Ruf doch mal wieder an!

Unsere Kommunikation hat sich verändert. Statt anzurufen, schreiben wir ständig Kurznachrichten hin- und her. Dadurch fühlen wir uns auf eine gewisse Art mit anderen verbunden. Die Verbundenheit ist aber nur oberflächlich und wir schaffen uns Probleme, die wir davor gar nicht hatten, sagt unsere „Über die Liebe“-Kolumnistin.

Stuttgart – Wir lernen uns auf Tinder oder Parship kennen. Wir schreiben unzählige Nachrichten hin- und her, erzählen jemandem, den wir noch nie gesehen haben, die privatesten Dinge. So fangen heutzutage Kontakte an.

Whatsapp macht uns zu Stalkern

Doch damit machen wir es uns gerade in der Kennenlernphase viel schwieriger. Er antwortet nicht? Wir sitzen Tag und Nacht vor unserem Handy, haben zwischen zehn Beinahe-Nervenzusammenbrüchen schon alle unsere Freundinnen verständigt, die nun gemeinsam mit uns rätseln, warum ER jetzt nicht anruft. Wie hat er das gemeint? Was denkt er wohl? Und was zur Hölle treibt er eigentlich in dieser Zeit, in der er nicht antwortet? Meistens wissen die Freundinnen das übrigens genauso wenig wie wir. (Das ganze lässt sich natürlich analog auch auf Männer übertragen…)

Kommt eine Nachricht, setzten wir dieselbe Maschinerie in Gang. Wir schicken Screenshots an unseren halben Bekanntenkreis und bitten um Deutungshilfe. Doch was soll das eigentlich bringen? Er hat keine Zeit und wir analysieren stundenlang, warum er nun keine Zeit hat, mit wem er sich wohl trifft – und vergeuden unendlich viel Lebenszeit damit, eine Antwort zu finden, die wir auf diese Art niemals finden werden.

Taugt der Typ eigentlich was, auf dessen Nachrichten ich seit Tagen warte?

Warum tun wir das? Wir glauben, wir schützen uns selbst davor, verletzt zu werden, wenn wir uns hinter Nachrichten verstecken. Anrufen ist so echt! Doch wie genau wollen wir eigentlich eine Beziehung mit jemandem führen, wenn wir schon Angst haben, mit der Person zu sprechen?

Natürlich sind wir dann vielleicht auch mal mit unangenehmen Realitäten konfrontiert. Am Telefon oder im direkten Gespräch lässt sich schließlich schneller erkennen und spüren, ob jemand wirklich Interesse an uns hat. Wir lernen dadurch logischerweise auch besser, unserem eigenen Urteil zu vertrauen. Taugt der Typ eigentlich was, auf dessen Nachrichten ich seit Tagen warte? Die Wahrheit darüber lässt sich über hunderte Whatsapp-Nachrichten ganz wunderbar verdrängen. Ein Küsschen-Smiley täuscht aber eben nur kurz darüber hinweg, dass es diesen Kuss ganz offensichtlich nicht in Echt gibt.

Mediale Kommunikation ist vor allem in unsicheren Beziehungen ein Stressfaktor.

Oft fassen sich Männer auch kürzer, schicken nicht hunderte Emojis hinterher und sofort denkt Frau: „Hä, was hat er denn jetzt wieder?“ Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht in der Kommunikation.

Die Psychologin Manuela Sirrenberg erforschte vor einiger Zeit an der Universität Eichstätt-Ingolstadt, welche Auswirkungen dieses Ungleichgewicht auf die Partnerschaft hat: „Ungleichgewichte sind in einer Partnerschaft mit einer geringeren Beziehungsstabilität und mit einer höheren Trennungsabsicht verbunden“, so die Expertin. Die Befragung von mehr als 500 Personen habe demnach gezeigt: „Das gilt auch für die mediale Kommunikation.“ Habe ein Partner immer das Gefühl, dass seine Botschaften ins Leere laufen oder nicht richtig gewürdigt werden, dann stelle er die Beziehung schneller in Frage. Häufig komme auch Eifersucht ins Spiel: Was, wenn der Partner nicht antwortet, obwohl die Statusmeldung verrät, dass er online ist? Sie kam aber auch zu dem Schluss: „Mediale Kommunikation ist vor allem in unsicheren Beziehungen ein Stressfaktor.“

Hat er die Nachricht gelesen?

