Hier fühlt sich Stuttgart (fast) wie Tokio an

Von einer Reise nach Tokio träumen wir spätestens seit dem Film „Lost in Translation“: Großstadt-Vibes, Ramen an jeder Ecke und stilsicherer Minimalismus on fleek. Wer aber weder Bock auf den langen Flug, noch das nötige Kleingeld dafür hat, der kann sich durchaus auch in Stuttgart wie in Japan fühlen.

Stuttgart – „Big in Japan“, auf geht’s, ab geht’s – das Herz sagt „Ja“, der Geldbeutel meistens „Nein“. So ein Trip nach Tokio verschlingt halt schon ordentlich Kohle. Aber keine Panik, um sich wie in Japan zu fühlen, muss man nicht unbedingt dort (gewesen) sein. Das geht auch ganz gut bei uns im Kessel. Coole Sushi- und Ramen-Spots treffen auf lokale Mode-Designer, die sich bei ihren Kollektionen vom Streetstyle auf Tokios Straßen inspirieren lassen. Und auch in Sachen Ambiente kann Stuttgart locker mithalten – mit einem hübschen Japan-Garten mitten im Schloßpark zum Beispiel, plus herrlich blühender Kirschbäume. Was will man mehr?!

Tokio-Vibes im Kessel

Stuttgart kann mehr, als der erste Eindruck vermuten lässt – unter anderem auch super international daherkommen, so dass man eigentlich gar nicht mehr verreisen muss. Ob Paris-, Berlin– oder Italien-Vibes: alles möglich im Kessel. Und auch Japan müssen wir im „Städtle“ nicht vermissen, hier kommt der Beweis:

Der Japan Garten in Stuttgart

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Braucht Stuttgart einen Nachtbürger-
meister?

Das Club Kollektiv Stuttgart gibt weiterhin Vollgas und will bis Ende des Jahres die Stellenentwicklung des Nachtbürgermeisters vorantreiben. Dieser soll als Ansprechpartner, Moderator und Experte zwischen den verhärteten Fronten Nachtleben und Stadt vermitteln. Wir haben im Stuttgarter Club-Kosmos mal nachgefragt, warum ein sogenannter „Night Mayor“ wichtig wäre.

Stuttgart – „Wieso braucht Stuttgart einen Nachtbürgermeister?“, dieser Frage hat sich das Club Kollektiv Stuttgart angenommen. Während viele Städte in Deutschland ihr Nachtleben stolz nach außen präsentieren würden, habe es hier vor Ort eine nachgeordnete Stellung. „Problemlagen wie Lärm, Müll, Drogen oder Gewalt werden überbetont und die vielen positiven Aspekte eher am Rande erwähnt“, heißt es im Konzept des Kollektivs. Bei der Lärmproblematik etwa wäre der Nachtbürgermeister ein Moderator zwischen Anwohnern, Verwaltung, Politik und der Szene. „Damit es eben gar nicht erst zu Beschwerden kommt, sondern das Ganze möglichst früh über einen Dialog gelöst wird.“ Der „Night Mayor“ soll aber auch ganz allgemein ein Ansprechpartner sein, zum Beispiel für Neu-Gastronome, die einen Betrieb eröffnen wollen. Viele wissen nicht, was auf sie zukommt, gerade wenn man nicht so tief in der Szene verankert ist. „Der Nachtbürgermeister soll also auch beraten, damit eine kulturelle Vielfalt im Nachtleben der Stadt gewährleistet ist und sich nicht nur der Mainstream durchsetzt.“

Verstehen, handeln und vermitteln – ein Night Mayor für Stuttgart

Und welche Aufgaben sollen außerdem in der Hand des Nachtbürgermeisters liegen? „Er soll auch handeln können“, betont das Kollektiv. Es gibt schließlich immer wieder schwarze Schafe in den Betrieben, die keine gültige Konzession etc. haben – und die gelte es zu verwarnen. „Damit diese Einzelfälle nicht negativ auf das gesamte Nachleben zurückfallen!“ Dafür sei der „Night Mayor“ perfekt geeignet, „weil er im Idealfall versteht wie Verwaltung funktioniert, aber auch weiß, wie die Szene tickt.“ Da es die perfekte Person, die beides abdeckt, wahrscheinlich nicht gibt, sei man um zwei Stellen bemüht.

Mit den Clubs und der Stadt sprechen in Stuttgart immer zwei verhärtete Fronten miteinander und die würden wir gern mit einer moderierenden Stelle abbauen.

