Alle CSD-Events in Stuttgart auf einen Blick

Pride-Parade, Queernight, Regenbogengefühle: Der CSD ist im Anmarsch. Was rund um das ikonische Wochenende im Kessel so alles passiert, haben wir hier für euch zusammengestellt.

Stuttgart – Es gab Zeiten, da galten Schwule und Lesben als „nicht ganz richtig im Kopf“. Wer als Drag Queen auftrat, wurde schnell mal aus fadenscheinigen Gründen verhaftet. Wer sich auf der Straße mit einem gleichgeschlechtlichen Partner sehen ließ, dreist beschimpft. Doch vor 50 Jahren begann die Community, sich gegen die Diskriminierung zu wehren. In der New Yorker Schwulenbar „Stonewall Inn“, auf der Christopher Street, drängten Homo- und Transsexuelle damals die korrupte Polizei zurück. So legten sie den Grundstein für eine internationale Bewegung.

CSD: Regenbogen-Stimmung in Stuttgart

Bis heute ist der CSD ein Zeichen für die Geschichte, Kultur und Errungenschaften der Regenbogen-Community. Nun wird die zur Party mutierte Rebellion in Stuttgart am Wochenende vom 27./28. Juli gefeiert.

Auch der Kessel macht sich bereit für Liebe, Partystimmung und Regenbogenflaggen. Zum einen feiern die Hausbois im Climax die nächste Ausgabe ihrer Queer Night. Zum anderen wird über die neue Männlichkeit diskutiert und die queere Geschichte der Stadt erkundet. Im White Noise gibt es außerdem eine Special Lovepop-Edition.

Was rund um den Christopher Street Day noch so alles in Stuttgart passiert, haben wir hier für euch zusammengestellt:

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Lasst endlich eure Körper in Ruhe!

Vom Size-Zero-Wahn zur öffentlichen Liebeserklärung an den Bauchspeck. Unsere Autorin ist genervt davon, plötzlich alles an sich lieben zu müssen. Stattdessen fragt sie sich: Ist der Trend zur Body Positivity nicht nur eine neue Form von Körperkult?

Stuttgart – Ich habe eine Delle am Oberschenkel. So ein kleines, seltsam eingedrücktes Ding hinten rechts, das sich beim Sitzen durch so ziemlich jeden Stoff abzeichnet. Wenn man nicht genau hinschaut, könnte man es vielleicht für einen komisch geformten Schatten halten. Oder es im geistig gesunden Zustand zielgerichteter Ignoranz einfach übersehen.

Unser Körper ist Dauergesprächsthema

Ich aber pflege zu dieser Oberschenkel-Delle eine intensive, zwiegespaltene Beziehung. Es ist nicht so, dass ich sie wirklich schlimm finde. Aber ich bin mir ständig bewusst, dass sie da ist. Ich gehe mit ihr zum Yoga. Steige mit ihr in die Dusche. Und manchmal, da kochen wir abends sogar gemeinsam Risotto. Romantisch? Geht so. Denn wenn ich ehrlich bin, wäre ich am glücklichsten, wenn wir einfach nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen würden. Zumindest gedanklich.

Doch genau da liegt das Problem. Denn wenn mein Leben in der westeuropäischen Wertegesellschaft mir eines vor Augen geführt hat, dann dass mein Körper hier Diskussionsstoff ist. Exkurse über Beine, Bauch und Po sind nicht nur salonfähig, sondern omnipräsent – im Alltag wie in den Medien. Ob man im Freibad fast instinktiv die Bauchmuskeln der Nebenschwimmerin analysiert oder sich Germany’s Next Topmodel in Dauerschleife anschaut. Auf die eine oder andere Art sprechen wir pausenlos über unsere Körper.

„I make you sexy“

Doch ist das im Zeitalter von Bodyawareness und Co. nicht Schnee von gestern? Wenn ihr mich fragt: ganz im Gegenteil.

Vor ein paar Jahren gab es eine Zeit, in der Detlef D. Soost uns andauernd sexy machen wollte. In seinen Fitnessvideos, deren Werbebanner ständig auf Prosieben liefen, hüpfte er wie ein tollwütiger Hamster hin und her und wurde so zur Perversion des damaligen Körperkults. Schwitzen, hungern und trainieren für den scheinbar perfekten Beachbody. Der Fitnessguru als lebender Reminder: Ich bin nicht perfekt. Ich muss an mir arbeiten. Denn die Twiggy-Figur bedeutet Erfolg.