Sie stellte nämlich fest: „Menschen mit hohen Eifersuchtswerten lesen Nachrichten anders.“ Sie reagierten auch auf ganz neutral formulierte Botschaften misstrauisch. Das gelte vor allem für Menschen, die sich in ihrer Beziehung unsicher fühlten.

Doch gerade, wenn wir jemanden neu kennenlernen, sind wir ja alle unsicher.

Und, dazu kommt natürlich: Whatsapp und co. macht uns ja auch alle zu kleinen Stalkern. Hat er die Nachricht gelesen? Warum ist er online, antwortet aber nicht? Mit wem bitte schön schreibt er jetzt die ganze Zeit? Und auf einmal schaffen wir uns Probleme, die wir davor gar nicht hatten.

Einfach nur ein bisschen träumen

Letztlich gehen wir einfach nur einem direkten Kontakt aus dem Weg – oft aus Angst enttäuscht zu werden. Doch wenn der andere wirklich nicht antwortet, weil er kein Interesse hat, dann verlängern wir die Leidenszeit einfach nur. Dann führen wir alleine unsere kleine Traumbeziehung weiter, die aber vielleicht so nie in echt existieren wird.

Manchmal ist das auch okay, weil wir vielleicht gerade gar nicht auf der Suche nach echter Nähe sind und einfach nur ein bisschen träumen wollen. Das Gefühl haben wollen, da draußen ist irgendwo irgendwie noch irgendjemand. Aber wenn wir eine richtige Beziehung wollen, hilft uns das leider gar nicht weiter. Da hilft am besten: einfach anrufen. Danach hat man Klarheit.

Foto: Becca Tappert/Unsplash

Mehr aus dem Web

Über die Liebe: Was hilft wirklich bei der Beziehungssuche?

Klassische Beziehungsratgeber empfehlen die radikale Selbstliebe als Allheilmittel gegen Beziehungslosigkeit. Doch oft hilft es mehr, sich mit alten Verletzungen auseinander zu setzen.

Stuttgart – Es gibt wirklich unendlich viele gute Tipps, die man Menschen, die auf der Suche nach einer Beziehung sind, raten kann: „Du musst dich erst einmal selbst lieben.“ Oder: „Du darfst nicht suchen.“ Auch immer wieder gerne genommen: „Der Weg zu einer Partnerschaft fängt bei dir selbst an.“

Alte Wunden müssen heilen

Doch was ist da dran? Tatsächlich wäre die Menschheit wohl ausgestorben, wenn jeder sich erst radikal selbst lieben müsste, bevor er einen Partner findet. Wer tut das schon, sich bedingungslos selbst zu lieben? Vielmehr ist es doch eher so: Je mehr wir mit uns selbst zufrieden sind, desto besser ist dies für die Qualität unserer Beziehung. Wer gut alleine funktioniert, funktioniert auch gut in einer Beziehung. Je mehr wir mit uns selbst anfangen können, desto unabhängiger sind wir auch von unserem Partner. Wer unabhängiger ist, ist nachweislich weniger eifersüchtig, weniger einengend und neigt weniger dazu, seinen Partner kontrollieren zu wollen.

Wer Grenzen setzen kann, wer das richtige Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz findet, der tut sich in einer Beziehung leichter.

Wir brauchen jemanden, in dem wir uns spiegeln können

Das bedeutet aber eben nicht, dass jeder, der niemanden findet, erst einmal lernen muss, sich selbst zu lieben. Vielen gelingt das tatsächlich nämlich erst dann besser, wenn sie jemanden gefunden haben. Wir brauchen alle jemanden, in dem wir uns spiegeln können, der uns von außen bestätigt, dass wir großartig sind.

