Corona-Krise: Was tun mit der Angst?

Existenzängste, Angst zu erkranken, Angst vor Einsamkeit – unsere gewohnte Welt ist seit einigen Wochen aufgrund der grassierenden Pandemie völlig auf den Kopf gestellt. Wir arbeiten nicht mehr normal, dürfen niemanden treffen, wissen nicht, ob und wie schlimm wir erkranken und vor allem, wann das alles wieder vorbei ist. Diese große Unsicherheit macht vielen Menschen Angst. Wie geht man damit um?

Stuttgart – Jeden Tag Homeoffice, im Schlafanzug daheim rumlümmeln, kein Freizeitstress mehr. Endlich mal so richtig entschleunigen. Für manche Menschen scheint die derzeit grassierende Pandemie ein riesengroßes Wellnessprogramm zu sein. Endlich einmal nichts tun müssen, außer daheim zu sitzen. Vor allem introvertiertere Menschen kommen tatsächlich besser durch den derzeitigen Shutdown – weil sie die reizärmere Zeit genießen können. Manche hoffen gar insgeheim, dass es nun für immer Homeoffice gibt.

Angst in Zeiten von Corona

Doch für ganz viele andere Menschen ist die Corona-Krise ein Alptraum: Kontaktsperre, Quarantäne, Angst vor Einsamkeit und dem Verlust der Existenzgrundlage. Das Coronavirus bedroht nicht nur unsere körperliche Gesundheit.

Unser Alltag derzeit ist geprägt von Horrornachrichten. Täglich beschäftigen wir uns mit Neuinfektions- und Todeszahlen, Geschichten von schlimmen Erkrankungen, Verordnungen, die wir einhalten müssen, die aber unsere gewohnte Freiheit einschränken und niemand von uns weiß derzeit, wann das alles wieder endet. Das alles einzuordnen, fällt uns schwer. Wie auch? Selbst die besten Virologen, Epidemiologen, Politiker oder Ökonomen wissen gerade nicht, was passieren wird.
So viele Unwägbarkeiten im Leben sind wir in den westlichen Industriestaaten nicht gewohnt. Unser Leben war geregelt, sicher, behütet. Und jetzt scheint das alles auseinanderzubrechen. Die Unsicherheit ist es, was vielen am meisten Angst macht.
Und diese Angst ist normal. Wir erleben den maximalen Kontrollverlust. Das stecken tatsächlich auch ganz Hartgesottene nicht einfach weg.

Niemand ist eine Insel. Schon gar nicht auf Dauer.

Viele Psychologen und Psychiater warnen seit Beginn der Krise, vor einer Zunahme an Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen aufgrund der derzeitigen Ausnahmesituation. Auch weil die meisten Menschen eben mit Isolation und Einsamkeit nur sehr schwer umgehen können. Daran ist im Übrigen auch nichts Falsches. Die meisten sind gerne in Gesellschaft – wir brauchen tatsächlich den sozialen Rückhalt von anderen. Niemand ist eben eine Insel. Schon gar nicht auf Dauer. Zumal wir in der Isolation mit allzu realen Ängsten kämpfen – gegen solche normalerweise die Unterstützung von anderen Menschen hilft.

Werde ich krank? Wird jemand aus meiner Familie krank? Wann kann ich meine Freunde und meine Familie wieder treffen, ja auch umarmen? Verliere ich meinen Job?

Man entkommt der Angst nicht, indem man vor ihr flieht

Singles, die alleine leben, haben Angst vor Einsamkeit und völliger Isolation. Mütter, die berufstätig sind, haben Angst vor totaler Überforderung, weil sie im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder betreuen müssen. Ärzte und Krankenschwestern haben Angst, selbst zu erkranken oder irgendwann unter der Last zusammen zu brechen.

Künstlern, Gastronomen, Veranstaltungstechnikern bricht durch die Einschränkungen ihre berufliche Existenz von heute auf morgen weg. Das bereitet vielen nicht nur schlaflose Nächte. Keiner von ihnen weiß derzeit, ob er die Zeit des Lockdowns überlebt und danach jemals wieder aufmachen kann.

Wer häufiger mit Ängsten, auch irrationalen, zu kämpfen hat, der weiß: Man entkommt der Angst nicht, in dem man vor ihr flieht. Man entkommt der Angst auch nicht, in dem man sie bekämpft. Man entkommt der Angst auch nicht, wenn man „achtsam“ ist, manchmal wird sie dadurch sogar noch schlimmer. Weil man sie ständig beobachtet, ihr Aufmerksamkeit schenkt. Das ist aber das, was Angst am liebsten mag: Aufmerksamkeit. Leider entkommt man Angst auch nicht, in dem man sie komplett verdrängt.

Weniger tun und sich Ruhe gönnen

Was macht man nun dann mit der Angst? Vor allem, wenn sie so real ist für viele, wie derzeit? Natürlich hilft viel Bewegung, Sport und Meditation, um inneren Stress zu lindern. Doch oft reicht das nicht.

Helfen Tipps, wie man solle die Krise „sinnvoll nutzen“? Glaubt man sozialen Netzwerken, scheinen manche ganz eifrig dabei zu sein, bloß keine Stunde ungenutzt zu lassen: Eine Sprache lernen, endlich den Bücherstapel mit den dicken Schinken wie Tolstois Anna Karenina durchlesen, jeden Tag ein super-leckeres Bio-Regio-Gericht auftischen und zehn Kilo leichter aus der Krise kommen.

Wer schon durch die Krise überfordert ist, den treiben die ganzen Tipps, was er nun in der Krise alles unternehmen soll, sofort in die völlige Erschöpfung. Deshalb: Weniger tun und sich auch oft Ruhe gönnen, hilft vielen am Ende mehr.

