Brexit und jetzt? Vier Exil-Stuttgarter berichten

Der Brexit beherrscht seit Wochen die Nachrichten. Wie muss es sein, zu dieser Zeit in Großbritannien zu leben? Vier Exil-Stuttgarter erzählen Stadtkind, wie sich die Stimmung im Land verändert hat und warum sie der Brexit auch persönlich betrifft.

Stuttgart/London – Kein Thema bestimmt die Nachrichten momentan so sehr wie der bevorstehende Brexit. Großbritannien tritt aus der EU aus – voraussichtlich am 29. März. Vieles wurde schon berichtet über die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Auswirkungen des EU-Austritts. Aber wie wirkt sich der Brexit auf das Leben der Briten aus? Stadtkind hat mit vier Exil-Stuttgartern gesprochen, die in Großbritannien leben oder lange gelebt haben. Wie nehmen sie die Stimmung wahr?

„Wir haben sicher einiges an Geld verloren“

„Mein Mann hat geflucht an dem Morgen, an dem das Votum bekannt gegeben wurde. Wir konnten ja nicht mitwählen ohne britischen Pass und hatten damit keinen Einfluss auf die Abstimmung, da fühlt man sich richtig hilflos, wenn man da so zusehen muss.

Der Brexit hat uns schon zu schaffen gemacht. Wir haben unsere Wohnung verkauft und dabei sicher auch Geld verloren, weil die Immobilienpreise so im Keller sind. Die Leute sind alle sehr vorsichtig, niemand will in dieser Situation ein Haus kaufen. Außerdem haben unsere adoptierten Kinder beide einen britischen Pass und wir einen deutschen. Was das in Zukunft für Probleme bereiten wird – zum Beispiel beim Reisen – das werden wir noch sehen.

Die Briten, die wir kennen, waren alle für einen Verbleib in der EU. Am Anfang war das wie eine Schockstarre. Mittlerweile haben sie es irgendwie akzeptiert und wollen es jetzt halt durchziehen – ganz nach dem typisch britischen Moto ‚Keep calm und carry on‘. Deswegen denke ich auch, dass es kein zweites Referendum geben wird. Wir sind immer noch eng verbunden mit Land und Leuten und hoffen einfach das Beste für alle.“

– Franziska Wieland, 36 Jahre, lebte mit ihrem Mann sechs Jahre lang in London und arbeitete dort als Ärztin. Im Sommer 2018 ist die Familie wieder nach Stuttgart gezogen. 

„Jeder darf plötzlich Rassist sein“

„Ich bin erst kurze Zeit hier, aber meine Mitbewohnerin hat erzählt, dass sie einen viel stärkeren Rassismus in Großbritannien erlebt. Jeder, der nicht aussieht, als sei er Brite, wird angefeindet. Britisch aussehen – sie weiß gar nicht, was das bedeuten soll. Sogar ihr selbst ist das passiert, obwohl sie in Großbritannien geboren ist und auch gar keine ausländischen Wurzeln hat. Im Sommer hatte sie sonnengebräunte Haut. Da hat eine zu ihr gesagt: ‚Geh doch dorthin, wo du herkommst!‘ Es ist verrückt. Jeder darf plötzlich Rassist sein, ohne dass es mehr Konsequenzen hat.

Wenn der Brexit kommt, wird hier außerdem vieles teurer werden, weil die Steuern sich erhöhen – Tabak, Alkohol, andere Sachen. Manche werden sich das nicht mehr so gut leisten können. Meine Mitbewohner wollen gerne einfach in der EU bleiben. Sie fänden es schade, wenn wegen des Brexits weniger Menschen aus aller Welt kommen würden.“

– Jana Stäbener, 21, macht gerade ein Auslandssemester in Portsmouth

„Wegen eines Feuerzeugs wollte er sich direkt rechtfertigen“

„Meine Universität hat uns zugesichert, dass alle EU-Ausländer bis zum Ende ihres Studiums automatisch ein Visum haben und auch weiterhin finanziell unterstützt werden. Das ist schon mal sehr gut, aber was meinen Nebenjob angeht, weiß ich noch nicht, wie es weiter geht. Die deutsche Botschaft lädt alle paar Monate zu Informationsveranstaltungen ein, aber die sagen dort eigentlich immer nur, dass sie gar nichts wissen. Das Schlimme ist, dass niemand irgendetwas weiß.

Bisher kam ich auch nur mit meinem Personalausweis klar. Jetzt muss ich mir auf jeden Fall einen Reisepass machen, sonst kann ich vielleicht gar nicht mehr ausreisen, wenn der ‚No Deal‘-Brexit kommt. Die Botschaft hier ist aber bis Ende August ausgebucht. Also muss ich noch nach Deutschland fliegen und wieder zurück, um mir dort einen Pass ausstellen zu lassen.

Die Stimmung hier hat sich schon verändert. Die einen sind nur noch wahnsinnig genervt und wollen jetzt einfach, dass es vorbei ist. Andere hoffen immer noch, dass man da vielleicht noch was drehen kann. Die Meinung ist so gespalten beim Thema Brexit, dass sich sogar Leute, die eigentlich total nett sind, im Pub gegenseitig angehen. Vor kurzem hat mir ein Kumpel sein Feuerzeug geliehen, da war eine Englandflagge drauf. Er hat mir dann gesagt, ich soll nicht denken, dass er für den Brexit wäre. Er wollte sich direkt rechtfertigen – wegen eines Feuerzeugs. So ein Schwachsinn.

Noch dazu gibt es seit dem Brexit viel mehr rassistisch motivierte Attacken. Dass alle Ausländer wieder in ihr Heimatland gehen sollen – das höre ich immer öfter. Wenn ich dann sage, dass ich ja auch Ausländerin bin, sagen sie ‚Ja, aber dich meine ich nicht, sondern so die anderen, die richtigen Ausländer.‘“

– Aileen Lekschat, 23 Jahre, lebt seit Juni 2014 in London und studiert dort PR und Werbung

„Die Frustration haben die meisten hinter sich gelassen“

„Die Kommunikation und Transparenz beim Thema Brexit ist schwierig. Gerüchte und leider auch ‚Fake News‘ stehen auf der Tagesordnung. Der Austausch in meinem Freundeskreis ist eher informativ – die Frustration haben die meisten inzwischen hinter sich gelassen. Man teilt eher Wissen als Stammtischfloskeln. London ist ein internationaler ‚Melting Pot‘ und eine Stadt mit einer sehr hohen Ausländerquote. Mit mir ist noch nie jemand offen in den Dialog gegangen, der für den Brexit war – außer natürlich online. Auf dem Land oder in den klassischen Kleinstädten sieht das aber anders aus.

Da es noch kein finales Arrangement zwischen Großbritannien und der EU gibt, kann ich nur mutmaßen, wie sich der Brexit auf mich auswirken wird. Die Bewerbung für den „Settled Status“ oder eine befristete Aufenthaltsgenehmigung wird mit einem kleinen Geldbetrag verbunden sein und man muss seinen festen Wohnsitz und Straffreiheit nachweisen.

Ich persönlich hätte mir von Herzen gewünscht, dass Großbritannien teil der EU bleibt und gemeinsam an einer Lösung gearbeitet wird, von der alle Länder als Gemeinschaft profitieren.“

Jasmin Arensmeier, 31 Jahre, arbeitet als Konzepterin, Autorin und Bloggerin auf teaandtwigs.de. Seit 2015 lebt sie in London.