„Loooove your body“

Dann irgendwann kam die Gegenbewegung. Stichwort: Selbstliebe. Was ich eben noch sexy machen sollte, muss ich nun ebenso bedingungslos lieben und zelebrieren. Unter dem Hashtag Bodyawareness propagieren Influencerinnen und Co. nun das Unperfekte als neuen Schönheitsmythos. Mit Übergewicht im Bikini vor die Kamera zu treten, wird ein Akt der Grenzüberschreitung. Zellulitis-Fotos müssen bitte möglichst in Nahaufnahme geschossen werden. Gestellte No-Make-up-Bilder ersetzen die protzige Katy-Perry-Sternschnuppen-Wunderwelt der Vorjahre.

Ist Selbstliebe die neue Freiheit?

Und obwohl all das als Kontrapunkt zum Schlankheitswahn natürlich Sinn macht, geht mir die Penetranz dieser Selbstliebe-Community gewaltig gegen den Strich. Denn bedeutet es, meine Oberschenkel-Delle liebevoll anzuerkennen, wirklich die große Freiheit? Oder ist das Credo, alles an meinem Körper schön zu finden, nicht nur ein neues Poster-Image, dem ich entsprechen muss?

Für mich zumindest sieht wirkliche Freiheit anders aus. Denn hinter der Forderung nach mehr Selbstliebe versteckt sich im Grunde nur eine neue Art, uns über unser Aussehen zu definieren. Unseren Körper in den Mittelpunkt zu zerren und ihn auf Instagram für möglichst viele Likes auszustellen.

Mal ehrlich: Bin ich denn wirklich nicht mehr als die Falten, Dellen und Kurven meines Körpers? Was ist mit all den Gedanken in meinem Kopf? Den Gefühlen in meinem Brustkorb? Den Dingen, die ich dank meiner Willensstärke erreicht habe? Den Zielen, die ich mir setze?

Zeit für einen Schlussstrich

Für mich ist es an der Zeit, meinen Körper in Ruhe zu lassen und die Herrschaft meines Spiegelbilds zu stürzen – diesmal konsequent. Ich will mein Aussehen nicht lieben müssen. Ebensowenig will ich es hassen oder verändern. Ich will es manchmal kurz vergessen. Und zwar einfach, weil es nicht so wichtig ist.

Wenn ich neue Menschen kennenlerne, möchte ich mich nicht mit einem Plus-Size-Bikini-Model unterhalten. Sondern mit einer Frau, die sich vielleicht für Meeresbiologie, Craft Beer oder was auch immer begeistert und nebenher auch gerne Bikinis trägt.

Deshalb der Aufruf: Lasst eure Körper doch einfach mal Körper sein. Mit Dellen, ohne Dellen. Mit Liebe, ohne Liebe. Geht stattdessen lieber aufeinander und auf euch selbst zu. Und beschäftigt euch mehr mit dem, was wir eigentlich sind: nämlich Träumer. Macher. Ideologen. Verliebte. Individualisten. Menschen eben.

(Fotos: Unsplash)

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12 Tipps fürs Wochenende in Stuttgart

Open-Air-Partys für alle! Im Kessel wird jetzt unter freiem Himmel gefeiert. Wir haben wie immer die besten Veranstaltungen für das Wochenende in Stuttgart für euch zusammengestellt. You’re welcome.

Stuttgart – Jaaa, vermutlich hört ihr das gerade häufiger, aber: Summer is coming back. Diesmal echt. Versprochen…hoffentlich. Zum Wochenende in Stuttgart würden zumindest wir uns wirklich sehr über ein paar Sonnenstrahlen freuen. Denn für alle Freiluftfanatiker ist im Kessel an den kommenden Tagen so einiges geboten. Die Feschtle-Saison ist schließlich noch nicht durch, gell? Ein paar Highlights der Stadtteilpartys kommen da noch auf uns zu – unter anderem dieses Wochenende.

