Stuttgarter Label somskat: Nachhaltigkeit auf mehreren Ebenen

Weltweit werden jede Sekunde 2,6 Kilogramm an Kleidung auf den Müll geworfen. Eine Zahl, die alleine schon erschreckend ist und noch erschreckender wird. Denn ein Großteil der Kleidung ist neu und ungetragen. Das Stuttgarter Fashion Label somskat will das ändern – mit einem nachhaltigen Konzept auf mehreren Ebene sowie einer Crowdfunding-Kampagne.

Stuttgart – Im Wohnzimmer Ikea, im Winter hyggelig: Die skandinavische Lebensweise wird auch in unseren Breitengraden immer beliebter. Sie haben ja auch Recht damit und so wundert es nicht, dass auch dieser Spross am Start-up-Himmel für die Orientierung einen Blick gen Norden geworfen hat.

Wertschätzung entlang der gesamten Schöpfungskette

somskat ist aus dem Dänischen abgeleitet. Eigentlich und in vollem Ausmaß heißt es som en skat, was so viel bedeutet wie „wie ein Schatz“. Der Fokus liegt auf Wertschätzung, das wird direkt deutlich. Denn darum geht es Charly und Max, den Machern hinter somskat. Sie wollen, dass Kleidung wieder einen Wert hat – und zwar nicht nur einen monetären. Das bedeutet nicht nur, von billig produzierten und deshalb zu günstigen Klamotten abzusehen. Das bedeutet vor allem, den gesamten Prozess der Kleiderindustrie neu zu denken. Aber das lassen wir die beiden Stuttgarter besser selber erklären.

Wie genau sieht euer Plan aus?

Es muss ein Umdenken in der Modeindustrie und vor allem im Konsumverhalten stattfinden: Die Vision von somskat ist es, Kleidung erst zu produzieren, wenn es die Rechtfertigung der Kunden erhalten hat. Neben einer Basis-Kollektion können neue Kleidungsstücke im Online-Shop von der Community gefunded werden – anschließend geben wir nur die Mengen in Auftrag, die nachgefragt werden. somskat macht wieder Vorfreude auf Kleidung und entschleunigt – ohne unnötige Überproduktion und zur Schonung unserer wertvollen Ressourcen. Das nennen wir die somskat Workshops.

Unser Ansatz soll auf mehreren Ebenen nachhaltig sein: Neben zertifizierten Materialien und fairen Arbeitsbedingungen, planen wir mit jedem verkauften Produkt im Online-Shop auch ein sozial-ökologisches Projekt zu unterstützen. We suppport great people making great work.

Wie seid ihr zu der Gründungsidee gekommen?

Charly hat in den letzten Jahren in der Modebranche gearbeitet und sich parallel mit den Themen Nachhaltigkeit und bewusstem Konsum beschäftigt. Dabei ist relativ schnell klar geworden: Wir dürfen unser Konsumverhalten nicht mit ‚grünen Produkten‘ kompensieren, sondern müssen neue Ansätze entwickeln, um langfristig etwas zu verändern. Nach vielen Diskussionen und Brainstorming-Stunden ist das Konzept von somskat entstanden. Im Social Impact Lab Stuttgart hatten wir dann in den letzten Monaten die Möglichkeit, alle Ideen in eine Geschäftsidee umzuwandeln und wurden mit Coachings, Co-Working Space und Netzwerken unterstützt.

Bei somskat versuchen wir auch in kleinen Schritten einen Unterscheid zu machen: Unsere Kleidung wird in wiederverwendbaren Taschen verschickt, ohne unnötigen Verpackungsmüll.

Wie sieht die Kollektion aus?

Für unsere Basis Kollektion, den Timeless Fundamentals, haben wir vier erste Styles kreiert: Einen Pullover, eine Bluse, ein T-Shirt und eine Hose. Alle möglichst schlicht, vielfach kombinierbar und das ganze Jahr über tragbar. Damit möchten wir in die Crowdfunding-Phase starten und die Produktion finanzieren lassen.

Bilder gibt es unter @somskat und bald in der Crowdfunding-Kampagne zu sehen. Abgesehen davon haben wir viele Ideen und erste Entwürfe – aber müssen uns im Moment noch etwas gedulden, bevor wir weitere Produkte entwickeln können.

Was macht eure Designs so besonders?

80 % der Umweltauswirkungen eines Kleidungsstückes werden bereits durch die Entscheidungen in der Designphase bestimmt. Daher betrachten wir Schnittkonstruktion und Stoffauswahl schon unter dem Nachhaltigkeitsaspekt: Unsere Stoffe sind GOTS- und teils sogar IVN-zertifiziert. Momentan arbeiten wir zum Beispiel mit kontrollierter Bio-Baumwolle aus Fairtrade-Projekten sowie Lyocell aus Portugal – ein Stoff aus Fasern, der aus Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft gewonnen wird. Die Designs an sich sind unter dem Aspekt der Zeitlosigkeit designed: klare Schnittführung, maximale Kombinationsfähigkeit und non-saisonale Looks. Wir arbeiten nicht in klassischen Kollektionsrhythmen, sondern in Kapsel-Kleidungsstücken, die länger als zwei Saisons Spaß machen. Wir möchten nachhaltige Mode nicht im Öko-Touch, sondern in einem reduzierten, minimalistischen Stil anbieten – die dabei erschwinglich bleibt!

Dieses Jahr war der Earth Overshoot Day am 29. Juli, das heißt an diesem Tag war das gesamte Ressourcenbudget unserer Erde für ein Jahr aufgebraucht.

Wie und wo produziert ihr eure Designs?

Die Designs der ersten somskat Produkte haben wir zusammen mit einer Designerin erarbeitet. Momentan sind wir in den finalen Abstimmungen der Musterteil-Produktion mit unserem Produktionsbetrieb in Polen. Wir arbeiten mit einem Familienbetrieb in der Nähe von Warschau zusammen, einer der früheren Textil-Hochburgen Europas. Das Team teilt unsere Überzeugung einer fairen und transparenten Industrie, sie zahlen deutlich über dem Mindestlohn und sorgen für ein freundschaftliches Arbeitsklima – wir waren selbst vor Ort.

Warum habt ihr euch für Crowdfunding entschieden?

