So überlebt man als Stuttgarter im Rheinland

Ihr plant einen Städtetrip nach Düsseldorf oder Köln und wollt waschechte Rheinländer kennenlernen? Wir haben ein paar Tipps für euch, damit der Kulturschock nicht ganz so heftig wird.

Stuttgart/Düsseldorf – Fährt ein Schwabe ins Rheinland… Da ist die ein oder andere Überraschung vorprogrammiert. Ihr wollt dem Kulturschock entgehen und euch noch ein paar Tipps zu vegetarischen Spots und zur Verkehrssicherheit abgreifen? Mit diesen Empfehlungen wird euer Besuch am Rhein ein voller Erfolg!

Nicht erschrecken: Rheinländer sind direkt!

Man muss sie mögen, die Rheinländer und ihre direkte Art. Die einen werden sich in den leicht ruppigen, aber immer herzlichen Umgangston sofort verlieben. Andere sind vielleicht erst einmal verdutzt, wenn sie vom Kellner konsequent geduzt und mit „Meine Liebe“ angesprochen werden.

Ein Ratschlag: Lasst euch einfach ganz locker darauf ein, duzt zurück, macht einen Scherz. Ihr werdet merken, wie angenehm entspannt es sein kann, wenn wir unsere unter Südländern doch verbreitete Distanziertheit einfach mal ablegen können.

Düsseldorf oder Köln

Die Gretchenfrage: Alt oder Kölsch, Fortuna oder 1. FC, Düsseldorf oder Köln. Entscheiden muss sich jeder! „Schmeckt doch beides ganz okay“ oder „Also, ich mag ja beide Städte“ wird einfach nicht akzeptiert. Eigentlich können wir das ganz gut verstehen: Wenn wir in Stuttgart Besuch empfangen, sollte der ja auch nicht Lobeshymnen auf Karlsruhe anstimmen…

Um noch einmal kurz auf Alt vs. Kölsch zurückzukommen: Was nun besser schmeckt, soll jeder selbst entscheiden. Aber wundert euch nicht über die Größe der Gläser: Eingefleischte Wasengänger werden mit den 0,2 oder 0,25 Liter kleinen Bierchen erst einmal überfordert sein – oder eher unterfordert. Doch keine Sorge: Für ständigen Nachschub ist gesorgt!

Düsseldorfer Altstadt: Ballermann 2.0

Die Düsseldorfer Altstadt ist bekannt als die „Längste Theke der Welt“. Wer einmal eine der Gassen entlanggelaufen ist, versteht auch, warum: Mehr als 260 Kneipen, Restaurants, Bars und Hausbrauereien reihen sich dort aneinander. Was man als Besucher aber vielleicht nicht so sehr erwartet, ist die Masse an (trinkenden) Touristen, die die Straßen der Altstadt vor allem am Wochenende bevölkern. Junggesellenabschiede, Junggesellinnenabschiede, Mannschaftsausflüge, noch mehr JGAs… Die Altstadt von Düsseldorf ist eine einzige Partymeile.

Pro Tipp: Wenn euch der Ballermann in Mallorca zu weit weg oder zu teuer ist, fahrt doch einfach ein Wochenende nach Düsseldorf! Wem die grölenden Massen aber definitiv zu viel sind, der sollte sein Altbier lieber unter der Woche in einer der vielen Hausbrauereien trinken. Oder sich eine Kneipe suchen, die ein bisschen außerhalb des Theken-Epizentrums liegt.

Foto: Moheb Anwari
Foto: Moheb Anwari

Immer genug Bargeld dabeihaben

Wenn wir gerade beim Trinken sind: Gerade in den Hausbrauereien in Düsseldorf und den Kneipen in der Kölner Altstadt kann man oft nicht mit Karte bezahlen. Und wenn es geht, dann nur mit seeehr viel Murren und entsprechenden Kommentaren der Bedienung – womit wir wieder bei der typisch rheinischen Direktheit wären.

Um euch das zu ersparen, schaut einfach, dass ihr immer genug Bargeld in möglichst kleinen Scheinen bei euch habt. Denn wer eine Rechnung über knapp zehn Euro bezahlen möchte und dann den Fuffi auspackt, erntet auch einen kleinen Anschiss: „Is dat dein Ernst, Jungchen?“

Achtung E-Scooter!

Dafür, wie ihr E-Scooter zuhause in Stuttgart nutzen könnt, haben wir euch schon ein paar Tipps mit auf den Weg gegeben. Auch den Städten Köln und Düsseldorf haben die Roller schon lange ihren Stempel aufgedrückt. Konkret bedeutet das: Ihr müsst ständig damit rechnen, auf dem Gehweg zur Seite springen zu müssen. Weil ein Mensch auf zwei Rädern euch von hinten überholt, von vorne in euch reinfährt oder direkt vor euch von seinem Scooter purzelt.

Besondere Vorsicht ist abends rund um die Innenstadt geboten, wenn teils stark angetrunkene Touris über Kopfsteinpflaster ratternd zu zweit auf einem Roller stehen. Gut ist, dass sie sich meistens mit einem lauten „HUUUIIIIII“ ankündigen – die Scooter selbst machen ja so gut wie keinen Mucks.

Rheinländische Küche heißt viel Fleisch. Aber es gibt auch anderes…

Die rheinländische Küche ist nicht gerade berühmt für vegetarische oder gar vegane Kost. Und da die Rheinländer viel Wert auf ihre Tradition und Echtheit legen, findet sich auf den Speisekarten in Brauhäusern und Kneipen auch selten mehr als ein vegetarisches Gericht.

Das heißt aber nicht, dass man als Vegetarier oder Veganer verhungern muss – im Gegenteil! Empfehlenswert ist in Düsseldorf beispielsweise eine der drei „Sattgrün“-Filialen. Ihr findet sie in Flingern, am Graf-Adolf-Platz und am Medienhafen. Dort sind alle Angebote zu 100 Prozent vegan! Auch in Köln ist die Auswahl an vegetarischen und veganen Restaurants riesengroß: Von der vegetarischen Kultkneipe, über vietnamesisches Essen bis hin zu veganem Sushi (!!) ist alles dabei.

Fotos: Lea Weinmann

Simon will Pfarrer werden: „Es geht nicht um die Institution!“

Die Kirche ist ein Auslaufmodell. So wirkt es zumindest mit Blick auf die Zahl der Kirchenaustritte. Simon Gottowik will trotzdem Pfarrer werden. Er kann die Kritik an der Institution verstehen – und fordert Veränderungen.