Open-Air-Liebe am Wochenende in Stuttgart

Alle, die ja sowieso schon ewig wissen, dass der Osten bald kommt, können sich das zum Beispiel am Samstag bei der langen Ostnacht zwischen dem Schmalzmarkt und dem Ostheimer Marktplatz nochmal ganz deutlich vor Augen fühen. Für alle, denen das doch ein kleines bisschen zu weit draußen ist, hätten wir alternativ das Bohnenviertelfest im Angebot.

Doch natürlich ist der freie Himmel nicht nur für Straßenfeste gut: Im Schlossgarten könnt ihr euch zum Beispiel Ballett im Park anschauen, am Esslinger Stadtstrand wird mit den Peopz von Panopticum durchgetanzt. Und weil die Zahl fresher Veranstaltungen in den nächsten Tagen fast grenzenlos ist, haben wir für euch mal ein paar Highlights zusammengestellt. Et voilà:

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Fotoprojekt: Teheran goes Stuttgart

Ungekünstelt, rough und ehrlich: In seinem Fotoprojekt zeigt der iranische Fotograf Hamid Sadeghi den Kessel ganz ohne Make-up und Filter. Für ihn selbst ist der Weg von Teheran nach Stuttgart alles andere als ein Spaziergang.

Stuttgart – „Darf ich dich kurz fotografieren?“ Mal ehrlich: Die meisten von uns würden vermutlich erstmal zurückschrecken und sich an die Stirn fassen, wenn ein Fremder sie so anquatscht. Aber ist dieses Abblocken eigentlich ein natürlicher Schutzreflex oder nur gesellschaftlich anerzogenes Misstrauen? „In Stuttgart tragen die Menschen oft Schutzschilder vor sich her“, sagt Hamid Sadeghi. Der 29-jährige Fotograf hat das Leben junger Menschen im Kessel portraitiert. Eigentlich lebt er in Teheran und weiß nur zu genau, wie sich Misstrauen anfühlt.

In Teheran lebt man mit dem Misstrauen

Wenn Hamid in den Straßen seiner Heimatstadt Menschen anspricht, die er gerne fotografieren würde, werfen sie ihm missbilligende Blicke zu. Wollen Papiere sehen. Bestätigungen. Irgendeine Form von Sicherheit. „Ich kann das verstehen“, sagt er. „In diesem politischen Klima ist es schwer, jemandem zu trauen.“

Hamid gehört zu einer jungen, urbanen Schicht, die das iranische System kritisch hinterfragt. Er ist der Teheran aufgewachsen. Die Straßenecken dort sind voll von seinen Erinnerungen: der erste Kinobesuch. Das erste selbst gekaufte Buch. Das erste Treffen mit einem Fotografen, der ihm das analoge Fotografieren näher brachte. Hamid ist ein Großstadtkind, das sich ein Leben im Iran abseits des kulturellen und politischen Zentrums nicht vorstellen könnte. „Alles, was in diesem Land passiert, beginnt in Teheran“, sagt er. 

„Im Iran kann ich mir nichts aufbauen“

Trotzdem will Hamid gehen. Grund dafür sind die instabilen Verhältnisse in seinem Heimatland. „Ich weiß einfach nicht, wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird. Und so kann ich mir nichts aufbauen“, sagt er. Seit Hamid 20 Jahre alt ist, sehnt er sich nach einem Leben ohne Fragezeichen.

2015 kam er über ein Stipendium des Instituts für Auslandsbeziehungen das erste Mal nach Deutschland. In der Nähe von Stuttgart arbeitete er drei Monate lang als Fotojournalist für die Zeitenspiegel Reportageschule. Eine seiner Aufgaben: ein Portrait des Stuttgarter Kessels zu gestalten.

Stuttgart kann man nur über Menschen verstehen!

Beim ersten Versuch fotografierte Hamid das Offensichtliche: Gebäude, Parks, Straßenzüge. Menschen anzusprechen, traute er sich hingegen nicht. „Ich habe ihre Sprache nicht verstanden und wusste nicht, wie ich auf sie zugehen sollte.“

Nachdem das Projekt beendet war, suchte der Fotograf im Iran nach einem Weg zurück in sein neues Zuhause. Er meldete sich zum Bundesfreiwilligendienst. Der brachte ihn 18 Monate lang als Hilfskraft in einem Kindergarten unter. Sobald seine Schicht vorbei war, zog er mit seiner analogen Kamera durch die Straßen. Sein Ziel: Diesmal wollte Hamid die Stadt wirklich verstehen. Doch das ging nur über die Menschen.

„Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Dreh raus hatte“, erinnert er sich heute. „Wenn man sie anspricht, wollen die Leute hier meistens wissen, wer du bist und was mit ihren Bildern passiert.“ In München oder Berlin sei das anders. „Aber wenn man hier auf sie zugeht und ihnen das Projekt erklärt, sind die meisten echt offen.“

Die Bilder, die er in seiner Zeit in Stuttgart gemacht hat, beschreibt er selbst als „punk“. Sie sind rough, ungestellt, voll von den Emotionen einer Situation. Hamid zeigt ein Stuttgart abseits der Werbeslogans und bekannten Ecken. Er zeigt die 3-Uhr-Morgens-Momente. Das leicht geknickte Nachmittags-Lächeln. Die überdrehten kurz-vor-Mitternacht-Grimassen der Menschen, die diese Stadt ausmachen.

Viele der Bilder sind auf der Straße entstanden. Manche im intimen Umfeld privater Partys oder beim Ausgehen. Alle erzählen ihre ganz eigene Geschichte der Stadt.

Arbeitsvisum? Unwahrscheinlich.

Über seine Stuttgarter Freunde hier hat Hamid inzwischen ein Jobangebot bei der Agentur Silbersalz Film, um analoge Filme zu entwickeln. Doch die Behörden machen ihm einen Strich durch die Rechnung.

Dank des momentan gültigen Zuwanderungsrechts muss Hamid vorerst auf eine Arbeitserlaubnis verzichten. Das Problem: Nur wer einen sogenannten Mangelberuf hat, also einen Job, in dem es in Deutschland Nachwuchsprobleme gibt, darf zum Arbeiten ins Land. Fotografen stehen nicht auf dieser Liste. Also sitzt Hamid in Wartestellung in Teheran. Ein neues Gesetz, das Anfang 2020 in Kraft treten soll, könnte ihm helfen. Wir drücken die Daumen.

(Fotos: Hamid Sadeghi, Portraitfoto von Hamid: Michael Schulz)

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10 Tipps fürs Wochenende in Stuttgart

Schon wieder eine Woche vorbei und es wird Zeit für die schönen Dinge im Leben. Der Kessel ist derzeit immer noch voll im Stadtfest-Fieber. Die coolsten Veranstaltungen fürs Wochenende haben wir wie immer für euch zusammengefasst.

Stuttgart – Die Feschtle-Saison geht in die nächste Runde. Dieses Wochenende ist der Westen dran. Und der Süden. Und ein bisschen auch der Osten. Ach, was soll’s: Ganz Stuttgart scheint im vollgepackten Straßenfest-Juli auf den Beinen. Da feiern wir natürlich mit. Von der Westallee geht’s für uns am Wochenende aufs Sommerfest der Merzakademie und dann auf einen Sprung rüber zum Bunter Beton-Festival. Einen kurzen Abstecher machen wir zum Afrika-Festival auf dem Erwin-Schoettle-Platz. Den Abend lassen wir dann bei den Afterpartys zur Westallee im Freund und Kupferstecher ausklingen. Und ihr so?

Wochenende in Stuttgart: Tipps für Couchpotatos und Feschtle-Hopper

Aber keine Panik. Mit kühlen Getränken und Falafelbällchen auf der Straße rumzustehen, ist natürlich kein Muss. Und auch das Wetter könnte den einen oder anderen Dämpfer bereithalten. Dafür gibt es einige „trockene“ Ausweichmöglichkeiten: Im Ice Café Adria zum Beispiel könnt ihr euch coole Illustrationen anschauen oder ihr bleibt einfach auf dem Sofa und genießt eine Vorstellung der Staatsoper im Livestream. Was am Wochenende in Stuttgart so geht, haben wir hier wie immer für euch zusammengefasst.

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Selbsttest: Wie nachhaltig kann ich leben?

Bahn statt Flieger, Biotomaten statt Discountgemüse: Wie klimafreundlich und nachhaltig kann jeder Einzelne eigentlich leben? Und rettet man damit am Ende wirklich den Planeten? Unsere Autorin hat es getestet.