In keinem Fall solle die Stelle als rein repräsentativer Kummerkasten gestaltet werden, sondern als klares Bindeglied zwischen den Akteuren des Nachtlebens, der Politik, Verwaltung und den Anwohnern. Themen wie die Musikszene, Bars und Subkultur im Allgemeinen werden ebenso in die Aufgaben einfließen, um gesamtheitliche Ideen, Konzepte und Lösungen zu schaffen.

Das sagen Stuttgarter Veranstalter und Club-Betreiber zur Stelle des „Night Mayor“:

Tobias Rückle, Veranstalter und Labelbetreiber von LOVEiT:

„Ich bin überzeugt von einem Mehrwert des Night Mayor und einer Koordinierungsstelle für die Stadt. Einerseits gibt es akute Probleme im Nachtleben mit mangelndem Lärmschutz, nicht immer besonders toleranten Anwohnern, vielen bürokratischen Hürden und komplizierten Genehmigungsverfahren. Andererseits gibt es keinen strategischen Plan für das Nachtleben der Stadt. Das sind nur zwei Gründe für den „Nigth Mayor“ und die Koordinierungstelle in der Stuttgarter Verwaltung.“

Climax-Club-Manager Florian Buntfuss:

Stuttgart braucht einen Nachtbürgermeister, allerdings störe ich mich ein wenig an dem Begriff, da finde ich Night Mayor passender. Es geht darum Brücken zwischen allen beteiligten Parteien zu schlagen und zu vermitteln. Diese neue Schnittstelle zwischen Verwaltung, Politik, Anwohner und Gastronomen ist seit Längerem überfällig und wird ein entscheidender Faktor beim Finden von Lösungsansätzen sein. Der Tourismus und demzufolge auch die Gastronomie sind in Zeiten wie diesen ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor in unserer liberalen Stadt.

Elmar Jäger, Veranstalter und Grafiker (Levels, Stuttgart Burlesque Festival, Corso Cabaret):

Unabhängig von der jeweiligen Landesregierung hat Stuttgart ein unrühmliches Los: Jahrzehnte lang wurde nicht erkannt, dass das Kultursegment Nachtleben nicht nur von einer handvoll etablierter Diskotheken getragen wird. Auch eine Vielzahl von Bars, Clubs, Veranstaltern, Künstlern, die innerhalb einer Subkultur agieren und genau die für eine Großstadt so wichtige Vielfalt von Angeboten erzeugen, ist dabei entscheidend. Die Stadt Stuttgart hat sich – wenn auch möglicherweise unbewusst – dafür entschieden, diese Chance nicht für sich in Anspruch zu nehmen. Der Posten eines Nachtbürgereisters erschafft eine Verbindung und Kommunikation zwischen diesen Ebenen und ermöglicht idealerweise eine faire Förderung dieses Kulturbereichs. Denn auf eine derartige Vielfalt zu verzichten, kann sich im Jahre 2019 keine Großstadt in Deutschland imagemäßig mehr leisten. Es sei denn, sie will gar keine Großstadt sein.

Martin Labacher, Projektmanager bei 0711 Entertainment // head of booking & marketing bei der Schräglage:

Ja, Stuttgart braucht eine Stelle, die in der Stadtverwaltung und allgemein auf bürokratischer Ebene zwischen Nachtleben-Schaffenden und Politik vermittelt. Das Mannheimer Modell wird dem – meiner Meinung nach – nicht gerecht, ist aber ein guter erster Schritt. Der Begriff „Nachtbürgermeister“ beschreibt diese Position allerdings unzureichend und kann leicht falsch verstanden werden.

Veranstalter Blendi Krasniqi (The House of Murphy):

Ein Nachtbürgermeister macht auf jeden Fall Sinn. Aber es kommt eben auch drauf an, wer es dann wird. Denn der Night Mayor muss unbedingt neutral sein, also weder auf der Seite der Stadt, noch auf der der Club-Betrieber und Veranstalter. Außerdem dürfte er nicht nur bestimmte Clubchefs etc. bevorzugen, wenn es um Genehmigungen für Open-Airs oder ähnliches geht. Der Nachtbürgermeister sollte außerdem nicht zu alt und auch im Nachtleben aktiv sein.

Das Club Kollektiv Stuttgart: Tobias Rückle, Colyn Heinze, Juliane Blanck und Rainer Guist (von links).

