Nörgeln in the City: Espresso to go

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben. Heute: Espresso ist nicht zum Mitnehmen gedacht!

Stuttgart – Savoir-vivre, dolce far niente und wie auch immer sie heißen mögen – Lebenseinstellungen, die man so gerne adaptieren möchte. Die schwäbische Geschäftigkeit einmal ablegen und einfach rollen lassen. Das klappt auch immer besser. Gerade in den warmen Monaten findet das Leben draußen statt, die Cafés, Bars und Restaurants sind voll, Spontaneität ist das Wort der Stunde.

Es ist immer Zeit für einen Espresso

Gerade beim Kaffee spickelt der gemeine Deutsche gen Süden. Ob jetzt Italien, Spanien oder Griechenland – die südländische Kaffeekultur ist schon längst hier angekommen. Cappuccino, Mocca oder Cortado sind keine Fremdworte mehr. Die kommen uns genauso flüssig über die Lippen wie das schwarze Gold rein fließt. Es gibt nur eine Sache, die ein absolutes Unding ist. Die mir persönlich so zuwider ist, und das hat nichts mit möglichen südländischen Wurzeln zu tun, das sollte jedem Menschen in der Tiefe seines Herzens schmerzen: Der Espresso im to go-Becher.

Bevor jetzt schon jemand zum aber ausholt, let’s get one thing straight: NEIN. Kein Argument dieser Welt würde das rechtfertigen. Auch wenn manch einer denkt, das Teil würde Expresso heißen und hätte mehr Geschwindigkeit als der Sprinter der Deutschen Bahn, kann beispielsweise Zeit nicht als Gegenargument verwendet werden. Ein Espresso umfasst einen bis maximal zwei Schlücke. Jeder Mensch hat Zeit dafür. Der geht schneller runter, als jemand seinen Instagram-Feed aktualisiert hat.

Auf die Tasse kommt es an!

Dass to go-Becher jetzt per se nicht geil sind (auch wegen der Umwelt), ist ja hoffentlich allen klar. Aber was denken Leute, die sich 2 cl Kaffee in einem Becher mitgeben lassen. Zum Verständnis: das ist die gleiche Menge wie ein Schnaps. Und würde das jemals jemand tun? „Hi, ich hätte gerne einen Shot to go.“ „Aber wieso to go?“ „Na, damit ich da ganz genüsslich dran schlürfen kann.“ Da werde ich allein schon beim Gedanken straight edge.

Zudem schmeckt es einfach scheußlich. Ich lasse hier jetzt nicht den Kaffeesnob raushängen und erzähl dir was vom richtigen Mahlgrad, Druck und Zauberspruch für den perfekten Kaffee. Oder ob man mit Zucker die reale Coffee Experience völlig kaputt macht. Fakt ist aber, und das auch unter uns Laien: Ein Espresso schmeckt nur aus einer dickwandigen, im besten Fall auch vorgewärmten Tasse.

Authentizität im Westen

Ein Espresso, das ist eine kleine Auszeit vom Alltag. Einen Espresso, den trinkt man an der Theke. Rein in den Laden, Espresso schlürfen, raus aus dem Laden – besser getimed als jeder Banküberfall. Wenn also alle den sonnenreichen Lebensstil leben wollen, dann brennt euch eines sofort ins Gehirn: Nie wieder will ich einen Espresso to go bestellen. Sonst soll mich sofort eine unheilbare Kaffeeallergie heimsuchen.

PS: Beim Café Gustav an der Schwabstraße gibt es übrigens die voll authentische Kaffeekultur. Während der Espresso normalerweise 2 Euro kostet, ist er einen Euro günstiger, wenn er an der Theke bestellt und getrunken wird. Klein-Südeuropa in Stuttgart-West!

Mehr aus dem Web

Diese Bücher lesen die Stadtkinder

Die Stadtkind Bücher-Tipps versorgen dich den Winter über mit ausreichend Lesestoff – ob herzerwärmend, spannend oder einfach lustig. Viel Spaß beim Lesen!

Stuttgart – Lesen ist cool. Das muss einfach mal gesagt sein. Filme und Serien auch, gar keine Frage. Aber sich mit einer großen Tasse Tee zum Lesen in Kissen und Decken zu mümmeln, ist noch mal etwas ganz anderes. Bücher lassen uns abtauchen in unsere ganz eigene Vorstellung und wenn es gut läuft, Umgebung und Zeit völlig vergessen. Es wird schon wieder dunkel draußen? Taschenlampe an, Decke übern Kopf und weiter geht’s.

Literatur-Tipps von Stadtkind

Wer neues Material auf seinem Bücherregal braucht, der stöbert in der Stadtkind Bücherkiste – hier finden sich Klassiker, Autobiografisches, Spannendes, Unterhaltsames und vielleicht noch unentdeckte Perlen. Viel Spaß!

On the Road – Jack Kerouac

William S. Burroughs und Charles Bukowski sind ohne jeden Zweifel grandios, aber mir oft zu abgefuckt und durch. In Sachen Beat-Literatur ist Jack Kerouac für mich deswegen die goldene Mitte – und sein rauschhaftes Epos „On the Road“ („Unterwegs“) eines der großartigsten Werke der US-amerikanischen Nachkriegsliteratur. Seine Sprache ist einzigartig, seine Geschichte voller Schönheit, Verfall, Romantik… okay, und Drogen. Wenige Bücher fangen die endlose Weite Amerikas, den Traum und den Albtraum dieses Landes so gekonnt, poetisch und zeitlos ein. Und überhaupt: Für seine 60 Jahre ist dieses Buch beneidenswert gut gealtert. (Björn Springorum)

Der goldene Handschuh – Heinz Strunk

Schockierend, ungeschönt und unglaublich spannend erzählt Heinz Strunk die Geschichte des berühmt berüchtigten Frauenmörders Fritz Honka, dessen Taten in den 70ern die Schlagzeilen der deutschen Presse beherrschten. Heinz Strunk taucht in die Abgründe eines Menschen ab, dessen Leben ohne jegliche Perspektive und im Vollrausch dahinsiecht. Seine Opfer lernt Honka in der Hamburger Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ kennen – ein Ort, an dem die unterste Unterschicht ihrem dunklen, trostlosen Leben entflieht. Gleichzeitig gibt Heinz Strunk Einblicke in die Hamburger High Society, die ebenso von Verzweiflung und Hass erfüllt ist. Ob Arm oder Reich, am Ende finden alle ihren Zufluchtsort im „Zum Goldenen Handschuh“.(Joachim Baier)

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Die leisen Töne machen hier die Musik. Und was für eine. Auf knapp 350 Seiten erzählt Benedict Wells die Geschichte von Jules, seinen Geschwistern und Jules großer Liebe Alva. Keine Momentaufnahme, eher begleitet der Leser das ganze Leben der drei Geschwister und ihrem Umfeld. Und dabei passiert, was so ein Leben nun mal ausmacht: schlimme Kindheiten, schöne Momente, Fragen, deren Antworten wohl nie gefunden werden und Wunder, die mal kurz die Zeit stoppen und einen sprachlos werden lassen. Genau das macht wohl auch den Erfolg des Buches aus: es erzählt eine Geschichte, wie sie jedem von uns auch passieren könnte, Momente, in denen wir uns wieder erkennen und trotzdem ist sie etwas ganz Besonderes. (Nina Dias da Silva)