Man kann den Leuten schlecht sagen, ‚trinken Sie mal einen grünen Tee oder atmen Sie die Angst weg‘, weil die Angst ist danach ja noch da.

Borwin Bandelow, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Autor zahlreicher Bücher über Angststörungen, sagte kürzlich in der „NDR Talkshow“: „Alles, was von uns unbeherrschbar ist, macht Angst.“ Derzeit sei die Angst überproportional, weil die Corona-Pandemie etwas völlig Neues für uns ist. „Und unser Angsthirn ist nicht gut in Statistik. Es lässt sich eben nicht so gut von Fakten überzeugen und reagiert schnell mit Panik.“

Der Psychiater hat aus seinen langjährigen Erfahrungen eine „Vier-Wochen-Regel“ abgeleitet. Immer wenn etwas Schreckliches passiere, etwa ein Terroranschlag auf einem Weihnachtsmarkt, gingen die Menschen vier Wochen nicht auf Märkte, und dann sei alles wieder in Ordnung. „Es ist eigentlich merkwürdig, dass diese Regel auch dann gilt, wenn die Gefahr größer ist als am Anfang.“ Das liege daran, dass die Menschen nach ein paar Wochen die statistische Wahrscheinlichkeit besser einschätzen könnten.

Doch was tut man dazwischen? „Man kann den Leuten schlecht sagen, ‚trinken Sie mal einen grünen Tee oder atmen Sie die Angst weg‘, weil die Angst ist danach ja noch da“, sagte Bandelow. Man müsse dem „Vernunfthirn“ in diesen Zeiten den Vorrang geben, was natürlich nicht einfach sei, weil Angst- und Vernunfthirn oft permanent gegeneinander arbeiten würden. „Es ist gut, derzeit mit einem gesunden Fatalismus durch die Welt zu gehen.“

Die Angst zu rationalisieren gelingt aber vielen Menschen, die in der Auseinandersetzung mit ihren Ängsten nicht geübt sind, meistens nicht so rasch.

Telefon

Tatsächlich haben sogar einige Fachleute derzeit kein Patentrezept. Der Psychologe Thorsten Padberg schrieb kürzlich für die Fachzeitschrift „Psychologie Heute“ einen sehr ehrlichen Brief an die Leser: „Sie erwarten vielleicht mehr von den Fachleuten – seien es Journalisten oder Therapeuten – die sich damit auskennen sollten, wenn die Ängste größer sind als sonst.“ Die Patienten oder Klienten würden dann wissen wollen, was man tun kann. „Sollte man sie behandeln wie eine der vielen Angststörungen: mit Grübelpausen, mit Ablenkung, mit Sport? Mit therapeutischen Gesprächen, in denen wir die Übertriebenheit dieser Ängste herausarbeiten, damit wir danach wieder zum Alltag übergehen können?“

Seine Antwort darauf ist simpel: Nein. „Denn diesen Alltag gibt es gerade nicht. Jemand hat auf die ganz, ganz große Pausetaste gedrückt.“ Es sei nicht die Expertise der Therapeuten, die Menschen derzeit bräuchten, auch nicht Yoga-, Atem- oder Entspannungsübungen oder Lehren über die biologischen Gründe der Angst. „All das ist gelegentlich hilfreich. Doch am Ende werden die Ängste bleiben. Vielleicht weil sie es sollten. Weil sie eine reale Basis haben.“

Geteiltes Leid, ist halbes Leid.

Der beste Umgang mit der Angst bestehe also nicht darin, so vermutet Padberg, dass wir „Wälle aus Klopapier und Nudeln“ gegen sie errichten. „Und es reicht auch nicht aus, achtsam zu sein und der eigenen Angst damit für eine Weile ihre Macht zu nehmen. Ersteres ist schlichter Unsinn. Letzteres ist nur ein erster Schritt“, schreibt er.

Sein Tipp ist daher: „Ein besserer Umgang besteht darin, danach zu schauen, welche Ängste und Nöte wir bei unseren Nachbarn, Freunden und in unserer Familie sehen. Dass wir dafür offene Ohren haben und so gut wie möglich helfen, diese Not zu lindern.“

Er verweist auf den alten Spruch: „Geteiltes Leid, ist halbes Leid.“ Denn: „Das ist ein magischer Prozess. Dieser Prozess gibt den Boden dafür ab, der uns davor bewahrt, in der Krise einer nach dem anderen in einen Abgrund zu stürzen. Geben wir uns also gegenseitig Halt“, schreibt Padberg.

Trotz Krise ist Lachen erlaubt

Tatsächlich trifft in dieser Krise nichts besser zu: Solidarität und Zusammenhalt sind die Dinge, die uns stark machen können. Das kann bei Geld- und Sachspenden anfangen, bis über Masken nähen, aber auch ganz simpel, Freunde und Verwandte, die alleine leben öfters anrufen und fragen, wie es ihnen geht.

Und dann gibt es auch noch etwas Anderes, das überhaupt gar nicht aufwendig ist: Sich in Dankbarkeit und Demut zu üben.

Zum Beispiel? Dass wir in einem Land mit einem der besten Gesundheitssysteme leben. Dass wir Politiker haben, die sich rund um die Uhr kümmern, um den Laden am Laufen zu halten und die Bevölkerung vor Erkrankung zu schützen. Und dass wir eine recht stabile Wirtschaft haben, die es auch danach noch geben wird. Und, dass wir einen funktionierenden Sozialstaat und eine große Spendenbereitschaft haben, was viele Menschen in dieser Krise finanziell zumindest auffängt.

Zuletzt: Trotz Krise ist lachen erlaubt. Humor gilt nämlich als der größte Antagonist der Angst.

Titelfoto: Unsplash/Hailey Reed

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