Biking Baboons: Vom Ende einer Weltreise

Mareile Garbade und Marius Thomma haben sich vorgenommen 18.000 Kilometer vom Neckar bis Namibia zurückzulegen – auf dem Fahrrad. Noch ein paar tausend Kilometer waren es bis zum Ziel, als ihnen das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Im Interview erzählen sie von ihren Erfahrungen, von einer chaotischen Heimreise und wie es ist, wieder zuhause zu sein.

Stuttgart – Mareile Garbade und Marius Thomma nennen sich gemeinsam die Biking Baboons und haben sich im vergangenen Jahr auf eine große Reise begeben. Das Ziel: 18.000 Kilometer vom Neckar bis nach Namibia – mit dem Fahrrad. Sportliche Herausforderungen, schöne Begegnungen und Abenteuer haben die beiden erlebt, bis ihnen das Coronavirus – wie so vielen Menschen – in die Quere gekommen ist.

Biking Baboons: Einmal Weltreise und zurück

Im Stadtkind-Interview erzählen die beiden, wie sie die Zeit erlebt haben, wie sie ihren chaotische Weg in die Heimat gefunden und was sie auf ihrer Reise gelernt haben.

Wo wart ihr gerade, als es mit Corona ernster wurde? Wie viele Kilometer hattet ihr noch vor euch?
Mit Corona ging es los als wir in Äthiopien waren. Wir haben es gerade noch so über die Grenze nach Kenia geschafft. Ein paar Tage später war diese geschlossen. Dort hat sich die Lage dann zugespitzt und wir haben uns vorerst in einem Guest House eines Australiers verschanzt. Wir wollten die Entwicklung erst einmal beobachten, um dann einen Plan zu schmieden, wie es weitergehen wird. Auf direktem Weg waren es nur noch zwei Länder und 3000 Kilometer bis zur namibischen Grenze. Mit Umwegen über Malawi, Mosambik und eventuell Simbabwe waren noch ungefähr 6000 Kilometer geplant.

Habt ihr die Situation sofort ernst genommen?
Vor allem am Anfang, wie überall auf der Welt, überhaupt nicht. Es wurde ja mit SARS und Grippewellen der Vergangenheit verglichen und heruntergespielt. Jedoch hat sich die Lage zuerst in Deutschland beziehungsweise Europa schnell verschlechtert. Uns erreichten viele Anrufe und Nachrichten von Freunden und der Familie, dass wir möglichst schleunigst nach Hause kommen sollen. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch lange nicht ans Aufgeben. Noch gab es kaum Fälle in Afrika und wir wollten nach Tanzania radeln. Aber es wurde uns schnell einen Strich durch die Rechnung gemacht: Alle Grenzen rund um Kenia wurden geschlossen. Wir suchten dann nach Workaways und sozialen Projekten, um die Zeit in Kenia sinnvoll zu verbringen, da wir das Ganze aussitzen wollten. Doch auch hier blieb ein Erfolg aus. Kein Projekt wollte jetzt neue Leute aufnehmen, die Angst vor dem Virus war nun auch in Afrika. Das merkten wir auch beim täglichen Einkauf. Die Menschen hatten Angst vor uns, rannten aus den Restaurants nannten uns „Corona“. Einmal wurden wir sogar mit Desinfektionsmittel aus einem Taxibus bespritzt.

Habt ihr euch dann entschlossen, heim zu fahren?
Zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es gab Listen vom Auswärtigen Amt, in die man sich eintragen konnte. Marius Schwester, die seit Kairo mit uns unterwegs war, entschloss sich dort einzutragen und einen Flug der Rückholaktion zu erwischen. Wir haben uns nicht eingetragen, da wir Angst hatten, irgendwann gezwungen zu werden nach Deutschland zurück zu kehren. Außerdem bekamen wir ja nun die Infos durch Marius Schwester, zumindest in der Theorie. Auch beim Auswärtigen Amt war es ein riesen Durcheinander. Es gab drei verschiedene Listen und man erreichte kaum jemanden bei der Botschaft.

Hat sie es in einen Flieger geschafft?
Lange hörten wir nichts bis eines Dienstagmorgens eine E-Mail ins Postfach flatterte: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird ein Flieger am nächsten Tag Kenia verlassen. Wir waren noch über 300 Kilometer von Nairobi entfernt und es war gleich klar, dass es etwas eng wird, diese Strecke an einem Tag zu radeln. Also trampten wir eine halbe Ewigkeit ehe wir es schafften einen Bus anzuhalten. Wir haben ja schon einige Male getrampt und es war immer super easy aber mit der Zuspitzung von Corona nahmen die Menschen Abstand von uns. Wir haben einfach gehofft, dass Carolin den Flug bekommt.

Und?
Pustekuchen! Die Stimmung war gleich wieder im Keller, als wir endlich jemanden in der Botschaft erreichten: Der Flug wird am Mittwoch nicht gehen, eventuell am Donnerstag oder Freitag, dann aber sicher von Mombasa. Mombasa! Vielleicht war es unser Fehler anzunehmen, dass ein Flug von der Hauptstadt Nairobi gehen wird, aber von Mombasa war wiederum auch nie die Rede. Dort waren jedenfalls die meisten der 1000 noch dortigen Deutschen und deswegen würde auch von dort der Flieger gehen. Mombasa – nochmals 500 weitere Kilometer für uns.