Stuttgart – Eigentlich dachte ich, mein ökologischer Fußabdruck sei ziemlich überschaubar. Ich bin eines dieser Großstadt-Öko-Kinder, das statt eigenem Auto ein VVS-Monatsticket hat und auf seinem Balkon semi-erfolgreich Tomatenpflanzen verhätschelt. Mein Strom kommt laut Vertrag aus Wind- und Wasserkraftwerken. Die Zeit, die ich in Flugzeugen verbringe, beschränkt sich dank meiner latenten Flugangst auf ein absolutes Minimum. Bis auf ein paar kleinere Sünden könnte mein Konsumverhalten also straight aus einem Mainstream-Healthy-Living-Ratgeber kommen. Und hey, meine Ökobilanz müsste dadurch doch eigentlich ziemlich okay sein. Oder? 

Nachhaltig? Geht so!

Doch so klein ist das Ding überhaupt nicht. 7,9 Tonnen CO2 verbrauche ich laut WWF-Rechner jährlich. Der Höchstwert an CO2, den ich in dieser Zeit eigentlich produzieren sollte, liegt in Deutschland bei zwei Tonnen. Und obwohl der Durchschnittsdeutsche mit rund 12 Tonnen pro Jahr nochmal deutlich umweltschädigender ist als ich, gefällt mir meine Ökobilanz immer weniger. 

Um wirklich nachhaltig zu sein, muss ich also noch einiges verändern. WWF schlägt mir zum Beispiel vor, meine Flugzeit pro Jahr auf zwei Stunden zu senken, regional einzukaufen und nichts wegzuwerfen. Mache ich doch alles schon, denke ich kurz. Aber jetzt mal ehrlich: Die meiste Zeit gehe ich eben doch zu Rewe um die Ecke und nicht in den Bio-Supermarkt. Das soll sich ändern – zumindest sieben Tage lang. In den Bereichen Energie, Mobilität und Konsum will ich mich einschränken und anschließend sehen, wie nachhaltig ich als Einzelne eigentlich sein kann.

Tag 1: Der lange Weg zum Demeterhof.

Montagmorgen: Ich will endlich konsequent regional einkaufen. Während die mitgebrachten Nudeln für die Mittagspause noch vom Grillfest gestern übrig geblieben sind (man soll ja nichts wegwerfen), will ich ab heute nur noch Produkte verarbeiten, die keinen langen Weg hinter sich haben. Zumindest bevor ich sie in zwei Jutebeuteln bis zu meinem Kühlschrank geschleppt habe. Aber von vorne: Der Reyerhof ist ein direkt verkaufender Biobauernhof in Möhringen. Mit der U-Bahn kommt man bis zum Bahnhof, ab da sind es zu Fuß noch rund 15 Minuten. Hinweg okay. Rückweg mit Taschen geht so. 

Im Hofladen erzählen mir die beiden Verkäuferinnen, dass immer mehr Menschen zu ihnen kommen, die sich bewusst ernähren wollen. Im Laden verkaufen sie deshalb alles, was gerade Saison hat – von ihrem eigenen Hof oder aus der nahen Umgebung. Perfekt! Ich packe mir die Taschen also voll mit Gemüse, frischem Käse und Brot und schleppe meine Errungenschaften zurück zur U-Bahn. Einziges Problem: Es hat 30 Grad. Schön ist das nicht unbedingt. Rewe wäre näher gewesen. 

Aber vielleicht liegt hier auch schon die erste Erkenntnis. Bewusst zu leben, ist aufwendig. Unbequem. Und macht manchmal Schweißflecken am Rücken. 

Tag 2: Sieben Minuten im Paradies

Heute ist meine Wohnung dran. Nach dem Aufstehen stelle ich Mehrfachsteckdosen an Orten aus, an denen ich überhaupt nichts von der Existenz irgendeiner Buchse wusste. In meiner 3-Zimmer-Wohnung sind es immerhin sieben Steckdosen, in denen dauerhaft irgendwas auf Standby hängt. Im schlechtesten Fall noch nicht mal ein Elektrogerät, sondern nur ein Kabel, an das man möglichst schnell ein Handy hängen kann. Konnte. Präteritum. Jetzt ist meine Wohnung zumindest abgeschaltet, wenn ich nicht da bin. Das hat nicht wehgetan. 

