Ein Geburtstag zwischen Wehmut und Vorfeude

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. An ihrem Geburtstag reflektiert sie ihr vergangenes Jahr.

Bremerhaven/Stuttgart – Ich glaube es gibt zwei Arten von Menschen: die, die ihren Geburtstag lieben und die, die lieber ganz heimlich älter werden. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Mein Geburtstag liegt jedes Jahr schön nach der Zeitumstellung und läutet den Frühling ein. Zwar hatte ich schon zu jeder Wetterlage Geburtstag, allerdings schien die letzten vier Jahre konstant die Sonne. Schon Wochen vorher bin ich ganz aufgeregt wie ein kleines Kind und kann es kaum abwarten Geburtstag zu haben. Diese kindliche Vorfreude ist überaus schön, allerdings holt mich dann relativ schnell auch die Realität ein.

Wie Neujahr, nur nicht Anfang des Jahres

Meist am Abend vorher setze ich mich vor meine Tagebücher und Fotos und lasse das vergangene Jahr Revue passieren. Wo stehe ich jetzt? Was war letztes Jahr? Wer ist in meinem Umfeld? Wie fühle ich mich? Wer bin ich und wer war ich?

Was nach fundamentalen, philosophischen Sinneskrisen klingt, ist es im Endeffekt auch. Zu kaum einer Zeit im Jahr (auch nicht an Silvester) setze ich mich so sehr mit mir selbst auseinander wie an meinem Geburtstag. Ich werde wehmütig, traurig, freue mich und bin verwirrt. All das gehört für mich zu meinem Geburtstag dazu. Die kritischen Gedanken und meine kindliche Vorfreude.

Letzter Geburtstag in der Klinik

Letztes Jahr befand ich mich in einer stationären Therapie an meinem Geburtstag. Ich war gerade erst zwei Wochen da und mir ging es wahnsinnig schlecht. Ich habe mich einsam und hilflos gefühlt und meine Geburtstagsfreude war ungewöhnlich gedämpft. Im Vergleich zu diesem Jahr fast eine 180 Grad Wendung.

Ich bin glücklich. Mein Geburtstag dieses Jahr lässt sich positiv festhalten. An diesem Tag fällt es mir leicht die Liebe aus meinem Umfeld wahr und ernst zunehmen. Sie berührt mich ganz tief und ich speichere sie dort ab für die Tage, an denen mir das schwer fällt.

Meine Erinnerungen halte ich fest, auf Fotos und Tagebüchern. Und älter werden finde ich gar nicht gruselig, sondern freue mich auch jetzt schon auf meinen Geburtstag nächstes Jahr.

(Titelbild: Unsplash/Adi Goldstein)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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Ein Hund und die Depression

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal erzählt sie, wie ihre Hündin sie durch Tiefen und Höhen begleitet.

Bremerhaven/Stuttgart – In der Psychotherapie gibt es ein Verfahren, das sich tiergestützte Therapie nennt. Es wird von einer deutlichen Verbesserung der Symptomatik berichtet, wenn Tiere wie Hunde oder Pferde einen Patienten begleiten. Eigentlich war ich eher ein Katzenmensch, jetzt habe ich meine kleine Hündin aus Rumänien und sie heißt Merle.

Ein neuer Alltag mit neuen Aufgaben

Für mich war das eine ganz neue Situation. Relativ spontan adoptierte ich Merle bei einem Tierschutzverein aus Rumänien. Vier Wochen später war sie da. Seitdem Merle in meinem Leben ist, schlafe ich wieder regelmäßig und gut.

Wir stehen jeden Morgen um 7 Uhr gemeinsam auf und gehen Gassi. Ob mir das passt oder nicht, ob ich liegen bleiben möchte oder nicht. Morgens überhaupt aufzustehen ist meist am schwierigsten, aber nach dem kleinen Spaziergang – bei jedem Wetter – bin ich wach und bereit für meinen Tag.

Merle und die Autorin

Merle verschönert mein Leben auf verschiedene Art und Weise. Sie ist treu, menschenbezogen, sie kuschelt gerne und ist der liebste Hund der Welt (das sagt wahrscheinlich jeder über sein Haustier).

