11 Gründe, warum ich Stuttgart vermisse

Unsere Autorin wohnt seit einiger Zeit in einer anderen Stadt und hat gerade ganz schön Heimweh. Kein Wunder, bietet Stuttgart doch so vieles, was man im Exil vermissen kann!

Stuttgart/München – Manchmal, da verlangt das Leben unangenehme Entscheidungen. Entscheidungen, die einen aus der Comfort-Zone raus in die große weite Welt schubsen, oder anders gesagt: raus aus der gemütlichen, schwäbischen Heimat und rein ins bayerische Großstadt-Getümmel, wo Brezeln „Breze“ heißen und alles unter einer „Hoibe“ kein Bier ist, sondern Gurgelwasser. Eine Entscheidung dieser Art musste ich vor einigen Monaten treffen und ja, es gibt viel Schönes hier, aber es gibt eben auch das ABER! München kann vieles, aber trotzdem klopft langsam das Heimweh an. Es gibt einiges, das ich an Stuttgart vermisse. Das hängt vor allem an den folgenden Punkten:

Warum ich Stuttgart vermisse…

1. Der Dialekt

Sodele, jetzetle… Wie mr im Ländle halt so schwätzt, ist eines der ersten Dinge, die der Exil-Schwabe fern der Heimat vermisst. Kein Gsälz, kein Viertele und keine Weckle und wer in der Bäckerei einen LKW bestellt, wird schief angeschaut. Da kommt schnell Heimweh auf. Amüsante Linderung bringt es, wenn man seine Herkunft gegenüber anderen preisgibt und die dann schwäbelnde Sprechversuche starten: „Desch isch“ – Naja, fast…

2. Das Essen

Ok, wer in Bayern wohnt, kann sich nicht gerade über schlechtes Essen beschweren. Außer Vegetarier, die haben es wirklich schwer. Aber es gibt einfach ein paar Dinge, die schmecken nur im Ländle. Ganz vorne dabei: Maultaschen! Sie versuchen es zwar überall in Deutschland, aber an das Original kommt eben keiner ran. Nach ein paar Wochen schleicht sich auch die Lust auf Schupfnudeln mit Sauerkraut an – ja, liebe Nicht-Stuttgarter, das kann man essen. Gibt’s aber nur bei uns. Oder zumindest schmeckt es nur bei uns gut.

3. Die himmlische Ruhe

Etwas, das Stuttgarter gar nicht zu schätzen wissen (außer zur Wasen-Zeit): das entspannende Gefühl, unter sich zu sein. Hamburg, München, Köln – die meisten deutschen Großstädte sind besonders am Wochenende völlig verstopft mit Touristen. Die ersten paar Tage mag das noch ganz nett sein. Doch spätestens, wenn man mit dem Besuch aus der Heimat ein Plätzchen im Lieblingscafé sucht oder einen Sitzplatz in der U-Bahn möchte, zehren die ganzen Wochenend-Touris echt an den Nerven. In Stuttgart sind die Plätze in Hüftengold und Co. zwar auch umkämpft – aber wenigstens tritt man hauptsächlich gegen andere Einheimische an.

4. Der Kesselblick

Zugegeben, die Kessellage kann nerven: die ganzen Steigungen, die schlechte Luft, die drückende Hitze im Sommer. Aber kein Städter wird mit so einem traumhaften Blick auf sein Zuhause belohnt wie wir Stuttgarter, wenn wir uns denn mal den Hügel hochgequält haben. Will man an anderen Orten auf die Lichter der Stadt runterschauen, muss man die umliegenden Hochhäuser oder Funktürme besteigen. Der Nachteil: Das kostet oft Eintritt. Und bei einem Bierchen – oder zwei, drei, vier – den Sonnenuntergang genießen, wird auch schwieriger.

5. Stäffele steiga

Wo wir gerade bei Steigungen sind – wie sagte der schwäbische Mundartdichter Friedrich E. Vogt? „Wenn Stuagert koine Stäffel hätt, (…) no wäret seine Mädla net so schlank ond net so schee!“ Andere Städte haben keine Stäffele, zumindest lange nicht so viele. Nicht, dass das die Schönheit der Damen beeinflussen würde, aber für Stuttgarter gehören die vielen Freilufttreppen nun einmal zum Stadtbild dazu – fehlen sie, geht einem das ab. Ganz zu schweigen von der wunderbar einfachen und günstigen Möglichkeit, sich fit zu halten.

6. Der bessere Marienplatz

Ja, was soll man da sagen? Eine Pizza bei L.A. Signorina essen oder einen Kaffee mit Freunden im Condesa genießen, während die Kinder vor der untergehenden Sonne auf dem Platz herumtollen – das vermittelt schnell das Gefühl, auf einer italienischen Piazza zu sitzen und nicht in einer feinstaubgebeutelten Autostadt. Das ist sicher etwas, das ich in der bayerischen Landeshauptstadt vermisse. München hat auch einen schönen Marienplatz, aber da haben wir wieder das Touristenproblem. Dort gemütlich einen Aperol schlürfen? Unmöglich. Unbezahlbar.

7. Wein, Wein, Wein

Okay, in anderen Ecken Deutschlands kann man in Sachen Wein auch Glück haben, in der Moselregion zum Beispiel. Aber es kann einen auch nach Bayern verschlagen, wo man oft eher schiefe Blicke erntet als neue Freundschaften gewinnt, sobald die Frage nach der Weinkarte fällt. In Stuttgart werden Weinliebhaber hingegen regelrecht verwöhnt. Die Weinberge, die Weinwanderungen, die Besenwirtschaften – das alles lässt ihr Herz höher schlagen. Andere Viertele-Schlotzer, die die Leidenschaft teilen, finden sich hier immer – allerspätestens beim jährlichen Stuttgarter Weindorf, auf das man als Exil-Stuttgarter mit viel Herzschmerz verzichten muss.

8. Der Fernsehturm

Ich vermisse den Fernsehturm! Hach, muss man da noch etwas hinzufügen? Außer einem kleinen optischen Reminder vielleicht? Hier kann man unser Türmle übrigens am besten anhimmeln.

9. Die Kehrwoche

Das mag jetzt merkwürdig klingen, aber wer sich mal an die Kehrwoche gewöhnt hat, ja, der vermisst sie auch, wenn es sie nicht mehr gibt! Auf das Hochgefühl, von dieser schwäbischen Last befreit zu sein, folgt nach wenigen Wochen dieser eine Gedanke, wenn der Blick durch den Hausflur schweift: „Hier könnte auch nochmal jemand wischen!“ Ertappt.

