Braucht Stuttgart einen Nachtbürger-
meister?

Das Club Kollektiv Stuttgart gibt weiterhin Vollgas und will bis Ende des Jahres die Stellenentwicklung des Nachtbürgermeisters vorantreiben. Dieser soll als Ansprechpartner, Moderator und Experte zwischen den verhärteten Fronten Nachtleben und Stadt vermitteln. Wir haben im Stuttgarter Club-Kosmos mal nachgefragt, warum ein sogenannter „Night Mayor“ wichtig wäre.

Stuttgart – „Wieso braucht Stuttgart einen Nachtbürgermeister?“, dieser Frage hat sich das Club Kollektiv Stuttgart angenommen. Während viele Städte in Deutschland ihr Nachtleben stolz nach außen präsentieren würden, habe es hier vor Ort eine nachgeordnete Stellung. „Problemlagen wie Lärm, Müll, Drogen oder Gewalt werden überbetont und die vielen positiven Aspekte eher am Rande erwähnt“, heißt es im Konzept des Kollektivs. Bei der Lärmproblematik etwa wäre der Nachtbürgermeister ein Moderator zwischen Anwohnern, Verwaltung, Politik und der Szene. „Damit es eben gar nicht erst zu Beschwerden kommt, sondern das Ganze möglichst früh über einen Dialog gelöst wird.“ Der „Night Mayor“ soll aber auch ganz allgemein ein Ansprechpartner sein, zum Beispiel für Neu-Gastronome, die einen Betrieb eröffnen wollen. Viele wissen nicht, was auf sie zukommt, gerade wenn man nicht so tief in der Szene verankert ist. „Der Nachtbürgermeister soll also auch beraten, damit eine kulturelle Vielfalt im Nachtleben der Stadt gewährleistet ist und sich nicht nur der Mainstream durchsetzt.“

Verstehen, handeln und vermitteln – ein Night Mayor für Stuttgart

Und welche Aufgaben sollen außerdem in der Hand des Nachtbürgermeisters liegen? „Er soll auch handeln können“, betont das Kollektiv. Es gibt schließlich immer wieder schwarze Schafe in den Betrieben, die keine gültige Konzession etc. haben – und die gelte es zu verwarnen. „Damit diese Einzelfälle nicht negativ auf das gesamte Nachleben zurückfallen!“ Dafür sei der „Night Mayor“ perfekt geeignet, „weil er im Idealfall versteht wie Verwaltung funktioniert, aber auch weiß, wie die Szene tickt.“ Da es die perfekte Person, die beides abdeckt, wahrscheinlich nicht gibt, sei man um zwei Stellen bemüht.

Mit den Clubs und der Stadt sprechen in Stuttgart immer zwei verhärtete Fronten miteinander und die würden wir gern mit einer moderierenden Stelle abbauen.

In keinem Fall solle die Stelle als rein repräsentativer Kummerkasten gestaltet werden, sondern als klares Bindeglied zwischen den Akteuren des Nachtlebens, der Politik, Verwaltung und den Anwohnern. Themen wie die Musikszene, Bars und Subkultur im Allgemeinen werden ebenso in die Aufgaben einfließen, um gesamtheitliche Ideen, Konzepte und Lösungen zu schaffen.

Das sagen Stuttgarter Veranstalter und Club-Betreiber zur Stelle des „Night Mayor“:

Tobias Rückle, Veranstalter und Labelbetreiber von LOVEiT:

„Ich bin überzeugt von einem Mehrwert des Night Mayor und einer Koordinierungsstelle für die Stadt. Einerseits gibt es akute Probleme im Nachtleben mit mangelndem Lärmschutz, nicht immer besonders toleranten Anwohnern, vielen bürokratischen Hürden und komplizierten Genehmigungsverfahren. Andererseits gibt es keinen strategischen Plan für das Nachtleben der Stadt. Das sind nur zwei Gründe für den „Nigth Mayor“ und die Koordinierungstelle in der Stuttgarter Verwaltung.“

Climax-Club-Manager Florian Buntfuss:

Stuttgart braucht einen Nachtbürgermeister, allerdings störe ich mich ein wenig an dem Begriff, da finde ich Night Mayor passender. Es geht darum Brücken zwischen allen beteiligten Parteien zu schlagen und zu vermitteln. Diese neue Schnittstelle zwischen Verwaltung, Politik, Anwohner und Gastronomen ist seit Längerem überfällig und wird ein entscheidender Faktor beim Finden von Lösungsansätzen sein. Der Tourismus und demzufolge auch die Gastronomie sind in Zeiten wie diesen ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor in unserer liberalen Stadt.

