados, die vermutlich niemals ausgehen: Wir haben auf dem großen Hotelgelände Mango- und Avocado-Bäume in rauen Mengen und können die Früchte ohne Bedenken ernten.

Warum bin ich in Kolumbien geblieben?

Nicht nur einmal wurde ich – und im Übrigen auch jeder der anderen Hiergebliebenen – nach den Gründen für meine Entscheidung gefragt, deshalb hier kurz zusammengefasst:

  • Ich müsste mindestens drei Flughäfen weltweit durchqueren, um nach Hause zu kommen. Das Risiko, das Virus auf der Heimreise zu bekommen und dann auch andere anzustecken ist viel höher, als wenn ich bleibe, wo ich bin.
  • „Zu Hause“ gibt es momentan nicht, da meine Wohnung untervermietet ist.
  • Arbeiten kann ich von hier aus, das habe ich die Monate davor schon gemacht.
  • Nach Deutschland zurück wollte ich Weihnachten 2020 sowieso nicht
  • In Deutschland erwartet mich nichts anderes als hier, jedoch ist das Wetter hier deutlich besser und ich habe die Möglichkeit Momente mit inspirierenden Personen zu teilen und Neues zu lernen.

Wisst ihr was? Ich fühle mich gut damit. Und das ist unterm Strich momentan das Wichtigste – ich bin glücklich und dankbar. Besser kann ich mein Immunsystem eigentlich nicht stärken, oder?

Außerdem gibt es einen zusätzlichen „Bonus“, den ich persönlich sehr schön finde: Dadurch, dass einige Reisende entschieden haben zu bleiben, können die kolumbianischen Mitarbeiter weiter beschäftigt werden. Das Hotel macht mit den reduzierten Preisen keinen Gewinn, aber die Familien der Mitarbeiter konnten ins Hotel einziehen und helfen ebenfalls wo nötig. Und auch die Mitarbeiter, die zu 100% in Kurzarbeit sind, werden weiter versorgt.

Fakten beiseite: Was ist mein Fazit?

Mal ehrlich: Es hätte mich vermutlich nicht besser erwischen können, was den Ort betrifft. Ich kenne natürlich den Ernst der Lage und den Zustand der medizinischen Versorgung in Kolumbien. Dennoch ist das Risiko, das Virus hier im Hotel zu bekommen eher gering und dazu ist es ein kleines Paradies.

Worüber habe ich momentan die Kontrolle verloren?

Ich kann keine Einkäufe erledigen oder selbst kochen, das heißt ich kann nicht essen wie und wann ich will. Das stört mich tatsächlich ein bisschen, stellt aber kein größeres Problem dar, weil das Essen, das hier gekocht wird, frisch und weitestgehend gesund ist.

Ich kann nur eingeschränkt entscheiden, mit wem ich Zeit verbringe, da wir natürlich nur wenige Personen sind und man sich immer begegnet. Aber ich habe das Glück, einen wunderbaren Haufen gefunden zu haben. Schon immer haben Menschen, die ich auf Reisen kennen gelernt habe, eine größere Rolle gespielt, als Sehenswürdigkeiten abzuklappern.

Ich kann mich nicht frei bewegen, was der ursprüngliche Gedanke der Reise war und weiß dementsprechend auch nicht, wann ich weiter oder zurück nach Deutschland kann. Zukunftsbedenken in dieser Hinsicht? Natürlich – dennoch ist die Entscheidung getroffen und wenn ich eines auf Reisen gelernt habe, ist es, auf mein Bauchgefühl zu hören. Bisher hat es mich nicht enttäuscht.

Worüber kann ich immer noch selbst bestimmen?

Über meine tägliche Routine beispielsweise. Über Dinge, die ich schon immer lernen wollte und oft Zeitmangel oder ähnliches vorgeschoben habe. Über die Intensität der Gespräche, die ich hier führen kann oder auch nicht. Darüber, wie viele Cocktails ich am Tag trinken möchte. Und vor allem anderen: Über mein eigenes Mindset, meine Einstellung, ganz einfach Selbstreflektion. Dass ich hier momentan in einer Blase lebe, in der ich kaum realistisch mitbekomme, was im Rest der Welt los ist, ist mir durchaus sehr bewusst. Trotzdem war die Entscheidung hier zu bleiben vermutlich eine der Besten, die ich getroffen habe. Und wie unser Yoga- und Tanzlehrer vor kurzem gesagt hat: Ich habe eine Familie und ein Zuhause gefunden weit weg von meinem Zuhause.

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