10. Der Hans-im-Glück-Brunnen

Die Gegend um den Hans-im-Glück-Brunnen verbindet die coolen, lockeren Bars einer Großstadt mit dem dörflichen Jeder-kennt-jeden Flair. Da sich alles rund um den Brunnen gruppiert und nicht über eine lange Partystraße verteilt, kommt man schnell ins Gespräch. So viel Stadt und doch so viel Dorf findet sich im städtischen Nachtleben nur selten an einem Fleckchen.

11. Die Baustellen

Ok, war ein Witz. Die vermisse ich wirklich nicht.

Unterwasserrugby: „Es ist schon sau anstrengend“

Lesen, Kochen und Reiten können viele und kennen alle. Langweilig. Stuttgart hat viel mehr auf Lager: Wir stellen euch in dieser Reihe die schrägsten Hobbies der Stuttgarter vor. Den Auftakt macht: Unterwasserrugby beim Tauchclub Suttgart.

Stuttgart – Unterwasserrugby hat es nicht leicht. Selbst wenn der Sport bekannter wäre, würde er nie die Menge an Zuschauern anlocken, die sonntags den lokalen Fußballverein auf dem Sportplatz nebenan anfeuert. Das ist auch wenig verwunderlich, denn: Man sieht ja nichts. Während sich die Spieler flink im Wasser winden, sich raufen, vorpreschen, am Ball zerren, ihn gezielt passen und dabei auch noch die Luft anhalten müssen, wirkt die Szenerie für den Zuschauer am Beckenrand eher wie ein chaotischer Haifischtanz mit viel schäumendem Wasser und wenig Logik.

Haifischtanz im Schwimmerbecken

„Wie Fische bei der Fütterung“, hat es die Freundin von Martin Wendnagel einmal beschrieben, wenn sich alle Spieler beim Startsignal auf den Ball in der Mitte des Beckenbodens stürzen. Eine ziemlich treffende Beschreibung, fand Martin. Seit zehn Jahren spielt er Unterwasserrugby, früher sogar in der U21-Nationalmannschaft, heute in der Ersten Bundesliga Süd beim Tauchclub Stuttgart. Der 24-Jährige hat Wirtschaftsinformatik an der Universität Stuttgart studiert, den Master macht er gerade in Mannheim. Seinem Stuttgarter Verein ist er aber treu geblieben.

„Mein Vater hat mich auf den Sport gebracht“, erzählt Martin. Auch der habe früher Unterwasserrugby gespielt und seine Kinder dann mehr oder weniger freiwillig in den Schwimmkurs gesteckt. Martin war das ständige Bahnenschwimmen aber bald viel zu langweilig, er wollte endlich mitspielen. Seitdem fasziniert ihn der Sport: „Im Gegensatz zu allen anderen Sportarten ist Unterwasserrugby dreidimensional: Der Gegner kann von vorne und hinten, links und rechts, aber auch von oben und unten kommen – das macht es so super spannend!“

Martin Wendnagel, 24, macht seit zehn Jahren Unterwasserrugby.

Luft holen und abtauchen!

Das Spielprinzip bei Unterwasserrugby ist einfach: An den gegenüberliegenden Beckenrändern sind zwei Körbe im Boden verankert – vergleichbar mit Basketballkörben. Der Hartgummiball ist mit Salzwasser gefüllt, dadurch sinkt er im Becken nach unten. Ziel des Spiels ist es, den Ball in den gegnerischen Korb zu bugsieren. Gespielt wird sechs gegen sechs. Es darf immer nur der Spieler angegriffen werden, der den Ball gerade hat. Schlagen, Treten oder am Schnorchel eines Spielers zu ziehen ist verboten. Ansonsten ist aber fast alles erlaubt – Rugby eben.

Die große Schwierigkeit dabei: Man kann dabei nicht atmen. Die Spieler sind nur mit einer Schnorchelmaske ausgestattet und nicht – wie viele denken – mit einer Sauerstoffflasche. Also: Luft holen, abtauchen, auspowern und wieder hoch zum Luft holen. Bei einer Beckentiefe zwischen 3,60 Meter und 5,50 Meter sorgt das auch für ordentlich Druck auf den Ohren.

Als Zuschauer am Beckenrand sieht man nur wildes Gewusel.

„Unterwasserrugby ist sau anstrengend“

„Es ist schon sau anstrengend“, sagt Martin Wendnagel. Oft wird er gefragt, wie lange er denn unter Wasser die Luft anhalten könne. Im Ruhezustand gehe das schon ein paar Minuten, meint er. „Aber wenn man im Spiel Vollgas gibt, geht es natürlich nicht so lange.“ Weil der Sport so anstrengend ist, hat jeder Spieler normalerweise einen Wechselpartner, der ihn immer nach zwei bis drei Minuten ersetzt. Insgesamt geht ein Spiel zweimal 15 Minuten.

Wie der Sport entstanden ist, lässt sich nicht mehr ganz nachvollziehen. Klar ist, dass er in den Sechzigerjahren erfunden wurde – und seinen Ursprung wohl auch in Deutschland hat. Zumindest fand 1964 das erste Spiel in Mühlheim an der Ruhr statt. Und auch, wenn der Sport relativ unbekannt ist, gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt einen Verein, in Baden-Württemberg beispielsweise noch in Heilbronn, Karlsruhe, Freiburg und Malsch.

„Man muss eine Wasserratte sein“

Sicher – Unterwasserrugby ist nicht für jeden etwas. „Man muss schon eine Wasserratte sein“, sagt Martin: „Wer Wasser nicht mag, kann mit Rugby nicht viel anfangen.“ Wer den Sport aber einmal ausprobieren möchte, kann das am besten donnerstags beim Training der Universität Stuttgart machen, sagt der Student: „Da kommen Leute, die den Sport gar nicht kennen, und schauen sich das mal an.“

Für sein Training hat sich Martin Badehose, Flossen, Schnorchel und eine Badekappe angezogen. Lange hält es ihn nicht am Beckenrand. Ein paar Bahnen schwimmen zum Warmwerden, dann wird endlich gespielt. Von Martin sieht man von da an nicht mehr viel. „Rugby schauen macht viel weniger Spaß als Fußball schauen“, sagte er zum Abschluss. „Aber Rugby spielen macht viel mehr Spaß als Fußball spielen.“

Ihr könnt euch immer noch nicht ganz vorstellen, wie Unterwasserrugby aussieht? Dann schaut euch dieses Video an:

Das Unterwasserrugby-Training der Universität Stuttgart findet immer donnerstags von 19.30 bis 20.30 Uhr im Stadtbad Untertürkheim statt.