Am 18. Oktober hat das Club Kollektiv Stuttgart eine „Club-Tour mit der Politik“ geplant. An diesem Abend will man gemeinsam durch die Clubs im Kessel ziehen und mit den Clubbetreibern ins Gespräch kommen.

Apropos Club Kollektiv. Seit Ende letzten Jahres weht ein frischer Wind durch die Club-Landschaft im Kessel. Und das nicht etwa, weil neue beziehungsweise alte Clubs (wieder) eröffneten, sondern weil das Club Kollektiv einen neuen Vorstand wählte, der ordentlich Vollgas gibt. Schnell war ein Positionspapier formuliert, das Themen wie Open-Air-Flächen, ein belebtes Neckarufer oder eben auch die Stelle des Nachtbürgermeisters auf den Punkt bringt, im Mai debattierte man darüber bei einer Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl. Doch wer sind die Vier, die der Club-Kultur im Kessel eine Stimme geben? Hier stellen sich Rainer, Colyn, Juliane und Tobias vor >>>

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Ein Spielautomat wandert durch Stuttgarter Bars

Er steht noch bis Mitte September im Raucherbereich der Bar Fais Dodo, sieht aus wie eine Zigarettenschachtel und brachte seinen Ideengeber dazu, mit dem Rauchen aufzuhören: der Spielautomat MadLove. Was steckt hinter dem interaktiven Kunst-Objekt? Wir haben nachgefragt.

Stuttgart – Genauer gefragt: Wer erweckte den wandernden Spielautomaten zum Leben? Zum einen Stefan, der nach eigenen Angaben „eigentlich“ Entwickler ist und im letzten Jahr seinen festen Job gekündigt hat, um sich mal ein bisschen bei freien Projekten auszutoben – „und ich habe eine Menge Freunde an der Kunstakademie“, stellt er lachend fest. Die perfekte Überleitung zu Christian bzw. Gurkiman, der dort Kommunikationsdesign studiert. Das Projekt habe nicht so viel mit seinem Studium zu tun. „Aber ich war passionierter Raucher.“ Kein Wunder folgt wenige Momente später der Satz: „Die Idee dazu hatte ich beim Rauchen.“ Die Rede ist vom Spielautomat MadLove, der erst anders hieß – man kann es sich denken. Beim legendären AKA-Rundgang, der kürzlich stattfand und bei dem Studenten ihre Arbeiten des vergangenen Jahres zeigten, hatten schließlich auch die beiden Kreativköpfe ihr interaktives Kunst-Objekt präsentiert. „Darauf haben wir hingearbeitet, es ist aber nicht dafür entstanden“, erklärt der Student.

Schnappsidee, Raucherbereich, Nostalgie-Vibes

„Eigentlich war’s voll die Schnapsidee“, sind sich die Freunde einig. Aber nicht wie wir uns das jetzt vorstellen: trinkfest in einer Raucherkneipe die Idee eines Spielautomaten feiernd. „Neeee! Irgendwann letzten Winter saß ich allein in der Küche, habe geraucht – und beim Rauchen über Videospiele nachgedacht: Ach, das wär doch lustig, da eine Animation draus zu machen“, erinnert sich Gurkiman. Aus der Idee wurde ein Video und das ging als Post auf Instagram viral.

Daraufhin hatte sich Stefan bei Christian gemeldet, voll motiviert: „Hey, lass uns das programmieren.“ Und weil die Jungs Zeit und keinen Bock auf halbe Sachen hatten, dachten sie sich: Lass uns noch einen Automaten dazu bauen. Das sei peu à peu etwas eskaliert, erzählen die beiden lachend. Passend dazu ist auch eine Posterserie entstanden. „Das ist tatsächlich klassisches Kommunikationsdesign und hat dann doch etwas mit meinem Studium zu tun.“

Und wie einfach oder auch schwer ist es einen Spielautomaten zu kreieren? „Uns war wichtig, dass es vom Stil wie ein altes Spiel daherkommt – ohne Game-Engine, die Logik musste ich komplett selbst schreiben“, erklärt Stefan. Grafisch habe Gurkiman alles umgesetzt. „Wir hatten an uns auch den Anspruch, dass es Bock macht das Spiel zu zocken – das war tricky.“ Die Herausforderung dabei: Es darf nicht zu monoton, aber auch nicht zu dynamisch sein. Auch den Automat baute Gurkiman komplett selbst.