Aber warum ist es für manche trotzdem so schwer, jemanden zu finden? Ab einem gewissen Alter tragen wir alle diesen Rucksack mit unseren leidvollen, oft auch traumatischen Beziehungserfahrungen durch die Welt. Häufig ist der Rucksack so voll, dass wir da nichts mehr hineinpacken wollen. Die Angst, dass der Rucksack noch voller werden könnte, ist einfach oft zu groß.

Viele halten am Beuteschema fest

Die Angst vor einer weiteren Enttäuschung, hält uns davon ab, jemand Passendes zu finden. Wir trauen uns oft auch selbst nicht mehr zu, die richtige Wahl treffen zu können. Gerade deshalb halten wir an einem Beuteschema fest, dass sich allzu oft als falsch herausgestellt hat – weil es uns vertraut erscheint.

Tatsächlich tun viele aus diesem Grund allerlei, um das Entstehen einer Beziehung in jedem Fall zu vermeiden. Das geschieht meistens unbewusst. Zu dick? Zu groß? Zu doof? Scheiß Schuhe an? Irgendwas ist doch immer, warum man jemanden unmöglich finden kann. Meistens sind das alles Selbstschutzmechanismen. Denn wer jeden aussortiert, der läuft auch nicht Gefahr, enttäuscht zu werden.

Wie kommt man nun aus dieser Nummer wieder raus?

Falsche Ratschläge helfen auf jeden Fall nicht weiter. Doch wie gelingt das nun besser? Vielleicht ein Stück weit dadurch, dass wir unsere eigenen seelischen Verletzungen erst einmal heilen. Die Trainerin für Kommunikation, Flirten und Partnerschaft Nina Deißler rät dazu auf ihrem Blog, nicht alles aus der eigenen Sicht zu betrachten: „Was passiert, wenn du deinem Gegenüber das Recht einräumst, frei über sein Leben zu entscheiden?“

Denn oft seien wir enttäuscht, weil ein anderer nicht so ist, wie wir das haben wollen. „Das heißt ja, du brauchst es, dass er ist, wie du willst“, schreibt Deißler. „Du brauchst es, dass er tut, was du willst. Damit du also nicht enttäuscht wirst, soll jemand anderes Dinge tun, die er eigentlich nicht will.“

Rechtzeitig Grenzen ziehen

Doch das, so Deißler, ist nun einmal der völlig falsche Ansatz, um eine Partnerschaft anzugehen. Sie plädiert dafür, „Mitverantwortung“ zu übernehmen, für das, was in der Vergangenheit passiert ist. Anstatt: „Er war der böse. Basta.“ Tatsächlich ist es aus der Sicht des Coaches so, dass vieles eben deshalb passiere, weil man es selbst zugelassen hat. Weil man eben nicht rechtzeitig die Grenze gezogen hat, sondern um einer Beziehung willen, sich viel zu viel hat gefallen lassen.

Deißler sagt, viele fänden in ihrer Opferrolle eine gewisse Sicherheit: „Sie haben schreckliche Angst davor, sie wieder aufzugeben.“ Die eigene Opferrolle zu überwinden und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist natürlich ein längerer Prozess.

Wenn wir uns verlieben, erinnern wir uns daran, wie großartig, wie göttlich wir sind.

Doch was tut man bis dahin? Die Bloggerin „Hello Mrs Eve“ schrieb kürzlich auf der Frauen-Plattform Edition F über „Unser größter Irrtum über die Liebe“. Ihre Theorie: „Als Erwachsene lernen wir die Liebe nicht mehr als etwas Gebendes zu sehen, sondern als etwas, das wir bekommen, ergo festhalten müssen.“ Dabei habe aus ihrer Sicht, die Liebe viel weniger mit dem Objekt zu tun, „als Romeo und Julia uns das glauben machen wollen.“

Sie verweist auf Byron Katie, die schrieb: „Wenn wir uns verlieben, erinnern wir uns daran, wie großartig, wie göttlich wir sind.“ Der andere sei damit nur ein Spiegel, er bringt ein Gefühl in uns zum Vorschein, das vorher schon da war und auch nachher wieder da sein wird. Denn: „Eigentlich sind wir immer auch in unsere Herrlichkeit verliebt.“ Das Objekt unserer Lieber sei nur ein Reminder.