Fotos: Lea Weinmann und privat/Waidiland

Mit Politikern durch die Clubs von Stuttgart

Politiker aus dem Stadtrat sind am Wochenende durch die Clubs der Stadt getourt und haben sich die Sorgen der Clubbesitzer angehört. Bekommt Stuttgart nun bald einen Nachtbürgermeister?

Stuttgart – Freitagabend, 22.30 Uhr. Im White Noise ist das Licht an. Der Club am Josef-Hirn-Platz wird gleich öffnen, vor der Tür tummeln sich schon die ersten Nachtschwärmer. Drinnen hat sich eine Gruppe von etwa 15 Menschen versammelt, die sich in dieser Konstellation wohl nie zum Feiern getroffen hätte.

Club Kollektiv lädt zum Polit-Clubbing

Vertreter von Kulturreferat und Stadtrat wollen durch die Stuttgarter Nachtszene touren und mit den Clubbesitzern ins Gespräch kommen. Das Club Kollektiv Stuttgart, das die Interessen der Clubs und Veranstalter bündelt, hatte dazu eingeladen: Fünf Locations, fünf Themen rund um das Stuttgarter Nachtleben stehen auf der Agenda. Insbesondere die jungen Mitglieder aus den Fraktionen von SPD, Grüne, CDU, FDP und Die Fraktion sind der Einladung gefolgt.

Junge Kommunalpolitiker zogen am Freitag durch die Clubs von Stuttgart und sprachen mit den Clubbesitzern. Foto: Lea Weinmann

„Wollen wir eine belebte Stadt oder nicht?“

Ein Tagesordnungspunkt: der nächtliche Lärm, der immer wieder zu Streit zwischen Anwohnern und Feiernden führt. Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Stadtverwaltung nach Beschwerden von Anwohnern in dem Areal um die Eberhardstraße und den Josef-Hirn-Platz die umstrittene Sperrstunde wieder eingeführt. In der Folge hätten die Clubs Dilayla, White Noise und Bar Romantica um 5 Uhr schließen müssen. Ein Gericht hat die Sperrstunde zwar vorläufig wieder aufgehoben – damit ist das Thema aber nicht vom Tisch.

„Das ist ein sehr großes Problem für uns“, sagt Ninette Sander, Inhaberin des White Noise, und bemängelt die fehlende Rückendeckung vonseiten der Stadtverwaltung. Sie wolle „ein Miteinander“ und sei auch bereit, auf die Anwohner zuzugehen. Klar sei aber auch: „Wer in die Innenstadt zieht, um seine Ruhe zu haben, der tut mir leid.“ Man müsse sich entscheiden, so Sander: „Wollen wir nun eine belebte Stadt oder nicht?“ Noch deutlicher wird kurz darauf Yusuf Oksaz, Besitzer des Billie Jean (ehemals Romy S.) und des Dilayla, das ebenfalls von der Sperrstunde betroffen war: „Was wir hier leisten, kriegt die Stadt gar nicht mit“, sagt Oksaz. Stattdessen lege man ihm Steine in den Weg, so das Szene-Urgestein.

Nachtbürgermeister für Stuttgart

Ein Vermittler zwischen Anwohnern, Clubs und Stadtverwaltung könnte die Wogen glätten, meint das Club Kollektiv. Der Interessenverband hat sich unter anderem deshalb bei allen Fraktionen für das Amt eines Nachtbürgermeisters stark gemacht: „Wir wollen jemanden, der in der Szene gut akzeptiert wird – keinen Kummerkasten und keinen Sheriff“, sagt Vorstandsmitglied Colyn Heinze vor dem Eingang der Schräglage, aus deren Keller die Musik wummert.

Die Idee des Verbands hat überzeugt: Dass der „Night Mayor“ kommen wird, sei schon „relativ sicher“, sagt Markus Rehm, Persönlicher Referent des Ersten Bürgermeisters Fabian Mayer (CDU). Nur über die Aufgaben eines solchen Nachtbürgermeisters sind Fraktionen und Verwaltung in der Nacht von Freitag auf Samstag noch uneins.

„Veranstalter können sich vieles nicht mehr leisten“

2 Uhr. Die Gruppe ist beim letzten Club angekommen, dem Freund und Kupferstecher am Berliner Platz. Augen reiben, unterdrücktes Gähnen. Walter Ercolino, Leiter des Popbüros Region Stuttgart, spricht über den „riesigen kulturellen und sozialen Faktor“ des Nachtlebens. Er plädiert für eine Veranstalterförderung der Stadt, da sich „die Veranstalter viele Dinge nicht mehr leisten“ könnten. „Wenn es keine popkulturelle Infrastruktur gibt, dann fehlt der Stadt vieles“, so Ercolino. Nach knapp vier Stunden zwischen Electronic Club, Disco und HipHop-Musik widerspricht da keiner mehr.

Foto: Lea Weinmann

So überlebt man als Stuttgarter im Rheinland

Ihr plant einen Städtetrip nach Düsseldorf oder Köln und wollt waschechte Rheinländer kennenlernen? Wir haben ein paar Tipps für euch, damit der Kulturschock nicht ganz so heftig wird.

Stuttgart/Düsseldorf – Fährt ein Schwabe ins Rheinland… Da ist die ein oder andere Überraschung vorprogrammiert. Ihr wollt dem Kulturschock entgehen und euch noch ein paar Tipps zu vegetarischen Spots und zur Verkehrssicherheit abgreifen? Mit diesen Empfehlungen wird euer Besuch am Rhein ein voller Erfolg!

Nicht erschrecken: Rheinländer sind direkt!

Man muss sie mögen, die Rheinländer und ihre direkte Art. Die einen werden sich in den leicht ruppigen, aber immer herzlichen Umgangston sofort verlieben. Andere sind vielleicht erst einmal verdutzt, wenn sie vom Kellner konsequent geduzt und mit „Meine Liebe“ angesprochen werden.

Ein Ratschlag: Lasst euch einfach ganz locker darauf ein, duzt zurück, macht einen Scherz. Ihr werdet merken, wie angenehm entspannt es sein kann, wenn wir unsere unter Südländern doch verbreitete Distanziertheit einfach mal ablegen können.