Stuttgart/Tübingen – „Die Zahlen sind desaströs“ – so lauteten kürzlich die ersten Worte eines Kommentars, den die katholische Kirche in Deutschland auf ihrer offiziellen Webseite veröffentlichte. Thema des Textes: Die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr. Zugegeben, die Statistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeichnen ein nicht gerade rosiges Bild: 216.078 Menschen haben demnach die katholische Kirche im Jahr 2018 verlassen – 29 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Bei der protestantischen Kirche sieht es nicht besser aus: Rund 220.000 Mitglieder kehrten der Institution im vergangenen Jahr den Rücken.

Simon will evangelischer Pfarrer werden

Kirche scheint also irgendwie out zu sein – kein Wunder, haben sich die beiden großen Vertreter des christlichen Glaubens in den vergangenen Jahren doch so einiges geleistet: Vertuschter sexueller Missbrauch in BEIDEN Kirchen, Protz-Bischöfe, Strukturen aus dem Mittelalter und teilweise genauso alte Denkmuster.

Trotz all dem – oder vielleicht auch gerade deswegen – hat sich Simon Gottowik dazu entschieden, evangelische Theologie zu studieren. Er will Pfarrer werden, ganz klassisch, weil Kirche für ihn das ist, „was man daraus macht“. Warum entscheidet sich ein junger Mensch heute noch dazu, bei einer so „verstaubten“ Institution mitzumischen? Und wie tickt ein angehender Pfarrer? Räumen wir erst einmal mit ein paar Klischees auf:

Drei Klischees über Theologiestudenten

Klischee Nr. 1: Du gehst jeden Sonntag in die Kirche.

Simon: „Nee. Ich bin ja auch politisch bei den Jusos aktiv, viel unterwegs und spiele auch Tennis – da passt es nicht immer. Aber wenn ich sonntags mal frei habe, dann geh ich auch in den Gottesdienst.“

Klischee Nr. 2: Du betest vor jedem Essen.

„Nein. Wenn mein Umfeld das macht, mach ich da gerne mit. Für mich persönlich war das aber nie so das Entscheidende.“

Letztes Klischee: Angehende Pfarrer sind ganz brave Studenten, die nie Party machen.

Simon lacht: „Ich studiere in Tübingen, also einer Stadt, in der es wirklich schade wäre, wenn man das Nachtleben auslassen würde. Ich wohne in einem Wohnheim mit anderen Theologie-Studis – und wir haben einen eigenen Weinkeller.“

Auf WG-Partys ist er schnell im Gespräch

Da es ihm an WG-Party-Erfahrung also nicht mangelt, fängt der 22-Jährige auch direkt an, von seinen „WG-Begegnungen“ zu erzählen. Die laufen bei ihm immer ein bisschen anders ab als bei seiner Freundin, die Wirtschaftsinformatik studiert: „Das ist so ein Fach, das nickt man irgendwie ab. Aber zu Theologie hat jeder was zu sagen.“ Die einen könnten damit überhaupt nichts anfangen, andere seien total begeistert, erzählt Simon.

Er wird zumindest immer schnell in Gespräche verwickelt – oft auch in philosophische oder sehr persönliche: „Das ist immer ganz faszinierend, wie schnell die Leute privat werden und ich mir denke: Wow, danach habe ich doch jetzt gar nicht gefragt, wir kennen uns doch erst eine Stunde.“ Aber diese Grenze gebe es bei Glaubensfragen oft einfach nicht.

Simon versteht die Ablehnung

Der Theologiestudent kann verstehen, dass vor allem junge Leute aus der Kirche austreten: „Wenn man liest, was Menschen im Namen von Religion treiben und wie Religion missbraucht wird – und dann sagt: ´Nee, mit Religion möchte ich nichts zu tun haben`, ist das erst einmal völlig verständlich.“

Er sei aber auch der Meinung, dass jeder die Kirche – gerade die evangelische Kirche – mitgestalten kann und sie zu dem mache, was sie sei: „Es ist ein großes Netzwerk, in dem jeder Einzelne zählt.“ Der angehende Pfarrer will Menschen helfen, will sie in den unterschiedlichsten Lebenslagen erreichen – und die Kirche scheint ihm dafür ein guter Ort zu sein: „Altenheime, Kindergärten, Obdachlosenhilfen, die Kirche mitten in der Innenstadt – das sind alles Orte, an denen Menschen zusammenkommen und das finde ich toll. Das will ich später mitgestalten.“

Ist es Zeit für Martin Luther 2.0?

Was ihn besonders fasziniert: Der Glaube bringe ganz unterschiedliche Leute zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander sprechen würden. „Da sitzt die Sparkassendirektorin neben dem Maurerazubi und das ist halt ganz normal.“ Trotz all der Austritte hat die evangelische Kirche in Deutschland immerhin noch mehr als 21 Millionen Mitglieder – es ist also eindeutig zu früh, von einem „Auslaufmodell Kirche“ zu sprechen.

Das ist aber kein Grund, nichts zu verändern. Simon Gottowik könnte sich auch vorstellen, dass man nochmal eine richtig große Reform anstößt – quasi Martin Luther 2.0. Der habe damals ja auch keine Rücksicht auf Traditionen genommen und alles neu aufgerollt. Anfangen würde der 22-Jährige zum Beispiel beim Sonntagsgottesdienst: Das Modell, dass sich einmal in der Woche (und dann auch noch an einem Sonntagmorgen!) alle aus der Gegend an einem Ort versammeln, funktioniere einfach nicht mehr. Dafür brauche es Alternativen, und die sollten möglichst flexibel sein.

„Statistiken zu wälzen, ist nicht unser Auftrag!“

Kirche sei oft damit beschäftigt, Statistiken zu wälzen und Traditionen zu bewahren – bloß die Institution sichern, so wie sie ist! „Aber das ist ja nicht unser Auftrag“, findet Simon. Kirche solle nicht bei sich selbst bleiben, sondern raus- und auf die Menschen zugehen – auf die Gefahr hin, dass sie danach eine ganz andere ist. „Ich kann daran aber nichts Schlechtes finden. Es geht um die Sache, nicht um die Institution!“

Fotos: Unsplash/Priscilla Du Preez (Titelbild), privat (Porträt Simon Gottowik)

Der Trottwar-Verkäufer vom Rotebühlplatz

Er ist einer der bekanntesten Verkäufer Stuttgarts. Vojtech Kökény steht jeden Tag am Rotebühlplatz und verkauft die Straßenzeitung Trottwar. Wer steckt hinter dem fröhlichen Lachen? Stadtkind hat sich mit ihm unterhalten.

Stuttgart – Es ist heiß in Stuttgart. Kreuz und quer wuseln die Menschen durch die Unterführung am Rotebühlplatz. Sie laufen alleine oder in Gruppen, im leisen Gespräch oder in Gedanken, aber alle den Blick fest auf den Boden gerichtet. Keiner hat Zeit, jeder ist spät dran, alle schwitzen. In der Monotonie von Füßegetrappel, Koffergeruckel und Rolltreppen-Geratter würde sich der Stuttgarter wunderbar wohl und anonym fühlen, wenn es nicht Vojtech Kökény gäbe.