Viel schlimmer ist die Idee, auch meinen Wasserverbrauch zu senken. In der Badewanne liege ich bei den Sahara-Temperaturen draußen zwar sowieso nicht, aber auch die Dusche kann optimiert werden. Und dabei liebe ich langes Duschen, wenn man in Weltvergessenheit und dem Gefühl von Prassel-Wasser auf dem Rücken versinkt. Aber damit ist jetzt Schluss: Sieben Minuten, dann wird der Hahn abgedreht. Ich stelle mir den Handy-Wecker und es klingelt nach gefühlt sieben Sekunden. Bye bye paradise.  

Tag 3: Hilfe, ich habe eine Butterbrezel gegessen

So langsam müssen sich die klimafreundlichen Anpassungen in meinem Alltag beweisen. Und ehrlich gesagt: Manchmal stellen sie sich da doch ziemlich quer. Heute zum Beispiel kommt meinem umweltfreundlichen Lebensstil der Wecker in die Quere. Oder eher: der nicht klingelnde Wecker. Und während sich das 7-Minuten-Duschen-und-zur-U-Bahn-hetzen-Konzept zwar einwandfrei in die Mittwochmorgen-Hektik integrieren lässt, bleibt etwas anderes auf der Strecke. Denn Zeit, mir mein Frühstücksbrot aus der Eselsmühle zu schnappen, ist nicht mehr. Stattdessen renne ich los. Mit leerem Magen. Und schlechter Laune. 

Spätestens in der Redaktion bemerke ich dann meinen Fehler. Denn meinen strikten Demeter-Speiseplan muss ich jetzt zwangsläufig aufgeben und meinen knurrenden Magen mit dem Cafeteria-Sortiment beschwichtigen. Butterbrezel statt Biobrot. Hm, geht so. Ich bestelle also mein Frühstück und wähne die anklagenden Blicke sämtlicher Kollegen auf mir.

Dabei merke ich nicht nur, dass sich das gerade gefährlich nach Versagen anfühlt, sondern auch, dass ich die Brezel anders anschaue als noch vor ein paar Tagen. Woher kommst du eigentlich, leckeres Laugengebäck? Was für Eier hat der Bäcker wohl benutzt? Woher stammt die Butter?

Tag 4 und 5: Wie schlimm sind eigentlich E-Autos?

Für ein Projekt muss ich diese Woche zu Schulen im Stuttgarter Umland fahren. Weil viele von denen aber mitten im Nirgendwo liegen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar sind, muss ich umdenken. Und das fällt schwer. Denn während ich in der letzten Woche genau darauf geachtet habe, wie ich mich eigentlich bewege (zu Fuß, mit der Bahn oder dem Fahrrad – viel Änderungsbedarf gibt es hier also zum Glück nicht), muss ich jetzt unausweichlich auf das Auto umsteigen.

Da ich selbst keines habe, miete ich dafür eines der Poolfahrzeuge, die hübsch aufgereiht vor der Redaktion stehen. Neben Benzinern gibt es auch ein paar Elektrofahrzeuge. 180 Kilometern weit soll man mit einer Batterie kommen. Klingt ganz vielversprechend und nimmt mir erstmal die Sorge, dank der Distanzen, die ich gerade zurücklegen muss, mein Klima-Projekt zu hintergehen. Denn Elektroautos stoßen schließlich kein CO2 aus und sind damit raus aus der Rechnung, oder? Oder?? Wenn ich ehrlich bin: keine Ahnung. Ich weiß, dass die Herstellung der Batterien eine vergleichsweise katastrophale Ökobilanz haben. Dass der Transport der Fahrzeuge CO2-lastig ist. Dass mein gutes Gewissen hintenrum mit Sicherheit irgendwie teuer erkauft ist. Das Problem: Fahren muss ich trotzdem irgendwie. Alternativen? Fehlanzeige. 

Tag 6: Für mich bitte keinen Nudelsalat, danke!

Es ist Samstag und ich bin mit Freunden zum Essen verabredet. Eine nette, kleine Hinterhof-Runde im kulinarischen Ambiente selbstgemachter Fleischküchle, Tomate-Mozzarella-Variationen und Tabouleh-Salate. Das Bio-Gefühl ist hier großstadtkonform: ein bisschen international, ein bisschen deftig und ein bisschen was mit Minze.