Crowdfunding ist eine Möglichkeit, gemeinschaftlich Projekte zu realisieren, die mit erfolgreich abgeschlossener Kampagne auch bewiesen haben, dass es den Markt dafür gibt. Dem möchten wir uns stellen, denn der Crowdfunding-Ansatz entspricht genau unserer Vision von Mode – erst zu produzieren, wenn die Nachfrage sichergestellt ist. Neben der Produktion der Timeless Fundamentals, die schon in der Crowdfunding-Kampagne vorbestellt werden können, möchten wir mit der Kampagne möglichst viele Menschen erreichen, die ein ähnliches Verständnis von verantwortungsbewusstem Konsum haben, um so das Konzept der somskat ‚Workshops‘ realisieren zu können.

Das Crowdfunding startet am 1. Oktober. Alle Infos dazu und noch mehr über somskat findet ihr auf Instagram oder unter somskat.com.

Nörgeln in the City: Espresso to go

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben. Heute: Espresso ist nicht zum Mitnehmen gedacht!

Stuttgart – Savoir-vivre, dolce far niente und wie auch immer sie heißen mögen – Lebenseinstellungen, die man so gerne adaptieren möchte. Die schwäbische Geschäftigkeit einmal ablegen und einfach rollen lassen. Das klappt auch immer besser. Gerade in den warmen Monaten findet das Leben draußen statt, die Cafés, Bars und Restaurants sind voll, Spontaneität ist das Wort der Stunde.

Es ist immer Zeit für einen Espresso

Gerade beim Kaffee spickelt der gemeine Deutsche gen Süden. Ob jetzt Italien, Spanien oder Griechenland – die südländische Kaffeekultur ist schon längst hier angekommen. Cappuccino, Mocca oder Cortado sind keine Fremdworte mehr. Die kommen uns genauso flüssig über die Lippen wie das schwarze Gold rein fließt. Es gibt nur eine Sache, die ein absolutes Unding ist. Die mir persönlich so zuwider ist, und das hat nichts mit möglichen südländischen Wurzeln zu tun, das sollte jedem Menschen in der Tiefe seines Herzens schmerzen: Der Espresso im to go-Becher.

Bevor jetzt schon jemand zum aber ausholt, let’s get one thing straight: NEIN. Kein Argument dieser Welt würde das rechtfertigen. Auch wenn manch einer denkt, das Teil würde Expresso heißen und hätte mehr Geschwindigkeit als der Sprinter der Deutschen Bahn, kann beispielsweise Zeit nicht als Gegenargument verwendet werden. Ein Espresso umfasst einen bis maximal zwei Schlücke. Jeder Mensch hat Zeit dafür. Der geht schneller runter, als jemand seinen Instagram-Feed aktualisiert hat.

Auf die Tasse kommt es an!

Dass to go-Becher jetzt per se nicht geil sind (auch wegen der Umwelt), ist ja hoffentlich allen klar. Aber was denken Leute, die sich 2 cl Kaffee in einem Becher mitgeben lassen. Zum Verständnis: das ist die gleiche Menge wie ein Schnaps. Und würde das jemals jemand tun? „Hi, ich hätte gerne einen Shot to go.“ „Aber wieso to go?“ „Na, damit ich da ganz genüsslich dran schlürfen kann.“ Da werde ich allein schon beim Gedanken straight edge.

Zudem schmeckt es einfach scheußlich. Ich lasse hier jetzt nicht den Kaffeesnob raushängen und erzähl dir was vom richtigen Mahlgrad, Druck und Zauberspruch für den perfekten Kaffee. Oder ob man mit Zucker die reale Coffee Experience völlig kaputt macht. Fakt ist aber, und das auch unter uns Laien: Ein Espresso schmeckt nur aus einer dickwandigen, im besten Fall auch vorgewärmten Tasse.

Authentizität im Westen

Ein Espresso, das ist eine kleine Auszeit vom Alltag. Einen Espresso, den trinkt man an der Theke. Rein in den Laden, Espresso schlürfen, raus aus dem Laden – besser getimed als jeder Banküberfall. Wenn also alle den sonnenreichen Lebensstil leben wollen, dann brennt euch eines sofort ins Gehirn: Nie wieder will ich einen Espresso to go bestellen. Sonst soll mich sofort eine unheilbare Kaffeeallergie heimsuchen.

PS: Beim Café Gustav an der Schwabstraße gibt es übrigens die voll authentische Kaffeekultur. Während der Espresso normalerweise 2 Euro kostet, ist er einen Euro günstiger, wenn er an der Theke bestellt und getrunken wird. Klein-Südeuropa in Stuttgart-West!

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Zwei junge Stuttgarter stellen Limoncello her

Manche mögen lesen, reisen, mit Freunden treffen. Manche haben richtige Hobbys. Und wieder andere machen aus Spaß Limoncello. Und den so gut, dass sie ihn ganz offiziell vertreiben – als Cavallo Limoncello.

Stuttgart – Früher konnte Stuttgart Hip-Hop, jetzt kann Stuttgart auch Spirituosen. Nachdem alle auf der Gin-Welle surfen, macht sich ein Team mit etwas ganz anderem auf, die Regale zu befüllen – mit dem Klassiker Limoncello. Ein Drink, der nach Sommer klingt und Urlaube am Gardasee wieder heraufbeschwört: Als die Eltern nach dem Essen die gelbe Flüssigkeit gereicht bekamen, während man selber noch die Italienisch-Deutsch Übersetzungen auf der Serviette auswendig gelernt hat. Grazie. Prego.

Ein Hobby, das Früchte trägt

Michael Carusone und Alex Rosca kennen sich noch aus der Heimat. Die liegt im Umkreis von Rottweil und wie es sich für heranwachsende Jungs gehört, standen sie sich irgendwann auf dem Fußballplatz gegenüber. Wie das Match damals ausging, weiß keiner mehr. Welch gutes Match diese zwei ergeben, wurde auch erst Jahre später klar: als sie sich hier eines Nachts am Hans-im-Glück-Brunnen zufällig über den Weg liefen und wiedererkannten. Grundstein für die Freundschaft gelegt.