Ihr habt es dann über Umwege dort hin geschafft. Aber es gab wieder kleinen Flug?
Immerhin haben wir nach ein paar Nächten in Mombasa das letzte offene Hostel und somit auch ein paar andere Reisende gefunden. Am Pool und der Bar ließ es sich also erstmal ganz gut leben, während in Deutschland und Europa die Leute durchgedreht sind. Es vergingen die Tage und man wusste einfach nicht, wie oder wann es weitergeht. Wir wollten zu dem Zeitpunkt trotzdem unbedingt weiterfahren! Aber dann kamen auch in Kenia immer mehr Maßnahmen.

Wie sahen die aus?
Die Strände und Restaurants wurden geschlossen und ab 19 Uhr gab es jeden Abend einen Lockdown. Die Leute wurden also in den ersten Tagen wortwörtlich in ihre Häuser geprügelt.

Da kam das Ende eurer Reise immer näher.
Wir akzeptierten immer mehr, dass die Reise ein Ende haben wird. Nur wo wird sie enden? Der Gedanke bei Mareiles Eltern, die in Namibia leben, den Lockdown zu verbringen war eigentlich viel attraktiver als in Deutschland eingesperrt, in einer kleinen Wohnung zu sein. Da aber Namibia die Grenzen ebenfalls geschlossen hatte, konnten wir, beziehungsweise Marius ohne namibischen Pass, gar nicht mehr ins Land einreisen. Also selbst ein Flug von Kenia nach Namibia war nicht mehr möglich. Es gab zu viele offene Fragen und kamen wir zu dem Entschluss, dass ein Rückflug nach Deutschland, leider Gottes, das Sinnvollste ist.

Wie seid ihr letztendlich nach Hause gekommen?
Marius Schwester bekam einen Tag vor Abflug Bescheid, dass sie einen Platz haben wird. Wir haben die Botschaft angerufen und dann war es, zu unserer Überraschung, relativ leicht noch zwei weitere Plätze zu bekommen.

In einem Insta-Post schreibst du „Goodbye Dream“: War es schwer zu akzeptieren, dass der Traum erst mal zerplatzt ist?
Es war unfassbar schwer. Deshalb haben wir alles versucht, um nicht abbrechen zu müssen und bis zum Ende gekämpft. Man hat sich jeden Tag auf dem Fahrrad vorgestellt, wie es sein wird, wenn wir die Kinder von dem Projekt, das wir unterstützen, am Ende der Reise in die Arme nehmen können und jetzt sollen wir nach Deutschland fliegen. Und man darf niemanden umarmen! Natürlich hatten wir eine wunderschöne Reise, viele Eindrücke, die wir nie vergessen werden. Aber da hat es unsere Herzen trotzdem zerrissen.

Welche Situation, welche Menschen oder welcher Ort bleibt euch am meisten in Erinnerung von der Reise?
Das ist natürlich sehr schwer sich auf eine Erinnerung oder einen Ort festzulegen. Jeder Tag war voller Überraschungen, positiv als auch negativ und wir haben vor allem gelernt, dass man auch mit viel weniger glücklich und zufrieden sein kann. Besonders gefiel es uns aber in der Türkei und im Sudan. Wir haben auf all unseren Reisen bisher noch nie so freundliche und einladende Menschen wie dort kennengelernt.

Wie groß war der Kulturschock, als ihr wieder in Deutschland wart?
Was uns erst wieder zu Hause auffiel, war das ständige Meckern und eine generelle Unzufriedenheit der Deutschen. Anstatt sich in der Kurzarbeit über sechzig Prozent des Gehalts zu freuen und glücklich zu sein, dass man seinen Job behalten kann, wird nur gemeckert. In Afrika haben wir gesehen, wie Menschen von einem auf den anderen Tag gefeuert wurden. Selbst am Flughafen beschwerten sich die Leute, dass man jetzt 800 Euro für das Ticket zahlen muss, fünf Stunden vor Abflug am Flughafen sein musste und wegen der Hygienemaßnahmen keinen Service im Flieger bekommt. Eine andere Backpackerin aus Peru sitzt immer noch, bis heute, in Mombasa fest. Ihre Regierung kümmert sich um keine Rückholflüge.

Wie ergeht es euch jetzt?
Es ist verrückt wie schnell man sich wieder daran gewöhnt, dass man zu jeder Zeit laufendes (warmes) Wasser hat und einen Kühlschrank voller Essen. Trotzdem versuchen wir uns immer wieder daran zu erinnern, dass das eben nicht normal ist und versuchen minimalistischer und nachhaltiger zu leben – ohne diesen verrückten Konsumdrang.

Was ist euer Plan?
Wir sind vorerst in eine WG gezogen und suchen jetzt nach Jobs in unseren alten Bereichen Einkauf und IT. Das ist in der aktuellen wirtschaftlichen Situation aber gar nicht so einfach. Doch wenn wir eines in Afrika gelernt haben, dann, dass es immer irgendwie weiter geht und man eine Lösung findet. Wir sind also sehr optimistisch, dass wir schon bald fündig werden.

Wollt ihr die Reise irgendwann mal zu Ende bringen?
Das ist aktuell nicht der Plan. Es fühlt sich falsch an so ökologisch unterwegs gewesen zu sein und jetzt einfach wieder an den gleichen Ort zu fliegen, um dann nach ein paar tausend Kilometer wieder heimzufliegen. Da wir aber Mareiles Familie in Namibia auch in der Zukunft besuchen werden, kann man es vielleicht eines Tages verbinden, um die letzten 6000 Kilometer von Namibia nach Kenia zu radeln. Wir werden sehen…

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