Herbal Health: Stuttgarts erster CBD-Shop

Am Montag eröffnet am Olgaeck der erste Laden, der fast ausschließlich CBD-Produkte anbietet. Im Herbal Health gibt es alles vom Öl über Cremes bin hin zu Klamotten und Liquids.

Stuttgart – Lange ist der Schuhladen Trippen an der Olgastraße noch nicht geschlossen, jetzt gibt es schon einen Nachmieter, der seine Pforten öffnet. Mit dem „Herbal Health“ kommt der erste Shop nach Stuttgart, der ausschließlich CBD- und Kräuter-Produkte sowie Naturkosmetik anbietet. Neben CBD-Ölen und -Tropfen sind auch jede Menge CBD-Liquids für E-Zigaretten im Programm, außerdem gibt es Vaporizer zum Verdampfen von Kräutern. Der 39-Jährige Cris Alexis, der den Laden betreibt, setzt zudem auf „nachhaltige, ökologische und fair gehandelte Health Wear“ in dem Laden. Die Sweatshirts beispielsweise sind mit einem speziellen Lavendelduft benetzt. „Das entspannt dich schon allein dadurch, dass du den Pulli trägst“, meint Cris, der von allen eigentlich nur Bolli genannt wird.

In Deutschland sind CBD-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich

CBD, auch als Cannabidiol bekannt, wird aus Hanf gewonnen und ist im Gegensatz zu THC nicht psychoaktiv. Cannabidiol-Präparate dürfen in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel ohne gesundheitsbezogene Behauptungen angeboten werden, medizinisch verspricht der Konsum eine entkrampfende, entzündungshemmende, angstlösende Wirkung. Des weiteren wird CBD zur Schmerztherapie empfohlen und kann appetitanregend wirken sowie Übelkeit reduzieren. Im Internet kursieren außerdem Videos von Parkinsons-Patienten, die durch die Einnahme von CBD-Tropfen Entspannung finden. Ebenfalls unter den häufig erwähnten Beschwerden, die mit CBD behandelt werden können, sind Menstruationsbeschwerden und Migräne. Inzwischen sind CBD-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel auch in den bekannten Drogeriemärkten auf dem Vormarsch. In Headshops sind sie schon länger zu finden.

Mehr Showroom und Infobörse als klassischer Einzelhandel

„Unsere Produkte sind eine ganz andere Liga“, sagt Bolli und verspricht nur „High-End“ im „Herbal Health“. Geändert haben er und seine Kollegen Tizian Breitenberger und Tobias Rückle im ehemaligen Trippen fast nichts. Der aufwendige Boden ist geblieben, ebenso das Display, in dem früher die Stiefel und Schuhe Platz fanden. Jetzt stehen dort die Produkte: Cremes, Liquids, Vaporizer, Salben. Dazwischen hat Bolli mehr aus Deko-Zwecken einige Antiquitäten aus seiner privaten Sammlung aufgestellt. Auch ein paar seltene Platten soll es in dem Shop zu kaufen geben, ein Plattenspieler kommt bald dazu.

Bolli möchte zudem so viele Nachbarn wie möglich mit in den Laden integrieren, deren Waren ausstellen und die Produkte in das Konzept integrieren. Platten, Pflanzen, Antiquitäten – für Bolli ist der „Herbal Health“ eher Showroom und Ort für Informationsaustausch als klassischer Einzelhandel. „Hier geht es darum, Infos zu bekommen.“ Ahnung von CBD zu haben sei deshalb Einstellungsvoraussetzung für die Mitarbeiter. Alle CBD-Produkte, die größtenteils noch nicht auf dem deutschen Markt zu kriegen seien, können demnächst dann auch im eigenen Onlineshop bestellt werden.

Herbal Health
Olgastraße 53, 70182 Stuttgart

Eröffnung:
Montag, 17. Dezember

Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag, 10 bis 20 Uhr

Herbal Health

Olgastraße 53

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Prostituierte sind keine Menschen zweiter Klasse

Traurig, dass es einen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiterinnen geben muss, findet Stadtkind-Autor Peter Buchholtz. Doch die Zustände im Rotlicht sprechen dafür. Ein Kommentar.

Stuttgart – Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie sicher Sexarbeiterinnen in Deutschland sind, schaut einfach mal ins Prostituiertenschutzgesetz. Das wurde im Vorjahr vom Gesetzgeber verabschiedet: „Insbesondere muss in Prostitutionsstätten mindestens gewährleistet sein, dass die einzelnen für sexuelle Dienstleistungen genutzten Räume über ein sachgerechtes Notrufsystem verfügen“, steht da im Paragraph 18.

30 Euro, ohne Gummi, anal, alles.

Ein Notfallknopf neben dem Bett. Klar, falls mal die Papiertücher ausgehen, denkt sich der derjenige, der Prostitution Ende 2018, fast 2019, immer noch stur romantisiert und beschönigt. Ein Witz auf Kosten derer, die auf Notfallknöpfe angewiesen sind in den Puffs in diesem Land, Paradise, Artemis, Pascha und wie sie alle heißen.

Lustig ist das nicht. Wenn Menschen sonst unter lagerähnlichen Bedingungen gehalten und misshandelt werden, versteht auch der letzte Ignorant für gewöhnlich, dass Späße da unangebracht sind. Nur bei Puffs und Nutten, da macht man gerne mal eine Ausnahme.

Prostituierte werden behandelt wie Menschen zweiter Klasse. Als seien sie dazu vorbestimmt, sich anderen anzubieten; sich dem meist männlichen Willen hinzugeben. 30 Euro, ohne Gummi, anal, alles. Klar, die Mutter oder Schwester würde man niemals so behandeln, geschweige denn es zulassen, dass jemand anderes so mit ihnen umgeht. Aber wie gesagt: Huren = Frauen zweiter Klasse.

Schläge gegen den Kopf, damit es keine blauen Flecken gibt

Jetzt haben sie ja sogar das Recht auf einen Notfallknopf. Nur blöd, wenn sich der Freier benimmt, der Zuhälter aber nicht. Dass auch das keine Ausnahme ist, erleben die Zuschauer im Paradise-Prozess am Stuttgarter Landgericht. Anschaffen oder Schläge auf den Kopf lautete da die Devise. Damit die Freier auch ja keine blauen Flecken an ihren „Liebesdienerinnen“ entdecken, wie die notorischen Verharmloser die Zwangsprostituierten gerne nennen. Für den Fall der Fälle wird dann noch der Name des Zuhälters in die Haut der Prostituierten tätowiert. Dann sind wenigstens die Besitzverhältnisse geklärt.