Die hellen Tage – Zsuzsa Bánk

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri, die Ich-Erzählerin des Romans, helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter am Stadtrand wohnt. Der dritte im Bunde dieser Freundschaft ist Karl. Doch so leicht wie es klingt, ist das Leben der Kinder nicht – in jeder der Familien ist eine Leerstelle zu beklagen, die die Protagonisten zu bewältigen versuchen. Karl ist von den zwei Sekunden bestimmt, die ihm seinen Bruder genommen haben, Aja vermisst ihren Vater Zigi, einen zum Nomaden gewordenen Artisten, der nur selten bei seiner Familie auftaucht. Bánks Roman erzählt melancholisch von Verlust und Heimatlosigkeit und wirkt durch seine ganz eigene Sprache wie aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist Bánks Tonlage für manchen Leser zu dick aufgetragen, befindet sich gar an der Schwelle zum Kitsch, für alle anderen erschafft die Schriftstellerin gerade deshalb eine einzigartige Welt, in der drei Heranwachsende versuchen trotz aller Prägungen und Verluste ihren Platz zu finden. Und am Ende ist der Roman dadurch mehr tröstlich als tragisch. (Ina Schäfer)

Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

Von leisen Tönen zu brachial auf‘s Maul: Benjamin von Stuckrad-Barre gilt immer noch als das Enfant terrible der deutschen Popliteratur. Der Schriftsteller wurde viel zu jung viel zu erfolgreich. Schon mit 23 Jahren veröffentlichte er seinen Bestseller Soloalbum und wurde damit – man kann es nicht anders sagen – die Stimme einer Generation. Doch wo der Erfolg und das Geld lauert, da sind die Verlockungen nicht weit und so strebt von Stuckrad-Barre eine zweite Karriere an: als kokainsüchter Bulimiker. Wo in seiner Biografie die Stellschrauben falsch waren, wie er die Sucht er- und überlebt hat und wie spannend sein Leben nach der Sucht ist (#kamillentee), darüber erzählt er sehr eindringlich in Panikherz. Gespickt mit Ironie feuert er in alle Richtungen, nimmt sich selber aus der Gleichung nicht raus und zerlegt den Leser mit einem Wirbelsturm an Wortgewandtheit. Und genau so muss das auch! (Nina Dias da Silva)

Der Club – Takis Würger

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Hans Stichler bekommt ein Stipendium an der Eliteuniversität Cambridge. Dort soll er nicht nur studieren, sondern auch ein Verbrechen aufklären, welches sich in den obersten Kreisen der Universität ereignet hat. Hierfür lässt er sich in den „Pitt Club“ – den sagenumwobenen Box Club der Universität – einschleusen und bekommt schockierende Einblicke in die Welt der britischen Elite. Ein Buch über die dunkle Seite der Gesellschaft, über Rache, über Freundschaft und Liebe. Ein großartiges, spannendes und vor allem kurzweiliges Romandebüt von Takis Würger. (Joachim Baier)

Jenny Erpenbeck – Aller Tage Abend

Ganze fünf mal lässt Jenny Erpenbeck ihre Protagonistin sterben. Das erste Mal gleich zu Anfang als Säugling, bis die Autorin fragt: Was wäre gewesen, hätte sie überlebt? Und weiter geht der Roman und ein neues mögliches Leben ein und derselben Person. Jedes neu gewonnene Lebens-Kapitel der Protagonistin hat dabei einen historischen Kontext, ist in den Rahmen des aktuellen Zeitgeschehens eingebettet – sie flieht als halbjüdisches Mädchen vor den Nazis aus Österreich nach Moskau, stirbt – oder eben nicht, und wird zu einer bekannten Autorin in der DDR. Schließlich erlebt sie als alte Frau, die Wende im Jahre 1989 in einem Berliner Pflegeheim. Und so ersinnt sich Erpenbeck auf knapp 300 Seiten fünf verschiedene Lebenswege, die fast ein ganzes Jahrhundert umspannen. „Hätte, könnte, wäre“ wirkt dabei nie konstruiert sondern gekonnt und spannend. Ein Roman wie ein philosophisches Gedankenexperiment. (Ina Schäfer)

Dienstags bei Morrie – Mitch Albom

Genau die richtige Lektüre für alle, die sich im Café am Rande der Welt heimelig gefühlt haben. Dienstags bei Morrie erschien schon 1997 und ist ebenfalls die Geschichte des eigenen Lebens. Der Autor Mitch Albom erzählt die Geschichte seines alten Professors Morrie Schwartz. Dieser erkrankt an der unheilbaren Krankheit AMS. Mitch, der nach dem College den Weg des Erfolges eingeschlagen hat, erfährt davon und beginnt, seinen alten Mentor regelmäßig zu besuchen. Obwohl die Krankheit immer weiter voranschreitet, macht der Professor Mitch zum zweiten Mal zum Studenten und lehrt ihn, worum es im Leben wirklich geht. Dienstags bei Morrie ist ein Buch zum Beiseitelegen und Nachdenken. Zum Entscheidungen treffen. Und manchmal auch zum Weinen. (Nina Dias da Silva)

Mehr aus dem Web

Freundinnen gründen Kultur-Projekt für Geflüchtete

Beim Ankommen helfen abseits von Wissen und Leistung: Das schaffen Ronja Keifer und Marie Eisendick mit ihrem Freien Kulturprojekt. Die Werke sind am Donnerstag zu sehen.

Stuttgart – Drehen wir die Zeit ein bisschen zurück: 2016 lernen sich Ronja und Marie kennen. Sie arbeiten beide ehrenamtlich in einem Flüchtlingslager in Nordfrankreich. Neben der sozialen verstehen sich die zwei auch auf allen anderen Ebenen. So kommt es, dass sie jetzt seit anderthalb Jahren zusammen in Stuttgart wohnen. Und nicht nur Freundinnen sondern auch Projektgründer sind.

Kultureller Zugang bei Integration und Flüchtlingsarbeit bleibt oft auf der Strecke.

Mit ihrem Freien Kulturprojekt wollen die beiden Integrationsarbeit aus einer anderen Perspektive leisten. Integration über Sprach- und Integrationskurse sowie Allgemeinbildung ist wichtig. Kunst und Kultur jedoch bieten zusätzlich Raum das Menschliche in den Mittelpunkt zu stellen.

Zusammengekommen ist die Gruppe hauptsächlich über den Ausbildungscampus, aber auch über persönliche Kontakte. 12 Teilnehmer zählen zu der festen Kerngruppe. Es gab auch Leute, die nur einmal dabei waren oder hin und wieder zu den Treffen kamen. „Es war uns wichtig, dass es nichts Verbindliches ist, sondern einfach ein offenes Angebot. Die Leute kommen, wenn sie Zeit und Lust haben und sich zu nichts gezwungen fühlen. Viele haben schon Probleme, eine Ausbildung zu finden, in der Unterkunft oder mit einem Wohnortwechsel. Uns war es wichtig, dass dieses Projekt nicht noch ein weiterer Zwang ist.“ Das vermittelt auch der Name: denn das frei in Freies Kulturprojekt darf und soll auch so ausgelegt werden.

Auch gab es keine Voraussetzungen oder Anforderungen an die Teilnehmer – unabhängig von Alter, Aufenthaltsstatus oder künstlerischer Vorbildung war jeder herzlich willkommen. Ebenso ist dieses Projekt nicht nur für geflüchtete Menschen gedacht gewesen, sondern wirklich für alle. Und das sei es letzlich auch, so die beiden Projektgründerinnen, was die besondere Gruppendynamik ausmache: Dass so viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, Kenntnissen und Talenten zusammen kommen.