Eine Wanderausstellung in den Bars von Stuttgart

Nach dem Rundgang ist vor dem Fais Dodo: „Es war uns auch einfach zu schade, den Automat verstauben zu lassen. Semesterarbeiten haben normalerweise auch nicht so einen Umfang“, betont Christian. Und viele hätten auch gefragt: Und was habt ihr jetzt damit vor? „Und dann haben wir einfach mal ein paar Bars angeschrieben.“ Denn der Automat soll wandern. Eine Website wird folgen, auf der nicht nur steht, wo sich der Automat gerade befindet, sondern auch der Highscore und die Top-Ten-Liste. To be continued.

Die Maße des Automaten:

Höhe: 1,84 m
Breite: 65 cm
Tiefe: 84 cm

„Es gibt kaum ein Videospiel, das so zynisch ist wie unseres“, findet Gurkiman lachend. „Vor allem wenn man bedenkt, dass ich bis zu Veröffentlichung selbst noch geraucht habe wie ein Schlot.“ Dass der Automat im Raucherbereich vom Fais Dodo steht, sei eigentlich eher Zufall, es passe von den Räumlichkeiten einfach am besten.

Das Spiel ist eine ironisch-zynische Auseinandersetzung mit dem Thema Rauchen. Die Spielmechanik lehnt sich dabei an den Arcade-Klassiker der Achtziger ‚Breakout‘ an.

Let the Wanderausstellung begin…

Apropos Arcade. Bei Janina Messerle und Sebastian Heitzmann vom Fais Dodo kam der Automat gleich super an. Man würde ihn sofort mit der Kindheit verbinden, wie man auf Campingplätzen Urlaub machte und am Arcade zockte. Und auch die Gäste freut’s.

Im Fais Dodo steht „MadLove“ noch bis Mitte September, danach zieht er weiter ins Icecafé Adria.

Aufgepasst: Das Fais Dodo hat vom 18. bis 30. August geschlossen, öffnet aber zwischendurch, am 24. August, für das Sommerfest. Mehr Infos gibt’s hier >>>

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Besuch im Kessel: Der Stuttgart-Guide für Freunde

Die beste Aussicht, das leckerste Eis und die kühlsten Drinks: Wenn Freunde im Kessel zu Besuch sind, will man Stuttgarts coole Ecken präsentieren. Gut, dass wir Stadtkinder wissen, wo die zu finden sind.

Stuttgart – Aussichtspunkte ohne Ende, coole Coffee-Spots an jeder Ecke und Tierbegegnungen der etwas anderen Art – der Kessel hat jede Menge zu bieten und kann auch Kunst. Das soll dem Besuch natürlich nicht entgehen. Wenn die Freunde erstmal in der Stadt sind, heißt es losziehen und Stuttgart Tag und Nacht erkunden – am besten zu Fuß und mit jeder Menge Fun.

Kaffee, Kunst und Kino

Da sollte das Wetter keine Rolle spielen und auch bei Regen keine Langeweile aufkommen. Gut, dass wir Stadtkinder nicht nur ständig on Tour sind, sondern auch wissen wie man den Besuch am besten bespaßt. Es folgt ein buntes Sammelsurium an Tipps. Viel Spaß!

Foto: Unsplash/Devin Avery

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Danny (Ma Fanny): „Drag ist nicht bequem!“

Regenbogen-Fahnen, Pride-Parolen und eine wichtige Message: Liebe, wen du willst. Auf der diesjährigen CSD-Polit-Parade herrschte wieder buntes Treiben. Mittendrin statt nur dabei: Dragqueen Danny Ma Fanny. Sie ist das Alter Ego von Hairstylist Danny Dombrowski aus Stuttgart-Ost. Wir haben den 25-Jährigen bei seiner Verwandlung begleitet.

Stuttgart – Es ist Samstagvormittag – spätestens um 11 Uhr, hatte mir Danny noch am Vorabend geschrieben, wolle er mit dem Styling beginnen. Drei Stunden müsse man dafür schon einplanen. Tja, nur leider bin ich wie immer etwas spät dran – natürlich unabsichtlich –, also muss es bei meiner Ankunft schnell gehen, wir machen das Vorher-Foto und nehmen mit einer Tasse Kaffee am Tisch Platz. Dort liegt alles fein säuberlich sortiert – Make-up, Pinsel und Tuben – und ein Spiegel, der super fancy, iPad-like leuchtend daherkommt. Danny legt routiniert los, greift als erstes zu einem Klebestift (ja, ihr habt richtig gelesen), um sich die Augenbrauen abzukleben. Ich gucke ihn fragend an. Es sei der billigste, aber auch der beste Kleber, meint er wie selbstverständlich. Aha. „Er wird schon wissen was er tut“, denke ich mir.

