Chillen mit den Nachbarn

Am Schützenplatz im Kernerviertel entsteht ein öffentliches Wohnzimmer. Es könnte lässiger Hangout und Vorbild für die ganze Stadt zugleich werden.

Wer lebt eigentlich neben uns? Was ist das für eine Dame, die jeden Morgen mit ihrem winzigen Hund Gassi geht? Wie ticken die Leute in der Studenten-WG in der Dachgeschosswohnung? Und ist der grummelige Autofahrer von schräg gegenüber wirklich so grummelig – oder einfach nur gestresst? Machen wir uns nichts vor: Wir Großstädter wissen bisweilen beschämend wenig über die Menschen, mit denen wir Tür an Tür wohnen.

Ein Gebäude an der Kernerstraße in Stuttgart-Mitte(Hausnummer 45) will das ändern. „Casa – ein öffentlicher Raum für alle“ steht über der braunen Holztür hier am Schützenplatz unweit der Großbaustelle Hauptbahnhof. Drückt man die Klinke hinunter, steht man mitten im jüngsten Projekt des Casa Schützenplatz e.V., eines Bürgervereins, der in den vergangenen Jahren schon mehrfach Schlagzeilen machen konnte.

Öffentliches Wohnzimmer mit provisorischem WG-Charakter: Frank Schweizer (links) und Johannes Heynold in der Casa Schützenplatz Foto: Björn Spingorum

Einfach mal etwas für die Mitmenschen tun

Die Errichtung eines Parklets, die verhinderte Umgestaltung des Schützenplatzes zu einem Kreisverkehr, die Anmietung zweier leerstehender Räume eines ehemaligen Getränkehändlers: Im Kleinen zeigt der Verein, was man erreichen kann, wenn man sich nachbarschaftlich zusammenschließt. Und einfach mal was für sich und seine Mitmenschen tut.

18 Mitglieder zählt der Verein heute, Vorsitzender ist Frank Schweizer, ein Kernerviertel-Original mit „Oben bleiben“-Button am Käppi und langer Vita politischen Einsatzes. „Ich zog 1971 hier am Kernerplatz in eine Studenten-WG“, blickt der Mann mit der Brille und den weißen Haaren zurück, als er gerade die Räumlichkeiten aufschließt. „Später kaufte ich das Haus, in dem ich als Student wohnte, und war irgendwann auch im Bezirksbeirat. Obwohl ich nicht aus Stuttgart komme, bin ich hiergeblieben und mittlerweile ein echter Kernervierteler.“ Ein wenig Stolz ist aus diesem Worten schon herauszuhören.

Mit offenen Armen

Das erklärt natürlich auch das Engagement, das Schweizer für diesen Ort aufbringt. „Ich bin hier sehr stark verwurzelt, weshalb sich mir gar nicht die Frage stellte, ob ich mich engagiere oder nicht. Irgendwann stand der Getränkeladen hier am Schützenplatz leer und ich konnte ein Ehepaar überzeugen, die Räumlichkeiten für einen öffentlichen Treffpunkt zu kaufen.“ Die Grundidee des Casa Schützenplatz e.V. war geboren.

Die zwei kleinen Räume wirken provisorisch, aber nicht ungemütlich, kruschtelig, aber nicht ungepflegt. Eine Mauer ist noch unverputzt und sieht vielleicht auch unfreiwillig aus, als würde sie in einer Kneipe in Brooklyn stehen, es gibt einen großen Tisch, ein Sofa, Spiele, eine kleine Bar und Bücher.

Die Losung „Come as you are“ scheint über allem zu schweben, ein unprätentiöses Wohnzimmer für Studenten, für Eltern, für Rentner, für Kids oder für Leute auf der Suche nach einem temporären Arbeitsplatz, einem Schwätzchen, einem Kaffee. Kurzum: Für alle, die hier wohnen oder dran vorbeikommen oder einfach nur interessiert sind. „Wir wollen einen sehr unverbindlichen Ort mit niedriger Schwelle“, nickt Schweizer. „Nichts, wo sich manche Menschen vielleicht gar nicht erst reintrauen.“

Orte für den Austausch

Den ganzen Januar ist Testbetrieb, zunächst mal von Mittwoch bis Freitag hat das öffentliche Wohnzimmer ab 15 Uhr geöffnet. Für jeden. Um kurz vor drei kommt auch Johannes Heynold zur Tür herein. Das Studium der Architektur und Stadtplanung hat er hinter sich, aktuell arbeitet er im Reallabor und hat vergangenes Jahr auch das Stäffele-Projekt initiiert.

Ihm sind an Orten wie diesen vor allem die Begegnungen wichtig. „Ein Ort fängt doch erst an zu leben, wenn ich etwas über ihn weiß und ihn nicht nur als Transitbereich wahrnehme“, betont er. Durch seine Zwischennutzung der Stäffele auf den Geschmack gekommen, wollte er zunächst ein Straßenfest hier am Schützenplatz organisieren, stieß dabei dann auf den Verein Casa Schützenplatz. Seither bringt er sich dort ein. „Wir brauchen Orte für einen offenen Austausch“, findet er. „Wichtig ist einfach, dass wir miteinander reden.“

Teil des Kernerviertels

Oder auch mal eine Flasche Wein zusammen trinken, obwohl man sich zuvor allerhöchstens vom Sehen kannte. Das passierte letzten Sommer auf dem Parklet vor der Casa Schützenplatz regelmäßig und soll nun auch im öffentlichen Wohnzimmer fortgeführt werden. Spieleabende, Bar-Specials, Filmvorführungen, Konzerte, Kleidertausch-Partys oder auch mal ein Foodsharing-Abend sind im Gespräch, wenn‘s gut läuft und die Kosten auch weiterhin zu einem gewissen Teil von Spenden getragen werden, wird das öffentliche Wohnzimmer bis auf Weiteres ein Teil des Kernerviertels bleiben.

Den bisherigen Besuchern wäre das sehr recht, den Initiatoren natürlich auch. „Hier kommen die verschiedensten Leute zusammen“, so Heynold. „Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigene Beziehung zu diesem Ort. Das ist sehr spannend, das macht unser Zusammenleben doch erst aus.“

Gutes Wlan bekanntlich auch, aber selbst das gibt es mittlerweile. „Super wären aber noch ein Beamer oder vor allem ein Farb-Laserdrucker, dass die Casa noch besser als Arbeitsplatz genutzt werden kann.“ Wer so etwas zuhause rumstehen hat, darf es also gern dem öffentlichen Wohnzimmer stiften. Und dann das gute Gefühl genießen, proaktiv etwas für die Bewohner dieser Stadt getan zu haben, die wir irgendwie trotzdem alle lieben.

https://schuetzenplatz.net/

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