Autoren-Battle: Sind Sprach-
nachrichten eher Frechheit oder Segen?

Selbst Stadtkinder sind sich nicht immer einig. Insbesondere beim brisanten Thema Sprachnachrichten können sich die Fronten schon mal verhärten. Wir schicken wieder zwei unserer Autoren ins Wortgefecht.

Stuttgart – Überall werden die Telefonzellen abgerissen, die Generation Z hat schon gar keinen Festnetzanschluss mehr. Kommuniziert wird dennoch – am liebsten per Sprachnachricht. Das finden viele super, viele aber nicht so. Wir haben die Stadtkind-Autoren Jennifer Wrona und Björn Springorum in den Ring geschickt, um die Sache mal auszudiskutieren.

Hands up for Sprachnachrichten (Jennifer Wrona)

Sprachnachrichten sind die Brieftauben des 21. Jahrhunderts. Nur besser. Und zuverlässiger. Als Generation-Telefonieren-Phobie setze ich mich stark für den Gebrauch von Sprachnachrichten ein. Sie sind praktisch, informativ und jederzeit einsetzbar. Ich würde meinem Stromanbieter lieber eine Sprachnachricht hinterlassen, als ewig in Warteschleifen zu hängen oder wochenlang E-Mails hin und her zu schicken. Im Gegensatz zu einer Mailboxnachricht sehe ich ganz genau, wann meine Sprachnachricht angehört wurde und muss kein Geld für ein Einschreiben ausgeben.

Sprachnachrichten wollen gelernt sein

Doch ich muss einräumen, dass ich dem lieben Björn da unten in einem (!) Punkt zustimme. Manch einer/eine schickt Sprachnachrichten aus der Hölle. Die Qualität im pfeifenden Wind lässt zu wünschen übrig. ABER! Ich kontere damit, dass es liebevolle Sprachnachrichten gibt.

Ich sende Sprachnachrichten, wenn ich Freunden, die nicht mehr in meiner Nähe wohnen, eine Geschichte erzählen möchte. Und das mache ich eben nicht, wenn ich gerade in einer lauten Umgebung bin. Wenn mir eine Sprachnachricht nicht gefällt, nehme ich sie nochmal auf. Und das hat den grandiosen Effekt, dass man sich automatisch kürzer fasst.

Außerdem kann ich die Emotion „hab unseren Song gerade beim Einkaufen oder in der Lieblingsbar gehört“ wohl kaum in lächerliche Worte packen. Da wird auf die Aufnahmetaste gedrückt, unkommentiert abgeschickt und beide Parteien können sich selig darüber freuen. Ganz wortlos.

Hassobjekt: Ein klingelndes Telefon 

Außerdem: Ich hasse telefonieren. Die blanke Panik setzt ein, wenn meine Musik auf dem Smartphone plötzlich leiser wird und das schrille Klingeln ertönt – noch schlimmer: der Anruf von einer unbekannten Nummer. Ich stelle mich dann tot, denn wegdrücken wäre unhöflich und die Mailbox kommt ganz automatisch.

Inzwischen bin ich überzeugt davon, dass wichtige Anrufer auch genauso gut eine Mailbox-Nachricht hinterlassen können. So wie eine Sprachnachricht, nur uncooler. Diese blanke Telefonpanik scheint ein weiterverbreitetes Phänomen meiner Generation zu sein. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Aber eigentlich ist es ja auch ganz einfach. Jemand, der mich anruft, erwartet von mir jetzt Zeit zu haben. Abgesehen von meiner Telefonpanik, habe ich die meistens genau dann nicht.

„Ich plädiere für liebevolle Sprachnachrichten“

Wenn dann auch noch keine Nachricht hinterlassen wird, verbringe ich Stunden damit zu grübeln, weswegen man mich wohl angerufen haben könnte. Bei einer Sprachnachricht? Kein Problem. Die höre ich mir an, wann ich will, wenn ich Zeit habe und erspare es mir, lange Nachrichten zu lesen.

Außerdem kann ich mir in Ruhe überlegen, was ich antworte und die Antwort abschicken, wann ich das möchte. Win-Win-Situation, oder? Ich plädiere also für liebevolle Sprachnachrichten. Ohne Hintergrundgeräusche und maximal 3 Minuten lang.

PS. Um Björn auf seinen Text zu antworten, habe ich ihm als Antwort eine Sprachnachricht geschickt. Er hat sie sich auch angehört.

Daumen runter für Sprachnachrichten (Björn Springorum)

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, den Kommentar meiner hochgeschätzten Kollegin Jennifer nur mit einem Zitat zu kontern. Bäm, nimm das, damit ist ja wohl alles gesagt, oder?