„Man malt zusammen ein Bild und kommt automatisch ins Gespräch – egal ob man die gleiche Sprache spricht oder nicht.“

Das Wichtigste an dem Projekt war es in erster Linie, Spaß zu haben, als Gruppe zusammen zu kommen und sich kennen zu lernen. Integrationsarbeit wurde ganz nebenbei geleistet.

Ronja und Maria haben mit ihrer Gruppe auch Musik gehört, waren in der Staatsgalerie oder haben sich im Kontrast dazu Graffitis angeschaut. Sie vermitteln einen anderen Eindruck über Deutschland als das, was auf Lernblättern steht: sie zeigen junges Leben und Subkultur. „Wir waren beispielsweise auch in den Wagenhallen und haben da eine Führung gemacht“, sagt Ronja. „Klar, das ist ja auch kein Ort, an den man zufällig mal hinkommt.“ Und ganz automatisch lernten die Teilnehmer so auch die Stadt von einer ganz anderen Seite kennen.

„Es hat sich für uns alle schon herauskristallisiert, dass es nach der Ausstellung noch ein Danach geben soll. Über die Zeit sind auch Freundschaften entstanden, die natürlich über das Projekt hinaus bestehen“, so Ronja weiter.

Zoreh ist 28 Jahre alt, kommt aus dem Iran und ist nun schon seit vier Jahren in Deutschland. Sie ist eine von 12 Projektteilnehmern, deren Werke am Donnerstagabend zu sehen sind.

Was bedeutet dir Kunst?

Kunst ist für mich ein großer Teil des Lebens. Und ich glaube, dass jeder Mensch in sich Kunst hat, aber das muss man auch raus lassen. Kunst hat mir immer geholfen, meine Probleme zu vergessen.

Welche Erfahrungen hast du bei diesem Projekt gemacht?

Ich habe sehr tolle Menschen kennen gelernt, die Zusammenarbeit war wirklich schön. Viele Leute aus dem Kunstprojekt haben die verschiedensten Hintergründe und Ressourcen. Das Projekt ist vor allem deshalb so schön, weil es ein Multikulti-Projekt ist.

Eine persönliche schöne Erfahrung für mich war, dass ein Junge, der am Anfang gar nicht geredet und auch nicht gemalt hat, mit der Zeit dann angefangen hat, zu reden. Jetzt malt er wirklich tolle Bilder, was eine schöne Wirkung auf ihn ausübt. Und genau das ist das Richtige bei Kunst.

Was ist die Geschichte hinter deinen Werken?

Ich habe zwei Lieblingsstücke. Bei einem habe ich eine Gipshand gemacht und Zeitungen darauf geklebt, die Meldungen zeigen, die für mich, mein Land und unsere Welt viel Bedeutung haben. Sie zeigen eine Geschichte und eine Zeit, in der viel Veränderung passiert. Es ist meine Leidenschaft, dass ich viele Geschichten präsentieren kann, die in meinem Land passieren. Damit andere besser verstehen, was dort passiert. Ich will mit der Kunst solche Themen wie Menschenrechte, Frauenrechte, Krieg und Revolution ansprechen.

Das zweite Bild ist eine Frau, die nackt ist und ihr Kopf eine Erde. Ich habe den Ausdruck eines persischen Liedes genommen, in dem es um Sexismus geht und wie Männer mit Frauen umgehen. Ich glaube, die Erde ist eine Liebesgeschichte, in der jeder lebt, wie er möchte. Und am Ende weiß man gar nicht, welches Geschlecht die Erde hat.

„Es geht auf jeden Fall weiter, in welcher Form auch immer.“

Am Donnerstagabend werden die Früchte der künstlerischen Arbeit geerntet – die Ausstellung zeigt die entstandenen Werke. Der Titel „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“ ist einleuchtend, entstand aber zufällig, als die Ähnlichkeit der beiden Worte für Verwirrung sorgte. „Im Nachhinein wurde uns bewusst, wie wichtig es in unserer heutigen Zeit ist, die persönliche Geschichte eines jeden Menschen anzuhören und anzuerkennen. Geschieht dies nicht, entsteht leider viel zu oft Raum für Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung. Hinter jedem ‚Gesicht‘ steckt eine Geschichte, die in der Bürokratie, den Medien und Statistiken oftmals verloren geht. Im Rahmen dieser Ausstellung sollen einige davon gezeigt und gewürdigt werden“, so Ronja.

Donnerstag, 20. September, 18 Uhr, Ausbildungscampus, Jägerstr. 14, 70174 Stuttgart

Mehr aus dem Web

Marcel Müller: Wie sein Musik-Instrument Menschen verbindet

Der Stuttgarter Marcel Müller zog für das Studium am Royal College of Art (RCA) nach London und entwickelte dort ein Musik-Instrument, das Fremde zusammenbringt.

Stuttgart – Einer macht sich auf, den Kesselrand hinter sich zu lassen und die Welt zu erobern. Oder eben London. Wie der 29-jährige Marcel, um dort seinen Master zu machen. In dieser Zeit machte er aber noch viel mehr: Er konzipierte und entwickelte ein Instrument, an dem Fremde und Laien zusammenkommen und musizieren können. „Theo 3“ heißt das Stück, das im Londoner Stadtteil Hackens stand. Aktuell wird es zwischengelagert, da Marcel für ein halbes Jahr nach San Francisco zieht. Aber spätestens mit seiner Rückkehr nach London sucht er einen neuen Einsatzort für „Theo 3“.

Neben Produktdesign machst du auch selber Musik. Dein Künstlername ist Finji – wofür steht das?

Das ist einfach (und vielleicht sogar ein bisschen langweilig): Der Hund einer guten Freundin trug den Namen in abgewandelter Form. Finji war der Spitzname, den wir ihr gegeben hatten. Seither benutze ich das als meinen Künstlernamen für alles, was ich tue und was Bezug zur Musik hat.

Wieso bist du nach London gezogen? Was machst du dort?

Bevor ich nach London zog, habe ich gemeinsam mit guten Freunden mein eigenes kleines Design-/Programming-Office im Stuttgarter Süden betrieben. Täglich im Strohberg haben wir entweder gemeinsam an Projekten oder jeder individuell gebastelt.

Nach zwei tollen, abwechslungsreichen, jedoch recht entspannten Jahren war mir das aber nicht genug. Ich war etwas gelangweilt. Der Großteil meiner Arbeit fand am Computer statt und das war nicht mehr das, was ich einmal angestrebt hatte.

Nachdem ich mich 2014 für „Designing Interactions“ am Royal College of Art in London beworben hatte und angenommen wurde, entscheid ich mich 2016 dann endlich, die Einladung anzunehmen und dort zu studieren. Der Studiengang existierte jedoch nicht mehr, da Head of Programme Tony Dunne leider die Schule verlassen hatte. Die Alternative war: Design Products. Und das war perfekt. Weg vom Computer, ab in die Werkstatt, raus in die Welt und mit Leuten arbeiten statt Internet.

Jetzt habe ich zwei Jahre studiert, habe jede Menge neuer Freunde, mit denen ich am RCA durch die verrücktesten und anstrengendsten Wochen meines Lebens gestolpert bin, und einen Master of Arts in Design Products.

Mein Abschlussprojekt “Collaborative Musical Instruments” ist genau das, was ich jetzt gerne weitermachen möchte. Musikinstrumente entwickeln, welche die Tür zum Musikmachen öffnen und gleichzeitig Menschen zusammenbringen. Ein bisschen Musik machen als Augenöffner. London ist dafür denke ich genau der richtige Ort.