Da trifft es sich ganz gut, dass sich Michael, als Italiener, selbst am Nationalgold der Heimat versuchen wollte. Der Vater stammt aus Neapel, das Rezept stammt von der Tante, die Zitronen natürlich originalgetreu von der Amalfiküste. Die große gelbe Frucht nennt sich Sfusato Amalfitano, die Schale ist dank der wenigen Bitterstoffe ebenfalls essbar. Die ersten Versuche glückten, das eigene Verfahren wurde immer weiter verfeinert. Und dann? „Wir hatten einen Plan, wir hatten das Geld und wir hatten die Eier.“

Das Paul & George hat den Limoncello schon auf der Karte

Dennoch: hauptberuflich machen die beiden das nicht. Alex ist weiterhin Projektmanager im Bauwesen und Michael als Projektleiter bei der Messe Stuttgart tätig. Es ist auch nicht das auserkorene Ziel, irgendwann vom Limoncello leben zu können. Es ist eher der Spaß an dem außergewöhnlichen Hobby und die Freude an einem guten Produkt. Und die Freude am Handwerk. Denn Alex und Michael machen alles in Handarbeit und Eigenregie.

Zu kaufen gibt es den gelben Zitronenlikör bisher ausschließlich im Onlineshop von Cavallo. Die Flasche mit 350 ml kostet 16,90 Euro. Man kann den Limoncello aber auch vorab mal kosten: im Paul & George steht der Likör schon auf der Karte.

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Unsinn, Schnaps und nackte Haut: Die Manège Rustique sagt Tschüss

Manchmal ist alles, was man braucht, eine Bühne. So auch metaphorisch – und ganz aktuell – bei Nele Bosch und ihren Kollegen. Denn am 24. November heißt es vorerst zum letzten Mal: Vorhang auf und herzlich willkommen in der Manège Rustique.

Stuttgart – Die Treppen in die Unter- oder Parallelwelt des Nachtlebens sind bald für Nachtpublikum für immer unzugänglich. Ein journalistisches Lauffeuer, schließlich gehört der Keller Klub seit Jahren zur festen Instanz des Stuttgarter Nachtlebens und ist auch als Konzertlocation ein Meilenstein, der jetzt wegfällt. „Locations dieser Größe gibt es nicht viele in der Stadt“, ist auch die Sorge von Nele Bosch. Als die 24-jährige Stuttgarterin, die besser bekannt ist unter ihrem Künstlernamen Fräulein Flauschig, ihre Idee einer eigenen Burlesque-Show vor zweieinhalb Jahren umsetzte, wäre das ohne den Keller Klub wohl nicht möglich gewesen. Denn die Location bietet eine Bühne, ausreichend Platz für 200 Gäste, die Technik und vor allem die Möglichkeit, ihn ohne Raummiete zu nutzen. Das ist besonders wichtig für kleinere Veranstaltungen, die mit solchen Kosten gar nicht erst zustande kommen würden.

„Ich bin diejenige, die es angefangen hat und aufhört.“

Das ist auch die Schwierigkeit jetzt für Nele und ihr Team, bestehend aus Sad Simon und Celeste De Moriae. „Eine Show kostet so schon um die 2000 Euro. Wir wollen faire Gehälter zahlen, unsere Gäste vernünftig unterbringen.“ Auch wenn vieles selfmade ist – in Neles Wohnzimmer steht eine Nähmaschine, an der sie ihre Kostüme selber fertigt. Das finanzielle Risiko trägt Nele selber. Um auch ohne die bisherige Location weiter machen zu können, ist sie aktuell auf der Suche nach Förderern.

Die erste Manège fand im März 2016 statt, doch eigentlich gibt es sie schon viel länger. Wie es mit guten Ideen ist, müssen diese erst wachsen und reifen, bevor man sie in die Welt entlässt. So auch bei Nele, die seit ihrem 5 Lebensjahr tanzt. Als sie mit 17 wieder aufhörte, merkte sie schnell, dass ihr die Bühne fehlt. Parallel besuchte sie selber zum ersten Mal eine Burlesque-Show und hat sich direkt in das Genre verliebt.

„Es geht nicht ums Ausziehen oder nackt sein. Sondern um das Spiel mit den Erwartungen des Publikums.“ Der sogenannte Tease, also die Idee des Publikums, was jetzt passieren könnte. Das drückt auch das Wort Burlesque selber aus, bedeutet es in seinem Ursprung Schabernack. Deshalb gibt es bei der Manège nicht nur Burlesque, sondern Kunst in ganz vielfältiger Art: Sänger, Pianisten, Feuerkünstler und Drag-Performer standen schon auf der Bühne. Dabei orientiert sich die Manège nicht an einem glamourösen Vorbild. Sondern inszeniert sich gedanklich in einer verrauchten Kneipe irgendeiner Hafenstadt. In erster Linie geht es um den Spaß. So sei auch das Feedback der Gäste auf und vor der Bühne. Jeder soll mit einem guten Gefühl, Spaß und viel Gelächter nach Hause fahren.

„Die Manège ist eine intensive Erfahrung.“

An dieser Stelle möchte Nele auch an Lob an Stuttgart(er) aussprechen. So schwer sich Veranstalter mit der Stadt selber tun, so toll ist im Gegenzug das Publikum der Manège. Die Interaktion mit dem Publikum ist zentraler Bestandteil jeder Show und das Einzige, dessen Verlauf man nicht planen kann. Es gab noch keinen Abend, an dem sie nicht positiv überrascht wurde.

Ihr persönliches Highlight aus den bisherigen Shows? „Einmal war ich verletzt und konnte nicht an der Show teilnehmen. Deswegen saß ich im Publikum und sah zum ersten Mal unsere eigene Show.“ Irgendwie würde sie auch die letzte Manège Rustique am 24. November ganz gerne im Publikum genießen. Aber Fräulein Flauschig und ihre Gäste werden auf der Bühne stehen und tun, was sie ziemlich gut können: Ihre Zuschauer mitnehmen in die Welt von Spaß und Klamauk und erst gehen lassen, wenn jeder Bauchschmerzen vor Lachen hat. Und ganz in echter Burlesque-Manier ein Tease zum Schluss: „Wenn ich mir eine neue Nummer ausdenke, überlege ich immer zuerst, wie das Kostüm aufgehen soll.“

Tickets gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen online und offline, der Preis beträgt 22 Euro. Zudem wird es eine Abendkasse geben.

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Diese Bücher lesen die Stadtkinder

Die Stadtkind Bücher-Tipps versorgen dich den Winter über mit ausreichend Lesestoff – ob herzerwärmend, spannend oder einfach lustig. Viel Spaß beim Lesen!

Stuttgart – Lesen ist cool. Das muss einfach mal gesagt sein. Filme und Serien auch, gar keine Frage. Aber sich mit einer großen Tasse Tee zum Lesen in Kissen und Decken zu mümmeln, ist noch mal etwas ganz anderes. Bücher lassen uns abtauchen in unsere ganz eigene Vorstellung und wenn es gut läuft, Umgebung und Zeit völlig vergessen. Es wird schon wieder dunkel draußen? Taschenlampe an, Decke übern Kopf und weiter geht’s.

