B-Girl Sophiela: Die breakende Physio-
therapeutin

Sophie Manuela Lindner ist ein B-Girl wie es im Buche steht. Durch Breakdance blühte sie auf, tanzte sich frei, verletzte sich viel. Zurück auf dem Boden der Tatsachen erkannte die ausgebildete Physiotherapeutin ihre Mission, gesundes Tanzen voranzutreiben. Und das nicht nur hier, sondern weltweit – unter anderem mit der Projektreihe Meducate Dance. Mit einem Event bestehend aus Film, Vortrag und Live-Musik wollen sie und ihre Kollegen Jens und Bao Chau am Sonntag in Heslach nicht nur Danke sagen, sondern auch vernetzen und zum Austausch einladen.

Stuttgart – Sophie ist gebürtige Österreicherin, der Liebe wegen kam sie vor fünf Jahren nach Stuttgart und blieb. Vor allem auch, weil sie wahre Crew-Love im Kessel fand. Die Skillsisters sind nicht nur Schwestern im Geiste, sondern auch eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige aktive B-Girl-Crew, die so groß ist und in der gleichen Stadt wohnt. Bäääm. Jede habe auch ihre eigenen Projekte wie zum Beispiel Jana mit Female Fellows. Doch zusammen sei man stark, supporte sich – auch vor dem Traualtar. „Die Szene in Stuttgart ist so klein, wir sind eine Familie“, freut sich Sophiela, so ihr B-Girl-Name, den ihr Breakdance neben Fun, Passion und Expression schenkte.

Breakdance als Therapie

„Ich tanze seit ich ein Kind bin“, erinnert sich Sophie gerne zurück. Mit Kindertanz und Ballett – ganz klassisch – habe alles angefangen, mit 10 Jahren kam die heute 30-Jährige schließlich auf ein Gymnasium mit Schwerpunkt Tanz und machte dort mit einer Tanz-Performance ihr Abitur. Das musste irgendwie auch alles so kommen, bei einer Mama, die selbst Hip-Hop tanzte und unterrichtete.

Mit 18 Jahren ging es für das tanzbegeisterte Girl aus Österreich erstmal nach Madrid, dort absolvierte sie ein freiwilliges soziales Jahr und besuchte Hip-Hop-Klassen. „Die Kurse haben aber nicht so zu mir gepasst, waren mir zu funky und sexy.“ Vielmehr sympathisierte Sophie mit den B-Boys, die auf dem Marmorboden einer U-Bahn-Station trainierten. „So bin ich zum Breakdance gekommen.“

Sie habe Glück gehabt, erzählt sie, sei schnell von einer Crew aufgenommen und gepusht worden. Natürlich blieb man gemeinsam der Straße treu, tanzte Shows vor Publikum. Davor Bammel hatte das B-Girl nie. „Ich kannte die Tanz-Performances ja von meiner Jugend, weil ich im Gymnasium auch immer auf der Bühne stand. Das hat mir Spaß gemacht, da habe ich mich wohlgefühlt.“

Zurück in Österreich – damals war Sophie bereits bestens in der Breakdanceszene integriert – merkte sie schnell:

Breakdance ist der Tanz, bei dem ich mich richtig frei fühle und ich selbst sein kann! Beim Breaken kann ich meine Story durch den Tanz erzählen.

Es sei wie eine Therapie. „Du kombinierst Körper, Geist und Seele und kehrst dein Innerstes nach Außen.“ Das sei eigentlich „voll der Prozess“. Sophie war on fire, trainierte wie verrückt und tanzte angefeuert drauf los, wild und losgelöst – die Folge: viele Verletzungen. „Weil ich nicht wusste, wie man richtig trainiert. Breaken als Subkultur hat auf der Straße angefangen, da wärmt sich keiner auf oder dehnt sich. Du trainiert und tanzt trotzdem weiter, auch wenn du Schmerzen hast.“