Ich bin dazu gezwungen meinen Alltag zu strukturieren, das Haus zu verlassen und trage nicht mehr nur für mich selbst die Verantwortung. Das macht es leichter und vor allem bringt es mich in die Realität. Merle liebt mich bedingunglos, egal wie es mir geht. Und gerade wenn es mir schlecht geht, bleibt sie ganz nah bei mir und zeigt mir, dass sie da ist.

Ein Hund gegen Depressionen?

Pauschal hilft ein Haustier natürlich nicht gegen Depressionen oder psychische Erkrankungen. Man sollte sich bewusst machen, welche Verantwortung ein Tier mit sich bringt.

Mir hilft Merle genau an den Stellen, an denen ich oft scheitere – Routine, Alltag, Schlafrhythmus. Wenn ich das schon nicht für mich machen mag, hilft sie mir, es für sie zu tun.

Ein untrennbares Team – durch Höhen und Tiefen

Inzwischen sind Merle und ich ein untrennbares Team, erleben gemeinsam die Höhen und Tiefen des Lebens und meiner Erkrankung. Dass ich sie erziehe, hilft mir über meinen eigenen Schatten zu springen und Konsequenz zu lernen.

Sie vertraut mir und ich gebe auf sie Acht. Eigentlich kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wie das Leben ohne sie war. Sie hat den festesten Platz in meinem Herzen.

Es war die beste Entscheidung meines Lebens und die unendliche Liebe, die wir einander geben, macht das Leben so viel schöner.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Wie ich Angela Merkel zur Suizidprävention befragte

Im Rahmen eines Bürgerdialogs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten die Bewohner in Bremerhaven und Umland die Chance der Kanzlerin Fragen zu stellen, die sie beschäftigen. Von knapp 200 Bewerbungen durften 60 Bewerber teilnehmen und Frau Merkel ganz nahe kommen. Unsere #letstalkaboutmentalhealth-Kolumnistin war eine davon.

Bremerhaven – Am 18. März hatten 60 Gäste 95 Minuten Zeit, der Bundeskanzlerin ganz persönliche Fragen zu stellen. Wie es dazu kam? Im Rahmen eines Bürgerdialogs reist Angela Merkel in verschiedene Städte der Bundesrepublik und ermöglicht die direkte Konversation zwischen Regierung und Bürgern. Organisiert von der IHK, der Nordseezeitung und der Hochschule Bremerhaven traf sich ein bunt gemischtes Publikum mit einem breiten Spektrum an Fragen im Fischereibahnhof in Bremerhaven. Unsere Autorin war auch dabei.

Über das Klima, Europa und Bildung

Während dem 95-Minuten-Dialog konnte Frau Merkel 22 Antworten geben. Dass die Zeit oft nicht für alle Fragen ausreicht, haben schon vorherige Bürgerdialoge gezeigt. Umso spannender war die Chance, die ich bekam. Nach 35 Minuten wendete sich der Moderator an mich und ich bekam ein Mikrofon. Geblendet von den Scheinwerfern, nervös wegen den Kameras und mit allen Blicken auf mich gerichtet, sprach ich mein Anliegen an. Nachdem es um Klima, Europa und Sozialreformen ging und ich gespannt Frau Merkels Antworten lauschte, war mein Kopf plötzlich leer und meine penibel zurechtgelegte Frage aus meinem Gedächtnis gelöscht.

Die Kanzlerin lächelte mich an

Aufmunternd sah mich die Kanzlerin an und ich erklärte, dass jährlich knapp 10.000 Menschen durch Suizid sterben. Bei 95 Prozent davon ging eine psychische Störung voraus. Die Regierung leistet kaum Aufklärungsarbeit und auch die Gesundheitspolitik widmet sich nicht ausreichend diesem gravierenden Problem. Ich fragte sie direkt, wie sie zu dieser Politik stehe und was vorgesehen ist, um diesem Problem entgegenzuwirken.

