Bühne frei für das Hinterhofkino Stuttgart

„Sendepause“ hieß es in den letzten Wochen für kulturelle Einrichtungen aller Art. Nicht aber für die Macher des Hinterhofkinos: Ausgestattet mit einem Lastenrad, einem Projektor und einer Leinwand brachten sie buchstäblich Licht ins Dunkel so mancher Stuttgarter Nachbarschaft.

Stuttgart – „Kino, dafür werden Filme gemacht“, sagte einst ein weiser Synchronsprecher. Da das in Zeiten von Corona leider aus uns allen bekannten Gründen vorerst nicht möglich war, haben sich Philipp Kaiser, Anna Schelling und Christoph Baumeister etwas ganz Besonderes überlegt: Ein mobiles Hinterhofkino.

Kopfkino aus, Hinterhofkino an

Außergewöhnliche Erlebnisse sind dieser Tage rar. Wenn das Highlight des Tages der Gang zum Briefkasten bleibt, ist jede Abwechslung willkommen. Und genau da setzen die Macher des Hinterhofkinos an: Mit ihrem mobilen Kino wollen sie zu Balkongesprächen anregen, ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt schaffen und Stuttgarts Hinterhöfe mit Leben füllen. Und zwar trotz Social Distancing. Dafür entwickelten die drei Initiatoren ein – Achtung, Wortwitz – filmreifes Konzept.

Foto: Anna Schelling

Bühne frei für das lichtbike

Die Idee, ein solarbetriebenes Lastenrad mit einem Projektor auszustatten, entstand bereits im letzten Jahr für ein Projekt, das Philipp gemeinsam mit seinem Kollegen Dominik Schatz von Lichtgestalten umsetzte. „Unser Kerngeschäft besteht normalerweise aus Projektions-Mappings für Events und Festivals und der Erstellung von räumlichen und gestalterischen Veranstaltungskonzepten. Mit dem Hinterhofkino hat unsere Idee jetzt ihre eigentliche Bestimmung gefunden, weil es uns schon auch immer darum ging, Kunst in den Stadtraum zu bringen und einen Sinn damit zu stiften.“ Kein Wunder also, dass Philipp direkt an Bord war, als Anna Schelling und Christoph Baumeister ihm von der Idee des Hinterhofkinos erzählten.

Hinterhofkino: Bewegte Bilder gegen Monotonie und Einsamkeit

„Mit dem Hofkino haben wir versucht, den Alltag, der durch Corona noch immer von gewissen Einschränkungen geprägt ist, ein wenig aufzubrechen. Wir wollten und wollen den Leuten Abwechslung verschaffen und das vor allen Dingen an Orten, an denen der Bedarf am größten ist – wie zum Beispiel in sozialen Brennpunkten oder Pflegeheimen“, erklärt Philipp. Wesentlicher Bestandteil des dargebotenen Programms sind lokale und internationale Animationsfilme.

Eine Initiative von Stuttgartern für Stuttgarter, die ein gemeinsames Erlebnis unter Nachbarn schafft.

Der Startschuss fiel am 9. Mai zusammen mit dem Live-Stream des 27. Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS). Es folgte eine Kooperation mit dem Film- und Medienfestival und weiteren Akteuren wie etwa dem Filmwinter oder Wand 5 e.V. Mit Hilfe der finanziellen Unterstützung des Kulturamts sowie der Bürgerstiftung Stuttgart, können nun vorerst sieben Einsätze realisiert werden.

Die Qual der Locationwahl

Die Auswahl geeigneter Standorte erfolgte in Kooperation mit sozialen Einrichtungen wie der mobilen Jugendarbeit Stuttgart und dem Freiwilligenzentrum Caleidoskop. Besonders Stadtteile, in denen weniger kulturelle Angebote vorhanden sind, sollen von den Vorstellungen profitieren. Aber auch, wer denkt, einen geeigneten Ort zu kennen, kann sich mit einem Foto seines Innenhofs über die Website oder die sozialen Medien bewerben.

Die Nachbarschaft selbst erfährt dann erst am Abend vor der Vorführung per Wurfsendung im Briefkasten von ihrem Glück. „Wir wollen natürlich Menschentrauben oder Balkonpartys vermeiden und haben daher eine Vorgehensweise entwickelt, die auch mit dem Ordnungsamt abgestimmt ist“, erklärt Philipp die kurzfristige Bekanntgabe. Außerdem stehen neben der Ankündigung auch – je nach Auflagen, die eingehalten werden müssen – die entsprechenden Regeln auf dem Zettel. Ganz Corona-konform also.

A never-ending love story?

Ob eine Fortsetzung folgt, hängt nicht ausschließlich vom Interesse der Zuschauer ab, sondern auch davon, ob sich in Zukunft weitere Förder- und Finanzierungsmittel auftreiben lassen. Denn bei all der Freude, die das Projekt verbreitet, muss es – gerade aufgrund der vielen Auflagen – wohl überlegt und gut organisiert sein. „Es steckt mehr Arbeit dahinter, als man im ersten Moment vielleicht erwartet, aber letztendlich ist das Konzept flexibel, sodass wir uns auch über die Krise hinaus vorstellen können, das weiterzuführen. Wenn die Auflagen es zulassen, könnte man natürlich auch auf freie Plätze gehen. Unser Wunsch wäre es, damit auf jeden Fall weiterzumachen.“ Ein Wunsch, der hoffentlich in Erfüllung geht!

Titelbild: Susanne Baumeister