Was bietet London, was Stuttgart nicht hat?

London ist riesig. Meine Freundin wohnt im Westen und ich im Osten. Wenn ich zu ihr fahre, ist es, als würde ich in Stuttgart wohnen und sie in Karlsruhe. Das ist einerseits ein riesiger Nachteil, andererseits bedeutet es aber auch, dass hier so viel abgeht, jeden Tag, dass man gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Galerien, Konzerte, Communities, öffentliche Events, Clubs, Pubs, Pubs, Pubs, Parks, Felder, Kanäle, Partys. Jede Art von Essen, die man sich vorstellen kann und davon nicht wenig und auch noch ziemlich gut! Und natürlich Musik. Ein Großteil der besten Artists, die ich kenne, kommen aus London. Jeden Tag ist alles offen und jeden Tag kann man alles machen – zumindest gefühlt. Das ist natürlich überwältigend, aber auch mega cool.

Im Großen und Ganzen ist es für mich aber gar nicht die Stadt, die mich hier hält, sondern all die Leute, die ich in den letzten zwei Jahren kennengelernt habe. Das RCA ist nicht wirklich nur eine Schule/Universität, viel mehr ein Ort, an den man mit coolen und highly-skilled Leuten zwei Jahre, Tag für Tag für Tag gefesselt ist, hart arbeitet, sich austauscht und mega dicke wird. Viele Connections, die man macht, die für die Arbeit und Zukunft hilfreich und notwendig sind. Viele Studios, Galerien und andere Schulen, die eine Art von Arbeit als Künstler/Designer ermöglichen, die so in Stuttgart meiner Meinung nach gar nicht möglich wäre.

 

Hast du noch viel Bezug zu Stuttgart?

Stuttgart/Tübingen/Ehningen ist definitiv meine Homebase. Einige meiner besten Freunde wohnen nach wie vor dort und jedes Mal, wenn ich nach Stuttgart fliege, freue ich mich unglaublich auf die Zeit mit allen. Früher hing ich drei, vier Mal die Woche im Galao ab. Das kann ich jetzt leider nicht mehr. Ab und zu (eher selten), wenn ich darf, spiele ich im Yart zusammen mit Volki Thunderpad ein paar groovige Tunes an den Decks. Da kommen meistens dann auch alle vorbei, die in der Gegend sind und es gibt eine kleine Reunion-Partynacht.

Was vermisst du dort?

Am meisten vermisse ich eigentlich die absolute Relaxation, die in Stuttgart für mich immer schon der Vibe war. Es ist so klein und süß. Man kann auch mal für ein Stündchen irgendwo einkehren und danach wieder easy nach Hause laufen. Man kann in den Wald gehen, auf den Marienplatz oder einfach im Bierstüble im Süden mit den ganzen Stammgästen Bier und Schnäpse trinken.

 

Wie entstand die Idee, ein eigenes Instrument zu entwickeln?

Als ich zum RCA nach London bin, hatte ich eine große Motivation: Ich möchte meine Arbeit dahingehend entwickeln, meine Liebe für Design und Musik zu vereinen. Design heißt für mich aber nicht nur einen schönen Stuhl zu gestalten, sondern sich mit einer Thematik so intensiv wie nur möglich auseinander zu setzen. Ich bin sehr interessiert an der Beziehung zwischen Mensch und Mensch und Mensch und Produkt.

Während meiner Zeit im ersten Studienjahr habe ich viel beobachtet, wie der öffentliche Raum gestaltet ist und wie Menschen ihn benutzen. Eine Sache fiel mir besonders auf: Menschen schaffen im öffentlichen Raum ihren eigenen persönlichen Raum. Das passiert in Gruppen oder auch nur ganz alleine – wie eine unsichtbare Sphäre, die einen selbst von anderen abschottet. Das liegt, denke ich, einerseits an den Leuten, andererseits aber auch daran, wie Parks, Bushaltestellen und öffentliche Plätze generell gestaltet sind.

Die Wichtigkeit vom Austausch zwischen Menschen, die sich nicht kennen, war meine Hauptmotivation. Wie könnte ich im öffentlichen Raum eine Intervention schaffen, die Menschen zusammenbringt – alt, jung, arm, reich, konservativ und liberal. Diese Kommunikation und diese Beziehungen helfen uns, eigene Meinungen zu bilden, zu reflektieren, anstatt blind, Aussagen anderer zu vertrauen und deren Ideen anzunehmen.

Da Musik schon immer als das Medium galt, das Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen auf engem Raum zusammenbringt, war die Weiterentwicklung dieses Gedankens für mich klar. Ich muss die Interaktion des Musik-Machens in den öffentlichen Raum bringen. Ich kann so eingreifen, dass Leute sich zusammenfinden, zusammen kreieren, sich eventuell sogar kennenlernen und austauschen.

Theo 3 – woher der Name?

Da es im gesamten Projekt um die Beziehung zwischen Menschen geht, mussten die Instrumente einen Namen tragen, der nicht nach klassischer Produktdesign-Quatsch-Namensfindung wie “Quoarla” oder ähnlichem entsteht.

Theo ist der Name meines nun fast zwei Jahre alten Neffen. Ich kann ihn leider nur selten sehen, deshalb habe ich ihm all die Instrumente, die ich im Research Prozess entwickelt habe, durch die Namensgebung mit Nummerierungen gewidmet. Außerdem dachte ich mir, vielleicht ist es total cool, wenn man älter wird und dann versteht, dass „Kunstwerke“ den eigenen Namen tragen.

Wie lange hat die Planung gedauert?

Das ist relativ schwierig zu beantworten. Ich habe für Monate geforscht, wie Musik auf Menschen wirkt, was das Musikmachen für Effekte auf den mentalen Zustand hat, wie Menschen Meinungen bilden – viele in sich verschiedene Themen, die mich stark interessieren. Einige Experimente und Prototypen waren Teil der Forschung. Also andere Instrumente, die kleiner waren, weniger kompliziert, aber ein ähnliches Prinzip verfolgten. Eines davon, “Theo“, wurde inzwischen auch mehrere Male in London und Mailand ausgestellt.

Die Planung der aktuellsten Version, “Theo 3”, dauerte etwa einen Monat. Viele Form-Iterationen, die aus dem Research hervorgingen, viele Experimente mit Materialien und Ton. Irgendwann ging mir dann die Zeit aus, und ich musste bauen. Dann hat es circa 3 Wochen gedauert, an vielen Stellen mit der Hilfe anderer, bis “Theo 3” zum ersten Mal im Schulgebäude aufgebaut war und von Leuten gespielt wurde.

Konzept ausdenken oder probieren geht über studieren?

Probieren ist generell mehr meine Art zu arbeiten. Probieren macht so viel mehr Spaß – nicht nur für mich, sondern auch für andere, die im Research Prozess involviert sind. Studieren gehört dazu und das Wissen anderer ist meistens extrem hilfreich. Aber durch Experimente und ausprobieren lernt man so viel mehr, das kann kein Buch ersetzen. Alleine, wenn man überlegt, dass ich vor meiner Zeit am RCA nicht die leiseste Ahnung hatte, wie man Maschinen in der Werkstatt bedient oder welche Materialien sich wie verhalten. Das alles kam für mich durch stetiges, angstfreies Ausprobieren. Viele Erkenntnisse, die in die finale Form und Funktion von “Theo 3” geflossen sind, kamen von vorherigen Instrumenten, die ich mit Leuten intern und extern im öffentlichen Raum getestet, beobachtet und diskutiert habe.