350 Euro für die Schule der Tochter

„Bella, bella…Hallo, amigo!“, hört man ihn schon von Weitem rufen. Im tomatenroten Leibchen tut der 43-Jährige mitten in der gefüllten Passage das, was er verdammt gut kann: Straßenzeitungen verkaufen. Vojtech ist die Art Verkäufer, die man sich im Möbelhaus wünscht. Er reißt die Menschen auf wunderbar charmante Art aus ihrem Trott. Pfeifend, singend, sprücheklopfend zwingt er die Leute geradezu, aufzusehen, ihn anzusehen, ihm ein Lächeln zu schenken.

Wer ist der Mensch hinter dem gut gelaunten Verkäufer? Vojtech Kökény kommt aus der Slowakei. Seine ganze Familie lebt in der Heimat. Zu Hause muss er seine Frau und seine beiden Töchter ernähren. Die ältere geht jetzt auf eine neue Schule. „Die kostet 350 Euro im Monat“, seufzt Vojtech. Aber das ist es ihm wert: „Gute Schule, viel lernen!“

„Schreiben sie: Alles gut.“

Im Zwei- bis Drei-Wochentakt fährt der Familienvater nach Hause in die Slowakei und bleibt zwei Wochen. Dann wieder drei Wochen nach Deutschland, zum Geld verdienen. „In Slowakei gibt es keine Arbeit. Gibt einfach nichts. Deswegen komme ich hierher.“ Insgesamt arbeiten momentan 133 Verkäufer aktiv bei Trottwar. Rund 70 davon sind Slowaken, so Thomas Schuler, der Verkäufersprecher bei Trottwar.

Vojtech Kökény ist seit vier Jahren dabei. Drei davon steht er nun schon am Rotebühlplatz. Vojtech ist immer da: Montag bis Freitag, von morgens um 7 Uhr bis abends um 17 oder 18 Uhr. Samstags steht er zusätzlich in der Königstraße.

Die Straßenzeitung kostet 2,20 Euro, die Hälfte davon geht direkt an ihn, die andere Hälfte ist eine Spende für Trott-war. An einem Tag verkauft der Slowake zwischen 20 und 30 Zeitungen. Was kommt da am Ende des Monats zusammen? „Mit Trinkgeld sind es ungefähr 600 oder 700 Euro.“ Reicht das? Vojtech lacht unsicher. Er zählt auf, was er alles bezahlen muss. Sagt dann: „Ist okay, okay. Schreiben sie: Alles gut.“ Im Vergleich gehört er in der Slowakei mit diesem Einkommen sogar zu den Besserverdienern, so Verkäufersprecher Schuler.

Leben auf der Straße

Trott-war ermöglicht den Verkäufern außerdem Zugang zu einer kostenlosen Kleiderkammer. Vojtech zeigt auf sein T-Shirt, seine Jeans, seine Schuhe: „Alles Trottwar. Sehr viel Hilfe.“ Eine Wohnung hat der Zeitungsverkäufer in Stuttgart nicht. Viel zu teuer. Er darf in der Wohnung seines Kumpels am Neckartor schlafen. Das Glück hat nicht jeder: „Viele von meinen Kollegen schlafen unter der Brücke. Das ist nicht gut.“

Verkäufersprecher Schuler bestätigt die schwierige Wohnungslage. Man sei zwar immer bemüht, Wohnungen zu finden, aber der Markt sei gerade einfach katastrophal. Viele schlafen unter freiem Himmel oder in Autos – sehr kritisch, denn momentan ist zwar Hochsommer, aber der nächste Winter kommt gewiss: „Trott-war hat keine Lust auf erfrorene Verkäufer“, sagt Schuler trocken. Auch Vojtechs slowakischer Freund schläft in seinem Auto im Autopark. Mit diesem Auto pendeln die beiden von Stuttgart in die Slowakei und zurück.

Viele grüßen ihn

Viel Deutsch kann der Verkäufer nicht, was das Interview schwierig macht. Doch wenn der 42-Jährige etwas nicht versteht, fängt er im Zweifel einfach an zu lachen und sagt: „Ist normal, alles gut!“ Seine offene Art hat ihn bekannt gemacht. Alle paar Minuten kommen Menschen auf ihn zu, er begrüßt sie mit Vornamen und führt kurze Gespräche. Viele kommen jeden Tag hier vorbei. In den drei Jahren hat Vojtech Kinder aufwachsen sehen: „Die kommen immer und plötzlich wupp, so groß“, sagt er und hebt die Hand auf Höhe seines Kinns.

„Meine Arbeit ist mein Hobby“

Vojtech dreht sich kurz zur Rolltreppe und genießt die kühlere Brise, die von der S-Bahn nach oben weht. Sein rotes Leibchen flattert im Wind und lässt ihn ein bisschen aussehen wie Superman. Dann ruft er wieder: „Amigo, hallo-ho, stoppi, einen Moment…okay, nicht, schönen Tag, tschüss!“ Doch fast alle laufen an dem Verkäufer vorbei. „Keine Zeit, schnell, schnell, jaja…“, sagt er. „Die Menschen haben immer keine Zeit. Arbeit, Schule…aber ist normal!“ Vojtech macht trotzdem weiter.

„Viele fragen mich, woher die Energie und gute Laune kommt“, erzählt er. Eine Antwort hat er aber selbst nicht. Im Grunde ist es aber ganz einfach: „Nicht gut gelaunt sein heißt keine Zeitung verkaufen. Es ist alles Kommunikation.“ Wenn er müde ist, fängt er einfach an zu tanzen. „Dann geht’s wieder. Und Kaffee!“ Nach einem Arbeitstag ist Vojtech aber auch fertig. Er will dann nur noch essen, duschen und schlafen. Hobbys? „Meine Arbeit ist mein Hobby.“ Vojtech strahlt wieder. Eine junge Frau rennt zur S-Bahn. „Langsam bella, langsam. Nicht fallen. Ganz kurz, hier, neue Ausgabe?“ Doch die Frau ist schon auf der Rolltreppe verschwunden.

Aktivistin aus Stuttgart: „Jedes Kind soll wählen dürfen“

Marianne Siebeck ist Schülerin und Aktivistin. Zusammen mit anderen macht sie sich im Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ stark – und kettet sich für ihre Überzeugung auch mal an den Bundestag. Stadtkind hat mit ihr gesprochen.