Einfach mal die Zahl an Frauen- und Männerhäusern in Deutschland vergleichen

Wer an dieser Stelle noch nicht verstanden hat, warum es einen internationalen Tag gegen Gewalt an Sexarbeiterinnen gibt, hat wahrscheinlich einmal ein Räucherstäbchen zu viel angezündet. Ja, das Thema betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Trans- und Intersexuelle. Und in geringer Anzahl bestimmt auch Männer. Der Großteil der Sexarbeiter bleibt aber weiblich, und die Gewalt gegenüber Frauen ist nicht nur im Rotlicht weitaus häufiger verbreitet, sondern durch alle Branchen und Gesellschaftsschichten hindurch. Wer das nicht glaubt, kann gerne mal alle Frauenhäuser und Männerhäuser in Deutschland zählen und die Ergebnisse danach gegenüberstellen.

Nicht nur gedemütigt und misshandelt, sondern auch noch stigmatisiert

Trotzdem leiden besonders die Frauen im Rotlichtgewerbe, weil sie nicht nur von Freiern, Zuhältern und Bordellbetreibern schikaniert, gedemütigt und misshandelt, sondern auch vom Rest der Gesellschaft stigmatisiert werden. Frauen zweiter Klasse. Wo sich gleichzeitig auch noch der medial vermittelte Eindruck in den Köpfen hält, Prostitution sei gut und schnell verdientes Geld à la „Pretty Woman“. Dass so etwas existiert, heißt nicht, dass es die Regel ist. Die Regel sieht anders aus. Das weiß jeder, der einmal mit offenen Augen und ohne rosarote Brille durch die Rotlichtviertel deutscher Städte läuft. Mit Glamour hat das wenig zu tun.

Filmtipp: The Price of Sex

Wer stigmatisiert, wer romantisiert und wer die Zustände ignoriert, der lässt das Leid und die Gewalt zu. Hinzusehen und dabei an die Frauen zu denken, die man liebt, ist vielleicht nicht leicht. Aber ein Anfang, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Mehr über das System der Ausbeutung von Frauen in europäischen und weltweiten Metropolen erfahrt ihr in dem Dokumentarfilm „The Price of Sex“. Darin wird gezeigt, wie Frauen aus Osteuropa in die Prostitution getrieben werden und unter welchen menschenunwürdigen Zuständen sie sich häufig verkaufen müssen.

(Titelbild: Unsplash/Sara Rolin)

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Lightup Germany klärt über Prostitution und Menschenhandel auf

Der Verein Lightup Germany startet durch, um Jugendliche und junge Erwachsene über Menschenhandel und Prostitution aufzuklären.

Stuttgart – 2013 war Carina Angelina in Hamburg und stand zum ersten Mal auf einem der Hauptplätze, wo Konzerte, Musicals und das Nachtleben aufeinandertreffen. Direkt an der Reeperbahn, mitten im Leben, mitten in unserer Gesellschaft. „Das Szenario, das ich dort beobachtete, hat mich zutiefst bewegt und gleichzeitig verärgert“, sagt die 26-Jährige.

Lightup Germany entsteht 2013 im Rahmen einer studentischen Initiative

Mitten zwischen Bars, Supermärkten, der drängenden Menge an Menschen, genau zwischen McDonalds und einer Apotheke, habe sich ein großes Plakat mit einer kaum bekleideten Frau befunden, einer Bordellwerbung: „Geiz Club Sex 39 Euro“. „Davor standen zwei junge Frauen in Unterwäsche, ungefähr in meinem Alter. Jungen, die vielleicht zwischen zwölf und 15 Jahren waren, gingen zu den jungen Frauen, um ‚Small-Talk’ zu betreiben“, erinnert sich Carina. Wieder Zuhause in München angekommen, hat sie begonnen sich mit den Themen Prostitution und Menschenhandel auseinanderzusetzen: „Die Erlebnisse haben mich tief schockiert und für mich stand fest, dass ich etwas tun möchte.“

Die Themen begleiteten sie anschließend durchs Studium: Nach ihrem Abitur in München studierte sie Soziale Arbeit, ihr Praxissemester absolvierte sie bei Solwodi, einer Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel. Inzwischen lebt Carina in Berlin und arbeitet bei einem freien Träger der Jugendhilfe in der Rufbereitschaft.

Lightup Germany ist ein Herzensprojekt

Dort kümmert sich Carina um verschiedene Jugendliche im betreuten Einzelwohnen. Nachts wird sie dann gelegentlich zu akuten Krisen dazu gerufen. Von harmlosen, wenn sich einer der Jugendlichen ausgesperrt hat, bis hin zu schwierigeren, wenn sie einen von ihnen bei der Polizei abholen muss.

Ihr Herzensprojekt Lightup Germany betreut sie als Vorsitzende neben ihrem Beruf. Durch die Rufbereitschaft habe sie mehr Flexibilität, um sich ehrenamtlich um den Aufbau des Vereins zu kümmern, meint die 26-Jährige. Lightup hat Carina 2013 im Rahmen einer studentischen Initiative mitgegründet, damals noch unter dem Namen „Freethem“. Die Mutterorganisation des Vereins kam damals aus Schweden, die Nachfolgeinitiative Lightup ist heute nicht nur in Deutschland, sondern ebenfalls in Norwegen und Österreich vertreten.

Aus der Bachelorarbeit entsteht ein Buchprojekt

Auch ihre Bachelorarbeit widmete sie den Themen Prostitution und Menschenhandel. „Mir ist aufgefallen, dass es wenig Literatur zu Sozialer Arbeit in der Prostitution gibt“, sagt Carina. Nachdem sie die Arbeit erfolgreich fertiggestellt hatte, sei in ihr der Wunsch gewachsen, dass es schön wäre, wenn die Ergebnisse der Bachelorarbeit nicht im Schrank verstauben würden. Vor circa zwei Jahren ist dann ein Buchprojekt ins Rollen gekommen, das zunächst zwar klein geplant war, mit der Zeit aber immer größer wurde. Entstanden ist daraus das Sammelwerk „Prostitution heute“, das das Thema Prostitution in zwölf Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Richtungen beleuchtet.