Die Antwort – schwammig

Die Kanzlerin antwortete gewohnt politisch uneindeutig. Schnell spannte sie den Bogen zum Gesundheitssystem, zur Wichtigkeit der Digitalisierung in diesem Bereich, Krebspatienten und Behinderten. Ich bin unzufrieden mit ihrer Antwort. Meine Frage bezog sich direkt auf die jährliche Anzahl der Suizide in Deutschland und sie wich diesem Fakt aus. Während ihrer Antwort ermutigte sie mich mein Anliegen nochmals schriftlich zu verfassen und ihrem Team direkt zukommen zu lassen. Ich hielt das für eine Floskel, doch im Anschluss zum Gespräch kam Frau Merkels Beraterin auf mich zu und gab mir ihre Visitenkarte.

Der Dialog endete pünktlich nach 95 Minuten, im Anschluss gab es Fisch und alkoholfreies Bier. Der Druck fiel von allen Teilnehmern ab und die Stimmung entspannte sich. Viele waren enttäuscht, dass sie nicht die Chance hatten ihre Fragen zu stellen, die anderen perplex über die Erfahrung mit der Kanzlerin. Am Ende des Abends bin ich mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Zwar war die Antwort der Kanzlerin unbefriedigend, jedoch erwartete ich auch nicht, dass sie zu jedem Thema eine konkrete Antwort geben kann. Die Geste ihrer Beraterin ließ mich gewertschätzt und gehört zurück – und ich sehe darin eine gute Chance, die dramatische Wichtigkeit der Thematik von psychischer Gesundheit in die höheren Regierungsebenen zu bringen.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Kolumne: Studieren mit Depressionen

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um Studieren, fehlende Anwesenheitspflicht und neue Gesichter.

Bremerhaven/Stuttgart – Das zweite Semester begann und ein neuer Vorlesungsplan bringt wieder Routine in den Alltag. Manchmal läuft alles gut und dann kommt die Traurigkeit unerwartet in schweren Schritten durch die Tür. Der Balanceakt fordert alle meine Kraftreserven, an manchen Tagen siegt die Apathie.

Langsam schleicht sich der Frühling ein

Am schwierigsten ist es die Gefühle in Worte zu fassen und fair zu kommunizieren. Auch wenn man offen mit seinen Problemen umgeht, falle ich manchmal in ein tiefes, schwarzes Loch und dann ist es schwer außenstehenden Personen zu sagen, was eigentlich los ist. Ich gehe wieder in die Uni, sehe alte und neue Gesichter und bin eigentlich noch sehr mit mir selbst beschäftigt. Neue Dozenten bedeuten neue Eingewöhnung. Kennenlernen, präsent sein, Abgaben einhalten.

Die Tage werden länger und mein Vitamin-D-Haushalt wird sich bald wieder selbst regeln. Ich versuche fair zu mir selbst zu sein und meine Ruhepausen einzuplanen. Ich werde oft gefragt, wie das eigentlich so ist mit dem Studieren und den Depressionen. Geht das überhaupt? Wie kann man seine eigene Unbeständigkeit mit einem Studium in Einklang bringen?

Prüfungsangst oder depressiv?

Vor allem ist es Arbeit und Ehrlichkeit. Es ist wichtig nicht nur sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, sondern auch dem Umfeld. Studieren erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Jeder Student kennt die stressigen Phasen, die Klausuren, die Abgaben. Das lässt sich allerdings einplanen. So eine depressive Episode lässt sich nicht einplanen.

Und wenn diese dann vor einer Klausur an die Tür klopft, ist das wie eine mittelschwere Grippe. Sich dann allerdings einzugestehen, dass es okay ist Zuhause zu bleiben, ist mindestens genauso schwer. Außerdem, wo beginnt Prüfungsangst und wo Lethargie? Es ist ein Drahtseilakt bei dem ich jedes Mal neu erörtern muss, was eigentlich gerade los ist.

Konfettiregen fürs Stolzsein

Trotz allem bietet ein Studium Freiraum. Man kann Therapietermine flexibel legen und den Lernstoff im Bett nacharbeiten. Fehlzeiten kosten nicht gleich das ganze Studium und viele Unis bieten Unterstützung, psychologische Beratung und Nachteilsausgleiche an.