Düsseldorf oder Köln

Die Gretchenfrage: Alt oder Kölsch, Fortuna oder 1. FC, Düsseldorf oder Köln. Entscheiden muss sich jeder! „Schmeckt doch beides ganz okay“ oder „Also, ich mag ja beide Städte“ wird einfach nicht akzeptiert. Eigentlich können wir das ganz gut verstehen: Wenn wir in Stuttgart Besuch empfangen, sollte der ja auch nicht Lobeshymnen auf Karlsruhe anstimmen…

Um noch einmal kurz auf Alt vs. Kölsch zurückzukommen: Was nun besser schmeckt, soll jeder selbst entscheiden. Aber wundert euch nicht über die Größe der Gläser: Eingefleischte Wasengänger werden mit den 0,2 oder 0,25 Liter kleinen Bierchen erst einmal überfordert sein – oder eher unterfordert. Doch keine Sorge: Für ständigen Nachschub ist gesorgt!

Düsseldorfer Altstadt: Ballermann 2.0

Die Düsseldorfer Altstadt ist bekannt als die „Längste Theke der Welt“. Wer einmal eine der Gassen entlanggelaufen ist, versteht auch, warum: Mehr als 260 Kneipen, Restaurants, Bars und Hausbrauereien reihen sich dort aneinander. Was man als Besucher aber vielleicht nicht so sehr erwartet, ist die Masse an (trinkenden) Touristen, die die Straßen der Altstadt vor allem am Wochenende bevölkern. Junggesellenabschiede, Junggesellinnenabschiede, Mannschaftsausflüge, noch mehr JGAs… Die Altstadt von Düsseldorf ist eine einzige Partymeile.

Pro Tipp: Wenn euch der Ballermann in Mallorca zu weit weg oder zu teuer ist, fahrt doch einfach ein Wochenende nach Düsseldorf! Wem die grölenden Massen aber definitiv zu viel sind, der sollte sein Altbier lieber unter der Woche in einer der vielen Hausbrauereien trinken. Oder sich eine Kneipe suchen, die ein bisschen außerhalb des Theken-Epizentrums liegt.

Foto: Moheb Anwari
Foto: Moheb Anwari

Immer genug Bargeld dabeihaben

Wenn wir gerade beim Trinken sind: Gerade in den Hausbrauereien in Düsseldorf und den Kneipen in der Kölner Altstadt kann man oft nicht mit Karte bezahlen. Und wenn es geht, dann nur mit seeehr viel Murren und entsprechenden Kommentaren der Bedienung – womit wir wieder bei der typisch rheinischen Direktheit wären.

Um euch das zu ersparen, schaut einfach, dass ihr immer genug Bargeld in möglichst kleinen Scheinen bei euch habt. Denn wer eine Rechnung über knapp zehn Euro bezahlen möchte und dann den Fuffi auspackt, erntet auch einen kleinen Anschiss: „Is dat dein Ernst, Jungchen?“

Achtung E-Scooter!

Dafür, wie ihr E-Scooter zuhause in Stuttgart nutzen könnt, haben wir euch schon ein paar Tipps mit auf den Weg gegeben. Auch den Städten Köln und Düsseldorf haben die Roller schon lange ihren Stempel aufgedrückt. Konkret bedeutet das: Ihr müsst ständig damit rechnen, auf dem Gehweg zur Seite springen zu müssen. Weil ein Mensch auf zwei Rädern euch von hinten überholt, von vorne in euch reinfährt oder direkt vor euch von seinem Scooter purzelt.

Besondere Vorsicht ist abends rund um die Innenstadt geboten, wenn teils stark angetrunkene Touris über Kopfsteinpflaster ratternd zu zweit auf einem Roller stehen. Gut ist, dass sie sich meistens mit einem lauten „HUUUIIIIII“ ankündigen – die Scooter selbst machen ja so gut wie keinen Mucks.

Rheinländische Küche heißt viel Fleisch. Aber es gibt auch anderes…

Die rheinländische Küche ist nicht gerade berühmt für vegetarische oder gar vegane Kost. Und da die Rheinländer viel Wert auf ihre Tradition und Echtheit legen, findet sich auf den Speisekarten in Brauhäusern und Kneipen auch selten mehr als ein vegetarisches Gericht.

Das heißt aber nicht, dass man als Vegetarier oder Veganer verhungern muss – im Gegenteil! Empfehlenswert ist in Düsseldorf beispielsweise eine der drei „Sattgrün“-Filialen. Ihr findet sie in Flingern, am Graf-Adolf-Platz und am Medienhafen. Dort sind alle Angebote zu 100 Prozent vegan! Auch in Köln ist die Auswahl an vegetarischen und veganen Restaurants riesengroß: Von der vegetarischen Kultkneipe, über vietnamesisches Essen bis hin zu veganem Sushi (!!) ist alles dabei.

Fotos: Lea Weinmann

Simon will Pfarrer werden: „Es geht nicht um die Institution!“

Die Kirche ist ein Auslaufmodell. So wirkt es zumindest mit Blick auf die Zahl der Kirchenaustritte. Simon Gottowik will trotzdem Pfarrer werden. Er kann die Kritik an der Institution verstehen – und fordert Veränderungen.

Stuttgart/Tübingen – „Die Zahlen sind desaströs“ – so lauteten kürzlich die ersten Worte eines Kommentars, den die katholische Kirche in Deutschland auf ihrer offiziellen Webseite veröffentlichte. Thema des Textes: Die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr. Zugegeben, die Statistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeichnen ein nicht gerade rosiges Bild: 216.078 Menschen haben demnach die katholische Kirche im Jahr 2018 verlassen – 29 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Bei der protestantischen Kirche sieht es nicht besser aus: Rund 220.000 Mitglieder kehrten der Institution im vergangenen Jahr den Rücken.

Simon will evangelischer Pfarrer werden

Kirche scheint also irgendwie out zu sein – kein Wunder, haben sich die beiden großen Vertreter des christlichen Glaubens in den vergangenen Jahren doch so einiges geleistet: Vertuschter sexueller Missbrauch in BEIDEN Kirchen, Protz-Bischöfe, Strukturen aus dem Mittelalter und teilweise genauso alte Denkmuster.

Trotz all dem – oder vielleicht auch gerade deswegen – hat sich Simon Gottowik dazu entschieden, evangelische Theologie zu studieren. Er will Pfarrer werden, ganz klassisch, weil Kirche für ihn das ist, „was man daraus macht“. Warum entscheidet sich ein junger Mensch heute noch dazu, bei einer so „verstaubten“ Institution mitzumischen? Und wie tickt ein angehender Pfarrer? Räumen wir erst einmal mit ein paar Klischees auf:

Drei Klischees über Theologiestudenten

Klischee Nr. 1: Du gehst jeden Sonntag in die Kirche.