Deshalb, so die Bloggerin, müsse man offen dafür sein, „dieses Gefühl“ auch an anderer Stelle zu finden – über Freunde, Hobbies, die Familie oder die Arbeit, im Prinzip über alles, was uns leidenschaftlich begeistert und glücklich macht. Ihr Tipp: „Wenn du gerade Angst in deinem Herzen spürst und das Gefühl hast, dich an den anderen klammern zu müssen, erinnere dich daran: Es gibt nichts, was du festhalten musst, denn du hast schon alles. Es ist in Dir.“

(Foto: Unsplash/Taylor Hernandez)

Mehr aus dem Web

Tipps für eine glückliche Beziehung

Von wegen Generation Beziehungsunfähig: Laut Psychologin Stefanie Stahl ist jeder fähig zu einer glücklichen Bindung. Am Donnerstag hält sie einen Vortrag in Stuttgart, wir haben sie vorab um Tipps gebeten.

Stuttgart – Die Kolumnensammlung „Generation Beziehungsunfähig“ von Michael Nast ist vor drei Jahren auf der Bestsellerliste nach oben gewandert. Nast beschrieb eine Generation von vermeintlich verzweifelten Dauersingles: „Das eigene ‚Ich‘ ist unser großes Projekt. Wir werden zu unserer Marke.“ Immer gehe es um Perfektion, das Streben nach Höherem: „Man weiß einfach, dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt.“

Single? Selbst Schuld.

Aber stimmt das überhaupt? „Das ist alles Unsinn“, ist die Antwort von Stefanie Stahl. Die Psychologin, Therapeutin und Autorin („Jeder ist beziehungsfähig“) aus Trier beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Selbstwertgefühl und Beziehungen. Sie sagt, das Gegenteil sei der Fall: Tatsächlich würden viele, auch junge Menschen, wieder mehr lange und enge Beziehungen führen, die Bindungsfähigkeit nehme sogar zu. „Bindungsfähigkeit erlernen wir im Elternhaus“, sagt Stahl. „Heute sind Eltern viel zugewandter und informierter.“

Stahls These ist stattdessen: „Jeder ist beziehungsfähig.“ Aber: „Es verlangt eben gewisse Fähigkeiten, um sich binden zu können.“ Man müsse sich anpassen können, kompromissbereit sein, vertrauen und lieben können. Klingt logisch, ist es aber für manche nicht: „Für viele steht eine Beziehung im Konflikt mit ihrem eigenen Leben.“

Jeder Mensch hat ein existenzielles Bedürfnis nach Bindung, aber auch ein existenzielles Bedürfnis nach Autonomie.

Stahls Hauptargument ist, dass Menschen, die sich mit Beziehungen schwer tun, in erster Linie ein Problem damit haben, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. „Jeder Mensch hat ein existenzielles Bedürfnis nach Bindung, aber auch ein existenzielles Bedürfnis nach Autonomie.“

Wem die Balance aus Selbstbehauptung und Anpassung gelingt, der schafft es, eine funktionierende und zufriedene Beziehung zu führen. Wobei die Betonung dabei auf „funktionierend und zufrieden“ liegt. Denn: „Man kann bindungsängstlich sein und in einer langen Beziehung oder gar verheiratet sein“, warnt Stahl. Nicht jeder, der Angst vor Nähe hat, ist Single. Nur Fernbeziehungen oder Affären mit Vergebenen? Flucht in die Arbeit oder in zeitaufwendige Hobbies? Es gibt viele Wege dem eigenen Partner geschickt aus dem Weg zu gehen.

Wer keine Beziehung hat, ist dafür selbst verantwortlich.