Stuttgart – Marianne Siebeck redet schnell und viel. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine ganz normale Schülerin: 19 Jahre ist sie alt und steckt mitten im Abitur. Aber dann gibt es eben diese Tage, an denen sie in der Schule fehlt, weil sie Lobbyismus im Bundestag macht – oder sich an dessen Kuppel festkettet. Marianne ist Aktivistin. Sie kämpft dafür, dass Kinder und Jugendliche eine politische Stimme bekommen. Im Interview mit Stadtkind spricht die Stuttgarterin nicht nur darüber, was passiert, wenn man sich an den Bundestag kettet. Sie erzählt außerdem, warum Politiker auch nur Menschen sind und was sie mit dem Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ erreichen will, den sie mitgegründet hat.

„Wir waren angekettet, bis sie mit dem Bolzenschneider kamen“

Stadtkind Stuttgart: Du hast dich vor einiger Zeit mit anderen an den Bundestag festgekettet. Warum hast du das gemacht?

Marianne Siebeck: Das war gemeinsam mit verschiedenen Aktivisten aus ganz Deutschland – nicht von unserem Verein aus. Ich habe schon Lobbyismus im Bundestag gemacht und gemerkt, dass mich die Politiker nicht ernst nehmen. Wir haben deshalb überlegt, wie wir unser Anliegen künstlerisch darstellen können. Und da wir künftigen Generationen untrennbar mit dem Bundestag verbunden sind, haben wir uns angekettet. Die Message dahinter war: Wir wollen eine politische Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen.

Wie lange wart ihr da angekettet?

Eineinhalb Stunden tatsächlich. Die waren dort erst sehr überfordert, aber irgendwann kamen sie eben mit einem Bolzenschneider. Wir hatten einen Brief an die Bundesregierung geschrieben, in dem wir unser Anliegen klar formuliert hatten. Wir wollten auch selbstständig gehen, nachdem wir den Brief übergeben durften. Das wurde uns untersagt und wir wurden in Gewahrsam genommen. Dann wurden die Personalien aufgenommen und nach zwei Stunden durften wir wieder gehen.

„Die Konsequenz ist: noch konsequenter sein“

Habt ihr mit der Aktion etwas Konkretes erreicht?

Unser direktes Ziel, diesen Brief zu überreichen, haben wir nicht erreicht. Im ersten Moment habe ich mich sehr geärgert, weil ich es nicht verstehen konnte. Aber drumherum ist ja viel entstanden: Wir haben es in die Medien geschafft, Aufsehen erregt und es ist eine Petition mit mehr als 50.000 Unterschriften entstanden. Es ist vielleicht ein bisschen unverhältnismäßig, deswegen jetzt eine Anzeige zu bekommen, aber die Konsequenz, die ich daraus ziehe, ist noch konsequenter zu sein. Das war nicht die letzte Aktion in diese Richtung.

Diese Anzeige macht dir nichts aus?

Das macht mir schon was aus und es hat mir auch echt Angst gemacht, aber ich habe irgendwann in meinem Leben entschieden, dass ich nicht mehr so gegen mein Gewissen handeln möchte. Dafür muss ich auch Folgen wie diese in Kauf nehmen.

„Bildung ist fast wie ein diktatorisches System“

Nun kettest du dich nicht jeden Tag an Gebäude. Du bist auch sehr aktiv in dem Verein „Demokratische Stimme der Jugend“. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine demokratische Jugend-NGO. Entstanden ist die aus dem „Bildungsgang“. 2017 sind ganz viele Jugendliche in Stuttgart auf die Straße gegangen, weil sie unzufrieden waren mit dem Bildungssystem, wie es gerade ist. Der Verein ist eine Jugendbewegung, ein Gremium kann man fast sagen, in dem wir nicht nur einzelne Themen wie Bildung betrachten, sondern uns die Dinge grundlegend anschauen und sie verändern wollen.

Was stört euch denn an dem aktuellen Bildungssystem?

Bildung wird momentan kollektiv gedacht. Wir haben Systeme, in die man einfach reinpassen muss. Es gibt keine Möglichkeit für selbstbestimmte Bildung, für Selbstentfaltung. Man könnte fast von einem diktatorischen System in der Demokratie sprechen.

Erinnerst du dich an konkrete Situationen, in denen du das Gefühl hattest, dich in der Schule nicht entfalten zu können?

Ich erinnere mich an sehr viele Momente, in denen ich Fragen hatte, die weiter gingen, als der Lehrstoff es vorgesehen hatte. Der Lehrer sagte dann: „Das hat hier gerade keinen Platz, das passt nicht.“ Und ich habe meine Fragen zurückgestellt und konnte nur das nehmen, was der Lehrer mir gegeben hat.

„Jedes Kind soll wählen dürfen“

Eure konkrete Forderung ist unter anderem ein Deutscher Jugendrat. Was soll das sein?

In unserer Demokratie wird eine ganze Generation ausgeschlossen, die in Zukunft aber die Folgen der heutigen Entscheidungen zu tragen hat. Diese junge Generation soll auf Bundesebene ein Gremium bekommen, das ihre Interessen vertritt und es soll ein Zukunftsveto haben, beispielsweise bei Entscheidungen wie dem Kohleausstieg. Dass wir sagen können: Nein, es ist unsere Zukunft, die hier gerade verspielt wird. Der Jugendrat soll dafür sorgen, dass Jugendliche Mitentscheidungsrechte haben und mehr das Gefühl haben, ein Teil sein zu können.

Ihr setzt euch auch für ein Kinder- und Jugendwahlrecht ein. Ab wie vielen Jahren soll man denn wählen dürfen?

Ab dem Zeitpunkt, zu dem man sich selbstständig in ein Wahlregister einträgt. Jedes Kind, das wählen will, soll wählen dürfen.

Wenn meine Eltern mir als Kind gesagt hätten, ich soll mich registrieren und die oder die Partei wählen, hätte ich das vielleicht gemacht. Meinst du nicht, dass Kinder von außen manipuliert werden könnten?

Damit wäre natürlich zwangsläufig eine Veränderung in ganz vielen Bereichen verbunden. Politische Bildung hätte plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Man müsste in der Schule viel darüber reden, wie man sich eine politische Meinung bildet. Natürlich ist Manipulation eine Gefahr, aber die müsste thematisiert werden. Und Kinder haben auch ihre eigene Meinung.

Denkst du wirklich, dass jeder Jugendliche unter 18 Jahren schon eine politische Meinung hat?

Ich bezweifle, dass die Erwachsenen alle eine haben… Das ist aber auch keine Begründung dafür, ihnen das Grundrecht der Mitbestimmung in einer Demokratie zu entziehen. Bei erwachsenen ist der IQ und die politische Bildung auch nicht ausschlaggebend für das Wahlrecht.

„Politiker sind auch nur Menschen“

In Baden-Württemberg stehen bald die Kommunalwahlen an, bei denen man schon mit 16 Jahren wählen darf. Hältst du diese Wahlen auch für wichtig?