Die Stimmung ist gut, nur ich fühle mich kompliziert. Heute wirken meine Anpassungen und Ziele auf mich das erste Mal wie wirkliche Einschränkungen. Ich will nicht ständig fragen, woher die Tomaten da drüben sind. Oder, ob die Mayonnaise im Nudelsalat jetzt eigentlich bio ist oder doch nur die Billigvariante von Lidl. Ich will nicht darüber urteilen, dass ein Großteil der Leute mit dem Auto hier ist, obwohl die Strecke echt nicht weit ist. Aber seit ich klimafreundlicher lebe, bin ich absurderweise auch schneller mit meinen Urteilen. Ich schaue genauer hin, bei mir wie bei anderen. Das fühlt sich – um ehrlich zu sein – manchmal gar nicht so easy an.

Tag 7: Recap

Sonntagnachmittag zwischen meinen halb lebendigen Balkon-Tomaten: Es wird Zeit, zurückzuschauen. Wäre das hier auf Dauer realistisch? Wo ist die Grenze zwischen „umweltfreundlichem Leben“ und „umweltfreundlichem Wahnsinn“? Und wie sinnvoll sind meine Bemühungen überhaupt?

Vor allem beim Essen habe ich mich die letzten Tage doch recht eingeschränkt gefühlt. Obwohl das Gemüse vom Bauernhof viel leckerer war als die normalen Supermarkt-Produkte, war das ständige Vorkochen doch ganz schön mühselig. Spontanes Dinnerdate? Nope. Mittagessen mit den Kollegen? Schwierig. Nachmittags noch schnell ein Eis bei der Hitze? Diese Woche nicht, danke.

Aber lohnt sich die ganze Anstrengung überhaupt? Wie klimaneutral kann ich sein? Die Antwort: Es gibt Grenzen – und ich war mit meinen 7,9 Tonnen schon Anfang der Woche ziemlich nah dran. Das Ideal von zwei Tonnen CO2 pro Jahr könne man als Einzelperson nämlich gar nicht erreichen, sagt Fritz Reusswig vom Institut für Klimafolgenforschung in Potsdam. „Ab einem gewissen Punkt hilft nur noch die Politik.“

Der Grund dafür sind die kollektiven Klimasünden der Gesellschaft. Wie oft wir auch das Fahrrad dem Auto vorziehen, unser eigenes Gemüse anbauen oder uns selbst mit Ökostrom versorgen. Auf der Minusseite unseres Klimakontos stehen Klimakiller wie die Straßenbeleuchtung, die Bundeswehr oder die Stromversorgung von Krankenhäusern – und die können wir alleine nicht ausmerzen. So sinnvoll ein bewusster Lebensstil auch ist: Um auf null zu kommen, brauchen wir größere Lösungen, Konzepte und Ziele. Und wir brauchen einander.

(Fotos: Sabine Fischer und Unsplash)

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Queer-Community: Sätze, die nerven und wie man es besser macht

Sätze können wehtun. Verurteilen. In Schubladen stecken. Wer sich dessen einmal bewusst ist, kämpft oft mit der Unsicherheit, aus Versehen das Falsche zu sagen. Deshalb haben wir einfach mal nachgefragt: Liebe Queer-Community – welche Sätze gehen gar nicht und was würdet ihr lieber hören?

Stuttgart – Bist du eigentlich queer? Bi? Trans? Inter? Und geht mich das jetzt überhaupt was an? Den richtigen Ton zu treffen, ist in unserer multidimensionalen Welt manchmal gar nicht so einfach. Nicht, weil fremde Lebensentwürfe generell  verwirrend wären, sondern weil uns immer bewusster wird, was Sprache anrichten kann.

Und mit dem Bewusstsein steigen bei vielen auch die Hemmungen. Denn dann kommt zu jedem Satz die Angst, nicht in die Syntax des Gegenübers zu passen. Das Falsche zu sagen. Zu weit zu gehen. Im schlechtesten Fall senkt man dann den Blick und verstummt.

Weil das aber auch nicht Sinn der Sache sein kann, haben wir einfach mal den nächsten Schritt gemacht: das Gespräch gesucht und nachgefragt.