„Footballer gegen Menschenhandel“

Anders als im Praxissemester bei der Fachberatungsstelle für Menschenhandel, wo schwerpunktmäßig Frauen beraten werden, die Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Zwangsheirat geworden sind, setzt Lightup seinen Fokus auf präventive Aufklärungsarbeit mit Workshops in Schulen, Unis und Jugendgruppen. „Informieren, sensibilisieren, austauschen und reflektieren“, sagt Carina, „das ist das, was wir als sehr wichtig empfinden“. 60 bis 90 Minuten dauert so ein Workshop etwa, der auf dem Konzept der Menschenrechtspädagogik basiert. Im letzten Schritt sollen die Teilnehmer selbst aktiv werden. Lightup möchte sie dabei mit einer Plattform unterstützen.

So passiert ist das zuletzt zum Beispiel bei einer Schulprojektwoche. Einen der Jugendlichen hat die Thematik so bewegt, dass er einen Workshop in seinem American-Football-Team, den Rotenburg Cyclones, vorgeschlagen hat. Seit dem Workshop treten die Spieler vor dem Match mit einem Banner auf das Feld: „Footballer gegen Menschenhandel“. „Es gibt keine Grenzen der Kreativität. Das ist das was wir so toll finden“, kommentiert Carina die Aktion.

Der Verein lebt von Spenden

Etwa 15 bis 20 Workshops haben sie 2018 deutschlandweit abgehalten. Mit einem Kernteam von sechs bis acht Leuten stemmen die Vereinsmitglieder den Großteil der Arbeit. „Dazu kommen noch ganz viele Ehrenamtliche, die hier und da punktuell mitarbeiten“, sagt Carina. Bisher arbeiten alle zu 100 Prozent umsonst, der Verein ist – abgesehen von kleineren Einnahmen durch Merchandise – fast ausschließlich spendenfinanziert.

Da immer mehr Anfragen für Workshops und Seminare beim Verein gestellt werden, wollen sich Carina und ihre Weggefährten weiter professionalisieren, um die Arbeit langfristig zu sichern. Schon jetzt sei der Arbeitsaufwand kaum noch zu steuern, daher gebe es inzwischen ein Mitglied, dass sich auf das Thema Fundraising konzentriert. Bewerben wollen sie sich für verschiedene Projektgelder für präventive Bildungsarbeit. Häufig gebe es aber auch dort einen bestimmten Eigenanteil, der zu leisten sei. „Deswegen sind wir auch hier wieder auf Spenden angewiesen“, bestätigt Carina.

Fördermitglieder gesucht!

Seit Anfang Dezember bietet Lightup Germany daher eine Fördermitgliedschaft für Unterstützer an, die bei einem Betrag von fünf Euro beginnt. „Das ist die Möglichkeit, als Einzelperson ein Zeichen zu setzen und dem Anliegen des Vereins eine Stimme zu geben“, meint Carina. Fünf Euro, das sei gerade mal ein Drink in einer Bar.

„Vielleicht schafft man es ja, auf einen Gin Tonic zu verzichten“, fügt die 26-Jährige hinzu. Durch den Merch, den der Verein an seine Fördermitglieder verschickt, soll vielleicht auch das eine oder andere Gespräch entstehen. Jutebeutel und Sticker mit Sprüchen wie „There is nothing human in trafficking people“ oder „People are priceless“ sind dabei.

Bekannte Vorbilder und unbekannte Alltagshelden

Auch auf Instagram und Facebook ist der Verein aktiv und hat im Herbst zum europäischen Tag gegen Menschenhandel zum Beispiel bekannte oder weniger bekannte Heldinnen und Helden vorgestellt, die von einer Welt ohne Menschenhandel träum(t)en. Abraham Lincoln wurde hier zum Beispiel genannt. Oder die ehemalige Prostituierte Sandra Norak, die auf die Loverboy-Masche hereingefallen ist und von einem älteren Mann für mehrere Jahre in die Prostitution getrieben wurde.

Phänomene wie die Loverboy-Masche sollen Teil der Aufklärungs- und Bildungsarbeit des Vereins sein, denn auch vermehrt minderjährige Mädchen aus Deutschland werden Opfer von „Loverboys“.

Freier und Betreiber profitieren von der Liberalisierung

Zur Vereinsarbeit gehöre es außerdem, das romantisierende und verharmlosende Bild, das in der Gesellschaft über Prostitution vorherrsche, zu hinterfragen. Der Verein möchte sich nicht auf politische Lobbyarbeit konzentrieren, sondern auf die Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Trotzdem befasst sich Carina täglich mit der Realität, die durch die politischen Entscheidungen entstanden ist. Angesprochen auf die Liberalisierung durch das Prostitutionsgesetz im Jahr 2002, meint Carina: „Ich glaube, es war den Politikern gar nicht bewusst, was das für eine gesellschaftliche Haltung mit sich bringt.“ Profiteure des Gesetzes seien die Freier gewesen, die zu Dumpingpreisen menschenunwürdige Praktiken einfordern sowie Betreiber, die durch Mieteinnahmen hohe Gewinne erzielen.

Die Moralkeule will „lightup“ trotzdem nicht schwingen, sondern lieber junge Menschen davon überzeugen, selbst nachzudenken, Haltungen kritisch zu hinterfragen und aktiv zu werden. „Das ist, wie wir als Verein konkret arbeiten wollen“, erklärt Carina.

Mehr Infos zu Lightup Germany auf Facebook >>>

Fotos: Carina Angelina / Lightup Germany

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Club Europa 518: Eine Partyreihe wird wiederbelebt

Am Freitag feiert der „Club Europa 518“ mit einem besonderen Konzept im Stuttgarter Lehmann Club sein Comeback. Wir haben alle Infos zur Veranstaltung.

Stuttgart – Mit dem „Club Europa 518“ kehrt am Freitag ein spannendes Veranstaltungskonzept in den Kessel zurück. Ins Lehmann, das im Sommer umfangreich umgebaut wurde, laden die CE 518-Macher Manuel Schuller und Steffen Störmer die beiden Briten Pangaea und Bruce ein. Wir haben mit Manuel über die Entstehungsgeschichte der Veranstaltung gesprochen, über sein Projekt „Plus 1“ und darüber, was die Besucher Besonderes im Lehmann erwartet:

Club Europa 518 – erklär den Stadtkindern mal bitte kurz, was es eigentlich mit dem Namen auf sich hat?