Klar! Auf jeden Fall sollte man wählen! Nur ist man nicht nur mitverantwortlich an dem Tag, an dem man sein Kreuzchen macht. Man kann sich im Rathaus die Sachen anhören oder Rathausabgeordnete anrufen. Politiker sind auch nur Menschen. Die werden so oft als Bösewichte dargestellt – und sie verbocken auch wirklich viel – aber sie sind auch nur gefangen im System.

Was du so erzählst, klingt alles nach viel Aufwand. Du steckst gerade mitten im Abitur. Wie kriegst du das alles unter einen Hut?

Das glaubt mir kaum noch jemand, aber es ist möglich. Es geht viel mehr, als man immer denkt. Ich bin da auch nicht besonders, das ist nicht angeboren. Man muss es nur machen. Wobei ich es nicht verherrlichen will. Natürlich kämpfe ich auch mit der Schule, ich hatte die letzten Jahre nicht die besten Anwesenheiten, aber das Drumherum ist so gut, dass ich das auch innerlich irgendwie stemmen kann.

Willst du nach dem Abitur in die politische Richtung?

Viele sagen, ich soll es machen. Ich kann mir eher vorstellen, mich in das Geld- und Wirtschaftssystem einzuarbeiten. Mir will nicht in den Kopf, wie das so ungerecht sein kann, also manche Leute in Geld schwimmen, während andere verhungern. Und dann von außen auf die Politik zugehen, also mehr Lobbyismus. Mir ist der politische Apparat irgendwie zu schwerfällig. Nach dem Abi werde ich aber erstmal nach Berlin ziehen und ein oder zwei Jahre mehr Power in den Verein stecken.

Kommunal-
wahl: „Da geht mir das Politikherz auf“

Die Studentinnen Charlotte und Darina erklären Schülern, wie Kommunalpolitik funktioniert. Bestenfalls haben die Jugendlichen danach Bock, wählen zu gehen. Klingt nach keiner leichten Aufgabe. Wie stellen sie das an? Und bringt das überhaupt was?

Stuttgart – Charlotte Meyer zu Bexten redet schnell, fast außer Atem, wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt: Politik. Sich selbst nennt sie „ein bisschen nerdy“, was das angeht. Charlotte hat nicht nur Politikwissenschaften in Tübingen studiert, sie will auch junge Leute für Politik begeistern – oder zumindest erreichen, dass sie sich einmal damit auseinandergesetzt haben.

Politik ist gleich alte, weiße Männer auf Plakaten?

Die Studentin arbeitet als „Teamerin“ für die Landeszentrale für politische Bildung (LpB), die mit ihrer aktuellen Kampagne versucht, besonders die Erstwähler anzusprechen. So kurz vor der Kommunal- und Europawahl am 26. Mai haben Charlotte und ihre Kollegen ordentlich zu tun. Sie erklären, organisieren Planspiele, hüpfen von einer Schule zum nächsten Aktionstag, um den Schülern das nahe zu bringen, was viele erst einmal ziemlich öde finden: Kommunalpolitik. Urgh.

„Natürlich ist Politik auf den ersten Blick weder cool noch sexy“, gibt die 24-Jährige zu. Die meisten würden dabei direkt an alte, weiße Männer und irgendwelche Wahlplakate denken. Oft fehle in Sachen Kommunalpolitik einfach das Wissen, sagt Charlotte: „Das ist auch verständlich. Es ist ja schon kompliziert, überhaupt diesen Wahlzettel bei der Kommunalwahl auszufüllen.“

2014 ging nicht mal die Hälfte aller Bürger zur Wahl

Viele seien auch der Meinung, Kommunalpolitik sei sowieso nicht so wichtig. Charlotte kann das nicht verstehen: „Die Wahlbeteiligung ist nirgends so gering wie bei den Gemeinderatswahlen, dabei kann man da mit seiner Wahl doch noch am meisten bewegen! Ich will doch beeinflussen können, was direkt vor meiner Haustür passiert, oder? Bei der letzten Gemeinderatswahl im Jahr 2014 ging laut dem Statistischen Landesamt Baden-Württemberg nicht einmal die Hälfte aller Bürger zur Wahl.

Kompliziert, langweilig, sowieso nicht wichtig für mich – nicht gerade leichte Voraussetzungen für Charlotte und ihr Team, um Erstwähler doch zu erreichen. Ihr Geheimrezept: „Empathie und Augenhöhe“, sagt Darina Eberhardt, ebenfalls Teamerin von der LpB. Die Teamer sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, alle ein bisschen politikverrückt und mit den Schülern meistens per Du. „Wir erklären nichts von oben runter und halten auch keinen Vortrag“, sagt die Studentin.

„Jeder sollte sich mal damit auseinandersetzen“

Das Ziel der Teamer sei auch nicht unbedingt, dass die Leute alle wählen gehen – „wobei das natürlich schön wäre“, ergänze Charlotte. „Grundsätzlich wollen wir aber einfach, dass man sich mit dem Thema mal auseinandergesetzt hat. Es steht einem dann ja auch frei, nicht wählen zu gehen.“

Im Gegensatz zu Charlotte, die schon seit zwei Jahren für die LpB arbeitet und damit quasi schon ein alter Hase ist, kam Darina erst im März dieses Jahres ganz frisch ins Team. In ihrer Familie – ihre Eltern kommen aus der ehemaligen Sowjetunion – wurde nie wirklich über Politik gesprochen. „Deswegen hat es auch sehr lange gedauert, bis ich mich dafür überhaupt interessiert habe“, erzählt sie. Heute hat sie einen Bachelor in Politikwissenschaft.

Nur selten sind die Teamer in Real- und Hauptschulen unterwegs

Gerade wegen ihrer eigenen Geschichte ist es Darina besonders wichtig, die jungen Menschen anzusprechen, die sonst mit Politik gar nicht in Berührung kommen. Deswegen finden es die beiden Studentinnen auch so schade, dass sie meistens in Gymnasien unterwegs sind und nur selten in Real- oder Hauptschulen. Die Schulen müssen auf die LpB zugehen und die Teamer buchen – und das machen eben hauptsächlich Gymnasien.

Charlotte und Darina sind dennoch davon überzeugt, dass ihre Arbeit etwas bringt. Natürlich wisse man nie genau, was in den Leuten vorgeht und ob sie am Ende wirklich wählen gehen oder nicht.  „Aber manchmal“, erzählt Charlotte, „kommt nach der Veranstaltung ein Schüler oder eine Schülerin zu mir uns sagt: ‚Hey, ich wollte eigentlich gar nicht wählen gehen und wusste gar nicht, um was es da geht. Aber jetzt geh ich vielleicht schon.‘ Da geht mir dann das Politikherz auf.“

Charlotte Meyer zu Bexten (links) und Darina Eberhardt. Foto: Lea Weinmann

Diese jungen Stuttgarter wollen in den Gemeinderat!