Die Erleuchtung kam Sophie bereits in Madrid, dort hatte sie ein Physiotherapeut behandelt. „Das war wie Magie, ich konnte danach wieder tanzen, habe mich so befreit gefühlt und gewusst: Boah, das möchte ich auch können. Und deshalb bin ich Physio geworden.“ Während des Studiums wurde der Tänzerin außerdem bewusst: „Hätte ich das alles früher gewusst, hätte ich mir so viele Verletzungen und OPs gespart.“

Urbaner Tanz und Tanzgesundheit

Viele hatten Sophie als angehende und später praktizierende Physiotherapeutin geraten, das Breaken sein zu lassen. Die Gefahr, sich zu verletzen, sei zu groß. „Das war für mich natürlich emotional sehr schwierig, wir identifizieren uns ja auch stark über den Tanz und ich habe gemerkt: Das ist noch echte Pionierarbeit. Denn es gibt eine Form, gesund zu breaken, wenn du richtig trainierst, stabilisierst, die Technik beherrschst.“

Und daraus entstand Urban Dance Health – ein Verein to be. Unter dem Deckmantel von Workshops ist sie an den Start gegangen, 2014 der zukünftige Verein zu seinem Namen gekommen und in Projektarbeit übergegangen. In Zukunft will sie mit ihrer Kollegen-Crew Jens und Bao Chau Projekte im Bereich urbaner Tanz und Tanzgesundheit vorantreiben.

Auf Mission mit Meducate Dance

„Und damit wollen wir was an die Community zurückgeben. Weil wir stark von dem Wissen über Gesundheit profitieren.“ Bei den Ausbildungen und Studien (unter anderem mit 130 B-Boys) hätten sie so viel darüber gelernt. Und weil die drei breakenden Physios weltweit viele andere B-Boys und B-Girls kennen, sind sie das Projekt Meducate Dance angegangen.

Von Brasilien über Äquatorialguinea ging es auf die Philippinen – ohne Filmteam, aber mit einer Mission: zu inspirieren. Insgesamt wurden 66 Tänzerinnen und Tanzlehrerinnen ausgebildet und zertifiziert. Durch die Urban Dance Health Tanzfestivals und Gesundheitsworkshops konnten die Drei zahlreiche Menschen für die Kombi aus Tanz und Gesundheit begeistern.

Meducate Dance im Generationenhaus Heslach

Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Die Crew will auf jeden Fall weiter reisen. „Wir haben aber auch gemerkt, um wirklich nachhaltig zu sein, braucht es ein Folgeprojekt.“ Der Traum: Aus jedem Land sollen circa fünf Tänzer und Tanzlehrer in Stuttgart zusammenkommen, sich austauschen und einen Vertiefungskurs in Gesundheit machen. Das wäre der nächste Step. „Der Hintergedanke, unsere Vision, ist es ja, eine globale Bewegung in Tanzmedizin zu schaffen“, betont Sophie.  Man wolle wirklich etwas bewegen. „Damit du auch noch mit 50 breaken kannst“, sagt sie lachend. „Da muss aber eine Veränderung im Gesundheitsbewusstsein bei den Tänzern, Tanzlehrern und Medizinern geschaffen werden. Es funktioniert nur, wenn wir ganzheitlich arbeiten. Das Netzwerk wird immer größer – und ich glaube fest dran.“

Am Sonntag, 30. Juni, wird zwischen 17 und 20 Uhr ins Generationenhaus Heslach (Rudolf-Schmid-Saal) Gebrüder-Schmid-Weg 3, eingeladen – als Dankeschön für die Unterstützer zu einem Event bestehend aus Vortrag, dem 40-minütigen Film, Live-Musik und einer Dance-Performance. Danach darf sich fröhlich ausgetauscht, vernetzt und gejammt werden. Feel free to stay, ask and dance!

Titelbild: Tanja Simoncev

Fotos: Urban Dance Health

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