Doch was ist die Lösung? Die Angst vor Nähe hängt laut Stahl meistens mit einem geringen Selbstwertgefühl zusammen: „Der Selbstwert ist das Epizentrum von allem.“ Wer überzeugt sei, dass er nicht genüge, sei oft zu überangepasst. Solche Menschen, sagt die Psychologen, verlieren sich häufig in Beziehungen – solange bis sie sich zwangsläufig trennen müssen, um ihre Freiheit zurück zu gewinnen. Andere wiederum halten gleich von Anfang an einen Sicherheitsabstand: „Viele schützen sich vor ihrer Verlustangst, indem sie sich gar nicht erst auf etwas einlassen.“

Wer keine Beziehung hat, ist dafür selbst verantwortlich. Das klingt für Menschen, die sich gerne eine Beziehung wünschen zunächst ein bisschen hart, ja auch frustrierend. Aber davon ist Stahl überzeugt. Umgekehrt heißt das aber: Man ist seinem Schicksal nicht ausgeliefert. Denn laut der Psychologin könne fast jeder daran arbeiten. „Das ist auch kein großer Zauber.“ Nicht weil es keinerlei Anstrengungen Bedarf, sondern weil es nur einige, wenige Wirkmechanismen wären, die man ändern müsse.

Stefanie Stahl schreibt Bücher und hält Vorträge

PR/Roswitha Kratzer

So rät Stahl dazu, zum einen am eigenen Selbstbewusstsein zu arbeiten und zum anderen sein Beuteschema gründlich zu analysieren. Ein Klassiker, den Stahl aus ihrer Praxis kennt: „Viele sind innerlich sehr überangepasst und können schlecht alleine sein. Umgekehrt stehen die gerne auf diese autonomen, coolen Typen, die immer so ein Hauch des Unnahbaren versprühen.“ Manche würden Jahre mit denen vergeuden, sagt Stahl. „Denn gerade die Typen lassen sich nicht wirklich auf eine Beziehung ein.“ Woran das liegt? Wer ein schwaches Selbstwertgefühl hat, der sucht nach jemand, der genau das hat, was einem selbst fehlt. „In dem Fall ist das die Unabhängigkeit“, sagt Stahl. Wer an seinem Selbstwert arbeite, lerne auch, sich innerhalb einer Beziehung zu behaupten – und das mindert auch die Verlustangst.

Liebe ist nicht nur eine Frage des Glücks

Glück in der Liebe – das hat laut Stahl nicht wirklich etwas mit Glück zu tun. „Das ist eine Frage der inneren Einstellung.“ Im Übrigen verbessere eine gute Beziehungsfähigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein auch andere Verbindungen: zu Freunden, der Familie oder den Kollegen.

Vortrag von Stefanie Stahl

Vortrag von Stefanie Stahl

Donnerstag, 20. September, 20 bis 21.30 Uhr im Hospitalhof, Büchsenstraße 33

Mehr aus dem Web

Essbare Eislöffel aus Stuttgart

Die Vermeidung von Plastikmüll ist Zeitgeist-Thema Nummer eins. Jetzt haben zwei junge Studentinnen von der Uni Hohenheim essbare Eislöffel am WG-Tisch entwickelt.

Stuttgart – Spoontainable heißt das Start-Up, das zwei junge Studentinnen der Universität Hohenheim gegründet haben. Was sie damit wollen? Essbare Eislöffel in Eisdielen platzieren. Die ersten Versuche haben sie auf dem WG-Küchentisch ausgerollt und im Backofen gebacken. Amelie Vermeer und Julia Piechotta lieben Eis – und die Umwelt. Eisdielen produzieren viel Plastikmüll, auch wegen der kleinen Löffel. Das Patent für ihre essbaren Eislöffel ist angemeldet.

Eislöffel: Essen statt wegwerfen

Die beiden Management-Studentinnen der Universität Hohenheim haben noch nicht einmal ihr Studium fertig und leiten bereits ein eigenes Unternehmen. Spoontainable heißt das Start-up. Das Wort setzt sich aus den englischen Wörtern „spoon“ (Löffel) und „sustainable“ (nachhaltig) zusammen. Der Grundgedanke war, eine ressourcenschonende Alternative zu Plastikbesteck zu finden.

