Barcamp im Wizemann: Mit Geld die Welt retten?

Finanzen. Das klingt erst mal trocken und kompliziert. Die Organisatoren des Barcamps „Gutes Geld“ erzählen Stadtkind im Interview, warum wir uns im Sinne der Nachhaltigkeit trotzdem dringend damit beschäftigen sollten.

Stuttgart – Böses Geld, gutes Geld? Ein Barcamp in Stuttgart beschäftigt sich am kommenden Donnerstag unter anderem mit nachhaltigem Investment. Schon im vergangenen Jahr sei es ein Erfolg gewesen, sagt der Veranstalter Oikocredit. Finanzen und Nachhaltigkeit – wie passt das zusammen? Ein Gespräch mit den Oikocredit-Mitarbeitern Corinna Gross und Christina Alff.

„Aufmerksamkeit schaffen“

Stadtkind: Was hat es mit eurem Barcamp auf sich?

Corinna: Unser Barcamp ist ein offenes Konferenzformat zum Oberthema „Gutes Geld“. Es kann jeder kommen, der mitdiskutieren und sich einbringen will. Alle dürfen Themen vorschlagen, die im weitesten Sinne mit dem Oberthema zu tun haben. Die Themen teilen wir verschiedenen Räumen zu, wo dann Sessions stattfinden – jeweils 45 Minuten. Dort wird über das Thema diskutiert.

Muss man dafür Ahnung von den Themen haben?

Corinna: Es geht um den Austausch. Man kann anbieten, eine kurze Einleitung zu dem Thema zu geben, weil man schon viel weiß. Oder man sagt, hey, ich interessiere mich für ethisches Investment, aber ich habe keinen Plan davon. Gibt’s irgendjemanden, der dazu ein bisschen was erzählen könnte?

Und was ist der Sinn dahinter?

Corinna: Wir wollen einfach Aufmerksamkeit für dieses Thema schaffen, die Menschen dafür sensibilisieren.

Christina: Großspurig ausgedrückt: Wir wollen die Welt retten. Das dauert noch ein bisschen, aber Geldanlagen sind einfach super wichtig – Nachhaltigkeit nicht nur im Bereich von Textilien und Lebensmitteln, sondern auch im Finanzbereich.

Stadtspaziergang und Steuerrecht

Was kommen denn so für Leute zu diesem Camp?

Christina: Etwa 80 Prozent der Teilnehmer waren letztes Jahr unter 40, mindestens. Insgesamt ein ganz junges Publikum.

Was für Themen kommen bei eurem Barcamp auf den Tisch?

Christina: Letztes Jahr ging es um nachhaltige Versicherungen und um einen nachhaltigen Stadtspaziergang zu verschiedenen Finanzinstituten in Stuttgart. Auch Steuerrecht hatten wir und eine ganz klassische Session zu nachhaltigem Investment. Man könnte aber auch eine Session zum bedingungslosen Grundeinkommen pitchen.

Oikocredit organisiert das Barcamp. Ihr vergebt über private Geldanlagen Kredite und Darlehen an Menschen in benachteiligten Ländern, um denen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Damit ist das Camp auch Werbung für euch, oder?

Christina: Es geht darum, das Thema erst einmal in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die wenigsten Menschen in unserem Land, das ja zu den reichsten der Welt gehört, machen sich Gedanken, was ihr Geld so treibt. Für uns ist das globale Bildungsarbeit. Werbung machen wir anders.

Was ist nachhaltiges Investment?

Nachhaltige Investments sind Geldanlagen, die neben den „normalen“ Kenngrößen – wie der Rendite (also dem Ertrag, den eine Anlage bringt) und dem Risiko – auch die Nachhaltigkeit miteinbeziehen. Dazu zählen zum Beispiel Umweltfreundlichkeit, soziale Aspekte und eine gute Unternehmensführung. Oft werden zum Beispiel Investitionen in Bereiche wie Atomkraft, die Rüstungsindustrie oder Glücksspiel ausgeschlossen. Es gibt allerdings keine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit – und das ist auch der größte Kritikpunkt an diesen Anlagen.