Lokalpolitik ist verstaubt und nur was für alte Leute? Von wegen! Diese jungen Stuttgarter beweisen das Gegenteil: Jasmin, Maximilian und Marcel machen sich für ihre Stadt stark. Stadtkind haben sie ein paar Details über sich und ihre politischen Erfahrungen verraten.

Stuttgart – Zugegeben: Kommunalpolitik, das klingt schon kompliziert, verstaubt, trocken, alt. Aber das muss nicht sein. Diese jungen Stuttgarter wollen am 26. Mai in den Gemeinderat gewählt werden. Ihre besten Polit-Stories, was sie als Bürgermeister sofort ändern würden und welche Politiker-Phrase sie wirklich nicht mehr hören können, haben sie Stadtkind verraten.

Jasmin Meergans, 24 Jahre alt

Stuttgart ist für mich… Wahlheimat und mittlerweile Zuhause. Für mich ist Stuttgart deshalb ein Gefühl des Ankommens. Und auch einfach ein spannender Ort mit super vielen, verschiedenen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft.

Warum machst du Kommunalpolitik? Weil man damit direkt was verändern kann und diese Veränderung auch ziemlich schnell sieht. Außerdem kommt man mit vielen Leuten in Kontakt und ist sehr nah dran an den Menschen – im Vergleich zu anderen politischen Ebenen. Die Leute können, wenn sie wollen, direkt vor meiner Haustür stehen.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Dann kümmere ich mich um geflüchtete Menschen, helfen ihnen bei Behördengängen, Arztbesuchen, beim Lernen. Und wenn ich mal wirklich frei habe, dann bin ich gerne an schönen Orten.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Ich würde eine Initiative starten für günstigeren ÖPNV.

Traumberuf: Politiker? Nein, momentan ist mein Traumberuf Lehrerin. Was die Zeit bringt, kann ich aber natürlich nicht wissen.

Deine beste Polit-Story? Einmal habe ich Häuserwahlkampf gemacht und ein Mann öffnete die Tür und stand splitternackt vor mir. Ich habe einfach meinen Wahlkampf durchgezogen und der Mann war auch sehr nett und interessiert.

Die schlimmste Politikerphrase? Was mich besonders nervt, ist, wenn Leute sagen: „Ihr jungen Menschen habt ja keine Ahnung vom Leben.“

Was ist typisch Stuttgart? Die Mischung aus Innen- und Außenstadt: In der Innenstadt ist es sehr urban, aber man ist auch sehr schnell draußen im Grünen, wo man sich fast wie in einer Kleinstadt oder auf dem Dorf vorkommt.

Jasmin kommt aus Nordhessen und ist 2013 zum Studieren in den Kessel gezogen. Sie studiert Mathematik und Chemie auf Gymnasiallehramt. Im Jahr 2012 ist Jasmin in die SPD eingetreten, seit 2014 ist sie Mitglied im Bezirksbeirat Mühlhausen. Bei der Kommunalwahl ist sie eine der beiden Spitzenkandidaten ihrer Partei.

Foto: Benjamin Hahn/Fotografie Hahn

Marcel Roth, 26 Jahre alt

Stuttgart ist für mich… regelmäßig unterschätzt. Es gibt hier unzählige nice Initiativen, die so gar nicht zum Spießerimage passen, das diese Stadt immer noch hat.

Warum machst du Kommunalpolitik? Weil ich den jungen, kreativen, unangepassten Stuttgarter*innen eine Stimme geben möchte. Die brauchen nämlich mehr Platz in dieser Stadt.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Dann trinke ich Kaffee oder Bier am Marienplatz oder tanze in Stuttgarts elektronischen Clubs.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? An allen großen Straßen Spuren und Parkplätze umwandeln zu grünen Plätzen und Radwegen.

Traumberuf: Politiker? Ich habe schon erfahren, wie langsam die Dinge manchmal in einer Demokratie voran gehen. Für ungeduldige Menschen wie mich ist es deshalb vielleicht nicht der Traumberuf, aber einer, der verdammt viel Sinn macht.

Deine beste Polit-Story? Als Grüne Jugend haben wir uns für die Abschaffung des Alkoholverkaufsverbots stark gemacht. Als dann am ersten Tag nicht mehr die Supermarktkasse gepiepst hat, weil es 22.01 Uhr war und wir drauf anstoßen konnten – das war ein gutes Gefühl!

Die schlimmste Politikerphrase? „Wer ein bisschen gesunden Menschenverstand hat…“ Es gibt keinen objektiven gesunden Menschenverstand und sollte es ihn geben, dann hat der CSU-Verkehrsminister Scheuer am wenigsten davon. Der benutzt diese Phrase nämlich immer, um zum Beispiel gegen das Tempolimit zu argumentieren.

Was ist typisch Stuttgart? Das südländische Flair: Wenn die Sonne rauskommt, kommen wirklich alle aus ihren Löchern gekrabbelt. Besonders gut zu sehen in der Tübinger Straße bei mir um die Ecke, die mittlerweile mehr Hipster-Catwalk als Fahrradstraße geworden ist.

Marcel wohnt seit vier Jahren am Marienplatz und ist seit 2013 bei der Grünen Jugend – noch bis Mitte Mai als Landessprecher. Am Wochenende geht er gerne zu elektronischer Musik feiern, Rennrad fahren oder schwimmen im Hallenbad Heslach.

Foto: Jochen Detscher

Maximilian Mörseburg, 27 Jahre alt

Stuttgart ist für mich… Heimat.

Warum machst du Kommunalpolitik? In die CDU bin ich aus Interesse an der Bundes- und Landespolitik eingetreten. Dort habe ich schnell gemerkt, dass vor Ort mindestens genauso viele Entscheidungen getroffen werden, die einen persönlich berühren.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Ich habe Anfang des Jahres mein Jurastudium abgeschlossen und bin jetzt Rechtsreferendar am Landgericht Stuttgart.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Die Theodor-Heuss-Straße an einigen Wochenenden im Jahr für Festivals, Public Viewing oder andere Events sperren.

Traumberuf: Politiker? Jura ist mein Beruf. Politik ist mein Hobby. Das soll erst einmal so bleiben.

Deine beste Polit-Story? Die Junge Union hier aus der Gegend hat letztes Jahr einen Antrag geschrieben, der DUH (Anm. d. Red.: Deutsche Umwelthilfe) die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Dieser Antrag ging dann bis zum CDU-Bundesparteitag, wo er viel Aufmerksamkeit erregt hat. Das Magazin Monitor witterte dahinter eine große Verschwörung der „Autolobby“, da sie den ehemaligen VdA Präsidenten Matthias Wissmann auf einer CDU Homepage gefunden hatten. Dabei hat ein Freund von mir den Antrag geschrieben; Matthias Wissmann wurde dort seit Jahren nicht mehr gesehen.

