Banksy in der Staatsgalerie – ein Widerspruch?

Es war die News schlechthin: Banksys geschreddertes Bild „Girl With Balloon“ kommt als Dauerleihgabe mit dem Namen „Love is in the Bin“ in die Stuttgarter Staatsgalerie. Dabei trifft Kritik am Kunstmarkt auf Museumswände – wie passt das zusammen? Wir haben bei der Kunst-Szene im Kessel nachgefragt.

Stuttgart – So eine Banksy-Tasse aus dem Souvenir-Shop würde sich ja schon ganz gut in meiner Küche machen, dachte ich im vergangenen Jahr in Berlin, als ich mir die Ausstellung „The Art of Banksy“ reinzog. Zunächst kam es mir auch gar nicht befremdlich vor, ich fand es sogar ganz cool, so als Streetart-Fan und überhaupt. Ich ging durch die Gänge, ließ seine Werke auf mich wirken. Spätestens am Ende, im Souvenir-Shop, wurde ich aber misstrauisch. Wie passt das alles zu Banksy – die Shirts, Schlüsselanhänger, Magnete. Alles, was dort verkauft wurde, war richtig schlecht gemacht. Meine Freundin Mary meinte damals zu mir: Vielleicht ist das Absicht!? Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Hier soll gar nicht konsumiert werden. Denn es ist schließlich kein Geheimnis, dass der Streetart-Anarchist Banksy gern und oft Kritik an der Konsumgesellschaft übt. Eines seiner Werke zeigt beispielsweise Jünger, die ein Sale-Schild anbeten, ein anderes eine Kunstauktion, bei der sich die Bieter um ein Schild mit der Aufschrift “I can’t believe you morons actually buy this shit“ (“Ich kann nicht glauben, dass ihr Idioten diesen Mist tatsächlich kauft“) reißen und ein drittes zeigt Punks, die brav Schlange stehen, um für satte 30 US-Dollar T-Shirts mit der Aufschrift “Destroy Capitalism“ kaufen zu können.

Banksy goes Staatsgalerie

Seine Schablonendrucke verkaufte Banksy einst für 35 Pfund, weil Kunst in seinen Augen für jeden erschwinglich sein sollte. Heute ist genau diese Zehntausende wert oder wird zu Millionenpreisen versteigert. Ein Dorn im Auge des Künstlers, was er zuletzt mehr als deutlich mit dem Schreddern des Ballonmädchens zum Ausdruck brachte.

Doch das steigerte letztendlich nur seinen Marktwert bzw. den Wert des Bildes, das ab März in der Staatsgalerie hängen wird. Dort freut man sich über die Dauerleihgabe der anonymen Käuferin. Direktorin Christiane Lange: „Wir schätzen die noble Geste der Sammlerin, das Werk in eine öffentliche Sammlung zu geben. Da wir jeden Mittwoch freien Eintritt haben, ermöglichen wir den Zugang für alle, die Banksy in unserem Museum entdecken möchten.“ Die Präsentation des Werks, so heißt es weiter, stelle dem schnelllebigen Kunstmarkt mit seinem Hype um Banksy grundlegende Fragen, um dessen kunsthistorische Bedeutung zu überprüfen. Banksys Werk „wird sich als Dauerleihgabe behaupten müssen gegenüber Schlüsselwerken der Kunstgeschichte von Rembrandt bis Duchamp und von Holbein bis Picasso.“

Wie soll man nun damit umgehen? Ist das alles nicht ein riesengroßer Widerspruch oder eigentlich ganz logisch? Und was wird bezweckt beziehungsweise wer bezweckt hier was? Die Stuttgarter Kunst-Szene findet keine eindeutige Antwort.