Literatur-Tipps von Stadtkind

Wer neues Material auf seinem Bücherregal braucht, der stöbert in der Stadtkind Bücherkiste – hier finden sich Klassiker, Autobiografisches, Spannendes, Unterhaltsames und vielleicht noch unentdeckte Perlen. Viel Spaß!

On the Road – Jack Kerouac

William S. Burroughs und Charles Bukowski sind ohne jeden Zweifel grandios, aber mir oft zu abgefuckt und durch. In Sachen Beat-Literatur ist Jack Kerouac für mich deswegen die goldene Mitte – und sein rauschhaftes Epos „On the Road“ („Unterwegs“) eines der großartigsten Werke der US-amerikanischen Nachkriegsliteratur. Seine Sprache ist einzigartig, seine Geschichte voller Schönheit, Verfall, Romantik… okay, und Drogen. Wenige Bücher fangen die endlose Weite Amerikas, den Traum und den Albtraum dieses Landes so gekonnt, poetisch und zeitlos ein. Und überhaupt: Für seine 60 Jahre ist dieses Buch beneidenswert gut gealtert. (Björn Springorum)

Der goldene Handschuh – Heinz Strunk

Schockierend, ungeschönt und unglaublich spannend erzählt Heinz Strunk die Geschichte des berühmt berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka, dessen Taten in den 70ern die Schlagzeilen der deutschen Presse beherrschten. Heinz Strunk taucht in die Abgründe eines Menschen ab, dessen Leben ohne jegliche Perspektive und im Vollrausch dahinsiecht. Seine Opfer lernt Honka in der Hamburger Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ kennen – ein Ort, an dem die unterste Unterschicht ihrem dunklen, trostlosen Leben entflieht. Gleichzeitig gibt Heinz Strunk Einblicke in die Hamburger High Society, die ebenso von Verzweiflung und Hass erfüllt ist. Ob Arm oder Reich, am Ende finden alle ihren Zufluchtsort im „Zum Goldenen Handschuh“.(Joachim Baier)

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Die leisen Töne machen hier die Musik. Und was für eine. Auf knapp 350 Seiten erzählt Benedict Wells die Geschichte von Jules, seinen Geschwistern und Jules großer Liebe Alva. Keine Momentaufnahme, eher begleitet der Leser das ganze Leben der drei Geschwister und ihrem Umfeld. Und dabei passiert, was so ein Leben nun mal ausmacht: schlimme Kindheiten, schöne Momente, Fragen, deren Antworten wohl nie gefunden werden und Wunder, die mal kurz die Zeit stoppen und einen sprachlos werden lassen. Genau das macht wohl auch den Erfolg des Buches aus: es erzählt eine Geschichte, wie sie jedem von uns auch passieren könnte, Momente, in denen wir uns wieder erkennen und trotzdem ist sie etwas ganz Besonderes. (Nina Dias da Silva)

Die hellen Tage – Zsuzsa Bánk

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri, die Ich-Erzählerin des Romans, helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter am Stadtrand wohnt. Der dritte im Bunde dieser Freundschaft ist Karl. Doch so leicht wie es klingt, ist das Leben der Kinder nicht – in jeder der Familien ist eine Leerstelle zu beklagen, die die Protagonisten zu bewältigen versuchen. Karl ist von den zwei Sekunden bestimmt, die ihm seinen Bruder genommen haben, Aja vermisst ihren Vater Zigi, einen zum Nomaden gewordenen Artisten, der nur selten bei seiner Familie auftaucht. Bánks Roman erzählt melancholisch von Verlust und Heimatlosigkeit und wirkt durch seine ganz eigene Sprache wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist Bánks Tonlage für manchen Leser zu dick aufgetragen, befindet sich gar an der Schwelle zum Kitsch, für alle anderen erschafft die Schriftstellerin gerade deshalb eine einzigartige Welt, in der drei Heranwachsende versuchen trotz aller Prägungen und Verluste ihren Platz zu finden. Und am Ende ist der Roman dadurch mehr tröstlich als tragisch. (Ina Schäfer)

Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

Von leisen Tönen zu brachial auf‘s Maul: Benjamin von Stuckrad-Barre gilt immer noch als das Enfant terrible der deutschen Popliteratur. Der Schriftsteller wurde viel zu jung viel zu erfolgreich. Schon mit 23 Jahren veröffentlichte er seinen Bestseller Soloalbum und wurde damit – man kann es nicht anders sagen – die Stimme einer Generation. Doch wo der Erfolg und das Geld lauert, da sind die Verlockungen nicht weit und so strebt von Stuckrad-Barre eine zweite Karriere an: als kokainsüchter Bulimiker. Wo in seiner Biografie die Stellschrauben falsch waren, wie er die Sucht er- und überlebt hat und wie spannend sein Leben nach der Sucht ist (#kamillentee), darüber erzählt er sehr eindringlich in Panikherz. Gespickt mit Ironie feuert er in alle Richtungen, nimmt sich selber aus der Gleichung nicht raus und zerlegt den Leser mit einem Wirbelsturm an Wortgewandtheit. Und genau so muss das auch! (Nina Dias da Silva)

Der Club – Takis Würger

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Hans Stichler bekommt ein Stipendium an der Eliteuniversität Cambridge. Dort soll er nicht nur studieren, sondern auch ein Verbrechen aufklären, welches sich in den obersten Kreisen der Universität ereignet hat. Hierfür lässt er sich in den „Pitt Club“ – den sagenumwobenen Box Club der Universität – einschleusen und bekommt schockierende Einblicke in die Welt der britischen Elite. Ein Buch über die dunkle Seite der Gesellschaft, über Rache, über Freundschaft und Liebe. Ein großartiges, spannendes und vor allem kurzweiliges Romandebüt von Takis Würger. (Joachim Baier)