Was soll das Instrument bewirken?

Grundsätzlich stecken zwei Ideen dahinter. Zum einen soll es Musikern und Nicht-Musikern die Möglichkeit bieten, gemeinsam Musik zu machen, die nicht nur schön klingt, sondern auch Spaß macht. Deshalb ist das Instrument in einer bestimmten Skala gestimmt, die es dem Spieler nahezu unmöglich macht, Melodien zu erzeugen, die schief und krumm klingen. Das wiederum funktioniert als Medium, um Leute zusammenzubringen. Dank der Größe von knapp vier Metern hat “Theo 3” bei bisherigem Einsatz tatsächlich Menschen, die sich vorher nicht kannten, gleichzeitig zum Musik machen bewegt. Das war einer der schönsten Momente. Sehen, wie Besucher “Theo 3” spielen und das nicht nur für zehn Sekunden, sondern über längere Zeit, mit Fremden gemeinsam Melodien und Songs erzeugen, sich austauschen, gemeinsam lachen.

Ein Vorgänger von Theo 3 bei einer Ausstellung in Mailand.

Was passiert mit Theo 3, wenn du nicht mehr in London lebst?

Aktuell liegt “Theo 3” auseinander gebaut im Garten eines Freundes. Die Idee ist es, das Instrument oder eine Weiterentwicklung davon permanent im öffentlichen Raum in London zu platzieren. Der Gedanke jedoch ist ziemlich naiv und der erste Versuch, jenen umzusetzen, hat mir relativ schnell die Motivation genommen. Der Prozess einer Installation derartiger Größe im öffentlichen Raum ist so kompliziert, zeit- und kostenintensiv, dass es jetzt erstmal ruht, bis ich zurück nach London komme.

Kann sowas auch in Stuttgart umgesetzt werden? Ist es vielleicht schon in Planung?

Das wäre großartig. Ich würde mich unendlich freuen, für eine derartige Installation beauftragt zu werden. Ich bin so sehr in diese Idee verliebt, ein öffentliches, kollaboratives Instrument permanent zu installieren, dass ich nicht einmal Geld damit verdienen will. Ich bin überzeugt, dass “Theo 3” oder etwas Vergleichbares von großem Mehrwert für eine Stadt sein könnte und ich definitiv eine Menge Zeit investieren werde, so etwas zu realisieren.

Portfolio

Soundcloud

Instagram

Mehr aus dem Web

Über die Abschaffung der Zeit-
umstellung

Unserer Autorin bringt die Zeitumstellung genau eines: eine Stunde mehr Schlaf zum Einstieg in die Winterzeit. Jetzt soll sie abgeschafft werden.

Stuttgart – Die Zeitumstellung – vor der digitalen Zeitansage ließ sie uns zwei Mal im Jahr etwas im Regen stehen. Denn war es jetzt 14 oder schon 15 oder doch erst 13 Uhr? Stellt man vor oder zurück? Auch wenn sich Zeitanzeiger inzwischen meistens selber umstellen, ist das Verschieben der Zeiger jedes Mal Thema. Braucht man die Zeitumstellung denn überhaupt noch?

Sie wurde eingeführt, um Tageslicht besser nutzen zu können: Lange Tage im Sommer heißt eine Stunde länger hell. Da sich im Winter die Sonne recht früh verabschiedet, nutzte man hier eher die frühen Morgenstunden. In Deutschland wurde das System 1980 eingeführt. Das war wichtig, denn Elektrizität war kaum vorhanden, da musste man natürlich Ressourcen so gut wie möglich nutzen. Stellt sich die Frage, wie schwer es gewesen sein muss, die Sonnenuhr bei der Zeitumstellung anzupassen. Aber das ist ein anderes Thema.

Zeit umstellen – noch en vogue?

Über die Sinnhaftigkeit diskutiert man schon länger. Vor allem in Zeiten, in denen das An- und Ausschalten von Energiesparlampen mehr Strom kostet, als sie einfach brennen zu lassen. Deswegen gab es bis zum 16. August eine EU-weite Abstimmung über das Thema. Sollte die Zeitumstellung bleiben oder abgeschafft werden? Und wenn ja, präferierten EU-Bürger eher Sommer- oder Winterzeit? Seit kurzem ist das Ergebnis bekannt: etwa 4,6 Millionen Bürger beteiligten sich an der Umfrage. Und es ist eindeutig: mehr als 80 Prozent der Teilnehmer wünschen sich eine Abschaffung der Zeitumstellung. Ebenfalls stimmte die Mehrheit für das Beibehalten der Sommerzeit.

Auch wenn die Umfrage rein repräsentativ war, verkündete der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker heute, dass man diesem Ergebnis Folge leisten möchte. Dafür müssen nur noch das EU-Parlament und die einzelnen EU-Staaten zustimmen. Einige hatten sich schon davor positiv gegenüber der Abschaffung ausgesprochen. Erstaunlicherweise die Nordlichter der EU wie Finnland oder Estland. Die kommen beim Thema Tageslicht generell eher zu kurz. Und sind trotzdem so weitsichtig. Auch in Deutschland hatte erst im Frühling die FDP einen Vorstoß in Sachen stabiler Zeitangabe gewagt. Der Vorschlag wurde aber abgelehnt. Das ist in dem Sinne lustig, da von den 4,6 Millionen Teilnehmern der Umfrage ein Drittel aus Deutschland kommt.

Bye, bye, bye

Es könnte also sein, dass wir dieses Jahr am 28. Oktober zum letzten Mal die Uhr eine Stunde zurück stellen. Und ich kann nicht erkennen, was dagegen sprechen sollte. Denn nenne mir einer einen glasklaren Vorteil davon, am Zeiger zu schieben. Außer, dass man zwei Mal im Jahr etwas anderes zu reden hätte als über das Wetter. Ein weiteres Mal zeigt sich, dass man nicht immer an allem festhalten muss, nur weil „man das halt schon immer so macht“. Oder zumindest seit 1980. Was davor funktioniert hat, wird sicher auch jetzt klappen. Denn man darf nicht vergessen: wir sind, was künstliche Lichtquellen angeht, viel besser ausgestattet. Außer vielleicht in den Umkleidekabinen von H&M, die könnten ruhig mal den Tageslichtfilter für sich entdecken.

Sollten wir in zehn Jahren feststellen, dass wir uns durch die Abschaffung Geld- und Energietechnisch ganz schön ins kostspielige Jenseits katapultiert haben, dann holen wir die Umstellung einfach ganz schnell wieder zurück. Immerhin können wir dann sagen: At least we tried.

Mehr aus dem Web

Zuhause auf Rädern: Kat and rollin‘ Karlos

Die Welt bereisen, von überall arbeiten – für viele der Traum. Stuttgarterin Kathrin lebt ihn seit ein paar Monaten und vergleicht Vorstellung und Realität. Wie ist es denn wirklich?

Stuttgart – Vorstellung und Realität: oft kommt es anders und meistens als man denkt. Die Stuttgarterin Kathrin Beinlich hat im vergangenen Jahr beschlossen, dass sich jetzt mal was ändern muss. Also hat sie das hiesige Zuhause verlassen und ein neues angeschafft – kleiner, mit vier Rädern und einer Menge Arbeit, die noch investiert werden musste. Denn wer kauft ein fertiges Wohnmobil, wenn er auch einen Sprinter kaufen und nach seinen eigenen Vorstellungen umbauen kann? Richtig, Kathrin.