Simon: „Nee. Ich bin ja auch politisch bei den Jusos aktiv, viel unterwegs und spiele auch Tennis – da passt es nicht immer. Aber wenn ich sonntags mal frei habe, dann geh ich auch in den Gottesdienst.“

Klischee Nr. 2: Du betest vor jedem Essen.

„Nein. Wenn mein Umfeld das macht, mach ich da gerne mit. Für mich persönlich war das aber nie so das Entscheidende.“

Letztes Klischee: Angehende Pfarrer sind ganz brave Studenten, die nie Party machen.

Simon lacht: „Ich studiere in Tübingen, also einer Stadt, in der es wirklich schade wäre, wenn man das Nachtleben auslassen würde. Ich wohne in einem Wohnheim mit anderen Theologie-Studis – und wir haben einen eigenen Weinkeller.“

Auf WG-Partys ist er schnell im Gespräch

Da es ihm an WG-Party-Erfahrung also nicht mangelt, fängt der 22-Jährige auch direkt an, von seinen „WG-Begegnungen“ zu erzählen. Die laufen bei ihm immer ein bisschen anders ab als bei seiner Freundin, die Wirtschaftsinformatik studiert: „Das ist so ein Fach, das nickt man irgendwie ab. Aber zu Theologie hat jeder was zu sagen.“ Die einen könnten damit überhaupt nichts anfangen, andere seien total begeistert, erzählt Simon.

Er wird zumindest immer schnell in Gespräche verwickelt – oft auch in philosophische oder sehr persönliche: „Das ist immer ganz faszinierend, wie schnell die Leute privat werden und ich mir denke: Wow, danach habe ich doch jetzt gar nicht gefragt, wir kennen uns doch erst eine Stunde.“ Aber diese Grenze gebe es bei Glaubensfragen oft einfach nicht.

Simon versteht die Ablehnung

Der Theologiestudent kann verstehen, dass vor allem junge Leute aus der Kirche austreten: „Wenn man liest, was Menschen im Namen von Religion treiben und wie Religion missbraucht wird – und dann sagt: ´Nee, mit Religion möchte ich nichts zu tun haben`, ist das erst einmal völlig verständlich.“

Er sei aber auch der Meinung, dass jeder die Kirche – gerade die evangelische Kirche – mitgestalten kann und sie zu dem mache, was sie sei: „Es ist ein großes Netzwerk, in dem jeder Einzelne zählt.“ Der angehende Pfarrer will Menschen helfen, will sie in den unterschiedlichsten Lebenslagen erreichen – und die Kirche scheint ihm dafür ein guter Ort zu sein: „Altenheime, Kindergärten, Obdachlosenhilfen, die Kirche mitten in der Innenstadt – das sind alles Orte, an denen Menschen zusammenkommen und das finde ich toll. Das will ich später mitgestalten.“

Ist es Zeit für Martin Luther 2.0?

Was ihn besonders fasziniert: Der Glaube bringe ganz unterschiedliche Leute zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander sprechen würden. „Da sitzt die Sparkassendirektorin neben dem Maurerazubi und das ist halt ganz normal.“ Trotz all der Austritte hat die evangelische Kirche in Deutschland immerhin noch mehr als 21 Millionen Mitglieder – es ist also eindeutig zu früh, von einem „Auslaufmodell Kirche“ zu sprechen.

Das ist aber kein Grund, nichts zu verändern. Simon Gottowik könnte sich auch vorstellen, dass man nochmal eine richtig große Reform anstößt – quasi Martin Luther 2.0. Der habe damals ja auch keine Rücksicht auf Traditionen genommen und alles neu aufgerollt. Anfangen würde der 22-Jährige zum Beispiel beim Sonntagsgottesdienst: Das Modell, dass sich einmal in der Woche (und dann auch noch an einem Sonntagmorgen!) alle aus der Gegend an einem Ort versammeln, funktioniere einfach nicht mehr. Dafür brauche es Alternativen, und die sollten möglichst flexibel sein.

„Statistiken zu wälzen, ist nicht unser Auftrag!“

Kirche sei oft damit beschäftigt, Statistiken zu wälzen und Traditionen zu bewahren – bloß die Institution sichern, so wie sie ist! „Aber das ist ja nicht unser Auftrag“, findet Simon. Kirche solle nicht bei sich selbst bleiben, sondern raus- und auf die Menschen zugehen – auf die Gefahr hin, dass sie danach eine ganz andere ist. „Ich kann daran aber nichts Schlechtes finden. Es geht um die Sache, nicht um die Institution!“

Fotos: Unsplash/Priscilla Du Preez (Titelbild), privat (Porträt Simon Gottowik)

Der Trottwar-Verkäufer vom Rotebühlplatz

Er ist einer der bekanntesten Verkäufer Stuttgarts. Vojtech Kökény steht jeden Tag am Rotebühlplatz und verkauft die Straßenzeitung Trottwar. Wer steckt hinter dem fröhlichen Lachen? Stadtkind hat sich mit ihm unterhalten.

Stuttgart – Es ist heiß in Stuttgart. Kreuz und quer wuseln die Menschen durch die Unterführung am Rotebühlplatz. Sie laufen alleine oder in Gruppen, im leisen Gespräch oder in Gedanken, aber alle den Blick fest auf den Boden gerichtet. Keiner hat Zeit, jeder ist spät dran, alle schwitzen. In der Monotonie von Füßegetrappel, Koffergeruckel und Rolltreppen-Geratter würde sich der Stuttgarter wunderbar wohl und anonym fühlen, wenn es nicht Vojtech Kökény gäbe.

350 Euro für die Schule der Tochter

„Bella, bella…Hallo, amigo!“, hört man ihn schon von Weitem rufen. Im tomatenroten Leibchen tut der 43-Jährige mitten in der gefüllten Passage das, was er verdammt gut kann: Straßenzeitungen verkaufen. Vojtech ist die Art Verkäufer, die man sich im Möbelhaus wünscht. Er reißt die Menschen auf wunderbar charmante Art aus ihrem Trott. Pfeifend, singend, sprücheklopfend zwingt er die Leute geradezu, aufzusehen, ihn anzusehen, ihm ein Lächeln zu schenken.