Jenny Erpenbeck – Aller Tage Abend

Ganze fünf mal lässt Jenny Erpenbeck ihre Protagonistin sterben. Das erste Mal gleich zu Anfang als Säugling, bis die Autorin fragt: Was wäre gewesen, hätte sie überlebt? Und weiter geht der Roman und ein neues mögliches Leben ein und derselben Person. Jedes neu gewonnene Lebens-Kapitel der Protagonistin hat dabei einen historischen Kontext, ist in den Rahmen des aktuellen Zeitgeschehens eingebettet – sie flieht als halbjüdisches Mädchen vor den Nazis aus Österreich nach Moskau, stirbt – oder eben nicht, und wird zu einer bekannten Autorin in der DDR. Schließlich erlebt sie als alte Frau, die Wende im Jahre 1989 in einem Berliner Pflegeheim. Und so ersinnt sich Erpenbeck auf knapp 300 Seiten fünf verschiedene Lebenswege, die fast ein ganzes Jahrhundert umspannen. „Hätte, könnte, wäre“ wirkt dabei nie konstruiert sondern gekonnt und spannend. Ein Roman wie ein philosophisches Gedankenexperiment. (Ina Schäfer)

Dienstags bei Morrie – Mitch Albom

Genau die richtige Lektüre für alle, die sich im Café am Rande der Welt heimelig gefühlt haben. Dienstags bei Morrie erschien schon 1997 und ist ebenfalls die Geschichte des eigenen Lebens. Der Autor Mitch Albom erzählt die Geschichte seines alten Professors Morrie Schwartz. Dieser erkrankt an der unheilbaren Krankheit AMS. Mitch, der nach dem College den Weg des Erfolges eingeschlagen hat, erfährt davon und beginnt, seinen alten Mentor regelmäßig zu besuchen. Obwohl die Krankheit immer weiter voranschreitet, macht der Professor Mitch zum zweiten Mal zum Studenten und lehrt ihn, worum es im Leben wirklich geht. Dienstags bei Morrie ist ein Buch zum Beiseitelegen und Nachdenken. Zum Entscheidungen treffen. Und manchmal auch zum Weinen. (Nina Dias da Silva)

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Freundinnen gründen Kultur-Projekt für Geflüchtete

Beim Ankommen helfen abseits von Wissen und Leistung: Das schaffen Ronja Keifer und Marie Eisendick mit ihrem Freien Kulturprojekt. Die Werke sind am Donnerstag zu sehen.

Stuttgart – Drehen wir die Zeit ein bisschen zurück: 2016 lernen sich Ronja und Marie kennen. Sie arbeiten beide ehrenamtlich in einem Flüchtlingslager in Nordfrankreich. Neben der sozialen verstehen sich die zwei auch auf allen anderen Ebenen. So kommt es, dass sie jetzt seit anderthalb Jahren zusammen in Stuttgart wohnen. Und nicht nur Freundinnen sondern auch Projektgründer sind.

Kultureller Zugang bei Integration und Flüchtlingsarbeit bleibt oft auf der Strecke.

Mit ihrem Freien Kulturprojekt wollen die beiden Integrationsarbeit aus einer anderen Perspektive leisten. Integration über Sprach- und Integrationskurse sowie Allgemeinbildung ist wichtig. Kunst und Kultur jedoch bieten zusätzlich Raum das Menschliche in den Mittelpunkt zu stellen.

Zusammengekommen ist die Gruppe hauptsächlich über den Ausbildungscampus, aber auch über persönliche Kontakte. 12 Teilnehmer zählen zu der festen Kerngruppe. Es gab auch Leute, die nur einmal dabei waren oder hin und wieder zu den Treffen kamen. „Es war uns wichtig, dass es nichts Verbindliches ist, sondern einfach ein offenes Angebot. Die Leute kommen, wenn sie Zeit und Lust haben und sich zu nichts gezwungen fühlen. Viele haben schon Probleme, eine Ausbildung zu finden, in der Unterkunft oder mit einem Wohnortwechsel. Uns war es wichtig, dass dieses Projekt nicht noch ein weiterer Zwang ist.“ Das vermittelt auch der Name: denn das frei in Freies Kulturprojekt darf und soll auch so ausgelegt werden.

Auch gab es keine Voraussetzungen oder Anforderungen an die Teilnehmer – unabhängig von Alter, Aufenthaltsstatus oder künstlerischer Vorbildung war jeder herzlich willkommen. Ebenso ist dieses Projekt nicht nur für geflüchtete Menschen gedacht gewesen, sondern wirklich für alle. Und das sei es letzlich auch, so die beiden Projektgründerinnen, was die besondere Gruppendynamik ausmache: Dass so viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, Kenntnissen und Talenten zusammen kommen.

„Man malt zusammen ein Bild und kommt automatisch ins Gespräch – egal ob man die gleiche Sprache spricht oder nicht.“

Das Wichtigste an dem Projekt war es in erster Linie, Spaß zu haben, als Gruppe zusammen zu kommen und sich kennen zu lernen. Integrationsarbeit wurde ganz nebenbei geleistet.

Ronja und Maria haben mit ihrer Gruppe auch Musik gehört, waren in der Staatsgalerie oder haben sich im Kontrast dazu Graffitis angeschaut. Sie vermitteln einen anderen Eindruck über Deutschland als das, was auf Lernblättern steht: sie zeigen junges Leben und Subkultur. „Wir waren beispielsweise auch in den Wagenhallen und haben da eine Führung gemacht“, sagt Ronja. „Klar, das ist ja auch kein Ort, an den man zufällig mal hinkommt.“ Und ganz automatisch lernten die Teilnehmer so auch die Stadt von einer ganz anderen Seite kennen.

„Es hat sich für uns alle schon herauskristallisiert, dass es nach der Ausstellung noch ein Danach geben soll. Über die Zeit sind auch Freundschaften entstanden, die natürlich über das Projekt hinaus bestehen“, so Ronja weiter.

Zoreh ist 28 Jahre alt, kommt aus dem Iran und ist nun schon seit vier Jahren in Deutschland. Sie ist eine von 12 Projektteilnehmern, deren Werke am Donnerstagabend zu sehen sind.

Was bedeutet dir Kunst?

Kunst ist für mich ein großer Teil des Lebens. Und ich glaube, dass jeder Mensch in sich Kunst hat, aber das muss man auch raus lassen. Kunst hat mir immer geholfen, meine Probleme zu vergessen.

Welche Erfahrungen hast du bei diesem Projekt gemacht?

Ich habe sehr tolle Menschen kennen gelernt, die Zusammenarbeit war wirklich schön. Viele Leute aus dem Kunstprojekt haben die verschiedensten Hintergründe und Ressourcen. Das Projekt ist vor allem deshalb so schön, weil es ein Multikulti-Projekt ist.