Am einfachsten ist es, wenn man mal danach googelt – da stößt man schnell auf den Wikipedia-Eintrag zu Club Europa: ein Stahl-Kartell, das wegen Preisabsprachen in der EU im Jahr 2010 zu einer Strafe von 518 Millionen Euro verurteilt wurde. Den Namen Club Europa gaben sich die Beteiligten selbst. Übertragen auf unser Club-Konzept, das im Romantica debütierte, heißt das folgendes: Aufgrund unserer guten Verbindungen zu diversen Künstlern und Agenturen hatten wir ziemlich schnell die Möglichkeit, unverhältnismäßig bekannte und teure DJs in eine Location mit einer Kapazität von etwa 80 Personen zu buchen. Das Kennzeichen S-CE-518 auf dem fast schon lebensgroßen Mercedes-Druck hinter dem Tresen kommt also nicht von ungefähr.

Nach unserer mehrjährigen Club Europa Abstinenz kann man die Grundidee vom Konzept aber nicht mehr auf die Veranstaltung im Lehmann übertragen. Der Fokus liegt jetzt auf anderen Punkten: das Line-Up soll nicht nur aus einem Gast-DJ bestehen – ebenso sollen die Gegebenheiten im Club angepasst werden.

Dich kennt man in Stuttgart ja vor allem durch Veranstaltungen im White Noise, früher auch in der Bar Romantica. Wie kommt es, dass ihr den Club Europa im Lehmann wiederbelebt?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Allen voran erst einmal der Wille, wieder etwas in Stuttgart veranstalten zu wollen. Unser letztes Event liegt nun mehr als ein halbes Jahr zurück, das war eine WHO THE F*CK Veranstaltung in Kooperation mit Telekom Electronic Beats im White Noise. WTF war immer sehr an unsere Homebase Heilbronn (Mobilat Club) oder in Stuttgart an das White Noise gebunden. Mit Club Europa wollen wir uns davon etwas lösen – auch grafisch gesehen ganz im Sinne von „Farbe ins Spiel bringen“. Nennenswert ist vielleicht noch, dass ein Großteil der damals im Club Europa-Kontext gebuchten Acts aus UK kam – und wir mit Pangaea (London) und Bruce (Bristol) genau dort anknüpfen.

Im Sommer hat sich im Lehmann einiges verändert. Es wurde viel umgebaut, es gibt jetzt eine neue Bar, wechselnde Kunst und ein Fotoverbot. Ein Grund für jeden, mal vorbeizuschauen?

Ja – drei Ausrufezeichen! Stuttgart bietet, was Locations für elektronische Musik anbelangt, leider beschämend wenig – und das Lehmann stand für mich eigentlich nie zur Debatte. Kurz vor dem Umbau erzählte mir Rapha Dincsoy deren Pläne. Das klang echt gut. Die Erwartungen, die ich mir im Kopf zurechtgelegt hatte, haben sich bestätigt: das Lehmann hat es geschafft zu einem Ort zu werden, an dem man loslassen kann. Keine permanent nervigen hellen und grellen Lichter mehr. Orte, die einladen, auch einfach mal nur zu sitzen.

Du hast selbst ja auch dein Club-Lichtprojekt „Plus 1“, mit dem du Clubs und Partys bespielst und neu inszenierst. Was erwartet die Besucher denn im Lehmann?

Richtig, zum einen wird das DJ-Pult direkt auf die Tanzfläche gesetzt, um so möglichst nah an den Gästen zu sein. Außerdem werden extra Lichter installiert. Verbaut werden hauptsächlich Glühbirnen in den unterschiedlichsten Formen, welche ein extrem warmes Licht erzeugen. Ich liebe den Kontrast von grellem LED- und warmem Glühbirnen-Licht sehr!

Beim Plus 1 Konzept geht es darum, generell mehr Beachtung auf das Thema Licht zu lenken. Alleine schon in Form des mobilen Setups: in zwei Koffern ist eigentlich das komplette Equipment vorhanden, um eine kleine bis mittelgroße Location mit Licht auszustatten. Mit diesem minimalen Setup kann ich quasi ähnlich wie ein DJ reisen und meine Ideen an den verschiedensten Orten installieren.

Ich würde sogar wagen zu behaupten, dass sich eine gute Party zu 50/50 aus Licht und Musik zusammensetzt. Wobei das Hauptaugenmerk meist nur auf dem DJ liegt. Deshalb spielt auch die Platzwahl dabei eine Rolle. Als Person, die die Lichtstimmung anpassen soll, darf man nicht fernab vom Zentrum des Geschehens sein – die Platzierung in Nähe des DJs ist wichtig. Ebenso wichtig ist es für mich, dass im Laufe eines Abends der Light- und Disc-Jockey eine Art Symbiose eingehen, sodass das Ganze fast schon inszeniert wirkt – Bässe, HighHats und die glimmenden Lichter müssen komplett im Einklang sein.

Was steht als nächstes bei euch an? Wo feiert die WHO THE F*CK-Crew Weihnachten und Silvester?

Ganz im Sinne von „every year the same procedure“ feiern wir am Freitag vor Weihnachten das WTF Christmas Gathering im Mobilat. Wie soll es auch anders sein, um es so familiär wie möglich zu gestalten: Residents only! Candy Pollard (Steffen Störmer, Resident DJ und Mitveranstalter von WTF & CE 518) spielt jedenfalls bei der mehr als 24 Stunden andauernden Silvester Party im Blitz-Club in München.

Club Europa 518 – Lehmann w/ Pangaea, Bruce, Candy Pollard
Freitag, 7. Dezember, 23 Uhr
Facebook-Event

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Tobias Rückle: Mit der Seenotrettung Sea-Eye in Malaga

Tobias Rückle war mit der Regensburger Seenotrettung Sea-Eye unterwegs und hat mitbekommen, wie angespannt die Stimmung in den Mittelmeerhäfen ist.