„Am Bankschalter geben wir das Gehirn ab“

Nachhaltiges Investment ist ja sehr komplex und das Camp dafür ziemlich kurz. Was sollen die Leute denn daraus mitnehmen?

Christina: Es wäre toll, wenn sie darüber nachdenken, was mit Geld bewirkt werden kann. Viele machen das wirklich nicht. Wir wachsen mit Sparbüchern und Kreditkarten und Versicherungen auf…

Corinna: …gehen in den Biomarkt einkaufen, leben auf allen Ebenen nachhaltig…

Christina: …aber am Bankschalter geben wir irgendwie unser Gehirn ab. Es ist eben ein super komplexes Thema und nicht sexy – ehrlich, es ist überhaupt nicht sexy. Kein Mensch versteht dieses Kauderwelsch und es ist auch mit Arbeit verbunden. In den Bioladen gehen und einkaufen ist einfacher. Und es beruhigt mein Gewissen. Aber darum geht’s: ein bisschen die Scheu zu nehmen, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber ich als junger Mensch kann doch mit meinen paar Kröten nicht die Welt verändern…

Christina: In fünf oder sechs Jahren, wenn die Leute einen guten Job mit gutem Gehalt haben und anfangen, über ihre Vorsorge nachzudenken – wenn man da an nachhaltige Geldanlagen denkt, das wäre schon super!

Hohe Rendite = hohes Risiko

Es gibt immer wieder negative Schlagzeilen, was diese Investments angeht – von nachhaltigen Unternehmen, in die investiert wurde und die insolvent gegangen sind. Sowas schreckt ab.

Christina: Klar, das schreckt ab. Aber wenn dir ein Anbieter einer sogenannten grünen Geldanlage sieben bis acht Prozent Rendite verspricht, dann müssen die Alarmglocken klingeln! Die Faustregel ist: je höher die Rendite, desto höher das Risiko. Das Problem ist, dass mit dem grünen Label auch schon Schindluder getrieben wurde. Im Internet gibt es ein paar seriöse Expertenseiten, bei denen man sich informieren kann, zum Beispiel das Forum Nachhaltige Geldanlagen oder die Ecoreporter.

Kann man denn mit nachhaltigen Geldanlagen überhaupt Geld verdienen?

Christina: Da gibt’s natürlich eine gewisse Bandbreite. Bei unserer Institution ist das maximal ein Inflationsausgleich. Bei uns war es ja eher die Idee, benachteiligte Menschen zu unterstützen. Es gibt aber auch Aktienfonds, wie den Öko-World-Fond, da sind die Renditen mit drei bis fünf Prozent etwas höher.

„Thema war nicht auf meinem Schirm“

Corinna, du arbeitest noch nicht lange bei Oikocredit. Wann ist dir das Thema zum ersten Mal begegnet?

Corinna: Bei Neo Magazin Royale. Jan Böhmermann hat mal zu dem Thema recherchiert, die Sendung habe ich gesehen. Da ist mir bewusst geworden: Ich versuche schon so nachhaltig zu leben, aber das Thema war einfach nicht auf meinem Schirm. Und da war ich erschrocken über mich selbst und dachte, das kann doch jetzt nicht sein!  Ich denke, Schritt eins ist: das Bewusstsein schaffen. Und Schritt zwei: die Menschen dann auch wirklich zur Aktion bringen.

Das Barcamp „Gutes Geld“ beginnt am Donnerstag, 21. März, um 17.30 Uhr im wizemann.space Stuttgart. Organisiert wird das Event von der internationalen Genossenschaft Oikocredit. Eine kostenlose Anmeldung ist noch bis zum Veranstaltungstag möglich.