Eine persönliche schöne Erfahrung für mich war, dass ein Junge, der am Anfang gar nicht geredet und auch nicht gemalt hat, mit der Zeit dann angefangen hat, zu reden. Jetzt malt er wirklich tolle Bilder, was eine schöne Wirkung auf ihn ausübt. Und genau das ist das Richtige bei Kunst.

Was ist die Geschichte hinter deinen Werken?

Ich habe zwei Lieblingsstücke. Bei einem habe ich eine Gipshand gemacht und Zeitungen darauf geklebt, die Meldungen zeigen, die für mich, mein Land und unsere Welt viel Bedeutung haben. Sie zeigen eine Geschichte und eine Zeit, in der viel Veränderung passiert. Es ist meine Leidenschaft, dass ich viele Geschichten präsentieren kann, die in meinem Land passieren. Damit andere besser verstehen, was dort passiert. Ich will mit der Kunst solche Themen wie Menschenrechte, Frauenrechte, Krieg und Revolution ansprechen.

Das zweite Bild ist eine Frau, die nackt ist und ihr Kopf eine Erde. Ich habe den Ausdruck eines persischen Liedes genommen, in dem es um Sexismus geht und wie Männer mit Frauen umgehen. Ich glaube, die Erde ist eine Liebesgeschichte, in der jeder lebt, wie er möchte. Und am Ende weiß man gar nicht, welches Geschlecht die Erde hat.

„Es geht auf jeden Fall weiter, in welcher Form auch immer.“

Am Donnerstagabend werden die Früchte der künstlerischen Arbeit geerntet – die Ausstellung zeigt die entstandenen Werke. Der Titel „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“ ist einleuchtend, entstand aber zufällig, als die Ähnlichkeit der beiden Worte für Verwirrung sorgte. „Im Nachhinein wurde uns bewusst, wie wichtig es in unserer heutigen Zeit ist, die persönliche Geschichte eines jeden Menschen anzuhören und anzuerkennen. Geschieht dies nicht, entsteht leider viel zu oft Raum für Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung. Hinter jedem ‚Gesicht‘ steckt eine Geschichte, die in der Bürokratie, den Medien und Statistiken oftmals verloren geht. Im Rahmen dieser Ausstellung sollen einige davon gezeigt und gewürdigt werden“, so Ronja.

Donnerstag, 20. September, 18 Uhr, Ausbildungscampus, Jägerstr. 14, 70174 Stuttgart

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Marcel Müller: Wie sein Musik-Instrument Menschen verbindet

Der Stuttgarter Marcel Müller zog für das Studium am Royal College of Art (RCA) nach London und entwickelte dort ein Musik-Instrument, das Fremde zusammenbringt.

Stuttgart – Einer macht sich auf, den Kesselrand hinter sich zu lassen und die Welt zu erobern. Oder eben London. Wie der 29-jährige Marcel, um dort seinen Master zu machen. In dieser Zeit machte er aber noch viel mehr: Er konzipierte und entwickelte ein Instrument, an dem Fremde und Laien zusammenkommen und musizieren können. „Theo 3“ heißt das Stück, das im Londoner Stadtteil Hackens stand. Aktuell wird es zwischengelagert, da Marcel für ein halbes Jahr nach San Francisco zieht. Aber spätestens mit seiner Rückkehr nach London sucht er einen neuen Einsatzort für „Theo 3“.

Neben Produktdesign machst du auch selber Musik. Dein Künstlername ist Finji – wofür steht das?

Das ist einfach (und vielleicht sogar ein bisschen langweilig): Der Hund einer guten Freundin trug den Namen in abgewandelter Form. Finji war der Spitzname, den wir ihr gegeben hatten. Seither benutze ich das als meinen Künstlernamen für alles, was ich tue und was Bezug zur Musik hat.

Wieso bist du nach London gezogen? Was machst du dort?

Bevor ich nach London zog, habe ich gemeinsam mit guten Freunden mein eigenes kleines Design-/Programming-Office im Stuttgarter Süden betrieben. Täglich im Strohberg haben wir entweder gemeinsam an Projekten oder jeder individuell gebastelt.

Nach zwei tollen, abwechslungsreichen, jedoch recht entspannten Jahren war mir das aber nicht genug. Ich war etwas gelangweilt. Der Großteil meiner Arbeit fand am Computer statt und das war nicht mehr das, was ich einmal angestrebt hatte.

Nachdem ich mich 2014 für „Designing Interactions“ am Royal College of Art in London beworben hatte und angenommen wurde, entscheid ich mich 2016 dann endlich, die Einladung anzunehmen und dort zu studieren. Der Studiengang existierte jedoch nicht mehr, da Head of Programme Tony Dunne leider die Schule verlassen hatte. Die Alternative war: Design Products. Und das war perfekt. Weg vom Computer, ab in die Werkstatt, raus in die Welt und mit Leuten arbeiten statt Internet.

Jetzt habe ich zwei Jahre studiert, habe jede Menge neuer Freunde, mit denen ich am RCA durch die verrücktesten und anstrengendsten Wochen meines Lebens gestolpert bin, und einen Master of Arts in Design Products.

Mein Abschlussprojekt “Collaborative Musical Instruments” ist genau das, was ich jetzt gerne weitermachen möchte. Musikinstrumente entwickeln, welche die Tür zum Musikmachen öffnen und gleichzeitig Menschen zusammenbringen. Ein bisschen Musik machen als Augenöffner. London ist dafür denke ich genau der richtige Ort.

Was bietet London, was Stuttgart nicht hat?

London ist riesig. Meine Freundin wohnt im Westen und ich im Osten. Wenn ich zu ihr fahre, ist es, als würde ich in Stuttgart wohnen und sie in Karlsruhe. Das ist einerseits ein riesiger Nachteil, andererseits bedeutet es aber auch, dass hier so viel abgeht, jeden Tag, dass man gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Galerien, Konzerte, Communities, öffentliche Events, Clubs, Pubs, Pubs, Pubs, Parks, Felder, Kanäle, Partys. Jede Art von Essen, die man sich vorstellen kann und davon nicht wenig und auch noch ziemlich gut! Und natürlich Musik. Ein Großteil der besten Artists, die ich kenne, kommen aus London. Jeden Tag ist alles offen und jeden Tag kann man alles machen – zumindest gefühlt. Das ist natürlich überwältigend, aber auch mega cool.