Zwischen Vorlesungen, Bibliothek und Nebenjob führen sie Gespräche mit Ernährungswissenschaftlern, mit Anwälten, Steuerberatern, Produzenten und natürlich mit Eisdielen. „Eigentlich arbeiten wir nur noch für Spoontainable“, sagt Vermeer und lacht. „Aber es erfüllt uns. Unser Ziel ist es, das Projekt erfolgreich zu machen.“

Eislöffel mit Schokoladengeschmack

Dazu haben sie sich bei der weltweit vernetzen Studentenorganisation Enactus engagiert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Studentenprojekten wirtschaftliche Perspektiven zu ermöglichen. In ihrem Team sind sieben Studenten, in der Geschäftsführung sind sie zu dritt.

Die Eislöffel gibt es mit Schokoladengeschmack, sie sind vegan und ohne Zucker. Die Hauptstoffe sind Pflanzenfasern. „Wenn Obst und Gemüse verarbeitet wird, bleiben die Schalen übrig“, sagt Julia Piechotta. Die Fasern dieser Schalen könnten zu einer Art Mehl verarbeitet werden, aus dem backen sie die Löffel. Wie sie darauf gekommen sind? „Durch viel ausprobieren“, sagt Vermeer. Im Team seien zudem zwei Ernährungswissenschaftlerinnen, die hätten die entscheidende Idee  geliefert.

Julia Piechotta (links) und Amelie Vermeer wollen mit ihrer Firma Spoontainable als Alternative zu herkömmlichen Plastik-Eislöffeln ein essbares Pendant auf den Markt bringen.

Nun werben die Unternehmerinnen über eine Crowdfunding-Plattform im Internet um finanzielle Unterstützung. Mit dem Geld wollen sie eine Walze und Zutaten für die maschinelle Produktion anschaffen. Der Preis für die Löffel werde zwischen sechs und zehn Cent liegen, vermutet Piechotta. Die Resonanz auf die essbaren Löffel sei auf jeden Fall groß: „Vielen Eisdielen gefällt das Konzept“, ergänzt Vermeer. Im Januar wollen sie die ersten Verträge abschließen.

Die Idee trifft den Zeitgeist. Kein Thema ist derzeit weltweit  so groß wie die Vermeidung von Plastik, Müll generell und Mehrweg statt Einweg. Nicht zu Unrecht: Derzeit produziert ein durchschnittlicher Deutscher laut dem statistischen Amt der Europäischen Union, Eurostat, etwa  37 Kilogramm Müll aus Plastikverpackungen pro Jahr. Damit liegt Deutschland über dem EU-Schnitt von 31 Kilogramm.  Die EU-Kommission will Plastikgeschirr verbieten lassen.

Marienplatz gleich manchmal einer Müllhalde

Auch bei den Gastronomien am Marienplatz hat man sich darüber Gedanken gemacht. In der Gelateria hat man die Plastiklöffel bereits verbannt, erzählt die Geschäftsführerin Martina Schneider.  „Holz war zu teuer, nun haben wir welche aus Maisstärke.“  Und natürlich versuche man in den Gastronomien am Marienplatz weniger Müll zu produzieren, doch immer neue Hygieneverordnungen würden umgekehrt dafür sorgen, dass viele Sachen noch mehr verpackt seien.

Und: Seit der Marienplatz Stuttgarts liebster Hipster-Hotspot geworden ist, gleicht er nach lauen Sommernächten eben oft einer Müllhalde. Mehr Menschen, mehr Müll. „Wir versuchen, darauf zu reagieren“, sagt Schneider. So gebe man unter der Woche keine Pizza zum Mitnehmen mehr raus. Das spart die Kartons. Die Pizza auf Tellern nach draußen auf den Platz geben dürfen sie nicht. „Wir dürfen nur unseren Außenbereich bewirtschaften.“

Keine Kapazität für Pfandsystem

Viele Händler und Gastronomen appellieren an das Verantwortungsbewusstsein der Kunden. Wer selbst Müll vermeiden möchte, der kann sein Eis in der Waffel essen. Das ist nun mal die nachhaltigste Alternative zu den Plastikbechern. Ein Verbot der Plastikbehältnisse würde viele Eisdielen aber ziemlich in die Bredouille bringen. Ein Pfandsystem auf die Becher hält Schneider für undenkbar: „Das wäre der Horror für uns.“