Seit etwa drei Monaten ist sie jetzt an den Küsten Europas unterwegs, von Frankreich über Spanien, residiert sie aktuell in Portugal. Die ersten Wochen begleitet sie ihre beste Freundin Carmen, mit der sie gemeinsam dieses Abenteuer gestartet hat. Mit der Zeit lernt man auch, sagt sie, was es wirklich braucht, was einen überrascht und was einfach komplett anders läuft als gedacht. Für uns hat Kathrin Vorstellung mit Realität verglichen.

Vorbereitung: Bevor es überhaupt mit irgendetwas los geht, hilft irgendeine Art von To-Do-Liste. Wenn dann alles erledigt ist – wie viele Häkchen sind gesetzt und was wurde im Nachhinein ergänzt?

Vorstellung: In der Vorstellung hatte ich wirklich diese To-Do-Liste und wollte natürlich alles am Ende abgehakt haben, weil ich sonst ja nicht starten kann. Daher habe ich mir einen unglaublichen Stress gemacht.

Realität: In der Realität wird man aber nie fertig mit Planen. Unterwegs sind mir immer wieder neue Optimierungen eingefallen, daher sind so To-Do-Listen auf jeden Fall hilfreich, aber sie werden mit der Zeit eher länger als kürzer.

Fahrt: Lange und viel im Auto sitzen – Euphorie oder großer Nervenfaktor?

Vorstellung: Ich liebe Autofahren. Ich habe es immer geliebt. Das Auto, die Straße, Natur um mich herum und gute Musik.

Realität: Ich liebe ich es weiterhin genauso! Gerade gestern ist mir wieder aufgefallen, wie gerne ich einfach durch die Gegend fahre. Stressig wird es nur in Städten oder gegen Abend, wenn es dunkel wird. Schlafplätze im Dunkeln anzufahren, an denen ich die Straßen nicht kenne, mag ich nach wie vor nicht und versuche ich zu meiden.

Geld: Reicht der Betrag zum Leben, den man sich vorher vorgestellt hat – oder ist alles teurer als gedacht?

Vorstellung: Ich habe mir natürlich im Vorfeld Gedanken gemacht, wie viel ich für Fixkosten ausgebe, was ich wirklich brauche und was nur Luxus ist.

Realität: Ich komme überraschend gut hin! Ich verbrauche weniger als daheim in Deutschland und kann mir doch einiges unterwegs leisten, ohne große Abstriche zu machen. Im ersten Monat waren es etwas mehr Ausgaben, da ich da auch noch „frei“ hatte und es wie im Urlaub war – da fließt der Geldhahn ja bekanntlich erstmal. Zudem kam noch die Fahrt über Frankreich dazu. Hier haben wir ziemlich viel Maut bezahlt und auch viel mehr Campingplatz-Aufenthalte gehabt, da man dort nicht so gut frei stehen kann. Hier in Portugal kann man schon recht günstig über die Runden kommen.

Versicherung: Allein bei dem Wort wehrt sich das Träumerherz. Überblick verschaffen, selektieren, beantragen – geht leichter als gedacht?

Vorstellung: Ja ekliges Thema, hatte ich auch gar keinen Bock drauf.

Realität: Aber so viel war es am Ende dann gar nicht. Auslandsversicherung ist schnell und günstig gemacht. Ich habe eine zusätzliche Diebstahlversicherung, die mein Handy und meinen Laptop abdeckt. Ansonsten nur eine allgemeine Hausratsversicherung fürs Wohnmobil. Interessant war es allemal, da es für die Versicherung auch nicht zur allgemeinen Tagesordnung gehört, sich mit sowas zu beschäftigen. So lernen alle dazu.

Begleitung: Gemeinsam ins Abenteuer starten – läuft es so geschmeidig wie gehofft?

Vorstellung: Uns war von vorne herein klar, dass es nicht immer easy und reibungslos ablaufen wird. Dafür kennen wir uns zu gut und waren in der Hinsicht auch realistisch – 2 Girls – Comm’on! Da wir aber zuvor schon öfters gemeinsam reisen waren, wussten wir, was auf uns zu kommt.

Realität: Es war genauso wie in der Vorstellung. Wir hatten unsere guten sowie schlechten Tage. Trotz allem haben wir es geschafft! Zu zweit unterwegs zu sein, ist doch einiges leichter und ich war froh darüber, sie dabei gehabt zu haben. Gerade in der Anfangsphase des Reisens, da für mich auch alles Neuland war. Trotzdem muss man sich immer abstimmen und Kompromisse eingehen. Alleine reisen ist nochmal etwas komplett anderes. Ich habe mich nach fast drei Monaten auf engem Raum auch echt drauf gefreut, eigene Entscheidungen zu treffen und meinen Tag nur für mich zu gestalten. Klingt egoistisch, ist auch so – fühlt sich aber wahnsinnig toll an.

Route planen: Bleibt die geplante Route bestehen oder nimmt man auch spontan andere Abzweigungen?

Vorstellung: Klar, schon Monate vorher habe ich angefangen, an der Route zu basteln und immer wieder umgeworfen und neu geplant und gesammelt und gesammelt, um dann die perfekte Route zu haben.

Realität: Und die hatten wir! Tatsächlich haben wir uns bis auf ein bis zwei Standpunkte komplett an die Route gehalten und sie wurde unterwegs durch andere Reisende zusätzlich ergänzt. Also haben wir noch mehr gemacht als geplant! Daher bin ich nach wie vor der Meinung, eine gute Vorbereitung erleichtert einiges. Natürlich sollte man sich nicht komplett daran festhalten und auch mal treiben lassen – das Schöne sind ja die unerwarteten Plätze, die sich ergeben. Aber einen groben Plan zu haben, ist schon von Vorteil. Der lässt sich ja trotzdem flexibel ausdehnen.

Stellplätze finden: Die gibt es wie Sand am Meer – oder es ist mal der Parkplatz vor dem Supermarkt?

Vorstellung: Ach, irgendwo wird man schon unterkommen …

Realität: Irgendwo kommt man immer unter. Also auf einem Supermarkt-Stellplatz habe ich bis jetzt noch nie übernachten müssen und auch noch nicht auf einem Tankstellenrastplatz. Da gibt es zum Glück weitaus bessere Möglichkeiten. Heutzutage gibt es ja zum Glück genug Apps und ähnliches, die es einem leichter machen. Selbst hier wird man mit der Zeit wählerisch. Steht man ruhig, sind zu viele Menschen um einen herum, ist das Meer in greifbarer Nähe, geht ein Wind und ganz wichtig – gibt es Empfang? So sind für mich viele tolle Plätze leider nur am Wochenende verfügbar, weil es gerade hier in Portugal an den besonders schönen und versteckten Orten keinen Empfang gibt. Nichts. Rein gar nichts. Vielleicht, wenn man einen zehnminütigen Marsch auf einen Berg in Kauf nimmt.

Was richtig Probleme macht.

Vorstellung: In meiner Vorstellung war es der Internetempfang.