Elmar Jäger, Veranstalter und Grafiker (Levels, Stuttgart Burlesque Festival, Corso Cabaret):

Unabhängig von der jeweiligen Landesregierung hat Stuttgart ein unrühmliches Los: Jahrzehnte lang wurde nicht erkannt, dass das Kultursegment Nachtleben nicht nur von einer handvoll etablierter Diskotheken getragen wird. Auch eine Vielzahl von Bars, Clubs, Veranstaltern, Künstlern, die innerhalb einer Subkultur agieren und genau die für eine Großstadt so wichtige Vielfalt von Angeboten erzeugen, ist dabei entscheidend. Die Stadt Stuttgart hat sich – wenn auch möglicherweise unbewusst – dafür entschieden, diese Chance nicht für sich in Anspruch zu nehmen. Der Posten eines Nachtbürgereisters erschafft eine Verbindung und Kommunikation zwischen diesen Ebenen und ermöglicht idealerweise eine faire Förderung dieses Kulturbereichs. Denn auf eine derartige Vielfalt zu verzichten, kann sich im Jahre 2019 keine Großstadt in Deutschland imagemäßig mehr leisten. Es sei denn, sie will gar keine Großstadt sein.

Martin Labacher, Projektmanager bei 0711 Entertainment // head of booking & marketing bei der Schräglage:

Ja, Stuttgart braucht eine Stelle, die in der Stadtverwaltung und allgemein auf bürokratischer Ebene zwischen Nachtleben-Schaffenden und Politik vermittelt. Das Mannheimer Modell wird dem – meiner Meinung nach – nicht gerecht, ist aber ein guter erster Schritt. Der Begriff „Nachtbürgermeister“ beschreibt diese Position allerdings unzureichend und kann leicht falsch verstanden werden.

Veranstalter Blendi Krasniqi (The House of Murphy):

Ein Nachtbürgermeister macht auf jeden Fall Sinn. Aber es kommt eben auch drauf an, wer es dann wird. Denn der Night Mayor muss unbedingt neutral sein, also weder auf der Seite der Stadt, noch auf der der Club-Betrieber und Veranstalter. Außerdem dürfte er nicht nur bestimmte Clubchefs etc. bevorzugen, wenn es um Genehmigungen für Open-Airs oder ähnliches geht. Der Nachtbürgermeister sollte außerdem nicht zu alt und auch im Nachtleben aktiv sein.

Das Club Kollektiv Stuttgart: Tobias Rückle, Colyn Heinze, Juliane Blanck und Rainer Guist (von links).

Am 18. Oktober hat das Club Kollektiv Stuttgart eine „Club-Tour mit der Politik“ geplant. An diesem Abend will man gemeinsam durch die Clubs im Kessel ziehen und mit den Clubbetreibern ins Gespräch kommen.

Apropos Club Kollektiv. Seit Ende letzten Jahres weht ein frischer Wind durch die Club-Landschaft im Kessel. Und das nicht etwa, weil neue beziehungsweise alte Clubs (wieder) eröffneten, sondern weil das Club Kollektiv einen neuen Vorstand wählte, der ordentlich Vollgas gibt. Schnell war ein Positionspapier formuliert, das Themen wie Open-Air-Flächen, ein belebtes Neckarufer oder eben auch die Stelle des Nachtbürgermeisters auf den Punkt bringt, im Mai debattierte man darüber bei einer Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl. Doch wer sind die Vier, die der Club-Kultur im Kessel eine Stimme geben? Hier stellen sich Rainer, Colyn, Juliane und Tobias vor >>>

Mehr aus dem Web