Drag: Die Verwandlung in eine andere Person

Während sich Danny also seinen Augenbrauen widmet, fängt er an, von seiner Kindheit und Jugend zu erzählen. Ursprünglich sei er aus Leipzig, aber mit elf Jahren nach Aalen gezogen und auf der „wunderschönen, schwäbischen Ost-Alb“ aufgewachsen. Die Schulzeit hat der 25-Jährige als nicht ganz so prickelnd in Erinnerung. „Aber wer hat das schon?“, frage ich mich.

 Ich war eben schon immer ein sehr femininer Junge, wurde deshalb nicht gemobbt, aber habe halt auch nicht zu den Coolen gehört.

Während dieser Zeit hat Danny nie offen über seine Sexualität gesprochen, obwohl er sich bereits mit 17 Jahren geoutet hatte. „Ich wollte nicht, dass es dann komisch wird.“ Im Endeffekt habe es sich eh jeder gedacht, sagt er schulterzuckend. Wir lachen. Die treibenden House-Beats im Hintergrund bringen unser Gespräch in Fahrt. „Bei meiner Friseurausbildung war das dann alles kein Problem mehr“, betont der Hairstylist und beginnt, sich rhythmisch zur Musik abzupudern.

„Und wie war das Outing für deine Family?“, frage ich. Anfangs nicht so dolle, aber später seien alle voll okay damit gewesen. „Mein Zwillingsbruder hat sich dann vier Jahre später geoutet.“ Seitdem hätte man auch wieder eine stärkere Verbindung. Apropos Zwillingsbruder. Punkt 12 – nein, nicht die Sendung – Danny ist mittlerweile schon beim Contouring (on fleek) angekommen, klingelt es und Tommy steht mit seinem Freund Jonas vor der Tür. Mit im Gepäck hat er das CSD-Outfit für seinen Twin. Und aus mir platzt es heraus: „Er sieht aus, wie du vorher ausgesehen hast.“ Irre. Anderes Thema.

Wir plaudern munter weiter. Die beiden verbinde keine übernatürliche Zwillingsbeziehung, trotzdem sei man sehr close, erklärt Danny. Und wir stellen fest, dass die beiden sich jetzt auch perfekt ergänzen – so als Dragqueen und Fashion-Designer. „Aufgrund meiner Drag-Geschichte war Tommys Bachelor-Thema dann auch Drag“, so Danny. Wie passend, freue ich mich für die Brüder.

Während sich der leidenschaftliche Friseur immer mehr in Danny Ma Fanny verwandelt, schwärmt er von Stuttgart, wir bestellen eine Pizza, ich trinke mittlerweile meinen zweiten Kaffee. Wir sind uns einig, dass unser Städtle einiges zu bieten hat und Berlin doch völlig überbewertet sei. „Ich bin voll der Stuttgart-Fan“, betont Danny und zieht seine Fake-Augenbraue schwungvoll nach oben.

Aber wie fing das denn jetzt mit dem Drag-Ding an? Ganz bewusst erst im letzten Jahr, erinnert sich der Friseur. Inspiriert habe Danny dabei ganz besonders die Sendung „RuPaul’s Drag Race“.

An Drag gefällt mir das Kreative, du spielst mit dem Geschlecht, verwandelst dich in eine andere Person – das hat mich so gereizt, dass ich es unbedingt auch mal machen wollte.

Im Drogeriemarkt deckte sich Danny zu Beginn mit allerlei (billigem) Schminkzeug ein – mit dem Gedanken: „Wer weiß, ob ich das in zwei Wochen noch machen will.“ Nach und nach kam immer mehr hochwertiges Make-up dazu. Drag sei schon ein teurer Spaß, stellt der Friseur fest. „Ich will nicht wissen, wie viel Geld ich mittlerweile für Schminke, Perücken und hohe Hacken ausgegeben habe. Aber ich hatte vorher nie ein Hobby, also ist das jetzt auch voll in Ordnung“, sagt er lachend.

Mich fasziniert die Schminktechnik. Theaterschminke kommt mit ins Spiel. Wir tauschen uns aus als wären wir auf einer Kosmetikmesse und die 25-jährige Dragqueen erinnert sich an ihre Anfänge. Es sei eine schöne, aber auch anstrengende Zeit gewesen. „Ich bin sehr perfektionistisch.“ Nach allerlei „Ausprobiererei“ ist Danny mittlerweile zu 90 Prozent zufrieden mit dem, was er make-up-mäßig aus sich herausholt.