Im Großen und Ganzen ist es für mich aber gar nicht die Stadt, die mich hier hält, sondern all die Leute, die ich in den letzten zwei Jahren kennengelernt habe. Das RCA ist nicht wirklich nur eine Schule/Universität, viel mehr ein Ort, an den man mit coolen und highly-skilled Leuten zwei Jahre, Tag für Tag für Tag gefesselt ist, hart arbeitet, sich austauscht und mega dicke wird. Viele Connections, die man macht, die für die Arbeit und Zukunft hilfreich und notwendig sind. Viele Studios, Galerien und andere Schulen, die eine Art von Arbeit als Künstler/Designer ermöglichen, die so in Stuttgart meiner Meinung nach gar nicht möglich wäre.

 

Hast du noch viel Bezug zu Stuttgart?

Stuttgart/Tübingen/Ehningen ist definitiv meine Homebase. Einige meiner besten Freunde wohnen nach wie vor dort und jedes Mal, wenn ich nach Stuttgart fliege, freue ich mich unglaublich auf die Zeit mit allen. Früher hing ich drei, vier Mal die Woche im Galao ab. Das kann ich jetzt leider nicht mehr. Ab und zu (eher selten), wenn ich darf, spiele ich im Yart zusammen mit Volki Thunderpad ein paar groovige Tunes an den Decks. Da kommen meistens dann auch alle vorbei, die in der Gegend sind und es gibt eine kleine Reunion-Partynacht.

Was vermisst du dort?

Am meisten vermisse ich eigentlich die absolute Relaxation, die in Stuttgart für mich immer schon der Vibe war. Es ist so klein und süß. Man kann auch mal für ein Stündchen irgendwo einkehren und danach wieder easy nach Hause laufen. Man kann in den Wald gehen, auf den Marienplatz oder einfach im Bierstüble im Süden mit den ganzen Stammgästen Bier und Schnäpse trinken.

 

Wie entstand die Idee, ein eigenes Instrument zu entwickeln?

Als ich zum RCA nach London bin, hatte ich eine große Motivation: Ich möchte meine Arbeit dahingehend entwickeln, meine Liebe für Design und Musik zu vereinen. Design heißt für mich aber nicht nur einen schönen Stuhl zu gestalten, sondern sich mit einer Thematik so intensiv wie nur möglich auseinander zu setzen. Ich bin sehr interessiert an der Beziehung zwischen Mensch und Mensch und Mensch und Produkt.

Während meiner Zeit im ersten Studienjahr habe ich viel beobachtet, wie der öffentliche Raum gestaltet ist und wie Menschen ihn benutzen. Eine Sache fiel mir besonders auf: Menschen schaffen im öffentlichen Raum ihren eigenen persönlichen Raum. Das passiert in Gruppen oder auch nur ganz alleine – wie eine unsichtbare Sphäre, die einen selbst von anderen abschottet. Das liegt, denke ich, einerseits an den Leuten, andererseits aber auch daran, wie Parks, Bushaltestellen und öffentliche Plätze generell gestaltet sind.

Die Wichtigkeit vom Austausch zwischen Menschen, die sich nicht kennen, war meine Hauptmotivation. Wie könnte ich im öffentlichen Raum eine Intervention schaffen, die Menschen zusammenbringt – alt, jung, arm, reich, konservativ und liberal. Diese Kommunikation und diese Beziehungen helfen uns, eigene Meinungen zu bilden, zu reflektieren, anstatt blind, Aussagen anderer zu vertrauen und deren Ideen anzunehmen.

Da Musik schon immer als das Medium galt, das Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen auf engem Raum zusammenbringt, war die Weiterentwicklung dieses Gedankens für mich klar. Ich muss die Interaktion des Musik-Machens in den öffentlichen Raum bringen. Ich kann so eingreifen, dass Leute sich zusammenfinden, zusammen kreieren, sich eventuell sogar kennenlernen und austauschen.

Theo 3 – woher der Name?

Da es im gesamten Projekt um die Beziehung zwischen Menschen geht, mussten die Instrumente einen Namen tragen, der nicht nach klassischer Produktdesign-Quatsch-Namensfindung wie “Quoarla” oder ähnlichem entsteht.

Theo ist der Name meines nun fast zwei Jahre alten Neffen. Ich kann ihn leider nur selten sehen, deshalb habe ich ihm all die Instrumente, die ich im Research Prozess entwickelt habe, durch die Namensgebung mit Nummerierungen gewidmet. Außerdem dachte ich mir, vielleicht ist es total cool, wenn man älter wird und dann versteht, dass „Kunstwerke“ den eigenen Namen tragen.

Wie lange hat die Planung gedauert?

Das ist relativ schwierig zu beantworten. Ich habe für Monate geforscht, wie Musik auf Menschen wirkt, was das Musikmachen für Effekte auf den mentalen Zustand hat, wie Menschen Meinungen bilden – viele in sich verschiedene Themen, die mich stark interessieren. Einige Experimente und Prototypen waren Teil der Forschung. Also andere Instrumente, die kleiner waren, weniger kompliziert, aber ein ähnliches Prinzip verfolgten. Eines davon, “Theo“, wurde inzwischen auch mehrere Male in London und Mailand ausgestellt.

Die Planung der aktuellsten Version, “Theo 3”, dauerte etwa einen Monat. Viele Form-Iterationen, die aus dem Research hervorgingen, viele Experimente mit Materialien und Ton. Irgendwann ging mir dann die Zeit aus, und ich musste bauen. Dann hat es circa 3 Wochen gedauert, an vielen Stellen mit der Hilfe anderer, bis “Theo 3” zum ersten Mal im Schulgebäude aufgebaut war und von Leuten gespielt wurde.

Konzept ausdenken oder probieren geht über studieren?

Probieren ist generell mehr meine Art zu arbeiten. Probieren macht so viel mehr Spaß – nicht nur für mich, sondern auch für andere, die im Research Prozess involviert sind. Studieren gehört dazu und das Wissen anderer ist meistens extrem hilfreich. Aber durch Experimente und ausprobieren lernt man so viel mehr, das kann kein Buch ersetzen. Alleine, wenn man überlegt, dass ich vor meiner Zeit am RCA nicht die leiseste Ahnung hatte, wie man Maschinen in der Werkstatt bedient oder welche Materialien sich wie verhalten. Das alles kam für mich durch stetiges, angstfreies Ausprobieren. Viele Erkenntnisse, die in die finale Form und Funktion von “Theo 3” geflossen sind, kamen von vorherigen Instrumenten, die ich mit Leuten intern und extern im öffentlichen Raum getestet, beobachtet und diskutiert habe.

Was soll das Instrument bewirken?