Die schlimmste Politikerphrase? „Die Altparteien“

Was ist typisch Stuttgart? Die Stadtbezirke, eine starke Wirtschaft, Weinreben in der Stadt, viel Wald und leider auch viel Stau.

Maximilian ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Er ist CDU-Mitglied und Vorsitzender der Jungen Union Stuttgart. Am 26. Mai kandidiert er auf Platz 5 der CDU-Liste für den Stuttgarter Gemeinderat.

Foto: privat

How to Kommunal-
wahl in Stuttgart?

Am 26. Mai ist Megawahltag in Stuttgart! Aber was wird da eigentlich gewählt? Was macht Kommunalpolitik? Und was zum Teufel ist Kumulieren und Panaschieren? Wir haben die wichtigsten Antworten.

Stuttgart – Hä, aber ist am 26. Mai nicht Europawahl? Ja. Und die ist wichtig. Genauso wichtig ist aber die Kommunalwahl. Genau, Lokalpolitik. Nein, nicht genervt wegklicken, es wird gar nicht so schlimm. Versprochen. Kommunalpolitik ist spannend, wenn man sie mal verstanden hat. Deswegen haben wir die wichtigsten Antworten auf die Fragen, die ihr schon immer hattet, aber nie zu stellen gewagt habt. Oder wir erleichtern euch einfach das Googeln. Egal wie: Go vote!

Wer darf wählen?

Wählen darf seit dieser Kommunalwahl jeder, der mindestens 16 Jahre alt ist und seit mindestens drei Monaten seinen Hauptwohnsitz in der Gemeinde hat.

Wer darf mitmachen?

Antreten können prinzipiell alle, die

  • Deutsche oder EU-Bürger sind,
  • volljährig sind,
  • seit mindestens drei Monaten ihren Hauptwohnsitz in der Gemeinde
  • nicht von der Wählbarkeit ausgeschlossen sind (das betrifft aber nur Sonderfälle, zum Beispiel bestimmte Beamte).

Einfacher ausgedrückt: Alle, die in einer Gemeinde leben und sich politisch einbringen wollen – egal, ob jung oder alt, erfahren oder nicht, Hausmann oder Großverdienerin.

Kleiner Haken bei der Sache: Gewählt wird anhand von Wahlvorschlägen, den Kandidatenlisten. Die muss man als Wählervereinigung oder Partei einreichen. Wer auf keiner Liste steht, kann also auch nicht gewählt werden.

Was wird da eigentlich gewählt?

Am 26. Mai ist ein Superwahltag: Neben den Europawahlen werden in den Kommunen die Gemeinderäte, Ortsräte und auch die Kreistage gewählt. Diese Wahlen finden alle fünf Jahre statt – die letzte Kommunalwahl war also im Jahr 2014.

Was machen Kommunalpolitiker?

Der Gemeinderat ist das politische Hauptorgan und die Vertretung aller Bürger einer Gemeinde. Gemeinderatsmitglieder haben viele Aufgaben – grundsätzlich bestimmten sie vor allem, was mit dem Geld in einer Gemeinde, zum Beispiel in Stuttgart, passiert. Man darf sie aber weniger als ein Parlament sehen, sondern mehr als Verwaltungsorgan, das die Verwaltung einer Gemeinde lenkt.

Je nachdem, wie groß die Gemeinde ist, kann die Anzahl der Räte zwischen acht (wie in der kleinen Gemeinde Böllen) und sechzig (so viele sind es in Stuttgart) schwanken. Die Mitglieder arbeiten alle ehrenamtlich, wobei sie je nach Größe des Rats eine Aufwandsentschädigung erhalten. Der Vorsitzende des Gemeinderats ist der (Ober-)Bürgermeister, in Stuttgart aktuell also Fritz Kuhn (Grüne).

Die Sitzungen des Gemeinderats sind übrigens öffentlich – wenn die Mitglieder also über Gelder entscheiden, kann man jederzeit dazukommen und sich das anhören.

Einen Ortschaftsrat gibt es immer dann, wenn Gemeinden verschiedene räumlich getrennte Ortsteile haben. In diesen Ortsteilen gibt es dann eigene Ortschaftsräte mit einem Ortsvorsteher an der Spitze. Sie kümmern sich um Dinge in diesem speziellen Ortsteil.

Der Kreistag trägt die politische Gewalt in den Landkreisen. Er trifft wichtige politische Entscheidungen für den Landkreis, soweit nicht der Landrat selbst – das ist der Vorsitzende des Kreistags – dafür verantwortlich ist.

Achtung, jetzt wird’s kompliziert: Stuttgart ist kein Landkreis, sondern einer von neun Stadtkreisen in Baden-Württemberg (die anderen sind Baden-Baden, Freiburg, Heidelberg, Heilbronn, Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Ulm). Das bedeutet: Obwohl Stuttgart (genauso wie die anderen acht) nur eine Stadt ist, gehört sie keinem übergeordneten Landkreis an und darf als „kreisfreie Stadt“ alle politischen Angelegenheiten selbst regeln, die normal der Landkreis übernehmen würde.

Nochmal ausführlicher erklärt ist das alles hier.

Kumulieren, panaschieren, say what?! Wie wird gewählt?

Zugegeben: Es gibt leichtere Wahlen als die Kommunalwahl. Hier aber ein Erklärungsversuch: Alle, die wählen dürfen, erhalten erst einmal eine Wahlbenachrichtigung mit der Post. Zusammen mit der und eurem Personalausweis geht’s dann am 26. Mai in euer Wahllokal.

Bei der Gemeindewahl habt ihr dann so viele Stimmen, wie Mitglieder im Gemeinderat sitzen werden – in Stuttgart also satte 60. Die stehen alle auf dem riesigen Wahlzettel. Wer will, kann den Zettel genau so abgeben. Bei vollkommen unveränderten Wahlzetteln bekommt dann jeder Kandidat eine Stimme. Bei der letzten Kommunalwahl hat das fast die Hälfte aller Wähler in Stuttgart so gemacht. Ihr könnt eure Stimmen aber auch anders verteilen, also „kumulieren“ oder „panaschieren“.

Kumulieren bedeutet, dass man Stimmen „anhäuft“. Im Klartext: Man darf einem Kandidaten bis zu drei Stimmen auf einmal geben.

Panaschieren heißt frei übersetzt „wild mischen“. Das Panaschieren erlaubt, dass man Kandidaten von Hand auf die Liste einer anderen Partei schreiben darf oder mehrere Listen unterschiedlicher Parteien abgibt.

Aber Achtung: Wer sich verzählt und insgesamt mehr als die erlaubte Stimmenanzahl angibt, dessen Wahl wird ungültig. Also dringend nachzählen!