Du wirst immer sehen, dass die Augenbrauen abgeklebt sind, weil sie nunmal auch abgeklebt sind. Und es ist wichtig, sich damit abzufinden. Man sieht eben – gerade bei Tageslicht – aus wie ein Clown, jeder sieht, dass du Tonnen von Schminke im Gesicht hast, aber das ist okay, weil du eine Dragqueen bist.

Und es sei schon auch ein sehr zeitaufwendiges Hobby. Danny versucht jede Woche einen Drag-Look bei Instagram hochzuladen. Er habe schon ein bisschen Bock auf Instafame, gibt er zu. „Ich hätte aber auch nichts dagegen, Veranstaltungen zu hosten. Ich bin da super offen.“

Mehr Raum für feminine Männer

Für Danny ist Drag eine Art sich auszudrücken, zu provozieren – nicht massentauglich und auch nicht gesellschaftskonform. „Natürlich lehnt man sich damit auch bewusst gegen Gender-Regeln auf. Mir ist wichtig, zu zeigen, dass Femininität bei Männern keine Schwäche, sondern eine Stärke ist.“

Hairstylist Danny Dombrowski und sein Drag-Alter-Ego Danny Ma Fanny

Toxische Maskulinität vergiftet unsere Gesellschaft, weil sie uns vorschreibt, wie Männer sein müssen. Dabei kann ich auch als Mann in Frauenkleidern stark sein, die Masc-for-Masc-Society ist Blödsinn, man muss mehr Raum schaffen für feminine Männer.

Drag ist eben nicht bequem – gesellschaftlich, aber auch ins Sachen Styling.

Du trägst lange Wimpern, Perücke, hast lange Fingernägel, schnürst dir die Taille ab und die Genitalien sonst wo hin – du versuchst auszusehen wie eine Göttin, trägst aber einen richtig unbequemen Look mit viel zu hohen Schuhen.

Drag ist nicht bequem, aber …

Und was macht die Verwandlung mit Danny, macht sie überhaupt was? „Ich werde impulsiver, vorlauter, selbstbewusster. Es verändert meine Persönlichkeit, aber nicht zu 100 Prozent“, beschriebt der Kreativkopf seine Gefühlswelt. „Im Endeffekt präsentiere ich eine andere Seite von mir, bin aber niemand anderes. Klar, meine Drag-Persona ist anders, mein Ziel ist es schon, ein bisschen selbstbewusster und femininer zu sein.“

Danny Ma Fanny sei ein sehr femininer, starker, modischer Charakter, der versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Das ist mir als Junge nicht ganz so wichtig.“ Ist Danny Ma Fanny tougher als Danny? „Ja, weil man sich unter der ganzen Schminke und Maskerade verstecken kann und dadurch viel edgier, extrovertierter und vorlauter wird.“

Danny ist fertig gestylt. In seinem – wie könnte es auch anders sein – begehbaren Kleiderschrank zieht er sich um, am Tisch hilft Bruder Tommy noch beim Fingernägel aufkleben, es wird hektisch. Viel gesprochen wird jetzt nicht mehr, Konzentration ist gefragt, für ein paar Nachher-Bilder reicht die Zeit gerade noch und dann flitzen wir auch schon in Richtung Stadt. Und während wir so im Auto sitzen, denke ich nur: „Drag ist vielleicht nicht bequem, aber so verdammt cool.“

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Stuttgart West Honey: Vom Flachdach ins Stadtpalais

Stuttgart West Honey sind drei Freunde, die auf einem Flachdach zwischen Café Gustav und Plattsalat zwei Bienenvölker halten und #fancybeefacts auf Instagram teilen. Im September sind sie beim Bienenfestival im Stadtpalais dabei.

Stuttgart – Der Hype ums Imkern und das Halten von Honigbienen nimmt kein Ende. Immer mehr motivierte Menschen – nicht nur Hipster – haben sich dem hippen Hobby verschrieben, halten Bienen in Hinterhöfen, Gärten und auf Flachdächern – und das mitten im besten Westen der Stadt. Auch Stuttgart West Honey, der Name verrät es, ist hier beheimatet. Die Rede ist von zwei Bienenvölkern, um die sich Jan-Karl Geist seit etwa zwei Jahren kümmert, seit diesem Frühjahr über dem Co-Working-Space beim Plattsalat. Im Urlaub in Litauen habe er Bienen beobachtet –und da hat es ihn gepackt. Er begann gleich damit, sich einzulesen. „Weil es auch so viele Fragen gibt“, betont der Hobby-Imker. „Der Bienenschwarm ist ein komplexes System und bis heute nicht vollständig erforscht. Und dieses Ungeklärte, Ungewisse übt auf mich als Ingenieur einen großen Reiz aus – verbunden mit der Möglichkeit es selbst zu machen.“ Der 31-jährige Autodidakt brachte sich in Sachen Imkerei alles selbst bei, über Bücher und Youtube.

