Café Moulu: Die eigene Rösterei zum Zwölfjährigen

Vor sechs Jahren hatte Erdal Cakir bereits die Vision vom selbstgerösteten Kaffee, der in seinem Café Moulu nicht nur ausgeschenkt, sondern eben auch kreiert werden sollte. Pünktlich zum Zwölfjährigen wurde die eigene Rösterei Realität. Und das nicht irgendwo, sondern direkt nebenan.

Stuttgart – 26 Jahre ist Erdal nun schon am Tresen aktiv. Dem Vollblutgastronom war nach dieser langen Zeit einfach mal nach Veränderung, „sich zurückziehen, aber trotzdem da und produktiv sein“, erklärt er. Schon während seiner Zeit als Betriebsleiter im Palast der Republik hatte sich der Kaffee-Kenner nach einem eigenen Tagescafé gesehnt, in einem Wohngebiet im Stuttgarter Westen wurde er fündig und sein Traum Realität. Das hübsche Café Moulu an der Ecke Senefelder-/Leuschnerstraße war schnell eine beliebte und nicht mehr wegzudenkende Institution – und das nicht nur zur Mittagszeit. Diese herzliche, ja fast schon intime Atmosphäre war von Anfang an so gewollt. „Mir war wichtig, etwas für die Leute, die hier leben, zu machen“, betont der gelernte Bäcker.

Mit dem Rösten will ich mich verwirklichen, das ist genau mein Ding!

Apropos Bäcker. Mit den Händen zu arbeiten, das sei sein Ding, so Erdal. „Und jetzt wird eben nicht mehr gebacken, sondern geröstet“, sagt er lachend. Es sei einfach auch etwas Neues, plötzlich setze man sich ganz intensiv mit Kaffeebohnen, Anbaugebieten, Herstellern auseinander. „Das Schönste an der eigenen Röstung ist, dass ich auf die Frage: Woher beziehen sie ihren Kaffee? jetzt endlich sagen kann: Wir rösten selbst“, freut sich der Café-Chef.

Vom Tagescafé zum Kaffeehaus

Wer jetzt denkt: Ach, das klingt ja easy, der irrt aber. Denn Erdal musste dafür doch glatt nochmal die Schulbank drücken – auch wenn es die der School of Coffee in Berlin war.

Vom Tagescafé und Platzhirsch zur Mittagszeit verwandelte sich das Café Moulu 2019 zum Kaffeehaus. Café und Rösterei liegen nun Tür an Tür – allerdings ohne Alice, höhö. Dass dabei ein warmer Raum (man hat schließlich mit Hitze zu tun) auf eine warme Atmosphäre trifft, war Erdal sehr wichtig. „Ich wollte einen Ort schaffen, wo ich mich wohlfühle, aber genauso meine Gäste.“ Denn wer am selbstgerösteten Kaffee Interesse zeigt, der bekommt auch gern mal eine kleine Führung durch die Röst-Räumlichkeit – wie praktisch, dass die gleich nebenan ist.

Der eigene Blend – eine wilde (Haus-)Mischung

Und was macht den Unterschied aus, zu anderen Kaffees aus Stuttgart? „Ich habe einen Blend (Mischung aus verschiedenen Kaffeesorten) kreiert, unsere Hausmischung“, berichtet Erdal stolz. Dabei treffen Cuba, Indian Monsun und Brasilien aufeinander, bäääm, wilde Mischung. Der 49-Jährige mag seinen Kaffee gern dunkel geröstetet mit rauchiger Note, will aber auch hellgerösteten und damit Variation und Vielfalt anbieten. Wichtig und gut zu wissen: Im Moulu wird schonend geröstet – im Langzeitverfahren, vor einer sogenannten alten Trommelröstung ist die Rede.

Kaffee mit Wiedererkennungswert

Ein Gast aus Dubai habe kürzlich direkt vier Päckchen Moulu-Kaffee gekauft. „Und ich dachte nur: Cool, mein Kaffee geht jetzt auf die Reise“, erinnert sich Erdal lachend zurück. Auch aus anderen (deutschen) Städten seien bereits Anfragen eigetrudelt. Doch der Café-Chef bleibt bescheiden. „Ich will mich erstmal hier in Stuttgart etablieren.“

Freut sich über die eigene Rösterei direkt nebenan: Café Moulu-Chef Erdal Cakir

Und seine Ausgangslage ist ganz praktisch. Im hinteren Bereich des Kaffeehauses werde geröstet, vorne bekomme man direkt Feedback. Ich weiß sofort, wie kommt die Röstung bei den Gästen an. Wir probieren uns da jetzt einfach aus.“

Und klar gebe es in Stuttgart schon andere Röstereien, aber wenn noch mehr hinzukommen, sei das doch einfach nur eine Bereicherung. „Der Deutsche trinkt 165 Liter Kaffee im Jahr, da kann es ja eigentlich gar nicht genug Röster geben“, findet Erdal. Gerade in der heutigen Zeit. Nachhaltigkeit und Regionalität sind das Nonplusultra in Sachen Ernährung und Konsum – #supportyourlocals einer der Hashtags überhaupt. Warum also nicht einander unterstützen und die Vielfalt feiern, „in meinen Augen bereichern viele Röstereien eine Stadt, ein Viertel. Es ist doch toll, wenn die Leute eine Auswahl haben.“

Ein neuer Vorplatz – good Vibes only

Und was bringen die nächsten zwölf Jahre im Café Moulu? Der Vorplatz kommt seit geraumer Zeit neu daher. Zur Freude des Gastronomen. „Der Mensch gewinnt wieder Platz für sich.“ Doch Parkplätze fehlen, beschweren sich Anwohner. Anderes Thema.

Ansonsten finden im Wohnzimmer des Westens weiterhin monatlich wechselnde Ausstellungen statt. Denn vor rund drei Jahren ging das kuschlige Café eine kreative Liaison mit der Kunstgalerie Art & Antik aus Stuttgart-Ost ein. Ach und apropos Stuttgart-Ost: Moulu goes East, aber nicht vor 2020. „Da wird was kommen“, so Erdal vielversprechend.

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