Grundsätzlich stecken zwei Ideen dahinter. Zum einen soll es Musikern und Nicht-Musikern die Möglichkeit bieten, gemeinsam Musik zu machen, die nicht nur schön klingt, sondern auch Spaß macht. Deshalb ist das Instrument in einer bestimmten Skala gestimmt, die es dem Spieler nahezu unmöglich macht, Melodien zu erzeugen, die schief und krumm klingen. Das wiederum funktioniert als Medium, um Leute zusammenzubringen. Dank der Größe von knapp vier Metern hat “Theo 3” bei bisherigem Einsatz tatsächlich Menschen, die sich vorher nicht kannten, gleichzeitig zum Musik machen bewegt. Das war einer der schönsten Momente. Sehen, wie Besucher “Theo 3” spielen und das nicht nur für zehn Sekunden, sondern über längere Zeit, mit Fremden gemeinsam Melodien und Songs erzeugen, sich austauschen, gemeinsam lachen.

Ein Vorgänger von Theo 3 bei einer Ausstellung in Mailand.

Was passiert mit Theo 3, wenn du nicht mehr in London lebst?

Aktuell liegt “Theo 3” auseinander gebaut im Garten eines Freundes. Die Idee ist es, das Instrument oder eine Weiterentwicklung davon permanent im öffentlichen Raum in London zu platzieren. Der Gedanke jedoch ist ziemlich naiv und der erste Versuch, jenen umzusetzen, hat mir relativ schnell die Motivation genommen. Der Prozess einer Installation derartiger Größe im öffentlichen Raum ist so kompliziert, zeit- und kostenintensiv, dass es jetzt erstmal ruht, bis ich zurück nach London komme.

Kann sowas auch in Stuttgart umgesetzt werden? Ist es vielleicht schon in Planung?

Das wäre großartig. Ich würde mich unendlich freuen, für eine derartige Installation beauftragt zu werden. Ich bin so sehr in diese Idee verliebt, ein öffentliches, kollaboratives Instrument permanent zu installieren, dass ich nicht einmal Geld damit verdienen will. Ich bin überzeugt, dass “Theo 3” oder etwas Vergleichbares von großem Mehrwert für eine Stadt sein könnte und ich definitiv eine Menge Zeit investieren werde, so etwas zu realisieren.

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Über die Abschaffung der Zeit-
umstellung

Unserer Autorin bringt die Zeitumstellung genau eines: eine Stunde mehr Schlaf zum Einstieg in die Winterzeit. Jetzt soll sie abgeschafft werden.

Stuttgart – Die Zeitumstellung – vor der digitalen Zeitansage ließ sie uns zwei Mal im Jahr etwas im Regen stehen. Denn war es jetzt 14 oder schon 15 oder doch erst 13 Uhr? Stellt man vor oder zurück? Auch wenn sich Zeitanzeiger inzwischen meistens selber umstellen, ist das Verschieben der Zeiger jedes Mal Thema. Braucht man die Zeitumstellung denn überhaupt noch?

Sie wurde eingeführt, um Tageslicht besser nutzen zu können: Lange Tage im Sommer heißt eine Stunde länger hell. Da sich im Winter die Sonne recht früh verabschiedet, nutzte man hier eher die frühen Morgenstunden. In Deutschland wurde das System 1980 eingeführt. Das war wichtig, denn Elektrizität war kaum vorhanden, da musste man natürlich Ressourcen so gut wie möglich nutzen. Stellt sich die Frage, wie schwer es gewesen sein muss, die Sonnenuhr bei der Zeitumstellung anzupassen. Aber das ist ein anderes Thema.

Zeit umstellen – noch en vogue?

Über die Sinnhaftigkeit diskutiert man schon länger. Vor allem in Zeiten, in denen das An- und Ausschalten von Energiesparlampen mehr Strom kostet, als sie einfach brennen zu lassen. Deswegen gab es bis zum 16. August eine EU-weite Abstimmung über das Thema. Sollte die Zeitumstellung bleiben oder abgeschafft werden? Und wenn ja, präferierten EU-Bürger eher Sommer- oder Winterzeit? Seit kurzem ist das Ergebnis bekannt: etwa 4,6 Millionen Bürger beteiligten sich an der Umfrage. Und es ist eindeutig: mehr als 80 Prozent der Teilnehmer wünschen sich eine Abschaffung der Zeitumstellung. Ebenfalls stimmte die Mehrheit für das Beibehalten der Sommerzeit.

Auch wenn die Umfrage rein repräsentativ war, verkündete der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker heute, dass man diesem Ergebnis Folge leisten möchte. Dafür müssen nur noch das EU-Parlament und die einzelnen EU-Staaten zustimmen. Einige hatten sich schon davor positiv gegenüber der Abschaffung ausgesprochen. Erstaunlicherweise die Nordlichter der EU wie Finnland oder Estland. Die kommen beim Thema Tageslicht generell eher zu kurz. Und sind trotzdem so weitsichtig. Auch in Deutschland hatte erst im Frühling die FDP einen Vorstoß in Sachen stabiler Zeitangabe gewagt. Der Vorschlag wurde aber abgelehnt. Das ist in dem Sinne lustig, da von den 4,6 Millionen Teilnehmern der Umfrage ein Drittel aus Deutschland kommt.

Bye, bye, bye

Es könnte also sein, dass wir dieses Jahr am 28. Oktober zum letzten Mal die Uhr eine Stunde zurück stellen. Und ich kann nicht erkennen, was dagegen sprechen sollte. Denn nenne mir einer einen glasklaren Vorteil davon, am Zeiger zu schieben. Außer, dass man zwei Mal im Jahr etwas anderes zu reden hätte als über das Wetter. Ein weiteres Mal zeigt sich, dass man nicht immer an allem festhalten muss, nur weil „man das halt schon immer so macht“. Oder zumindest seit 1980. Was davor funktioniert hat, wird sicher auch jetzt klappen. Denn man darf nicht vergessen: wir sind, was künstliche Lichtquellen angeht, viel besser ausgestattet. Außer vielleicht in den Umkleidekabinen von H&M, die könnten ruhig mal den Tageslichtfilter für sich entdecken.

Sollten wir in zehn Jahren feststellen, dass wir uns durch die Abschaffung Geld- und Energietechnisch ganz schön ins kostspielige Jenseits katapultiert haben, dann holen wir die Umstellung einfach ganz schnell wieder zurück. Immerhin können wir dann sagen: At least we tried.

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