Kunstvermittlerin Sara Dahme:

Ich finde es gut, dass das Werk in der Staatsgalerie landet. Bei der Inszenierung, dass es versteckt wird, bin ich mir unsicher, ob man sowas braucht. Darüber kann man sicherlich streiten. Aber es wird definitiv viele Besucher anziehen und das finde ich gut. Plötzlich findet die Kunst der Straße durch eine sehr clevere Strategie ihren Raum in öffentlichen Museen. Und mein Wunsch wäre, dass jemand, der nach dem Banksy Ausschau hält, auf dem Weg dorthin Werke entdeckt, bei denen er im besten Fall merkt, dass sie auch immer noch eine Relevanz haben. Auch wenn es sich um eine andere Ästhetik handelt. Für mich ist gute Kunst immer ein Spiegel ihrer Zeit und natürlich ist „Love is in the Bin“ ein Spiegel der heutigen Zeit, mit dem Konsum-Wahnsinn, was kostet die Welt, was ich kaufen kann, gehört mir. Und all diese Strategien, die ganz eng mit dem Kunstmarkt verbunden sind. Da ist es nur konsequent, dass dieser jemand am Ende die Autorenschaft verneint. Und das finde ich sympathisch und lustig. Ich hoffe, es ist ein Kollektiv. Dass Banksy noch immer im Anonymen tätig sein kann, lässt darauf schließen, dass es sich dabei um jemanden handelt, der über Einfluss, eine gute Stellung und viel Geld verfügt, ansonsten wäre das schon lange geplatzt. Aber das ist okay. Deshalb sollte man sich den Banksy unbedingt mal anschauen, aber eben auch alle anderen Werke, die dort links und rechts zu sehen sind.

Künstler Georg Hendricks:

Straßenkunst ist für mich Kunst mit starker öffentlicher Präsenz. Gerade diese Zugänglichkeit für jedermann gibt ihr die Möglichkeit ihre zumeist sozialkritische Botschaft einer breiten Masse zu vermitteln. Anders als Museen oder Galerien, die meist nur von Interessierten besucht werden, stellt sie ihre Aussage für alle sichtbar dar. Das Schreddern des Kunstwerkes ist für mich eine deutliche Aussage bezogen auf den kommerziellen Umgang mit Kunst. Dieser drückt sich in etwa so aus: Je weniger, desto teurer. Das Schreddern des Bildes hat das auf nahezu groteske Weise bestätigt. Bansky wollte der Kunstwelt einen Spiegel vorhalten, doch wie bei Eulenspiegel so oft auch, wurde seine Botschaft nicht verstanden. Das Ergebnis führt seine Intention ad absurdum. Jetzt ist das Bild statt den ursprünglichen drei sogar fünf Millionen Euro wert. Ich verstehe die Staatsgalerie zum Teil. Allerdings scheint es mir so, als würde sie keine neuen Ideen fördern, sondern nur zeigen: Wir haben jetzt ein auf einzigartige Weise zerstörtes Bild für fünf Millionen Euro und das hängt bald in Stuttgart.

Streetartist Fred Collant:

Von mir gibt’s ganz klaren Widerspruch! Banksy steht mit seinem Tun gegen jedwede kommerzielle Vermarktung. Ein Bild, das im Fall eines Verkaufs oder einer Ausstellung zerstört werden sollte, eben um dem kommerziellen Gedanken entgegen zu wirken, dann später auszustellen. Uncool! Als Vergleich: Ein Musiker stellt seine Musik gratis ins Netz. Da wäre es unvorstellbar, dass ein Label kommt, die Musik auf Platte presst und anschließend verkauft. Warum sollte das also in diesem Fall klar gehen?! Für mich eine Frechheit und nicht im Sinne des Künstlers.

Künstlerin und Tischtennis-Fan Susanne Mang:

Was ist Kunst? Wer bestimmt was Kunst ist? Ich denke, dass es Banksy mit der Schredder-Aktion auf raffinierte Art bestens gelungen ist, auf die Widersprüche zwischen Kunstmarkt, Kunstbetrieb und Kunstinteresse in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Ich verstehe die Aktion als Teil seines Gesamtkunstwerks und als Kritik an der Kapitalisierung der Kunst. Damit hat er jenen, die den Kunstmarkt bestimmen, einen Spiegel vorgehalten. Nach der Auktion sprachen plötzlich alle, auch diejenigen die ansonsten nicht an Kunst-Diskussionen interessiert sind, über die Aktion und ihre Message. Ich freue mich, dass die Käuferin das Kunstwerk der Öffentlichkeit als Dauerleihgabe in der Staatsgalerie Stuttgart zugänglich macht. So kann jeder der möchte das Kunstwerk kostenfrei (mittwochs) betrachten, ganz im Sinne Banksys. Ich denke es motiviert einige junge Menschen oder Kunstmuffel, mal ins Museum zu gehen. Ich werde es mir auf jeden Fall ansehen.