Imkerei stärkt gesellschaftlich

Doch nicht nur Karl ist von Bienen fasziniert, auch viele andere scheint das Thema zu reizen, das lässt zumindest das Feedback auf Social Media vermuten. Und hier kommt Anna Reinwald mit ins Spiel. Die 31-Jährige ist nicht nur Tochter eines Demeter-Imkermeisters, sondern auch Werbe- und PR-Profi. Während sie sich also unter anderem um den Insta-Channel von Stuttgart West Honey kümmert, ist Karls Frau Luisa Pfründer als Juristin für Rechtliches und den Vertrieb zuständig. Die drei kennen sich übrigens schon seit der ersten Klasse. „Voll abgefahren“, stellen nicht nur die Freunde ungläubig kopfschüttelnd fest.

Und nun sind sie Nachbarn im Stuttgarter Westen und kümmern sich gemeinsam um Stuttgart West Honey – mit dem Wunsch, andere zu begeistern und an das Thema Imkerei heranzuführen. „Es geht ja nicht darum, dass ich allein und ‚bruddlig‘ bei den Bienen stehe, sondern dass man gemeinsam was daraus machen und den Menschen hier im Viertel etwas geben kann – in Form von Honig, aber auch so. Das stärkt gesellschaftlich. Es geht nicht nur um die Biene an sich, sondern das Drumherum, was die Imkerei bewirkt.“

Stuttgart West Honey für Freunde von Freunden

Gucken, kümmern, versorgen – schön, wenn das fußläufig möglich ist. Das weiß Hobby-Imker Karl sehr zu schätzen, vor allem auch, weil er seine Buckfast-Bienen vorher in Kaltental gehalten hat. Einmal in der Woche schaut er nach den Völkern, macht eine Schwarmkontrolle. Hier in der Stadt könne man die Bienen nur schwer schwärmen lassen, berichtet er. Gerade seien die summenden Freunde auch etwas nervös. 20 bis 30 Wespen lauern regelmäßig vor den Holzbeuten (dem Zuhause der Bienen), um an die Maden und damit Eiweiß zu gelangen. Gut, dass die Wächterbienen als Türsteher aufmerksam den Eingang beziehungsweise das Flugloch bewachen. Hier wird also ordentlich selektiert, mehr als in manch einem Club im Kessel.

Und wie sieht’s mit dem Honig von Stuttgart West Honey aus? Das ist bei den Stuttgart-West-Freunden übrigens Tropfhonig, ein ganz natürliches Verfahren und „deutlich aromatischer“, so Karl. Und den gab’s letztes Jahr vor allem für Freunde und Familie, unter anderem auf der Hochzeit von Karl und Luisa. In diesem Jahr wird es kleine Gläschen auf Anfrage über Instagram und Co. oder auch auf dem Bienenfestival zu kaufen geben. „Beim Honigertrag verhält es sich übrigens wie beim Gehalt, die einen sprechen drüber, die anderen nicht“, erklärt Luisa lachend.

Aber wie wir ja jetzt wissen, geht es nicht nur um die Bienen und den Honig, sondern das große Ganze. Was rät Karl denn allen, die es ihm gleich tun wollen? „Ganz wichtig ist, dass man sich richtig und sorgfältig informiert.“ Die Uni Hohenheim sei mit dem Imkertag und Bienensachverständigen eine gute und wichtige Anlaufstelle. „Und ich würde auf jeden Fall auch einen Paten empfehlen, den man im ersten Jahr anrufen kann, mit dem man sich austauscht, der auch mal vorbeikommt.“

Das Bienenfestival bei Stuttgart am Meer

Das Bienenfestival stellt – im Rahmen von Stuttgart am Meer – am Sonntag, 1. September, von  11 bis 17 Uhr die Biene, die Haltung und den Bienenschutz rund um das Stadtpalais in den Mittelpunkt. Besucher haben die Möglichkeit, eine Schaubeute zu bestaunen, Honig zu verkosten und Kerzen aus Bienenwachs herzustellen. Es wird ein Bienenfest für Imker und Bienenbegeisterte, Summtgart ist dabei, genauso wie Stuttgart West Honey. „Wir sind dort, um die Hintergrundinfos zum Imkern zu liefern – unsere #fancybeefacts.“
Zu jedem Glas Honig gibt’s übrigens ein Samentütchen „Blumenweide“ dazu. „Wir lassen den Westen aufblühen.“