Wer ist der Mensch hinter dem gut gelaunten Verkäufer? Vojtech Kökény kommt aus der Slowakei. Seine ganze Familie lebt in der Heimat. Zu Hause muss er seine Frau und seine beiden Töchter ernähren. Die ältere geht jetzt auf eine neue Schule. „Die kostet 350 Euro im Monat“, seufzt Vojtech. Aber das ist es ihm wert: „Gute Schule, viel lernen!“

„Schreiben sie: Alles gut.“

Im Zwei- bis Drei-Wochentakt fährt der Familienvater nach Hause in die Slowakei und bleibt zwei Wochen. Dann wieder drei Wochen nach Deutschland, zum Geld verdienen. „In Slowakei gibt es keine Arbeit. Gibt einfach nichts. Deswegen komme ich hierher.“ Insgesamt arbeiten momentan 133 Verkäufer aktiv bei Trottwar. Rund 70 davon sind Slowaken, so Thomas Schuler, der Verkäufersprecher bei Trottwar.

Vojtech Kökény ist seit vier Jahren dabei. Drei davon steht er nun schon am Rotebühlplatz. Vojtech ist immer da: Montag bis Freitag, von morgens um 7 Uhr bis abends um 17 oder 18 Uhr. Samstags steht er zusätzlich in der Königstraße.

Die Straßenzeitung kostet 2,20 Euro, die Hälfte davon geht direkt an ihn, die andere Hälfte ist eine Spende für Trott-war. An einem Tag verkauft der Slowake zwischen 20 und 30 Zeitungen. Was kommt da am Ende des Monats zusammen? „Mit Trinkgeld sind es ungefähr 600 oder 700 Euro.“ Reicht das? Vojtech lacht unsicher. Er zählt auf, was er alles bezahlen muss. Sagt dann: „Ist okay, okay. Schreiben sie: Alles gut.“ Im Vergleich gehört er in der Slowakei mit diesem Einkommen sogar zu den Besserverdienern, so Verkäufersprecher Schuler.

Leben auf der Straße

Trott-war ermöglicht den Verkäufern außerdem Zugang zu einer kostenlosen Kleiderkammer. Vojtech zeigt auf sein T-Shirt, seine Jeans, seine Schuhe: „Alles Trottwar. Sehr viel Hilfe.“ Eine Wohnung hat der Zeitungsverkäufer in Stuttgart nicht. Viel zu teuer. Er darf in der Wohnung seines Kumpels am Neckartor schlafen. Das Glück hat nicht jeder: „Viele von meinen Kollegen schlafen unter der Brücke. Das ist nicht gut.“

Verkäufersprecher Schuler bestätigt die schwierige Wohnungslage. Man sei zwar immer bemüht, Wohnungen zu finden, aber der Markt sei gerade einfach katastrophal. Viele schlafen unter freiem Himmel oder in Autos – sehr kritisch, denn momentan ist zwar Hochsommer, aber der nächste Winter kommt gewiss: „Trott-war hat keine Lust auf erfrorene Verkäufer“, sagt Schuler trocken. Auch Vojtechs slowakischer Freund schläft in seinem Auto im Autopark. Mit diesem Auto pendeln die beiden von Stuttgart in die Slowakei und zurück.

Viele grüßen ihn

Viel Deutsch kann der Verkäufer nicht, was das Interview schwierig macht. Doch wenn der 42-Jährige etwas nicht versteht, fängt er im Zweifel einfach an zu lachen und sagt: „Ist normal, alles gut!“ Seine offene Art hat ihn bekannt gemacht. Alle paar Minuten kommen Menschen auf ihn zu, er begrüßt sie mit Vornamen und führt kurze Gespräche. Viele kommen jeden Tag hier vorbei. In den drei Jahren hat Vojtech Kinder aufwachsen sehen: „Die kommen immer und plötzlich wupp, so groß“, sagt er und hebt die Hand auf Höhe seines Kinns.

„Meine Arbeit ist mein Hobby“

Vojtech dreht sich kurz zur Rolltreppe und genießt die kühlere Brise, die von der S-Bahn nach oben weht. Sein rotes Leibchen flattert im Wind und lässt ihn ein bisschen aussehen wie Superman. Dann ruft er wieder: „Amigo, hallo-ho, stoppi, einen Moment…okay, nicht, schönen Tag, tschüss!“ Doch fast alle laufen an dem Verkäufer vorbei. „Keine Zeit, schnell, schnell, jaja…“, sagt er. „Die Menschen haben immer keine Zeit. Arbeit, Schule…aber ist normal!“ Vojtech macht trotzdem weiter.

„Viele fragen mich, woher die Energie und gute Laune kommt“, erzählt er. Eine Antwort hat er aber selbst nicht. Im Grunde ist es aber ganz einfach: „Nicht gut gelaunt sein heißt keine Zeitung verkaufen. Es ist alles Kommunikation.“ Wenn er müde ist, fängt er einfach an zu tanzen. „Dann geht’s wieder. Und Kaffee!“ Nach einem Arbeitstag ist Vojtech aber auch fertig. Er will dann nur noch essen, duschen und schlafen. Hobbys? „Meine Arbeit ist mein Hobby.“ Vojtech strahlt wieder. Eine junge Frau rennt zur S-Bahn. „Langsam bella, langsam. Nicht fallen. Ganz kurz, hier, neue Ausgabe?“ Doch die Frau ist schon auf der Rolltreppe verschwunden.

Aktivistin aus Stuttgart: „Jedes Kind soll wählen dürfen“

Marianne Siebeck ist Schülerin und Aktivistin. Zusammen mit anderen macht sie sich im Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ stark – und kettet sich für ihre Überzeugung auch mal an den Bundestag. Stadtkind hat mit ihr gesprochen.

Stuttgart – Marianne Siebeck redet schnell und viel. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine ganz normale Schülerin: 19 Jahre ist sie alt und steckt mitten im Abitur. Aber dann gibt es eben diese Tage, an denen sie in der Schule fehlt, weil sie Lobbyismus im Bundestag macht – oder sich an dessen Kuppel festkettet. Marianne ist Aktivistin. Sie kämpft dafür, dass Kinder und Jugendliche eine politische Stimme bekommen. Im Interview mit Stadtkind spricht die Stuttgarterin nicht nur darüber, was passiert, wenn man sich an den Bundestag kettet. Sie erzählt außerdem, warum Politiker auch nur Menschen sind und was sie mit dem Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ erreichen will, den sie mitgegründet hat.