Stuttgart – Nach dem Studium erstmal auf große Reise gehen? Tobias Rückle hat sich zwar für einen Trip entschieden, aber für einen etwas ungewöhnlichen. Für ihn ging es nach Malaga, mit der privaten Seenotrettung Sea-Eye auf Mission. Zwar keine Rettungsmission, sondern nur eine Schiffsüberführung – doch Sea-Eye meldete sich bei Tobi und der Zeitpunkt passte. „Vier Tage vor Missionsbeginn haben sie mich angerufen“, sagt Tobi, dann ist er nach Malaga geflogen und dort an Bord des Schiffs Sea-Eye gegangen.

Clubs gegen Kajüte eintauschen

Zwei Wochen sollte die Überführung des Schiffs dauern, das zunächst von Malta über Hammamet in Tunesien nach Malaga gefahren war, um von dort weiter über Gibraltar nach Hamburg zu schippern. In Stuttgart kennen die meisten Tobi wohl eher aus dem Nachtleben. Mit der LoveiT-Crew prägt er seit Jahren die elektronische Szene in Stuttgart. Im Vorjahr hatte er gemeinsam mit WTF und Quo Vadis „Sociocultural Playground“ gegründet, eine Initiative für Open-Airs im Kessel. Für zwei Wochen wollte er Clubs gegen Kajüte eintauschen, den Kopf frei kriegen und erste Erfahrungen bei der Seenotrettung sammeln. So kam er zu Sea-Eye.

Vom Fischkutter zum Rettungsschiff

Der Verein Sea-Eye hat sich vor drei Jahren in Regensburg gegründet. Mit den zwei zu Rettungsschiffen umgerüsteten Fischkuttern, der Sea-Eye und der Seefuchs, war er an der Rettung von mehr als 14.000 Menschen beteiligt. „Seit 2015 gibt es keine europäischen Mandate mehr, um Menschen zu retten. Diese verheerende politische Fehlentscheidung bezahlten bis heute mehr als 20.000 Menschen mit ihrem Leben“, lässt Sea-Eye verlauten. Der Verein zählt inzwischen gut 350 Mitglieder und weit über 1000 Aktivistinnen und Aktivisten.

Der Smut kocht in der Kombüse

Einer der Aktivisten ist jetzt Tobi. Was Sea-Eye von ihm erwartete? „Seeerfahrung“, antwortet der 27-Jährige, er habe ein bisschen Segelbooterfahrung vorweisen können. Angeheuert hat er auf dem Rettungsschiff dann als Smut, also Küchenchef: „Ich habe immer in der Kombüse gekocht, jeden Tag um 13 Uhr gab es Essen.“ Außerdem hat Tobi die Crew bei der Kommunikation unterstützt. Außer ihm waren für die Überführung noch der Kapitän, zwei Bundeswehroffiziere, eine Polizistin, ein Lehrer und zwei Maschinisten an Bord. Alle in ihrer Freizeit, versteht sich.

Juristische Konsequenzen für Retter

Er habe gemerkt, dass die anderen Crewmitglieder teilweise konservativer eingestellt waren, wenn es um Politik ging. Auch Tobi hat nach der Reise ein noch differenzierteres Bild, was die Problematik mit den Geflüchteten betrifft. „Man kann wahrscheinlich nicht alle aufnehmen. Aber ertrinken lassen geht halt auch nicht“, meint er. So sehe es auch der Rest der Crew. „Das Problem ist, dass die Medienpräsenz nachgelassen hat“, sagt er. Privaten Rettungsmissionen wird derzeit der Einsatz untersagt oder die Flagge entzogen. Schiffe wie die Seefuchs dürfen den Hafen in Malta nicht mehr verlassen, der deutsche Kapitän der „Lifeline“ steht in Malta wegen eines Rettungseinsatzes vor Gericht.

Ein paar tausend Euro für einen Traum

Wenn man einen Schlüssel für die Verteilung der Geflüchteten auf die verschiedenen EU-Staaten hätte, wäre es einfacher, meint Tobi. Dann dürften vielleicht auch die Schiffe wieder die Häfen verlassen.

„Nicht fünfzig Flüchtlinge ertrinken, sondern fünfzig Menschen“, sagt Tobi. In Malaga starten viele Kreuzfahrten. Die Kreuzfahrttouristen würden für ihre Reise ungefähr gleich viel zahlen wie die Geflüchteten für ihre gefährliche und oft tödliche Überfahrt – ein paar tausend Dollar. „Denen wird einfach so ein Traum verkauft, der nie in Erfüllung gehen wird“, sagt Tobi.

Probleme mit dem Öldruck beenden die Überführung

Kurz nach dem Start Mitte Oktober hatte das Schiff dann technische Probleme, die Ölpumpe streikte. Das Schiff musste in den Hafen von Malaga umkehren. Dort war nicht klar wie es weitergeht. Die ersten Tage seien stressig gewesen, weil man noch nicht wisse, was auf einen zukommt und man noch nicht sicher auf dem Boot sei, meint Tobi: „Ich habe nachts komplett unruhig geschlafen.“ Nach mehreren Tagen stellte sich dann heraus, dass die Reise vorerst beendet war, zu groß waren die technischen Probleme.

Die Mission sieht Tobi trotzdem als einen guten Start, bei dem er sich mit der Umgebung an Bord und der Seenotrettung vertraut machen konnte. „Ich bin froh, dass ich nicht den ‚worst case’ mitgenommen habe. Das ist schon nochmal eine andere Nummer.“ An Bord würde er auf jeden Fall wieder gehen. Wenn sich die politische Situation ändert, vielleicht auch mit einer Rettungsmission.

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Mit Stadtkind nachts ins Mercedes-Benz Museum: Tickets zu gewinnen!

Nachts ins Museum und dabei noch eine einmalige Show genießen? Stadtkind schickt euch mit dem Improvisationstheater Kanonenfutter im Mercedes-Benz Museum auf eine Zeitreise.

Stuttgart – Es ist Nacht. Das Museum ist geschlossen. Eigentlich. Doch am 27. November gelten diese Regeln nicht, zumindest nicht für ein paar glückliche Gewinner. Zusammen mit dem Mercedes-Benz Museum verlosen wir eine einzigartige Theatershow, in der ihr nachts mit den Schauspielern der Truppe durchs Museum wandert. Gespielt wird da, wo sich sonst staunende Besucher vor wunderschönen Oldtimern tummeln. Inspiriert von den Einwürfen und Vorgaben es Publikums spielen die Schauspieler Szenen aus verschiedenen Jahrzehnten. So entsteht eine Geschichte, die definitiv eine Premiere wird. Denn Absprachen oder Drehbuch sind strengstens verboten!