Mit psychischen Hindernissen eignet man sich Strategien an, man fordert sich selbst immer wieder aufs Neue heraus und wenn man Dinge schafft, ist der Stolz besonders groß. Studieren und krank sein schließt sich nicht unbedingt aus. Ein großer Konfettiregen gilt allen, die sich so mutig durch den Alltag kämpfen.

(Titelbild: Unsplash/Sarah Noltner)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Von müden Tagen und Mut im Bauch

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um ganz normale Tage und Mut im Bauch.

Bremerhaven/Stuttgart – Manchmal wache ich morgens auf und alles ist okay. Der Bus kommt pünktlich, mein Mittagessen schmeckt und im Briefkasten liegt keine Rechnung. Wenn ich dann abends im Bett liege und daran denke, dass der Tag mit nicht weiter nennenswerten Ereignissen stattfand, drehe ich mich zur Seite und kann gut schlafen.

Die Monotonie des Alltags als Ruheinsel

Ich bin wahnsinnig schnell gelangweilt, mein Inneres möchte immer die Extreme aller Emotionen empfinden, am besten rund um die Uhr. Man könnte also meinen, dass solche Tage eine Herausforderung sind. Das waren sie auch, aber ich habe gelernt diese Tage anzunehmen und wertzuschätzen.

In einer depressiven Episode fühlt sich alles schwer an. Der Gang vor die Tür lässt Mauern in mir zuwachsen und ich fühle mich ganz und gar nicht wohl in meiner Haut oder mit meinen Gedanken allein. Normale Tage sind für mich Ruheinseln, die mir die Normalität von psychischer Gesundheit vor Augen führen. Die Wege im Alltag sind zwar auch nicht immer spaßig, aber leichter. Ich kann meine Wäsche waschen. Ich kann mich mit Freunden treffen und ich kann mit mir alleine sein. Oft bin ich misstrauisch und kann die Ruhe nicht aushalten. Obwohl ich weiß, dass die Ruhe okay ist und da sein darf.

Mut im Bauch

An ruhigen Tagen, zumindest fühlt sich das so an, kann ich meine Psyche von außen betrachten. Ich kann Situationen besser einschätzen und Vergangenes einordnen. Ruhige Tage sind mein Reset-Button für alle Tränen der voraus gegangenen Wochen. Ich kann meine Kräfte sammeln und finde wieder zurück zu mir selbst und meinem Leben. Das macht Mut in meinem Bauch und alles fühlt sich machbar an.

Es ist schwer nicht wehmütig zu werden und zu wissen, dass diese Ruhe so schnell und unangekündigt gehen kann, wie sie kam. Mit Mut im Bauch lässt es sich aber aushalten und mein Geschirr abspülen und Dokumente sortieren und das Bett beziehen.

Am wildesten ist eigentlich die Nähe, die ich durch solche Tage zu mir selbst finde. Ich kann klar differenzieren, dass ich nicht meine psychische Erkrankung bin. Es ist schön zu wissen, dass ich auch mal gar nichts Besonderes fühle, den ganzen Tag über. Manchmal folgt auf einen ruhigen Tag noch ein ruhiger Tag. Und manchmal wird daraus eine Reihe von ruhigen Tagen und sogar eine Woche oder zwei. Das macht eine ganze Menge Mut im Bauch.

 

Titelbild: Unsplash/Ramin Mireyev

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Von Narben und Worten

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Heute: Physische Selbstverletzung ist zwar nicht mehr ihr Alltag, aber die Narben sind geblieben.

Bremerhaven/Stuttgart – Manchmal streiche ich mir ganz automatisch meinen Jackenärmel über die Handgelenke. Wenn ich nachdenke, fahre ich über die Erhebungen auf meinen Armen. Unter der Dusche betrachte ich wehmütig meine Oberschenkel. Der letzte Schnitt ist drei Jahre her. Wie kann man sich selbst verzeihen, dass man sich selbst nicht leiden konnte?