Künstler Joaquin Lemaitre aka Fortunehunter:

Also ich glaube, Banksy wollte einfach als Künstler den Status Quo herausfordern, in dem er erstmal anonym bleibt und seine Werke direkt auf einer zugänglichen (allerdings nicht unbedingt immer legalen) Plattform realisieren wollte – nämlich den Straßen. Ich denke er wollte nicht den traditionellen und etablierten Ausstellungsweg der Kunst durch Galerien mitnehmen, sondern dieses System sogar allgemein konfrontieren und kritisieren. Jeder weiß, dass Kunstwerke oft von renommierten Namen für exorbitante Preise in Galerien oder Auktionen verkauft werden, was eine gewisse Absurdität beinhaltet. Bansky hat seine Message knallhart und pragmatisch direkt auf den Straßen mit Stencils und Farbe rüber gebracht. Seine Motive waren immer sehr politisch, provokant, gleichzeitig aber auch sehr aktuell auf die Gesellschaft bezogen. Er hat weder Geld noch Anerkennung dafür verlangt. Allerdings hat er beides bekommen. Meiner Meinung nach, hat das alles noch seine Sichtweise verstärkt. Deshalb sind die Aktionen, wie das geschredderte Bild, ein klares Beispiel, die etablierte Kunstszene und vor allem deren Institutionen infrage zu stellen und sogar zu verhöhnen.

Streetartist Busta:

Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Einerseits ist es hartes Marketing des Käufers, andererseits ein Versuch, Streetart salonfähig zu machen – zwischen Picasso und Duchamp. Ich denke beides geschieht nicht im Sinne des Künstlers.

Galeristin Sarah Haberkern:

Wer sich für den Mythos „Banksy“ begeistert und interessiert, der kann ja gar nicht so wirklich glauben, dass Banksy nur eine einzige Person ist – wie etwa beim Dismaland Projekt, kann das wirklich nur einer schaffen oder ist es eine Gruppe oder Agentur, was die ganze Sache ja nochmal anders beleuchten würden? Was jedoch fest steht, ist, dass Banksy immer wieder schafft zu überraschen und zu verblüffen, nie müde wird und sich immer etwas einfallen lässt, damit wir Stereotype-Situationen hinterfragen. Und das ist ja nichts schlechtes. Es gibt ja auch Spitzenverdiener unter den Künstlern, die selbst wendig denken, dies aber nicht nutzen um ihre Betrachter darauf hinzuweisen, dass es viel zu hinterfragen gibt, sondern es eher für sich nutzen, um Anklang zu finden. Deshalb habe ich keine Probleme mit dem Banksy, sondern eher damit, dass mein Hund nicht ins Museum darf – vielleicht darf der ja ins Dismalannd.

Künstler und DJ Robin Treier:

Ich hatte irgendwie nie eine emotionale Beziehung zu Banksys Arbeiten. Am interessantesten fand ich seinen Film. Ich mag jedoch, dass er da ist und die vielfältigen Diskussionen, die er regelmäßig lostritt. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, denen er einen leichten Zugang zu Kunstthemen ermöglicht. Diese Performance mit „Girl with Baloon“ ist dafür ein gutes Beispiel. Das ging ja von leichtfüßigem Amüsement über ernsthafte Diskussionen über den Stand von Streetart(-Rockstars) oder den Kunstmarkt an sich, aber auch bis hin zu Menschen, die Banksy einen inhaltslosen PR-Gag für und von Millionären vorwerfen. Es ist gut möglich, dass es für all diese Dinge eine Begründung in der Performance gibt. Ich sage „Performance“, da erst durch den Akt des Schredderns vor riesigem Publikum im Raum und via Internet-Livestream aus dem eher unscheinbaren, kleinen, gerahmten Werk etwas wurde, das eine größere Debatte auslöste – also erst durch den Rhythmus, der durch diese Tat entstand. Ohne die Hyperverknüpftheit unseres medialen Ökosystems als Akteur in der Performance wäre es glaube ich garnicht möglich gewesen dem Werk Inhalt zu geben. Jeder in der öffentlichen Debatte ist aus einer gewissen Perspektive betrachtet Co-Autor dieses Werks – bzw. des immateriellen und wirklich interessanten Teils. Das Übriggebliebene sehe ich als ein Relikt des eigentlichen künstlerischen Akts. Ich sehe keinen Grund weswegen es nicht in einem öffentlichen Museum hängen sollte. Dort kann es im Kontext zu anderen Werken unter Umständen wieder einen neuen Rhythmus auslösen und vielleicht vielen Menschen – angezogen durch die große Debatte und den Namen – beim Banksy-Angucken auch weitere interessante Werke von weiteren Kunstbewegungen eröffnen. Wie ich selbst erst später in meinem Leben entdeckte, ist die Kunstgeschichte voll von radikalen Punks. Ein Kunstwerk dessen Original zerstört wurde? Da ist Marcel Duchamps „La Fontaine“ von 1917 der OG – und meiner Meinung nach nicht zu Unrecht gewählt zum wichtigsten Kunstwerk des 20. Jahrhunderts. Kompromisslose Streetart? Ein Forscher über den ich in einer Bücherei (wörtlich) stolperte, eröffnete mir einmal, dass DaDa-isten selbst während des Dritten Reichs noch ihre provokativen Kunstplakate und Pamphlete auf den Straßen tapeziert haben. Der gute alte Renaissance-Punk Caravaggio war so sid-vicious-haft unterwegs während er Barock war bevor es Barock gab, dass sie probiert haben, seinen Namen für immer zu vergraben. Wenn Banksys Name mehr Leute in das Museum lockt, wo viel Freude und „Lebenschönermachendes“ und Bestauntes zwischen den Zeilen versteckt ist – schnieke Sache. Ich sehe da auch kein Widerspruch zum Gedanken der Streetart, die ja stets in ihrem Zuhause weiterlebt. Sie sollte sich aber nicht aus verfehltem Idealismus verwehren, den Zeitgeist den sie auf den Straßen im Labor stets neu in Frage stellen, auch an traditionelleren Orten zu infiltrieren. Streetart existiert letztlich schon weit über ein halbes Jahrhundert, sie sollte sich nicht selbst klein reden, sie ist Teil zeitgenössischer Kunst und hat offensichtlich die Fähigkeit gewonnen, internationale Debatten loszutreten (nicht nur durch Banksy). Das geht sogar soweit, dass auch die Streetart ihre kritisch beäugten Rockstars hat, die besprochen werden wie ein Damien Hirst im „klassischeren“ Kunstbetrieb. Kurzum: Banksy-Fan wurde ich nie direkt – das entschieden meine Gefühle. Aber ich finde es manchmal ziemlich interessant, was es auslöst, dass er da ist. Kurzum: Hängt das ruhig mal in ein Museum.

Banksy auf Instagram

Banksy ist nur auf Instagram aktiv. Dort kann man dem Streetartist und seinen Aktionen folgen. Gerade was das Schreddern des Ballonmädchens angeht, sind mehrere Posts zu sehen. In einem Video verrät der Künstler, wie er die Aktion vorbereitet hat und stichelt noch einmal vehement gegen den Konsumwahnsinn der heutigen Gesellschaft und des Kunstmarkts. Banksy postet dazu auch einen Chatverlauf, der zeigt, was er von seinen Bildern in Museen hält.

Zu sehen ist „Love is in the Bin“ ab 7. März in der Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30-32.

Eintritt: 7 € / 5 € ermäßigt
Mittwochs ist der Eintritt in die Sammlung für alle frei.

Mitglieder der Freunde der Staatsgalerie, Studierende, Auszubildende, Teilnehmer an Freiwilligendienste sowie Kinder und Jugendliche (bis einschließlich 20 Jahre): Eintritt frei.

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