Realität: Irgendwie geht es. Zwar habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, große Datenmengen durch die Gegend zu schieben, aber sonst funktioniert es – mal mehr, mal weniger. Bis jetzt hat sich immer eine Lösung aufgetan. Was mir derzeit eher etwas Probleme bereitet, ist der Strom. Zwar bin ich mordsmäßig gut ausgestattet, aber es ist immer noch irgendwie zu wenig. Vor allem gibt es einen kleinen Bug, irgendwo versteckt im Stromkreislauf, sodass die Ladesicherung rausspringt und wenn ich da nicht hinterher bin, ist dadurch die Batterie schneller leer als gedacht. Optimierungstermin und zusätzliche Solarpanels sind aber schon bestellt.

Was einfacher läuft als gedacht.

Vorstellung: Oh mein Gott, wie mach ich das mit dem Klo und dem Duschen?

Realität: Läuft super. Mittlerweile bin ich total verliebt ins Freipinkeln! Es gibt so schöne Freipinkelplätze mit traumhaften Ausblick! Wer will denn da noch ein kleines Klo haben? Ansonsten gibt es ja auch noch Restaurants. Ich habe sogar ein Klo im Camper – ich habe es aber noch nie benutzt.

Duschen ist auch ganz easy, entweder benutzt man Strandduschen, es gibt öffentliche Duschen, die erstaunlicherweise echt sauber und gut sind. Es gibt das Meer, Seen und ich hab sogar eine Außendusche mit dabei, mit der geht das auch super. Und wenn ich mal in den kompletten Luxus verfallen und mir einen Wellnesstag gönnen möchte, dann geh ich für 15 Euro (inklusive Strom) auf den Campingplatz und dusche eine halbe Stunde lang – mehrmals am Tag.

Arbeitsplätze finden: Mithilfe von Tripadvisor durchforsten oder einfach rein in den Laden?

Vorstellung: Naivität und Intuition sind meine besten Freunde.

Realität: Naivität und Intuition sind meine besten Freunde. Dazu braucht man kein Tripadvisor. Diese App habe ich die ganze Reise noch nicht benutzt. Ob ein Laden zum Arbeiten taugt, das sehe ich sofort. Und es macht auch viel mehr Spaß, das selber herauszufinden.

Auch beim Essen gebe ich nicht allzu viel auf so Bewertungs-Apps. Klar, für hippe neue Läden ist das super. Die stechen aber so heraus, die findet man auch alleine, wenn man mit offenen Augen durch die Straßen läuft. Und oft ist es gerade in kleinen,unscheinbaren Läden, in denen viele Einheimische sind, besonders gut. Da gehen dann aber viele nicht hin, da sie zu wenig Sterne bei Tripadvisor haben – schon klar. Die Einheimischen kümmern sich ja nicht um so was und sind wahrscheinlich noch froh, wenig Touristen um sich zu haben.

Internet: Am Endes des Kontitents – da haben die sicher kein Internet. Oder doch?

Vorstellung: Laut Recherchen hieß es, das Internet läuft überall besser als in Deutschland.

Realität: Das Internet ist überall anders und auf jeden Fall günstiger! Gerade hier in Portugal gibt es wahnsinnig gute Prepaid-Angebote. Aber die Erfahrung habe ich auch schon in Sri Lanka und Nicaragua gemacht, dass man LTE-Empfang hinterher geschmissen bekommt. Und man hat tatsächlich echt viel Empfang. Die einzige Sache, die manchmal eingreift ist die Natur. Hier in Portugal kann es oft so windig werden, dass selbst 4G und 4 Balken nichts bringen. Je nachdem wie der Wind steht, hat man Empfang – oder auch innerhalb von drei Sekunden nicht. Man kann auch nach drei Tagen vollem Empfang aufwachen und es steht kein Netz dran. Alles schon gehabt.

Tägliche Arbeitszeit: Sind sie festgesetzt oder je nach dem, was anfällt?

Vorstellung: Je nachdem was anfällt. „Oh mein Gott das klappt nie, ich sehe mich 24/7 arbeiten.“

Realität: Aktuell klappt es ganz gut. Ich bin zu 50 Prozent bei George P. Johnson als Grafikdesignerin angestellt, die Stunden werden flexibel auf die Projekte ausgelegt. Das heißt, ich arbeite ein bisschen wie in einer Selbstständigkeit, bis die Projekte vorbei sind. Das kann auch mal eine 40-Stunden-Woche sein oder halt auch einfach mal eine Woche gar nichts, da ich die Überstunden von der Woche vorher abfeiere. Bis jetzt funktioniert das Konzept so ganz gut.

Disziplin: Strand, Meer und Drinks – wie läuft es mit dem fokussierten Arbeiten?

Vorstellung: Nein, ich kann das.

Realität: Ja, ich kann das! Ich kann das wirklich ganz gut. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon mal selbstständig war oder ich einfach auch gerne arbeite. Ich liebe es, mir ein Arbeitsszenario zurecht zu legen und dann loszulegen. Ich nehme die ganzen Hintergrundgeräusche wenn dann nur positiv wahr – und sie sind wesentlich schöner als im Büro. Da gibt es einfach keine schlechte Laune, die sich im Raum breit machen kann und wie ein Floh von einem zum nächsten springt.

Wichtig ist, dass ich mir Raum und Zeit fürs Arbeiten nehme. Wenn ich weiß, ich muss arbeiten, dann versuche ich das nicht irgendwie reinzuschieben, sondern dann wird heute gearbeitet. Das ist dann wie: Heute mache ich einen Ausflug. Und ich weiß, je fokussierter ich arbeite, desto schneller bin ich fertig und kann das Drumherum genießen. Das Arbeiten bekommt eine andere Art von Leichtigkeit, die ich sehr vermisst habe. Arbeit kann Spaß machen!

Natürlich ist nicht alles eine bunte Glitzerphase. Auch hier gibt es Tage, an denen nichts läuft, an denen ich doofe Tätigkeiten machen muss, auf die ich keinen Bock habe. An der Arbeit selber ändert sich recht wenig – allerdings an der Art, damit umzugehen.

Alltag: Stellt sich ein Gefühl von Alltag ein?

Vorstellung: Bestimmt.

Realität: Ich warte noch darauf. Dadurch, dass ich selten länger als drei Tage auf einem Fleck bleibe, stellt sich der nicht ein. Selbst, wenn ich für zwei Tage woanders hinfahre und dann wieder zurück komme. Es stellt sich eher eine Routine ein, aber kein Alltag. Jeder Tag bringt neue Abenteuer mit sich und läuft nie gleich ab.

Mehr aus dem Web

Radentscheid – Stuttgart soll Radlerstadt werden

Die Initiative Radentscheid will mit einem Bürgerbegehren das Radfahren für alle in der Stadt sicherer machen. Dafür sammeln sie 20.000 Unterschriften.

Stuttgart – „Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da“, wussten die Prinzen schon 1991. Auch Stuttgart wandelt sich immer mehr zur Radlerstadt. Vorangetrieben wird das durch motivierte Initiativen wie den Radentscheid.

„Radentscheid könnte ein Teil der Lösung sein“

Wenn man sich so überlegt, was unsere Stadt ausmacht, dann wird einem recht schnell klar: eigentlich ist sie nicht fürs Radfahren geschaffen. Der Kessel ist schon allein topografisch einfach ungünstig – Stuttgart ist eine Autostadt.

Dennoch gibt es seit jeher Menschen, die von vier auf zwei Räder reduzieren und sich mit dem Fahrrad fortbewegen. Die Zahl der Radler ist mit dem Aufkommen der Elektrobikes sogar noch gestiegen. Schaut man sich die Daten der beiden Fahrradzählstellen in der Böblingerstraße und der König-Karls-Brücke an, bekommt man diesen Eindruck auch bestätigt. Immer mehr Leute steigen um.