Zwischen Tumblrtrend, „Emosein“ und dem inneren Schmerz

Das erste Mal gehört, gesehen und erfahren habe davon ich auf Tumblr. Eine Bloggingplattform, auf der viele Jugendliche über ihr Leben schreiben. Ansonsten hörte man nur Jugendliche untereinander tuscheln, dass „ritzen“ nur „diese Emos“ machen. Unweigerlich fasziniert grenzte man diese „Sonderlinge“ aus. Suspekt war das ganze auch mir. Aber ich dachte auch, dass ich niemals essgestört sein könnte, ich liebe ja Essen. 

Der sperrige Begriff selbstverletzendes Verhalten bringt auch so manchen Fachmann ins Schwitzen. Es ist ein wahnsinnig komplexes Thema, das für nicht Betroffene und Laien oftmals unmöglich zu verstehen ist. An Selbstverletzung hängt ein großes Stigma, Jugendliche werden belächelt. Es sei nur eine Phase oder ein Trend. Doch diesem Verhalten liegen oft unvorstellbare psychische Schmerzen zu Grunde. Ein Erklärungsversuch.

Ein Erklärungsversuch

Mit 14 setzte ich das erste Mal eine scharfe Klinge an meinen Arm. Ich wollte die Faszination dahinter verstehen. Eigentlich wollte ich mir beweisen, dass ich das ganz und gar nicht nachvollziehen kann. Das sollte sich als großer Fehler herausstellen. Der reine Akt einen scharfen Gegenstand freiwillig an seine Haut zu bringen, klingt schon so absurd, wie es eigentlich auch ist. Es gibt viele psychische Erkrankungen, die Betroffene dazu bringen sich selbst zu verletzten. Pauschal kann man dieses Verhalten nicht als Störung bezeichnen, sondern es als Symptom mehreren Krankheiten zuordnen. Kaum ein gesunder Mensch verletzt sich mit Absicht selbst.

Aber wozu? Warum sich selbst Schmerz zufügen? Oftmals fühlen Betroffene gar nichts oder viel zu viel. Der Schmerz soll den inneren Schmerz katalysieren oder eine Emotion auslösen. Der erste Schnitt tat ziemlich weh. Der zweite nicht mehr. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte sich jeder Tag wie ertrinken an.

Immer tiefer sank ich in meinen Emotionen an den Grund und beim ersten Schnitt wurde ich zurück an die Oberfläche katapultiert. Ich konnte plötzlich wieder atmen. Dieser Effekt führte mich ohne Umwege in einen Teufelskreis. Ich wurde süchtig nach dem Atmen. Ich wollte keinen Schmerz empfinden, der unauffindbar in meinem Körper umherwanderte. Ich wollte meinen Schmerz konzentrieren. Ich wollte die Kontrolle. Ich wollte zurück ans Steuer meiner eigenen Gefühle. Und scheinbar gelang mir das auch. 

„Tut das nicht weh?“

Doch. Und zwar verdammt arg. Aber das soll es auch. Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen und kann kein allgemeines Bild zeichnen. Jeder Betroffene empfindet das anders, die Arten von Selbstverletzung sind äußerst breit gefächert.

Ich habe Jahre mit Therapie verbracht, um herauszufinden, warum ich meinem Körper Schaden zufügte. Manchmal hielt ich mich tagelang wach, weil ich nicht schlafen wollte. Weil ich mir keine Ruhe geben wollte, weil man nach zwei Tagen Schlafentzug alles nicht mehr so richtig wahrnimmt.

Ich war in konstantem Krieg mit meinem Körper. Irgendwie gehörte der nicht zu mir und ich wollte alles an ihm unterdrücken und die Kontrolle behalten. 

Das Lernen vom Verzeihen

Heute betrachte ich manchmal wehmütig meine Narben. Ich bin nicht mehr wütend auf mich. Ich hege keinen Groll gegen meine Vergangenheit, ich habe es nicht besser gewusst.

Die befriedigende Macht der Kontrolle über meinen Körper hat mich in einen Zustand gebracht, der fern der Realität lag. Jede einzelne Narbe erzählt ihre Geschichte, ich weiß, dass ich gelitten habe.

Mein Körper und ich sind jetzt ziemlich gute Freunde. Wir lachen manchmal wie gute, alte Freunde über die Vergangenheit und nach dem Duschen bekommen meine Arme und Beine eine extrafreundliche Behandlung mit ganz viel Liebe, Creme und Zuwendung.