„Wir waren angekettet, bis sie mit dem Bolzenschneider kamen“

Stadtkind Stuttgart: Du hast dich vor einiger Zeit mit anderen an den Bundestag festgekettet. Warum hast du das gemacht?

Marianne Siebeck: Das war gemeinsam mit verschiedenen Aktivisten aus ganz Deutschland – nicht von unserem Verein aus. Ich habe schon Lobbyismus im Bundestag gemacht und gemerkt, dass mich die Politiker nicht ernst nehmen. Wir haben deshalb überlegt, wie wir unser Anliegen künstlerisch darstellen können. Und da wir künftigen Generationen untrennbar mit dem Bundestag verbunden sind, haben wir uns angekettet. Die Message dahinter war: Wir wollen eine politische Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen.

Wie lange wart ihr da angekettet?

Eineinhalb Stunden tatsächlich. Die waren dort erst sehr überfordert, aber irgendwann kamen sie eben mit einem Bolzenschneider. Wir hatten einen Brief an die Bundesregierung geschrieben, in dem wir unser Anliegen klar formuliert hatten. Wir wollten auch selbstständig gehen, nachdem wir den Brief übergeben durften. Das wurde uns untersagt und wir wurden in Gewahrsam genommen. Dann wurden die Personalien aufgenommen und nach zwei Stunden durften wir wieder gehen.

„Die Konsequenz ist: noch konsequenter sein“

Habt ihr mit der Aktion etwas Konkretes erreicht?

Unser direktes Ziel, diesen Brief zu überreichen, haben wir nicht erreicht. Im ersten Moment habe ich mich sehr geärgert, weil ich es nicht verstehen konnte. Aber drumherum ist ja viel entstanden: Wir haben es in die Medien geschafft, Aufsehen erregt und es ist eine Petition mit mehr als 50.000 Unterschriften entstanden. Es ist vielleicht ein bisschen unverhältnismäßig, deswegen jetzt eine Anzeige zu bekommen, aber die Konsequenz, die ich daraus ziehe, ist noch konsequenter zu sein. Das war nicht die letzte Aktion in diese Richtung.

Diese Anzeige macht dir nichts aus?

Das macht mir schon was aus und es hat mir auch echt Angst gemacht, aber ich habe irgendwann in meinem Leben entschieden, dass ich nicht mehr so gegen mein Gewissen handeln möchte. Dafür muss ich auch Folgen wie diese in Kauf nehmen.

„Bildung ist fast wie ein diktatorisches System“

Nun kettest du dich nicht jeden Tag an Gebäude. Du bist auch sehr aktiv in dem Verein „Demokratische Stimme der Jugend“. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine demokratische Jugend-NGO. Entstanden ist die aus dem „Bildungsgang“. 2017 sind ganz viele Jugendliche in Stuttgart auf die Straße gegangen, weil sie unzufrieden waren mit dem Bildungssystem, wie es gerade ist. Der Verein ist eine Jugendbewegung, ein Gremium kann man fast sagen, in dem wir nicht nur einzelne Themen wie Bildung betrachten, sondern uns die Dinge grundlegend anschauen und sie verändern wollen.

Was stört euch denn an dem aktuellen Bildungssystem?

Bildung wird momentan kollektiv gedacht. Wir haben Systeme, in die man einfach reinpassen muss. Es gibt keine Möglichkeit für selbstbestimmte Bildung, für Selbstentfaltung. Man könnte fast von einem diktatorischen System in der Demokratie sprechen.

Erinnerst du dich an konkrete Situationen, in denen du das Gefühl hattest, dich in der Schule nicht entfalten zu können?

Ich erinnere mich an sehr viele Momente, in denen ich Fragen hatte, die weiter gingen, als der Lehrstoff es vorgesehen hatte. Der Lehrer sagte dann: „Das hat hier gerade keinen Platz, das passt nicht.“ Und ich habe meine Fragen zurückgestellt und konnte nur das nehmen, was der Lehrer mir gegeben hat.

„Jedes Kind soll wählen dürfen“

Eure konkrete Forderung ist unter anderem ein Deutscher Jugendrat. Was soll das sein?

In unserer Demokratie wird eine ganze Generation ausgeschlossen, die in Zukunft aber die Folgen der heutigen Entscheidungen zu tragen hat. Diese junge Generation soll auf Bundesebene ein Gremium bekommen, das ihre Interessen vertritt und es soll ein Zukunftsveto haben, beispielsweise bei Entscheidungen wie dem Kohleausstieg. Dass wir sagen können: Nein, es ist unsere Zukunft, die hier gerade verspielt wird. Der Jugendrat soll dafür sorgen, dass Jugendliche Mitentscheidungsrechte haben und mehr das Gefühl haben, ein Teil sein zu können.

Ihr setzt euch auch für ein Kinder- und Jugendwahlrecht ein. Ab wie vielen Jahren soll man denn wählen dürfen?

Ab dem Zeitpunkt, zu dem man sich selbstständig in ein Wahlregister einträgt. Jedes Kind, das wählen will, soll wählen dürfen.

Wenn meine Eltern mir als Kind gesagt hätten, ich soll mich registrieren und die oder die Partei wählen, hätte ich das vielleicht gemacht. Meinst du nicht, dass Kinder von außen manipuliert werden könnten?

Damit wäre natürlich zwangsläufig eine Veränderung in ganz vielen Bereichen verbunden. Politische Bildung hätte plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Man müsste in der Schule viel darüber reden, wie man sich eine politische Meinung bildet. Natürlich ist Manipulation eine Gefahr, aber die müsste thematisiert werden. Und Kinder haben auch ihre eigene Meinung.

Denkst du wirklich, dass jeder Jugendliche unter 18 Jahren schon eine politische Meinung hat?

Ich bezweifle, dass die Erwachsenen alle eine haben… Das ist aber auch keine Begründung dafür, ihnen das Grundrecht der Mitbestimmung in einer Demokratie zu entziehen. Bei erwachsenen ist der IQ und die politische Bildung auch nicht ausschlaggebend für das Wahlrecht.

„Politiker sind auch nur Menschen“

In Baden-Württemberg stehen bald die Kommunalwahlen an, bei denen man schon mit 16 Jahren wählen darf. Hältst du diese Wahlen auch für wichtig?

Klar! Auf jeden Fall sollte man wählen! Nur ist man nicht nur mitverantwortlich an dem Tag, an dem man sein Kreuzchen macht. Man kann sich im Rathaus die Sachen anhören oder Rathausabgeordnete anrufen. Politiker sind auch nur Menschen. Die werden so oft als Bösewichte dargestellt – und sie verbocken auch wirklich viel – aber sie sind auch nur gefangen im System.