Dann dachte ich eine Weile drüber nach. Und noch eine Weile. Noch ein bisschen. Und beschloss für mich, dass das Thema viel zu ergiebig ist, um es so kurz abzukanzeln. Und als ich dann ihren Kommentar hier zu diesem Thema las, da stand fest: Leinen los!

Not my president

Es fängt nämlich schon mit dem Betreff ihrer E-Mail an, in der sie mir ihren Text schickte. Wahrscheinlich muss ich ja schon froh sein, dass sie mir ihren Kommentar nicht als Sprachnachricht sendete.

Der Betreff jedenfalls lautete: „Sprachnachrichten for president“. Und na ja, dem kann ich tatsächlich zustimmen. Denn ein Blick in die Welt zeigt ja, wie es um einige Präsidenten bestellt ist, oder? Die wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind.

Egotrip: Telefon

Egal, steigen wir in den Ring. Zunächst muss ich allerdings erst einmal feststellen, dass Jennifer und ich in einem nicht gerade unerheblichen Punkt übereinstimmen: Telefonieren is the worst! Anachronistisch, vom Anrufer höchstgradig egoistisch, unpraktisch, viel zu spontan, reißt aus allem raus, was man gerade macht.

Jaha, könnte man jubilierend denken, dafür gibt es jetzt ja Sprachnachrichten. Doch die sind die Geißel der Generation WhatsApp. Denn auch wenn eine Sprachnachricht aus der Ferne wie die wohlwollende, entspanntere Schwester des Telefonierens wirkt, steckt der Teufel bekanntlich im Detail.

Noch ein Egotrip: Sprachnachrichten

Und dieses Detail lautet: Irgendwann muss ich mir die Scheiße ja doch anhören! Und da ist es jetzt wirklich nicht so, dass sich der Sprecher kurz fasst, nach dem Motto: „Treffen um 15.00 Uhr. Stopp. Wein vorhanden. Over.“ Nein, nein, nein. Meist läuft der Aufzeichner/die Aufzeichnerin einer Sprachnachricht gerade von A nach B, was für lästiges Windgepfeife und Rauschen sorgt. Oder er wartet auf eine Bahn. Oder sie sitzt im Auto. In jedem Fall hat man gerade viel zu viel Zeit und denkt sich: Ach, ich könnte doch dem Björn noch mal wegen heute Abend Bescheid geben.

3 Minuten und 13 Sekunden leeres Gewäsch

Zack, Sprachnachricht aufgenommen, zack, gesendet. Bling, sie kommt bei mir an. Drei Minuten und 21 Sekunden. Äh, was? Ich höre die Nachricht ab, quäle mich durch einen kurzen Abriss, wo die Person gerade ist, warum sie da ist und überhaupt, ausgarniert mit Floskeln, Ähs und Irrelevantem. Drei Minuten und 13 Sekunden später dann: Ach ja, heute Abend 19 Uhr passt. Bis später also, ciao!

Kommunikation ist das nicht

Das ist nichts anderes als ein Anrufer, der mich gerade aus höchst wichtiger YouTube-Recherche reißt, um zu fragen, ob seine E-Mail angekommen ist. Es! Stiehlt! Zeit!

Und das Argument, dass die Sprachnachricht die sozialere Form der Kommunikation ist, weil wir zumindest unsere Stimme einsetzen anstatt ganze Sätze aus Emojis zu bilden, lasse ich nicht zählen. Wenn es wirklich wichtig ist, wenn man wirklich mit jemandem sprechen muss, dann reicht eine Sprachnachricht nicht. Dazu braucht es richtige zwischenmenschliche Kommunikation, die nicht aus einem pfeifendem Wind oder einer ratternden Stadtbahn im Hintergrund besteht. Sondern aus Worten, Gesten, Mimik, Körpersprache. Und dem satten „Kling“, wenn man mit einem Glas Wein anstößt.

Win-Win? Win-Lose!

Aus einer Win-Win-Situation bei Sprachnachrichten wird also eine Win-Lose-Situation. Und damit sind wir wieder bei dem eingangs erwähnten Zitat, das ich hier dennoch nicht unerwähnt lassen möchte:

„Don’t use the phone. People are never ready to answer it. Use poetry.“ (Jack Kerouac)

Heute würde er wahrscheinlich sagen: „Don‘t use the Sprachnachricht. People don‘t want to hear your nonsense.“ Ich beherzige das. Und beantworte Sprachnachrichten wie die, die mir Jennifer nach Vollendung ihres Artikels zuschickte, weiterhin trotzig mit Text. Vielleicht ja auch mal in Reimform.

Anm. d. Red.: Unsere beiden Autoren haben sich nach dem Battle wieder vertragen. Alles gut bei Stadtkind Stuttgart.

(Titelbild: rawpixel)

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