Keiner weiß, was als nächstes passiert

Kanonenfutter spielt Theater, wie ihr es noch nie gesehen habt: Alles was einmal im Monat auf ihrer Heimatbühne im Merlin passiert, ist komplett improvisiert – Absprachen oder etwa ein Drehbuch sind strengstens verboten. „Wir proben natürlich, aber wir wissen trotzdem nicht was kommt“, sagt Janis Goldschmitt von Kanonenfutter. Das sei für ihn das Spannendste an dem Theaterkonzept. Mit Inspiration aus dem Publikum entstehen aus dem Stegreif einzigartige Chansons, schicksalhafte Begegnungen, witzige Wortgefechte, absurde Wendungen und brenzlige Situationen. Mit dabei im Museum wird außerdem ein Pianist sein, der das Schauspiel musikalisch untermalt.

Eine Mischung aus echter Geschichte und Fiktion

„Jeder Auftritt ist irgendwie eine Premiere“, meint Janis. Man lasse sich immer von der Umgebung inspirieren. In diesem Fall also von schicken Karossen aus den unterschiedlichsten Jahrzehnten. „Wir wollen eine Mischung finden aus echter Geschichte und Fiktion“, erklärt Janis. Der wichtigste Teil der Show bleiben allerdings die Besucher: Die Kanonenfutter-Gruppe bittet das Publikum um Inspirationen, Worteinwürfe und Beteiligung.

Fotos: Mercedes-Benz Classic

Gemeinsam geht es bei dieser exklusiven Show mit 40 Gästen durchs Museum – die Hocker nehmen die Besucher beim Ortswechsel einfach unter den Arm.

Ihr wollt an diesem besonderen Abend dabei sein? Kein Problem, wir verlosen 10×2 Plätze für die Theatershow am 27. November! Schickt uns einfach eine Mail mit dem Betreff „Kanonenfutter“ an stadtkind@stadtkind-stuttgart.de und schreibt uns, warum ihr schon immer mal nachts ins Museum wolltet. Einsendeschluss ist Mittwoch, 14. November, 12 Uhr. Alle Emails nehmen an der Verlosung teil. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Common Sense People: Exklusives Interview und Stadtkind-Playlist

Zum siebten Geburtstag haben wir die Common Sense People-Macher zum Interview getroffen. Außerdem gibt’s eine exklusive Stadtkind-Playlist der beiden auf Spotify.

Stuttgart – Angefangen hat für Leif Müller und Konstantin Sibold alles vor sieben Jahren mit einer Residency im Rocker 33 in der alten Bahnhofsdirektion. Seitdem sind die beiden als Veranstalter aus dem Stuttgarter Nachtleben nicht mehr wegzudenken. Zudem sind beide mit Erfolg als Solokünstler und Produzenten unterwegs. Wir haben uns mit ihnen über den Common Sense People-Sound unterhalten und nachgefragt, welche Abende für die beiden prägend waren. Zu ihrem 7. Geburtstag haben sie uns außerdem eine Playlist mit den Künstlern aus sieben Jahren CSP zusammengestellt.

Was hat sich seit eurer ersten Common Sense People-Party 2011 im Rocker33 für euch verändert?

Leif: Aus meiner Sicht hat sich alles verändert. Auf uns persönlich bezogen, angefangen bei dem Niveau, wie wir auflegen, die Musikrichtung, die eigene Wahrnehmung, die Wahrnehmung von Clubkultur, unsere Veranstaltungen. Es sind jetzt sieben Jahre vergangen, in denen wir uns weiterentwickelt haben. Aber genauso hat sich auch das Publikum verändert. Und die Feierkultur.

Konstantin: Ich finde auf der einen Seite hat sich das verändert, wohin wir uns musikalisch weiterentwickeln wollten. Aber eigentlich hat sich für mich gar nicht so viel verändert, weil wir das Artwork seit der ersten Party unverändert durchgezogen haben. Auch der Leitfaden, den wir damals bestimmt hatten, ist derselbe: non-commercial, deep and timeless Electronic Music. Wir haben gesagt, wir holen Acts, die zeitlos sind, vom Anspruch her eine gewisse Tiefe haben, die undergroundig sind und nicht zu „kommerziell“.

Leif: Der Kern der Veranstaltung ist unverändert. Es ist gut, dass wir uns da treu geblieben sind.

Wie hat sich denn der Common Sense People-Sound verändert?

Konstantin: Wir haben von Anfang an versucht, Acts nach Stuttgart zu holen, die andere nicht buchen. Also was zwischen Techno und House liegt, aber trotzdem fern von Genre-Schubladen ist. Am Anfang haben wir noch mehr Acts gebucht, die man einem Genre zuordnen kann, wie zum Beispiel Soundstream oder Move D. Ich würde sagen, wir waren vom Sound her etwas House-lastiger. Und wir haben uns immer mehr in eine abstraktere Richtung entwickelt. Wir buchen Leute wie Voiski oder nd_Baumecker, bei denen es eher schwer ist, die wirklich zu klassifizieren.

Leif: Ich würde auch sagen, dass wir vom Sound experimenteller, tendenziell noch spezieller anstatt massenkompatibler geworden sind. Und auch auf jeden Fall härter, also Techno anstatt House. Und eher eine Techno-Abwanderung Richtung Acid und Electro, anstatt hin zu House und Disco.

Konstantin: Der Kern ist Techno.

Wo standet ihr als Künstler und DJs vor sieben Jahren und wo steht ihr heute?

Leif: Aus meiner Sicht war die Entwicklung für uns als DJs und Veranstalter ein Ding, weil wir erst in diese ganze Sache reingewachsen sind und das hat sich dann gemeinsam entwickelt.