Im Sommer gehe ich in T-Shirts raus und wenn mich jemand auf die Streifen an meinen Armen anspricht, rede ich darüber. Denn der Schmerz war genauso real, wie es meine Narben heute sind.

(Titelbild: Unsplash/Kinga Cichewicz)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft, erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Meine Essstörung und ich

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Heute blickt sie zehn Jahre zurück und erinnert sich an ihre Essstörung.

Triggerwarnung Der Text enthält explizite Beschreibungen von selbstschädigendem Verhalten (Essstörung).

Bremerhaven/Stuttgart – Mit 14 Jahren dachte ich das erste Mal, ich sei zu dick. Mein Körper war kurz vor der Pubertät, leicht untergewichtig und zierlich gebaut. Mein Kopf jedoch zeigte mir im Spiegel ein komplett verzerrtes Bild meines Körpers.

Vor zehn Jahren

Es ist Dienstagabend, ich war lange in der Schule und komme erschöpft nach Hause. Nach dem Supermarktbesuch, der wöchentlich so gut wie jeden Tag stattfindet, fällt die Anspannung und ich schwebe in einem Zustand der Leere. Den ganzen Tag dachte ich daran, dass meine Oberschenkel zu breit sind. Meine Schultern sind komisch gebaut und meine Beine unförmig im Vergleich zu meinen Armen. Meine Hüfte ist zu breit und mein Gesicht geschwollen.

Ich schließe die Tür hinter mir und mache das Licht aus. Vor mir lege ich fein säuberlich meine Einkäufe zurecht und mache Musik an. Jedes Lebensmittel lege ich an seinen Platz in die richtige Reihenfolge. Fast schon meditativ fasse ich jedes Essen an und überlege wie viele Kalorien vor mir liegen. Ich habe die letzten Tage kaum gegessen und alles fein säuberlich in meinem kleinen, grünen Notizheft notiert. Dann fange ich an zu essen, alles in der vorgegebenen Reihenfolge. Insgesamt brauche ich dafür fünfzehn Minuten. Das Adrenalin rauscht in meinen Körper und dann plötzlich kommt die Panik.

Langsam stehe ich auf und betrachte mich im Spiegel. Ich beginne zu weinen und der überwältigende Hass auf mich und meinen Körper schmerzt in der Brust. Ich bewege mich Richtung Badezimmer. Die Kloschüssel ist kalt, aber ich klammere mich an den Rand.

Das Licht bleibt aus, die Spülung dröhnt in meinen Ohren

Nachdem ich mich von allem befreit habe, was ich Minuten zuvor in meinen Körper gezwungen habe, betrachte ich die bunten Farben im Wasser vor mir. Ich weine immer noch und drücke die Spülung. Im Spiegel sehe ich meine roten Augen und die aufgequollenen Wangen. Vom Adrenalin berauscht, wackelig und leer lege ich mich vor mein Bett. Ich bin erschöpft, fühle mich widerlich und spüre die Leere zur Seite weichen. Ich spüre meinen Körper und merke, dass ich atme. Meine Augen schmerzen und während ich meine Oberschenkel betrachte, fällt mein Blick auf die Einkaufstüte.

Ich stehe auf und leere den Inhalt vor mir aus. Langsam beginne ich alles an seinen Platz, penibel, in die richtige Reihenfolge zu legen. Die kommenden Tage werde ich im grünen Notizheft bei der Anzahl der Kalorien eine Null eintragen.

Anmerkung

Dieser Text gibt einen kleinen Einblick in den Teufelskreis einer bulimischen Erkrankung. Bulimie ist eine Essstörung, bei der Betroffene in kürzester Zeit hochkalorische Lebensmittel zu sich nehmen und diese durch Erbrechen, Hungern, exzessiven Sport und/oder Abführmittel versuchen wieder zu „kompensieren“. Betroffene haben ein verzerrtes Bild von ihrem Körper, ein gestörtes Verhältnis zu Lebensmitteln und sind gefangen in Selbsthass und Ekel. Die Erkrankung und deren Verhalten wird meist verheimlicht und Betroffene sind großer Scham ausgesetzt. Bulimie bleibt oft unentdeckt, da Betroffene meist normalgewichtig sind und über ihr Essverhalten lügen.