Stuttgart am Meer

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Kunst-Tipps für Stuttgart

Ja, der Kessel kann auch Kunst – und gerade mehr denn je. Ob junge Maler, die Kunst auf eine neue Ebene katapultieren oder Stuttgarter Cafés, die Künstlern mehr als Raum bieten. Hier kommen unsere Tipps für Stuttgart.

Stuttgart – Es ist schon so eine Sache mit der Kunst. Manchen ist sie zu fad, anderen zu abgedreht – fest steht: alles eine Frage des Geschmacks. Gut, dass der Kessel eine schöne, bunte Auswahl bietet, damit kein Kunst-Kenner zu kurz kommt. Da können Cafés und Parkhäuser schon mal zu Galerien werden: Kunst im Alltag anstatt im Museum. Ja, auch im Ländle isch urban art ein Thema. Fahrt doch einfach mal zur Haltestelle Nordbahnhof. Just sayin‘.

Nichts für Kunstbanausen!

Ihr wollt euch in Zukunft auf mehr Kunst-Events blicken lassen? Kein Problem. Hier kommen unsere Tipps:

Titelbild: Unsplash/Rodion Kutsaev

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Wie geht es weiter am Österrei-
chischen Platz?

An diesem Ort ist schon viel passiert: Der Österreichische Platz soll auch in Zukunft nicht nur Menschen, sondern auch Stadtteile verbinden. So zumindest die Vision der Initiative Stadtlücken – neue Visualisierungen veranschaulichen diese beeindruckend.

Stuttgart – „Unsere Vision für die Zukunft des Österreichischen Platzes ist eine langfristige Entwicklung des Ortes zum kooperativen Stadtraum für alle“, betonten die Stadtlücken gestern in einem Post motiviert. Basierend auf einer gemeinnützigen Trägerschaft wolle man einen Ort schaffen mit Freiraum für Bandproberäume, Foodsharing, Ateliers, Werkstätten, Fahrradrepariercafé, Sozialstation, urbanen Bewegungsflächen wie eine öffentliche Boulderwand, Tischtennisplatten und vieles mehr. „Der Österreichische Platz wird vom Unort zu einem Ort der Begegnung, der Kreativität und der Innovation. Denn nur an Orten, an denen mit überholten Routinen gebrochen wird, kann Raum für Neues entstehen.“

Die Vision: ein Platz, der Menschen und Stadtteile verbindet

Was ist geplant? Der Platz soll nicht nur Nutzungen und Menschen, sondern auch die Stadtteile verbinden. Mit einer Freitreppe inklusive Rampe über die B14 soll die jetzige Sackgasse zum verbindenden Element zwischen den drei Quartieren Stuttgart-Mitte, Stuttgart-Süd und dem Heusteigviertel werden. „Die Treppe, die gleichzeitig als Tribüne funktionieren kann, gibt dem Platz seine Bestimmung zurück.“

Der Gemeinderat Stuttgart hat die Möglichkeit diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Im Herbst 2019 werden die Mittel für den Doppelhaushalt 20/21 beschlossen. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung (Wirtschaftsförderung & Amt für Stadtplanung und Wohnen) haben die Stadtlücken eine Mittelzuweisung (Finanzierung) erstellt, die nötig ist, um mit der Umsetzung des kooperativen Stadtraums 2020 starten zu können.

Ihr wollt das Projekt unterstützen oder mitmachen?
Dann einfach eine Mail an: hallo@stadtluecken.de

Foto: Stadtlücken e.V.
Visualisierungen: feb_images & Stadtlücken e.V.

Wir müssen reden! Podiumsdiskussion am Österreichischen Platz

Und dann hätten wir da noch einen Veranstaltungstipp für euch: Das Realexperiment Stadtregal neigt sich dem Ende zu. Als Abschlussveranstaltung wolle man gemeinsam mit Experten aus der Universität, Politik und zivilgesellschaftlichen Partnern gemeinsam die ersten Ergebnisse diskutieren.

Los geht’s am heutigen Mittwoch, 7. August, um 19 Uhr am Österreichischen Platz

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