Konstantin: Es hat sich über die Jahre mehr ein charakteristischer Sound von uns beiden herauskristallisiert. Wir haben ja einen sehr ähnlichen Geschmack oder beurteilen Sachen ähnlich. Mittlerweile kann man aber einen Unterschied feststellen, wenn Leif auflegt oder wenn ich auflege. Wir sind anders verortet. Aber das macht es gerade interessant – dass wir versuchen  trotzdem musikalisch irgendwie an einem Strang zu ziehen und unsere Kosmen zusammenzubringen, um etwas Interessanteres zu schaffen. Und ich glaube, das ist über die Jahre gereift und die Art, wie wir auflegen, wurde konsistenter. Am Anfang haben wir dazu geneigt, unüberlegter zu spielen.

Leif: Und zufälliger und bunter. Wir machen uns jetzt mehr Gedanken darüber, dass eine Linie drin ist. Der Sound ist erwachsener, wir entwickeln uns weiter.

Konstantin: Damals haben wir halt beide studiert. Wir haben ja nicht geplant,  irgendwann mal Partys zu machen. Das hat sich irgendwie ergeben, weil wir Residents waren und die Veranstalter irgendwann meinten: Macht doch auch mal Partys hier! Das ist alles gesund gewachsen, ohne etwas zu erzwingen. Es war nie ein Business-Plan dahinter. Das Konzept bestand einfach nur aus unserem Geschmack. Das hat sich jetzt professionalisiert und ist zu unserem Beruf geworden. Das ist toll!

Gibt es bei den über 40 Partys besonders prägende Abende, an die ihr euch erinnern könnt?

Konstantin: Ich persönlich liebe die Heiligabend-Partys, weil die Stimmung so weihnachtlich, froh und gesellig ist. Anders als an Silvester, wo jeder so eine Erwartungshaltung hat und eine leichte Grundaggressivität. Deswegen freue ich mich jedes Jahr extrem auf Weihnachten.

Mir ist auch noch eine Party mit Redshape im alten Rocker33 im Kopf geblieben. Da war Stromausfall. Dann ist Kai, der damalige Chef, rumgelaufen im Rocker-Gebäude um herauszufinden, wo der Sicherungskasten ist, um irgendwas wieder anzuschalten. Da wurden die Leute schon unruhig. Die haben zum Teil wieder Geld zurückbekommen, sind rausgelaufen. Sehr viele sind aber geblieben, weil sie wussten, dass es vielleicht noch klappen wird. Dann ging der Strom wieder an und auch die Party – das war der Hammer. Ein Freund hat mir erzählt, dass er schon beim Döner in der Innenstadt gewesen sei und jemand gemeint hätte, der Strom sei wieder an. Dann ist er ins Taxi gestiegen, zurückgefahren und hat nochmal Eintritt gezahlt.

Leif: Das gesamte Ding mit DJ Koze im alten Filmhaus war für mich krass. Das habe ich einfach im Kopf, wenn ich an die beste Party denke. Wir hatten bis auf einen schwachen Abend bei Levon Vincent eigentlich immer mindestens gute Partys. Es war nie scheiß Stimmung – wir hatten immer gute bis geile Partys.

Konstantin: Es hat sich ein ganz guter Lauf entwickelt. Manche Leute kommen, weil sie das Booking interessiert, aber der größte Teil kommt einfach, weil sie wissen, dass die Partyreihe immer Spaß macht.

Wenn man Partys innerhalb einer Stadt erfolgreich macht, dann denkt man sicher darüber nach, die Partys auch mal in einer anderen Stadt zu machen. Gibt es da Pläne?

Leif: Ja, das hatten wir schon mal überlegt. Ich fände es nach wie vor cool, eine Art Clubtour zu machen. Durch andere Städte, vielleicht im Ausland.

Nachdem ihr in den vergangenen Jahren schon oft kurz davor wart, zusammenzuziehen, seid ihr den Schritt jetzt gegangen. Wie funktioniert das, mit dem besten Freund zusammenzuwohnen?

Konstantin: Ziemlich geil.

Leif: Irgendwas zwischen überragend und Weltklasse.

Konstantin: Zusammenzuziehen war immer mal wieder Thema, als Leif noch in der berühmt-berüchtigten Gute Laune GmbH gewohnt hat. Dort war es mir immer einen Tick zu wuselig, aber trotzdem halt immer lustig. Jetzt haben wir eine Wohnung, die etwas ruhiger gelegen ist – Leif und ich kommen ja auch in die Jahre und werden etwas ruhiger, deshalb passt das ganz gut. (grinst)

Leif: Wir kennen uns seit 20 Jahren und sind beste Freunde – wir kennen die Marotten des anderen, wir haben schon so viel Zeit zusammen verbracht. Ein kleines Risiko, ob die Freundschaft darunter leidet, war davor immer da. Aber ich glaube diese paar Prozent haben sich aufgelöst, die haben wir durch Bio-Eier ersetzt (lacht).

7 Years CSP x StadtPalais w. Roman Flügel
Mittwoch, 31. Oktober, 23 Uhr
StadtPalais, Konrad-Adenauer-Straße 2

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Warum kein Mann in den Puff gehen sollte

In den Fußgängerzonen der Stadt stemmen sich vier Frauen gegen Prostitution. Dabei setzen sie auf die Unterstützung des männlichen Geschlechts. Mit Erfolg.

Stuttgart – „Hallo, darf ich dich was fragen? Hast du schon mal für Sex bezahlt?“ Viele der Männer auf der Straße zucken angesichts der direkten Frage erst einmal kurz zusammen – zumal ihnen diese von einer Frau gestellt wird. Doch die vier Verantwortlichen der Initiative „Ichbinkeinfreier“ können gut reden, nehmen den ersten Schreck und verwickeln sie in ein Gespräch, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Männern, die gegen Prostitution sind, eine Plattform geben

Seit November 2017 ist die Initiative, bestehend aus Helena Dadakou, Justyna Koeke, Tara da Lanca und Sarah Kim Weller, auf Plätzen, in Einkaufszentren und in Parks unterwegs und sammelt dabei Statements von Männern, die sich gegen Prostitution aussprechen. Von der Straße gehen die Videos dann ins Netz. Auf der Facebook-Seite von „Ichbinkeinfreier“ wird seit Anfang November täglich ein Statement gepostet, immer spricht ein Mann in die Kamera, immer beginnt das Video mit dem Spruch „Ich bin kein Freier, weil …“. Über 180 Videos sind seither auf Facebook gelandet, die Seite zählt bislang 800 Likes. Die Kommentarspalte bietet Platz für Diskussionen oder Gedankenaustausch, oft auch für Sympathiebekundungen.