Bulimie kann unter anderem zu Schlafstörungen, Haarausfall, schwankendem Körpergewicht, Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen und Karies führen.

Weitere Informationen bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

(Titelbild: Unsplash/Rodolfo Sanches Carvalho)

Über die Autorin

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A.B.A.S. bietet in Stuttgart Unterstützung bei Essstörungen an.

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Der erste Termin bei meiner neuen Therapeutin

In der neuen Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal findet der langersehnte Termin mit der Therapeutin statt und unsere Autorin ist irgendwie erleichtet.

Bremerhaven/Stuttgart – Es ist Dienstagmorgen und ich steige die Treppen hoch. Die Wände sind helllila und vor der Tür stehen zwei Stühle und ein Tisch mit Prospekten. Ich ziehe meine Jacke aus und die Therapeutin öffnet die Tür. Während ich einen Bogen ausfülle, warte ich noch fünf Minuten bis die Tür erneut aufgeht. Ich werde hereingebeten, lege meine Jacke ab und atme aus.

Ich fühle mich unbequem

Ein kurzer Smalltalk über die verstrichenen Termine und dann erzähle ich, warum ich eigentlich da bin. Der Schritt eine Therapie zu machen ist für die meisten Menschen schwerer, als zu einem Hausarzt zu gehen. Ich habe das schon hinter mir und bin auf therapeutische Behandlung angewiesen wie ein Diabetiker auf das Insulin. Ich weiß das, meine Ärzte wissen das. Trotzdem ist es keine lebensbedrohliche Situation und das Einzige, was ich machen kann, ist warten auf Behandlungsplätze, Erstgespräche und Kompatibilität suchen.

Die Psychotherapeutin fragt mich, ob ich Suizidgedanken habe, ich verneine. Sie fragt, ob ich Angst vor anderen Menschen habe, ich verneine. Als ich ihr erzähle, dass ich vor zwei Wochen eine schwere depressive Episode hatte, nickt sie und notiert etwas auf ihrem Klemmbrett. Wir reden darüber, ob ich Prüfungsangst habe. Ich verneine. Im Laufe des Gesprächs gibt es den Aha-Effekt und sie verbindet meine Depression mit einem Ereignis. Ich fange an zu weinen.

Die Stunde vergeht, ich fühle mich wohl

Eigentlich ist das nicht meine Art. Neue Therapeuten teste ich auf Herz und Nieren. Ich präsentiere mich von meiner liebevollsten Seite und erzähle nur, was mir angebracht erscheint und was ich zeigen will. Ich weiß, dass das ein Schutzmechanismus ist und auch eher kontraproduktiv, aber es fällt mir nicht leicht direkt in die Tiefe zu gehen.

Die Therapeutin ist einfühlsam. Wir kommen schnell auf einen gemeinsamen Nenner und ich kann sogar darüber hinwegsehen, dass sie ein bisschen zu sehr spiegelt*. Am Ende der Stunde fühle ich mich erleichtert. Über ein halbes Jahr hatte ich keine therapeutische Betreuung und habe vergessen, wie hilflos ich mich eigentlich fühle. Wir finden heraus, dass ich eine Traumatherapie in Betracht ziehe. Sie setzt sich an den Computer und druckt mir eine Adressliste aus.

Als ich in den kühlen Wind trete, schaue ich auf die Uhr. Es ist Dienstagmittag und ich werde morgen anfangen die Liste abzutelefonieren.

* In der Therapie kann ein Therapeut dem Patientenen das eigene Verhalten spiegeln, indem er dessen Sichtweisen in eigenen Worten wiedergibt. Dies erfordert hohes Einfühlungsvermögen und zeigt dem Gesprächspartner Gefühle, Inhalte und Bedürfnisse verstanden zu haben. Der Grad zu einer mechanischen Gesprächsführung ist jedoch schmal, weswegen diese Methode Fingerspitzengefühl voraussetzt.

(Titelbild: Unsplash/Rawpixel)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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