Allen, denen das zu schnell ging, ist dieses Erklärfilmchen vielleicht eine Hilfe:

Ist das nicht alles super unwichtig?

Bekommt Stuttgart neue Radwege? Gibt es im Rathaus freies WLAN? Werden die Preise für die Freibäder erhöht? Wie sehr werden die Museen, Theater, die lokalen Kultur- und Jugendgruppen Stuttgarts finanziell unterstützt? Das interessiert euch alles kein bisschen? Dann braucht ihr auch nicht wählen zu gehen – aber wehe, in den nächsten fünf Jahren meckert jemand!

Foto: Unsplash/Brooke Cagle

Zwei Stuttgarter wollen mit einem Elektroauto durch Eurasien

Konstantin Neumann und Marina Selezneva wollen durch Eurasien touren. 50.000 Kilometer, nur mit einem Elektroauto. Ihr Ziel: weltweit so viele nachhaltige Start-ups wie möglich vernetzen. Wie wollen sie das anstellen?

Stuttgart – In einem knappen Jahr quer durch Europa und ganz Asien, 50.000 Kilometer – und das alles mit einem Elektroauto. Was Konstantin Neumann und seine Verlobte Marina Selezneva sich da vorgenommen haben, könnte auch ordentlich schief gehen. Aber wer große Ziele und Visionen hat, der muss dafür eben große Risiken eingehen, vielleicht mal nicht alles bis ins Detail durchdenken und vor allem optimistisch bleiben.

Im ersten Semester kam das erste Start-up

Konstantin ist so ein Großdenker. Der 22-Jährige kommt gebürtig aus einem kleinen Dorf in Sachsen – was man ihm nicht anhört, er erzählt es einfach gerne. Genauso gerne und oft erzählt er die Geschichte von dem großen Garten seiner Oma, in dem in seiner Kindheit so viele Sorten Obst und Gemüse wuchsen und unverpackt auf dem Tisch landeten.

Schon früh habe er sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Zum Studieren zog es den Sachsen nach Stuttgart, er begann an der Universität Hohenheim, Lebensmittelwirtschaft und Biotechnologie zu studieren. In der Stadt und im Supermarkt musste er dann sein Gemüse in Plastik verpackt kaufen. Nur studieren war ihm schnell zu langweilig, zu gewöhnlich. Noch im ersten Semester, im März 2017, gründet Konstantin mit Kommilitonen sein erstes Start-up: nachhaltige, essbare Trinkhalme, gefertigt aus Apfelresten.

Die Studenten schaffen es mit ihrem Produkt in die Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“, verkaufen die Trinkhalme bald weltweit, sind erfolgreich. Konstantin bricht sein Studium ab und widmet sich voll und ganz der Start-up-Welt. Andere würden sich mit diesem Lebenslauf zufriedengeben, aber dem Wahl-Stuttgarter ist das nicht genug. Ihn zieht es weiter, er denkt größer.

„Das Wissen ist da, man muss nur miteinander reden.“

Vor einem guten Monat hat der 22-Jährige seine Anteile an dem mittlerweile zehnköpfigen Start-up verkauft und stattdessen gemeinsam mit seiner Verlobten den Verein „The Way We Go“ gegründet. Mit ihrer Organisation wollen sie ein weltweites Netzwerk nachhaltiger Start-ups aufbauen, den „internationalen Wissens- und Technologietransfer fördern“, wie Marina Selezneva es ausdrückt.

„Wir sind der Meinung, dass man die Probleme auf der Welt lösen kann, wenn man sie global betrachtet und angeht“, sagt Konstantin. „Das Wissen ist da, man muss nur miteinander reden.“ Mehr als 40 nachhaltige Start-ups seien dem Verein schon beigetreten, sagen die Gründer. Um ihr Netzwerk weiter auszubauen, nehmen die beiden nun den eurasischen Markt in den Fokus. Da macht sich so eine nachhaltige Reise durch fast alle Länder natürlich gut.

30.000 Euro für den Umbau, Solarpanels für die Wüste

In den Ländern wollen die beiden Gespräche führen, Interviews, Vorträge an Universitäten und in Schulen halten, Projekte wie Müllsammelaktionen starten – oder kurz gesagt: Bewusstsein für eine nachhaltige Lebenshaltung wecken. Begleitet werden sie von einem Kameramann, denn aus dem Projekt soll auch ein Kinofilm entstehen. Und natürlich wird Travelbloggerin Marina ihre Follower auf Instagram mitnehmen.

Ende Juli soll die Reise starten und zwischen zehn und zwölf Monate dauern. Dem Projekt fehlen allerdings momentan noch die nötigen Mittel: Etwa 30.000 Euro wird der Umbau eines alten Campers mit Verbrenner zu einem Fahrzeug mit Elektroantrieb kosten, schätzen die beiden. Das soll zusätzlich mit Solar-Panels ausgestattet werden, mit denen das Auto auch in der mongolischen Wüste geladen werden soll – denn dort sieht es mit E-Ladesäulen bekanntlich eher schlecht aus. 500 Kilometer Reichweite soll das umgebaute Fahrzeug am Ende haben, behauptet Konstantin.

Vieles ist noch unklar

Und wenn das mit der Reichweite nicht klappt? Oder keine Steckdose in der Nähe ist und die Sonne nicht scheint? „Dann schiebe ich“, sagt Konstantin und lacht. Er sei ja nicht umsonst Weltmeister im Kraft-Dreikampf, einer Version des Gewichthebens.

Um Werbung für ihr Vorhaben zu machen, ist das Pärchen an diesem Wochenende auch auf der „i-Mobility“-Messe in Stuttgart mit einem Stand vertreten. Dort steht ein großes rotes Auto, eines wie das, mit dem sie in zwei Monaten ins Abenteuer starten wollen – wenn denn alles funktioniert. Denn vieles an der „Expedition Eurasien“ ist noch alles andere als klar. Aber Konstantin und Marina lassen sich nicht beirren. Sich selbst wollen die beiden in dieser Zeit privat finanzieren, Konstantin als Start-up-Mentor und -Gründer in verschiedenen Projekten, Marina als Bloggerin und Social-Media-Coach.

„Ich bin eben gut vernetzt“

Bisher haben sie nur etwa 2.000 Euro eingesammelt, aber die Rückmeldungen der Sponsoren, die sie angefragt haben, seien bisher sehr positiv, so Konstantin. „Ich bin eben gut vernetzt“, sagt er und grinst. Dann konzentriert er sich wieder auf seinen Laptop, er muss noch eine Präsentation fertig machen, die er in fünf Minuten in der Messehalle hält. Dann noch schnell umziehen, ein Foto, und weiter. Auf der Bühne erzählt er den Zuschauern von dem Garten seiner Oma.