Preisgekrönt: Bouldern an der Paulinen-
brücke

Aline Viola Otte ist für ihre Boulderanlage an der Paulinenbrücke zu einer der 32 Kultur- und Kreativpiloten gekürt worden. Am Donnerstag wird zum Weihnachtsbouldern eingeladen.

Stuttgart – Zum Bouldern gekommen ist Aline Viola Otte 2011. Während eines Auslandssemesters in Südafrika hat sie den Sport für sich entdeckt. Boulderer klettern ohne Seil und Gurt an Felsblöcken, Felswänden oder künstlichen Kletterwänden in Absprunghöhe. Der Sport hat die 35-Jährige seitdem nicht mehr losgelassen.

Boulderanlage für alle

Nun gestaltet die Architektin keine Häuser, sondern entwickelt in ihrem Büro für Raumsport Bewegungs- und Begegnungsräume. Dazu gehören der „Raumathlet“, ein Parcours für die Salem International Summer School, oder „s’BoulderBlöckle“. Die kleine modulare Boulderanlage für den privaten und öffentlichen Raum steht seit Mai 2019 auf dem Österreichischen Platz, entstand innerhalb des Projekts Stadtlücken, unterstützt vom Bezirksbeirat Stuttgart-Süd.

Dort unter der Paulinenbrücke wurde seit Juli 2018 mit Nutzungskonzepten experimentiert, um einen urbanen Raum für alle, für Miteinander, Kultur und Geselligkeit, Austausch und Auseinandersetzung zu schaffen. Bis Oktober liefen allerlei Aktionen, über die Zukunft wird nun neu im Gemeinderat verhandelt.

Während die einen klettern, bleiben andere stehen, schauen zu, kommen ins Gespräch.

Für das Pilotprojekt Boulderblöckle, das der Architektin nun im Bundeswettbewerb Kultur- und Kreativpiloten 2019 einen Preis einbrachte, gründete Otte einen gleichnamigen Verein. Der kümmert sich darum, dass die urbane Kletteranlage in Schuss bleibt, keine Scherben oder anderes im Kiesbett liegen. Die Crux: Am Österreichischen Platz treffen sich auch Obdachlose und Suchtkranke. Geklärt werden müsse, wie man einen kooperativen Stadtraum schafft, dabei Betroffenen helfe, ohne zu verdrängen, so Otte. Sie freut sich, dass das Boulderblöckle bisher bestens angenommen wurde. „Während die einen klettern, bleiben andere stehen, schauen zu, kommen ins Gespräch.“

Das ist auch eines ihrer Hauptanliegen: Räume schaffen, in denen sich alle Altersgruppen, Nationen und Schichten ohne Hemmschwellen treffen und gemeinsam bewegen können. „Es geht um Teilhabe. Die Gesellschaft von heute benötigt mehr denn je solche körperlichen Herausforderungen in Form von Bewegungs- und Begegnungsräumen!“ Jeder könne bouldern probieren; ob 5, 15 oder 55.

Bei jedem Wetter wird geklettert

Gebe es doch Spielplätze für die Kleinen, aber keine offenen Orte, auf denen sich auch Erwachsene spielerisch erfahren könnten. „Klettersport macht aktiver und selbstbewusster, man traut sich körperlich mehr zu“, beschreibt sie.
Wichtig sei auch die Erfahrung von Natur beim Bouldern.

Am Österreichischen Platz sei man zwar nicht im Wald, aber draußen und könne bei jedem Wetter klettern, dank der darüber liegenden Brücke. Otte selbst ist mit Natur aufgewachsen, nahe Ulm in einer wanderbegeisterten Familie. Auch Ballett trainierte sie. „Das Schöne am Klettern ist die Freiheit, ich muss die Bewegung nicht in eine Form bringen wie beim Tanz, ich reagiere auf den Fels, das fordert viele unterschiedlichste Muskeln.“

Erkenntnisse für urbane Räume

Zur Architektur – sie studierte an der Universität Stuttgart – kam sie, weil sie Künstlerisches, Ökologisches und Technisches vereinen wollte. „Als ich dann an der Universität Stuttgart lehrte, habe ich mit den Studierenden die Grenzbereiche der Architektur erkundet, das Bauen in der Natur, wie Natur- und Körpererfahrung in ein Raumerlebnis einfließen, wie sich das wiederum auf sportliche Herausforderungen auswirkt.“ Das erforscht sie derzeit in ihrer Doktorarbeit „Räumliche Dimension des Trend- und Natursports Bouldern“ am Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen – mit den Sportwissenschaftlern kooperierend.

Die Erkenntnisse könnten urbanen Räumen und der Gesellschaft zugute kommen, ist Otte überzeugt. „Stichwort Selbstwirksamkeit: Beim Bouldern spürt man sofort, was geht – erfährt seine Grenzen und den Umgang mit Scheitern, was man in unserer Gesellschaft kaum mehr lernt. Fällt man, versucht man es eben nochmals. Auch in der Architektur heißt es, zu entwerfen ist zu verwerfen – bis es wirklich funktioniert.“

Auch das Boulderblöckle sei an den Gegebenheiten in Kommunen oder auch Unternehmen anpassbar, inklusive Vorgaben wie Rettungswege, Brandschutz und mehr. So könne Sport spielerisch in den Alltag integriert werden, ohne dass teure Hallen gebaut oder große Bauplätze ausgewiesen werden müssten. Pflegen und prüfen könnten es die Grünpfleger oder Mitarbeiter der Sportämter. „Es gibt noch viele andere Möglichkeiten, etwa einen Verein zu gründen wie in Stuttgart“, so Otte. „Das fördert wiederum die Identifikation mit dem Ort. Und man lernt, soziale Verantwortung zu übernehmen.“

Am 19.12.2019 lädt der Verein s’Boulder-Blöckle Stuttgart um 18 Uhr zum Weihnachstbouldern für jedermann auf den Österreichischen Platz – mit Tee, Glühwein, Plätzchen und Lebkuchen. Mehr Infos hier >>>

Foto: Lichtgut/Julian Rettig

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