„Wir wollen, dass Männer in der Gesellschaft eine Plattform bekommen, die sie nicht haben“, sagt Sarah Kim Weller. Dabei gehe es den vieren nicht darum, die persönlichen Gründe zu bewerten, warum ein Mann zu einer Prostituierten gehe. Man wolle Männer nicht über das Negative angreifen. Was die vier wollen ist eine sexuelle Revolution. „Wir wollen, dass jeder die eigene Sexualität hinterfragt“, sagt Helena Dadakou, „und dass die Menschen offen und ehrlich mit Sexualität umgehen“, ergänzt Justyna Koeke.

Die vier kennen sich über den Verein „Sisters“, der Prostituierten in Not sowie beim Ausstieg aus der Prostitution hilft. Gemeinsam kämpfen sie dafür, dass es nicht selbstverständlich ist, Sex für Geld zu kaufen. Um Armutsprostitution, Menschenhandel und übergriffige Sexualität zu stoppen.

Je intimer das Thema, desto verschlossener die Passanten

Etwa jeder zehnte, den sie ansprechen, sei bereit für ein Statement, sagt Helena Dadakou. In der Cannstatter Fußgängerzone zwischen Erdbeerstand und Tattoo-Studio läuft es besser. Nach wenigen Minuten erklärt sich der erste bereit. Sein Gesicht möchte er aber nicht zeigen. „Kein Problem“, meint Tara da Lanca, „hältst du dann unseren Sticker in die Kamera?“. Für Kamerascheue hat die Gruppe auch eine Perücke und eine Sonnenbrille dabei. Wer bereits eine Umfrage in einer Fußgängerzone gemacht hat, weiß, wie schwer es ist, Leute vor die Kamera zu bekommen. Je intimer das Thema, desto verschlossener die Passanten.

Stumm werden bei diesem Thema nicht nur einige Männer in den Fußgängerzonen der Stadt. Auch bei dem seit März laufenden Mammutprozess gegen die Verantwortlichen der Bordellkette Paradise, u.a. vertreten mit einem Bordell und FKK-Club in Leinfelden-Echterdingen, herrscht bisher größtenteils Schweigen. Dem Chef, Jürgen Rudloff, sowie drei seiner Mitarbeiter, darunter sein Presse- und Marketingchef sowie der ehemalige Geschäftsführer eines Bordells, werden Förderung von schwerem Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, Beihilfe zur Zuhälterei und Betrug vorgeworfen. Bis März 2019 sind am Landgericht gut 80 Verhandlungstermine eingeplant. Allein die Anklageschrift ist 145 Seiten stark.

„Deutschlands erster Kongress für Menschenhandel und Zuhälterei“

„Wir sind nicht gegen Prostituierte, wir sind gegen Prostituierer“, sagt Helena Dadakou. Deswegen ist die Initiative am 23. April auch nach Frankfurt gefahren, um bei Zukunft Rotlicht 2018, laut Veranstalter „Deutschlands 1. Rotlicht Kongress“, zu demonstrieren und das Gespräch zu suchen. Mit im Gepäck: Mehrere Banner, darunter einer mit der Aufschrift „Deutschlands erster Kongress für Menschenhandel und Zuhälterei“. Einer der Kongressteilnehmer, der sich im Gegensatz zu Jürgen Rudloff auf freiem Fuß befindet, ist sein Pressesprecher Michael Beretin. Während sich die vier hauptsächlich mit Security und Veranstaltern gestritten hätten, hätte Berentin zumindest seine Visitenkarte dagelassen. Ein Treffen im Bordell Paradise mit ihm würde die Initiative begrüßen. „Es bringt aber nichts, wenn wir da drinnen am Tisch sitzen aber mit keiner einzigen Frau sprechen können“, sagt Helena Dadakou.

Zum Sexkaufverbot, wie etwa in Schweden, das nicht den Verkauf von Sex bestraft oder reguliert, sondern nur den Kauf von Sex, haben die vier von „Ich bin kein Freier“ unterschiedliche Meinungen. Es gebe bisher kein Modell, das besser funktioniere, sagt Justyna Koeke, zumindest wüchsen dann die nächsten Generationen in einem anderen Selbstverständnis auf. Am besten, da sind sich alle einig, sei es aber, wenn man es gar nicht erst bräuchte.

Die Umsetzung des neuen Prostituiertenschutzgesetzes in Stuttgart beginnt mit Verzögerung

Am 1. Juli 2017 ist in Deutschland das neue Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) in Kraft getreten, das das Prostitutionsgewerbe regulieren und die Prostituierten besser schützen soll. Dazu gehören u.a. eine Erlaubnispflicht für alle Prostitutionsgewerbe sowie eine Anmeldepflicht für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Im Stuttgarter Gesundheitsamt wird laut Leiter Stefan Ehehalt mit der Beratung und Anmeldung erst Anfang Juni begonnen. Derzeit gebe es knapp 600 Anfragen, „nicht gezählt sind die Prostituierten, die im direkten Kontakt mit Sozialarbeiterinnen Auskünfte über den aktuellen Stand der Terminvergabe bekommen“, sagt Ehehalt. Zudem sollen demnächst weitere Stellen für den erhöhten Bedarf in der Beratung, der Ausstiegsberatung und der Prävention ausgeschrieben werden.

In der Cannstatter Marktgasse wird der Einsatz der Initiative derweil vielfach gelobt. „Ich finde das mega cool, es gibt viel zu wenige, die so etwas machen“, sagt Dario Gonzalez, der derzeit seine Schreinerlehre macht. Seine Freunde und er würden zwar ähnlich denken, aber wirklich aktiv sei er halt doch nicht. In seiner Videobotschaft sagt er: „Ich bin kein Freier, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendeine Frau für 30 Euro mit irgendeinem fremden Mann, der sie noch schlecht behandelt, gerne ins Bett gehen will“. Und so lautet auch die Botschaft der Initiative: Wer ins Bordell gehe, nehme immer in Kauf, dass die Prostituierten dort unter Zwang arbeiteten. „Es gibt nicht so viele Freiwillige für die hohe Nachfrage“, sagt Justyna Koeke.

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