16 Prozent mehr Radler seit 2014

Seit Inbetriebnahme verzeichnet die Zählstelle im Stuttgarter Osten einen Zuwachs von etwa 21 Prozent. Waren es 2013 beim Start 683.000 Radfahrer jährlich, passierten 2017 schon 828.000 Menschen den Sensor. Auch die Zählstelle in der Böblingerstraße kommt seit 2014 auf 16 Prozent Zunahme der Radler.

Die Prognosen sehen ebenfalls gut aus, meint der Fahrradbeauftragte der Stadt, Claus Köhnlein. Die aktuelle Zählung der König-Karls-Brücke beträgt 581.000 – letztes Jahr um diese Zeit zählte man dort 532.000 Radfahrer. „Es gibt immer noch genug zu tun, aber wir sind dran“, sagt er.

Auf der Seite der Stadt kann man sich die aktuellen Zahlen des Jahres 2018 anschauen.

Ordentliche Radwege sind nötig

Der Zuwachs an Zweirädern bedeutet auch, dass sich in der Stadt etwas ändern muss – das fängt an bei ordentlichen Radwegen und endet vielleicht bei dem allgemeinen Bewusstsein für Radfahrer. Sind sie in Städten wie Münster oder Freiburg fester Bestandteil des Stadtverkehrs, muss hier noch gefürchtet werden, dass man über eine geöffnete Autotüre fliegt.

Das Radfahren für alle sicherer zu machen, hat sich die Initiative Radentscheid auf die Fahne geschrieben. Gründer des Ganzen ist Thijs Lucas, der im Frühling vergangenen Jahres schon mit ZweiRat ein alternatives Radforum gründete.

Die Leute sind unzufrieden.

Im Oktober 2017 folgte die Kick-off Veranstaltung für die Initiative Radentscheid, bis heute ist sie angewachsen auf etwa 60 Freiwillige und Unterstützer. „Warum sich Leute engagieren? Weil sie unzufrieden sind mit etwas.“

So ging es auch Susanne Keller. Sie ist bei Radentscheid zuständig für Presse und Politik. Wie alle engagiert sie sich ehrenamtlich. Ebenfalls im Team ist Paula Brendel, die Agrarwissenschaftlerin kümmert sich um Events und Öffentlichkeitsarbeit. „Die Stadt hat ein echt fittes Team“, sagt sie über die Fahrradbeauftragen im Rathaus, „aber es sind zu wenig Leute mit zu wenig Stimme und Budget.“

„Als Radfahrer gefährdest du vor allem dich selbst“

Auch das wollen sie mit der Initiative Radentscheid ändern. In einem Bürgerbegehren haben sie in elf Punkten zusammengefasst, wie sich etwas ändern muss, um das Radfahren für alle sicherer und besser zu machen. Damit beispielsweise auch Kinder und Senioren ein aktiver Teil des Stadtverkehrs werden.

Bis zum 7. November will die Gruppe 20.000 Unterschriften zusammen haben, um das Begehren bei den nächsten Kommunalwahlen im Mai 2019 vorzubringen.

Verständnis und Gelassenheit gefordert

Inhaltlich umfassen die Forderungen Umbaumaßnahmen, wie Fahrradwege oder -straßen. Es werden aber auch Lösungen gefordert, um die Sensibilität Radfahrern und auch Fußgängern gegenüber zu steigern. „Autofahrer haben ja auch einen Vorteil davon, wenn mehr Leute mit dem Rad fahren. Dann sind weniger Autos unterwegs und die Straßen entlastet“, bestärken Susanne und Paula mit einem Perspektivwechsel.

Allgemein wünschen sie sich für den Anfang einfach mehr Verständnis und Gelassenheit, ein gelungenes Miteinander im Straßenverkehr.

Wer sein Kürzel in der Liste lassen oder sich anderweitig engagieren möchte, der kann auf der Homepage alle Infos einsehen, eine eigene Unterschriftenliste herunter laden oder sich über die Sammel- und Auslegestellen in der Stadt informieren.

Mehr aus dem Web

Kipepeo: Stuttgarter trampt nach Kenia

Seit zehn Jahren verkauft Kipepeo-Clothing bedruckte Shirts und finanziert damit Schulen in Tansania. Jetzt ist es an der Zeit, die Flügel weiter zu spannen. Das neueste Projekt lautet: Kenia.

Stuttgart – In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, befindet sich in den Mukuru Slums das Songa Mbele Na Masomo Children Center. Das Tagesheim beherbergt 49 Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Durch verschiedene Aktivitäten soll ihr größtmögliches geistiges, körperliches und emotionales Potenzial ausgeschöpft werden. Das ist beispielsweise ein staatlicher Schulabschluss oder die Vorbereitung darauf, dass die Kinder ein aktiver und unabhängiger Teil der Gesellschaft werden.

Ein sicherer Hof bedeutet Unbekümmertheit

Vor zehn Jahren gründete Martin Kluck sein Label Kipepeo-Clothing, nachdem er nach einer Reise durch Tansania eine Kinderzeichnung auf ein Shirt druckte, gedacht als persönliche Erinnerung an eben diese Reise. Doch es dauerte nicht lange und er wurde von Freunden und Fremden auf das Shirt angesprochen. Die Idee formte sich und seit dem verkauft Kipepeo-Clothing fair produzierte T-Shirts aus Bio-Baumwolle und finanziert damit Schulen in Tansania.

Nach zehn Jahren ist es nun an der Zeit, die Flügel noch weiter zu spannen. Im Nachbarland Kenia entsteht zum Jubiläum das neue Projekt. Ganz Kipepeo-Tradition kommen die neuen Motive von den Kindern des Songa Mbele Na Masomo Children Center. Bei einem Ausflug in dem Safaripark Nairobis und einer Stadtrundfahrt durch die Hauptstadt sind die Bilder entstanden, die sich bald auf den Shirts finden werden.

Mit dem Erlös soll für die Kinder ein sicherer Spiel- und Bewegungsraum geschaffen werden. Zum einen durch einen gesicherten Zaun, denn das Zentrum grenzt direkt an den Slum, wodurch es in der Vergangenheit öfter zu Einbrüchen gekommen ist. Zudem kann der Wellblechzaun Schlamm und Geröll nicht abhalten, das während der Regenzeit auf den Hof gespült wird, der dadurch für Kinder unzugänglich wird und für Monate gesperrt werden muss. Mit einem neuen Zaun wird für die Kinder ein sicherer Raum geschaffen, in dem sie sich das ganze Jahr frei bewegen können.

Auf dem Landweg nach Kenia

Um für das neue Projekt Aufmerksamkeit zu generieren, macht sich Kipepeo-Clothing Gründer Martin selber auf den Weg nach Nairobi. Gemeinsam mit seinem Freund Sam, den er vor zehn Jahren auf der schicksalshaften Reise nach Tansania kennen lernte und der Kipepeo-Clothing UK leitet. Man macht es sicher aber nicht leicht und kauft sich einfach ein Ticket. Nein, in diesem Fall wird der Daumen rausgestreckt. Denn Martin und Sam trampen nach Kenia. Dafür haben sie sieben Wochen Zeit, die Dauer der Crowdfunding-Kampagne. Diese beinhaltet zwei Funding-Ziele: zuerst die Kosten der Produktion der neuen Shirts zu decken. Wenn das erreicht ist, werden Spenden für den Bau des neuen Schulgeländes gesammelt. Los geht es am 6. August.

Mehr aus dem Web