An schönen Sommertagen reicht die Schlange vor der Gelateria gerne mal über den halben Marienplatz. Die Kapazitäten für ein Pfandsystem habe man gar nicht. Überhaupt habe das früher mit Flaschen eben gut funktioniert, als jeder noch dieselben Flaschen in den gleichen Kisten gekauft hat. Heute hätten die Firmen das Marketing entdeckt, nun habe jede Firma  eigene Flaschen und eigene Kisten – die einen Fritz Cola, die anderen Coca Cola. „Mehrweg funktioniert so nicht mehr“, sagt Schneider.

Hat man wirklich nicht die Zeit, sich kurz hinzusetzen?

Aber sie ist auch der Meinung, dass man Müll vermeiden sollte – und zwar jeder. „Die essbaren Eislöffel finde ich wirklich toll.“ Als Verbraucher könne man viel tun: Obst und Gemüse auf dem Markt kaufen, anstatt dem Pappbecher für den Kaffee einen eigenen Becher haben und sich doch überlegen, ob man Essen zum Mitnehmen wirklich brauche. „Hat man wirklich nicht die Zeit, sich kurz hinzusetzen?“

Fotos: Lichtgut/Julian Rettig

Mehr aus dem Web

„Deine Straße“-App wurde eingestellt

Trotz zahlreicher Preise: Die Stuttgarter App „Deine Straße“ ist gescheitert.

Stuttgart – Mal die Bohrmaschine ausleihen; jemanden haben, der die Blumen gießt, während man im Urlaub ist. Nachbarschaft boomt seit einigen Jahren wieder. Viele sehnen sich nach einer dörflicheren Atmosphäre in der Großstadt. Neu ist, dass sich Nachbarn nun häufig online vernetzen, um sich offline auszutauschen. Das Projekt „Deine Straße“ von vier jungen Medienschaffenden aus der Stuttgarter Innenstadt traf eigentlich den Zeitgeist. Eine Art „Mini-Facebook“, zuerst für den Stuttgarter Süden, dann für die ganze Stadt, hatten sich die Frauen vorgestellt.

Die Konkurrenz war schon da

Aus dem Uniprojekt an der Hochschule der Medien im Jahr 2014 ist das soziale Start-Up von Corinna Groß, Katharina Kulakow, Anja Weiler und Esther Fischer entstanden. Sie haben sich mit dem Generationenhaus Heslach vernetzt, Unterstützung beim Bezirksbeirat Süd gesucht, auf Veranstaltungen in der Stadt wie zum Beispiel dem Übermorgen-Markt ihr Projekt bekannt gemacht. Zeitweise trafen sie sich fast jede Woche, um daran zu arbeiten. Vor einem Jahr ging die App „Deine Straße“ dann an den Start – diese Woche mussten sie diese aber vom Markt nehmen. Sie konnten das soziale Projekt nicht mehr stemmen.

Dabei lief es zum Start eigentlich recht gut. Etwa 1000 Nutzer meldeten sich in den ersten Monaten an. Doch dann stagnierte es schnell. Die Gründe dafür sind den jungen Frauen, die später von einigen, weiteren Helfern inklusive den zwei Entwicklern Sascha Riedel und Mathieu Bulliot unterstützt wurden, bekannt. „Es war von Anfang an ja ein ehrenamtlich gestemmtes Projekt“, sagt Corinna Groß.

Das Thema ist heiß und kommt super an.

