Sperrstunde bedroht die Existenz Stuttgarter Clubs

Aufgrund von Anwohnerbeschwerden soll die Sperrstunde wieder eingeführt werden. Stuttgarter Clubs wie das Dilayla, White Noise und Romantica fürchten jetzt um ihre Existenz.

Stuttgart – Wenn für manche die Nacht gerade erst so richtig anfängt, soll in den Clubs der Innenstadt schon wieder Schluss sein: Das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart hat verfügt, dass die einst aufgehobene Sperrstunde in der City hier jetzt doch wieder beachtet werden muss. Sprich: Die Clubs sind verpflichtet, fortan zwischen fünf und sechs Uhr zu schließen – eine Zeit, in der viele Clubgänger noch nicht müde sind. Der Grund sind Anwohnerbeschwerden.

Was wird aus Dilayla, Romantica und White Noise?

Das Dilayla, das White Noise und die Romantica, die drei Clubs rund um die Eberhardstraße, sehen sich dadurch in ihrer Existenz bedroht. Die Anwohnerbeschwerden seien unberechtigt, sind sich die Clubbetreiber einig.

Ein betroffener Gastronom, der seinen Namen nicht nennen will, weil er den Konflikt mit den Anwohnern nicht verschärfen möchte, rechnet vor: „Die meisten Gäste kommen gegen zwei. Wenn wir dann um fünf Uhr das Putzlicht anknipsen müssen, haben wir gerade mal drei Stunden Hochbetrieb.“ Das sei existenzbedrohend. Die anderen Clubbetreiber reagierten auf Anfragen noch zurückhaltender.

Clubbetreiber sitzen am kürzeren Hebel

Trotzdem liegen die Probleme auf der Hand – zumal nicht alle Clubs in dem betroffenen Areal wie das Dilayla seit 22 Jahren am Platz sind. Das White Noise etwa hat erst vor wenigen Jahren eröffnet und viel Geld in Schallschutz und andere bauliche Besonderheiten investiert, um den Auflagen der Stadt zu genügen.

Die Clubbetreiber scheinen jedoch am kürzeren Hebel zu sitzen. Denn auch wenn es in der Stuttgarter Innenstadt bisher möglich war, so etwas vermeintlich Provinzielles wie eine Sperrstunde für Clubs per Sonderregelung wegzuwischen, sind doch die Gastronomen in der Pflicht, sich ihre Sperrzeitverkürzungen im Turnus eines halben Jahres vom Amt bestätigen zu lassen. Auf Weisung des Regierungspräsidiums werden die Anträge für den gesamten Bereich der Eberhardstraße bis zum Josef-Hirn-Platz nicht länger bewilligt.

Auch Dönerläden betroffen

Auch wenn das die Clubs am härtesten trifft, ächzen auch andere Gastronomiebetriebe unter der Sperrstunde. Dönerläden etwa, die in den frühen Morgenstunden gute Geschäfte mit hungrigem Partyvolk machen, aber auch Kneipen. Das Oblomow, das ebenfalls im betroffenen Bereich liegt, hat am Wochenende eigentlich bis 8 Uhr offen und ist oft umso besser besucht, desto weiter die Nacht fortgeschritten ist.

Die Stadt Stuttgart bestätigt, dass ein entsprechendes Schreiben vom Regierungspräsidium vorliegt. „Es hat auf die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen zu den Sperrzeiten hingewiesen“, sagt Ann-Kathrin Gehrung, eine Sprecherin der Stadt. Die Sperrfrist sei eine gesetzliche Regelung, die grundsätzlich für alle gelte. Der Gesetzgeber habe aber Ausnahmemöglichkeiten geschaffen, die die Stadt den Betreibern bisher auch ermöglicht hat.

Schwierige Zeiten für Clubbetreiber

„Beim RP Stuttgart gibt es nun jedoch eine Fachaufsichtsbeschwerde“, sagt Gehrung. Bewohner hätten sich über Lärm und Ruhestörungen beschwert, insbesondere durch Besucher der ansässigen Gastronomiebetriebe. Darum stelle das Ordnungsamt hier bis auf Weiteres keine Sperrzeitverkürzungen mehr aus.

Wie geht es jetzt weiter? Der Kommunalpolitik ist die Problematik bekannt, aber sie sortiert sich noch. Wenn es ihr nicht gelingt, zwischen den Behörden, den Anwohnern und den Clubbetreibern zu vermitteln und man den Rechnungen der Clubbetreiber Glauben schenken mag, stehen dem Nachtleben an der Eberhardstraße wohl schwere Zeiten bevor.