Von unbeholfen bis übergriffig: Jethro kennt jede Art von Gespräch über seine Homosexualität

Jethro ist schmal und groß, mit dunkelblauem Hemd und tiefschwarzen Locken. Auf den ersten Blick wirkt der 22-Jährige fast unscheinbar. „Manchmal mag ich das“, sagt er grinsend und zuckt mit den Schultern.

Meistens ist Jethro, seit zwei Jahren Sprecher der Jugendgruppe Königskinder für bi, trans und queere Jugendliche, nämlich alles andere als unsichtbar. Geblümte Schuhe, knallige Jacke, bunte Armbänder: Es gibt Tage, an denen will er auffallen. Tage, an denen er das Gefühl von „Schaut mich an, ich bin etwas Besonderes“ sucht.

So laut war Jethro allerdings nicht immer. Über Jahre hinweg prägten innere und äußere Kämpfe um seine Sexualität seinen Alltag. Heute spricht er offen über diese Zeit: Auf sein Coming Out zum Beispiel sei er lange vorsichtig zugetippelt. Auf YouTube habe er sich Videos angesehen, in denen Menschen den Satz „Mama, ich bin schwul“ in die Kamera sagen – und sei erstmal zurückgeschreckt.

Auch davon, dass auf das Outing erstmal Stille folgte, erzählt Jethro. Nachdem er seiner Mutter gesagt habe, dass er schwul sei, schwieg sie das Thema tot. Erst langsam gewöhnte sie sich an den Gedanken, dass die Homosexualität mehr war als eine Phase im Leben ihres Sohnes. Seinem Vater gegenüber hat Jethro die Worte nie ausgesprochen. Er ist gläubig und sagte damals Dinge, die dem Teenager kalte Schauer über den Rücken jagten. Irgendwann dann kam unaufgefordert ein versöhnlicher Satz: „Du bist was Besonderes. Wenn du durch die Welt gehst, hab deine Antennen draußen.“

Ganz unbegründet war diese Warnung nicht. Von unbeholfen bis übergriffig hat Jethro inzwischen so ziemlich jedes Gespräch über seine Homosexualität geführt – Spaß gemacht hat ihm das nicht immer. Mit uns hat er deshalb über Klischees und Sätze gesprochen, die er und andere Homosexuelle nicht gerne hören.

Wie macht man es besser?

Heute ist Jethro zufrieden mit sich und der Art, wie er leben möchte. Dass Menschen ihn ansprechen und unpassende Dinge sagen, tut ihm nicht mehr weh. Dazu ist er zu reflektiert. Zu nachdenklich. Zu offen. „Aber man muss natürlich damit rechnen, dass nicht alle Menschen so sind wie ich.“ Dass viele der Sätze nicht so spitz gemeint sind wie sie sich anhören, ist Jethro zwar klar. Dennoch gibt es für ihn klare Punkte, wie Gespräche stattdessen ablaufen sollten:

Titelbild: Sabine Fischer

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10 Tipps fürs Wochenende in Stuttgart

Ob Straßenfest im Heusteigviertel, ein Rave im Sonnenschein oder ein Yoga-Festival am See: Wir haben für euch die schönsten Events für das kommende 30-Grad-Wochenende in Stuttgart zusammengestellt.

Stuttgart – It’s getting hot in here – der Kessel glüht und in euren Wohnungen lässt es sich trotz runtergelassener Rollläden kaum noch sinnvoll aushalten? Dann nichts wie raus. Das Wochenende steht vor der Tür. Passend zum Hitzeschock gibt die Festivalsaison in der Stadt ihr Bestes. Ob zur Abkühlung, für gute Live-Musik oder beim Stöbern durch den einen oder anderen Flohmarkt.

Tipps für Nachteulen

Aber auch für all diejenigen, die sich angesichts der Temperaturen tagsüber doch lieber im Keller verkriechen, gibt es spätestens nach Sonnenuntergang Erlösung. Beim „Durch die Nacht Festival“ zum Beispiel könnt ihr zu feinster elektronischer Musik tanzen, bei der Rollerparty über die Tanzfläche düsen oder gemeinsam mit Stuttgarts „whacksten DJs“ ins Wochenende starten.

Wie immer haben wir die coolsten Veranstaltungen für das anstehende Wochenende schon mal für euch zusammengestellt. You’re welcome:

Titelbild: Unsplash/James Sutton

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