Was du so erzählst, klingt alles nach viel Aufwand. Du steckst gerade mitten im Abitur. Wie kriegst du das alles unter einen Hut?

Das glaubt mir kaum noch jemand, aber es ist möglich. Es geht viel mehr, als man immer denkt. Ich bin da auch nicht besonders, das ist nicht angeboren. Man muss es nur machen. Wobei ich es nicht verherrlichen will. Natürlich kämpfe ich auch mit der Schule, ich hatte die letzten Jahre nicht die besten Anwesenheiten, aber das Drumherum ist so gut, dass ich das auch innerlich irgendwie stemmen kann.

Willst du nach dem Abitur in die politische Richtung?

Viele sagen, ich soll es machen. Ich kann mir eher vorstellen, mich in das Geld- und Wirtschaftssystem einzuarbeiten. Mir will nicht in den Kopf, wie das so ungerecht sein kann, also manche Leute in Geld schwimmen, während andere verhungern. Und dann von außen auf die Politik zugehen, also mehr Lobbyismus. Mir ist der politische Apparat irgendwie zu schwerfällig. Nach dem Abi werde ich aber erstmal nach Berlin ziehen und ein oder zwei Jahre mehr Power in den Verein stecken.

Kommunal-
wahl: „Da geht mir das Politikherz auf“

Die Studentinnen Charlotte und Darina erklären Schülern, wie Kommunalpolitik funktioniert. Bestenfalls haben die Jugendlichen danach Bock, wählen zu gehen. Klingt nach keiner leichten Aufgabe. Wie stellen sie das an? Und bringt das überhaupt was?

Stuttgart – Charlotte Meyer zu Bexten redet schnell, fast außer Atem, wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt: Politik. Sich selbst nennt sie „ein bisschen nerdy“, was das angeht. Charlotte hat nicht nur Politikwissenschaften in Tübingen studiert, sie will auch junge Leute für Politik begeistern – oder zumindest erreichen, dass sie sich einmal damit auseinandergesetzt haben.

Politik ist gleich alte, weiße Männer auf Plakaten?

Die Studentin arbeitet als „Teamerin“ für die Landeszentrale für politische Bildung (LpB), die mit ihrer aktuellen Kampagne versucht, besonders die Erstwähler anzusprechen. So kurz vor der Kommunal- und Europawahl am 26. Mai haben Charlotte und ihre Kollegen ordentlich zu tun. Sie erklären, organisieren Planspiele, hüpfen von einer Schule zum nächsten Aktionstag, um den Schülern das nahe zu bringen, was viele erst einmal ziemlich öde finden: Kommunalpolitik. Urgh.

„Natürlich ist Politik auf den ersten Blick weder cool noch sexy“, gibt die 24-Jährige zu. Die meisten würden dabei direkt an alte, weiße Männer und irgendwelche Wahlplakate denken. Oft fehle in Sachen Kommunalpolitik einfach das Wissen, sagt Charlotte: „Das ist auch verständlich. Es ist ja schon kompliziert, überhaupt diesen Wahlzettel bei der Kommunalwahl auszufüllen.“

2014 ging nicht mal die Hälfte aller Bürger zur Wahl

Viele seien auch der Meinung, Kommunalpolitik sei sowieso nicht so wichtig. Charlotte kann das nicht verstehen: „Die Wahlbeteiligung ist nirgends so gering wie bei den Gemeinderatswahlen, dabei kann man da mit seiner Wahl doch noch am meisten bewegen! Ich will doch beeinflussen können, was direkt vor meiner Haustür passiert, oder? Bei der letzten Gemeinderatswahl im Jahr 2014 ging laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg nicht einmal die Hälfte aller Bürger zur Wahl.

Kompliziert, langweilig, sowieso nicht wichtig für mich – nicht gerade leichte Voraussetzungen für Charlotte und ihr Team, um Erstwähler doch zu erreichen. Ihr Geheimrezept: „Empathie und Augenhöhe“, sagt Darina Eberhardt, ebenfalls Teamerin von der LpB. Die Teamer sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, alle ein bisschen politikverrückt und mit den Schülern meistens per Du. „Wir erklären nichts von oben runter und halten auch keinen Vortrag“, sagt die Studentin.

„Jeder sollte sich mal damit auseinandersetzen“

Das Ziel der Teamer sei auch nicht unbedingt, dass die Leute alle wählen gehen – „wobei das natürlich schön wäre“, ergänze Charlotte. „Grundsätzlich wollen wir aber einfach, dass man sich mit dem Thema mal auseinandergesetzt hat. Es steht einem dann ja auch frei, nicht wählen zu gehen.“

Im Gegensatz zu Charlotte, die schon seit zwei Jahren für die LpB arbeitet und damit quasi schon ein alter Hase ist, kam Darina erst im März dieses Jahres ganz frisch ins Team. In ihrer Familie – ihre Eltern kommen aus der ehemaligen Sowjetunion – wurde nie wirklich über Politik gesprochen. „Deswegen hat es auch sehr lange gedauert, bis ich mich dafür überhaupt interessiert habe“, erzählt sie. Heute hat sie einen Bachelor in Politikwissenschaft.

Nur selten sind die Teamer in Real- und Hauptschulen unterwegs

Gerade wegen ihrer eigenen Geschichte ist es Darina besonders wichtig, die jungen Menschen anzusprechen, die sonst mit Politik gar nicht in Berührung kommen. Deswegen finden es die beiden Studentinnen auch so schade, dass sie meistens in Gymnasien unterwegs sind und nur selten in Real- oder Hauptschulen. Die Schulen müssen auf die LpB zugehen und die Teamer buchen – und das machen eben hauptsächlich Gymnasien.

Charlotte und Darina sind dennoch davon überzeugt, dass ihre Arbeit etwas bringt. Natürlich wisse man nie genau, was in den Leuten vorgeht und ob sie am Ende wirklich wählen gehen oder nicht.  „Aber manchmal“, erzählt Charlotte, „kommt nach der Veranstaltung ein Schüler oder eine Schülerin zu mir uns sagt: ‚Hey, ich wollte eigentlich gar nicht wählen gehen und wusste gar nicht, um was es da geht. Aber jetzt geh ich vielleicht schon.‘ Da geht mir dann das Politikherz auf.“

Charlotte Meyer zu Bexten (links) und Darina Eberhardt. Foto: Lea Weinmann