(Titelfoto: Andre Benz/Unsplash)

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Der Keller Klub steht vor dem Aus

Zuletzt hat es die Clubs Tonstudio und Muttermilch erwischt. Jetzt geht es zwei weiteren Institutionen aus dem Stuttgarter Nachtleben an den Kragen: Keller Klub und Gabys Gruft stehen vor dem Aus.

Stuttgart – Nachdem die Zukunft des Keller Klubs schon öfter auf Messers Schneide stand, ist ab Mitte nächsten Jahres höchstwahrscheinlich Schluss für den Club am Rotebühlplatz: Das Gebäude wird abgerissen, muss dem Vernehmen nach einem Hotel weichen. Und während der Stuttgarter Osten besungen wird, im Gegensatz zu vielen anderen, stärker gentrifizierten Innenstadtbezirken besonders authentisch zu sein, verliert dieser womöglich ausgerechnet eine der kultigsten Live-Bühnen im gesamten Kessel: Für Gabys Gruft an der Haußmannstraße läuft der Pachtvertrag zum Jahresende aus – und es ist unklar, ob er verlängert wird.

Ohne Clubs keine Konzerte

Miha Ivankovic, der Betreiber des Keller Klubs, dementiert das Gerücht, das in der Gastroszene die Runde macht und sagt, der Club würde schon zum Jahresende schließen: „Das stimmt nicht, unser Pachtvertrag läuft bis Juni 2019.“ Wie es danach weitergeht, ist dem 44-Jährigen aber auch nicht klar: „Wir befinden uns mit dem neuen Vermieter in Verhandlungen und hoffen bis zum neuen Jahr auf eine Antwort, ob wir dann noch länger machen können.“

Sollte dem nicht so sein, versichert Ivankovic, werde man sich nach neuen Räumen umsehen, um den Geist des Keller Klubs zu erhalten. „Wir wissen, dass wir mit unserem Programm eine Sparte abdecken, die ohne den Keller Klub in Stuttgart zu kurz kommen würde“, sagt der Clubbetreiber.

Hotel statt Club?

Die Stadtverwaltung hat zum jetzigen Zeitpunkt keine Kenntnis über einen Abrissantrag oder die Pläne des Gebäudeeigentümers mit der Immobilie, forscht derzeit aber beim Baurechtsamt nach. Den Clubbetreibern ist die Idee eines Hotels zwar auch bekannt, aber ob es wirklich so kommt, da seien sie sich auch nicht sicher.

In Gabys Gruft herrscht indes aktuell ein Booking-Stopp. „Für Januar buchen wir keine Bands mehr“, sagt Daniela Schübel, die für das Programm auf der kleinen Bühnen des Kellers in Stuttgart-Ost verantwortlich ist. Der Grund: Der Pachtvertrag läuft zum Jahreswechsel aus.

Wir haben hier tendenziell sowieso viel zu wenig Orte, wo Livemusik stattfinden kann.

Im Gegensatz zum Keller Klub, der – früher oder später – garantiert zu macht, ist die Zukunft von Gabys Gruft noch gänzlich offen. „Natürlich wünschen wir uns eine Verlängerung des Vertrags“, sagt Schübel. Ob der Vermieter dem Wunsch entsprechen wird, werden die Verhandlungen zeigen. „Sonst müssen wir uns neue Räume suchen“, heißt es auch hier.

Walter Ercolino, Leiter der Popbüros Region Stuttgart, blickt besorgt auf die Entwicklung: „Wir haben hier tendenziell sowieso viel zu wenig Orte, wo Livemusik stattfinden kann.“ Clubs wie der Keller Klub würden hier eine besonders wichtige Rolle einnehmen.

Ercolino warnt davor, die Tatsache zu ignorieren, dass Bands verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen – und entsprechend unterschiedlich große Bühnen brauchen. „Die Lage, was Konzerte für 400 bis 700 Besucher angeht, hat sich leider wieder verschlechtert“, sagt er. „Wenn du das als Stadt nicht bieten kannst, dann wandern dir die Bands ab.“ Nach Karlsruhe oder Mannheim, glaubt Ercolino, wo die Infrastruktur diesbezüglich besser sei.

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