Das Problem sei jedoch gewesen, dass die Programmierung der App viel länger gedauert habe als geplant. Immer wieder mussten sie den Start verschieben – obwohl „Deine Straße“ in der Öffentlichkeit schon recht bekannt war. „Es war klar: Das Thema ist heiß und kommt super an“, ergänzt Groß, die hauptberuflich im Kulturbereich arbeitet. Auf den Hype um die Nachbarschaft seien dann aber eben viele aufgesprungen. „Wir haben einfach zu lange gebraucht, bis wir online waren“, sagt Groß ganz selbstkritisch. „Da gab es dann schon viele Konkurrenten.“

Der Platzhirsch unter den Nachbarschaftsplattformen ist „nebenan.de“. Etwa 800 000 Nachbarschaften sind dort aktiv. Die Berliner Christian Vollmann und Till Behnke haben sich damit zum größten Netzwerk in Deutschland entwickelt. Wer sich dort anmeldet, muss nachweisen, dass er in einer Nachbarschaft wohnt, entweder indem er ein Dokument mit seiner Adresse einscannt oder sich über einen Zugangscode eines Flyers oder einer Postkarte anmeldet. Wer der erste in seiner Nachbarschaft ist, wird zum Gründer der Community. Sobald etwa zehn Nachbarn zusammenkommen, ist die Online-Nachbarschaft quasi eröffnet und nebenan.de verteilt unter dem Namen der beiden Gründer sogar Handzettel per Post in dem entsprechenden Viertel. Auch wenn das von vielen Nutzern kritisch gesehen wird, hat das Netzwerk Erfolg.

Nachbarschafts-Apps sind bei Großstädtern inzwischen beliebt

Darüber können sich andere dann ebenfalls registrieren. Sie können Grillfeste planen, Ärzte empfehlen oder Babysitter in der Nachbarschaft suchen – nebenan.de ist quasi eine Art digitales schwarzes Brett für die Menschen aus einem Viertel. Das, was früher die Aushangtafel im Supermarkt um die Ecke war, mit den Rubriken „ich suche“ oder „ich biete“. Inzwischen werden darüber Wohnungen im Viertel weitergegeben, Märkte für gebrauchte Möbel sind ebenso entstanden wie Gruppen, die sich für die Verschönerung ihres Wohnumfeldes einsetzen. So entstand in einer Nachbarschaft am Olgaeck im Stuttgarter Süden kürzlich eine Initiative, die sich gegen die Vermüllung in der Gegend einsetzte und sich kurzerhand traf, um Müll einzusammeln.

Im Sommer 2016 ist der Burda-Verlag und ein weiterer Kapitalgeber mit jeweils 17 Prozent Anteilen eingestiegen, wie das Zeitmagazin kürzlich berichtete. Etwa acht Millionen Euro Kapital sollen die Gründer zur Verfügung haben. Das ist eine Hausnummer, mit der kleinere Projekte wie Deine Straße kaum mithalten können.

Die Gründerinnen um Groß haben ein bisschen auf den Lokalbonus gehofft. In Stuttgart sei man vernetzt, dort kenne man sich aus – doch letztlich hat die Zeit gefehlt, um das Projekt richtig zu stemmen und erfolgreich zu machen. „Wir hatten keine entsprechenden Förderungen“, sagt Groß. So habe es sich nicht realisieren lassen, dass zumindest zwei der Gründerinnen das Projekt als Vollzeit-Job betreiben könnten.

Die Idee von Deine Straße war trotzdem erfolgreich

Auch die beiden Entwickler, die für das Programmieren der App zuständig waren, engagierten sich für Deine Straße nebenher. „Dadurch konnten wir natürlich auch die App nicht so professionell gestalten, wie Nutzer das gewohnt sind“, sagt Groß. Oft sei man dem Feedback der Angemeldeten hinterhergehinkt.

Positiv findet sie, dass die Idee trotzdem Erfolg hat. „Die Nachbarn aus Stuttgart vernetzen sich – damit ist unser Ziel ja erreicht“, sagt sie. Überhaupt habe man viel gelernt, sich gut vernetzt in der Stadt. „Wir sitzen weiterhin zusammen und überlegen, war wir nun stattdessen machen können“, berichtet Groß. Was das genau sein werde, dazu möchte sie sich noch nicht äußern. Auch was zum Thema Nachbarschaft? „Eher nein“, meint sie. „Aber wir sind motiviert, weiterhin ehrenamtlich etwas für Stuttgart zu tun.“

Mehr aus dem Web