Ein Leben zwischen hohen Hochs und tiefen Tiefs

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um Stimmungsschwankungen, die eben nicht „nur“ Stimmungsschwankungen sind.

Bremerhaven/Stuttgart – Gute und schlechte Tage zu haben, gehört zum Menschsein dazu. Manchmal dauern die schlechten Tage auch eine Woche lang und manchmal verwandelt eine Kleinigkeit den guten Tag in einen schlechten. Das kennt jeder.

Meine Stimmung schwankt. Mehrmals am Tag.

Eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung bedeutet emotionale Fehlregulation. Vereinfacht erklärt: Manche Reaktionen fallen unter Umständen heftiger aus. Für Außenstehende kann das schnell unverständlich sein. Das bedeutet aber nicht, dass die gefühlten Emotionen nicht real sind, sie sind nur manchmal nicht angebracht.

Ich vergleiche meine Emotionen gerne mit einer rasenden Autobahn. Gesunde Menschen denken so mit 130km/h. Bei mir sind es 260km/h – und das 24 Stunden am Tag. So anstrengend, wie das klingt, ist es auch. 24 Stunden am Tag auf Alarmbereitschaft zu sein und die Bremse nicht drücken zu können, ist belastend. Schnellschüsse oder Überreaktionen sind da keine Seltenheit.

Therapeuten vergleichen das nicht mit einer Autobahn, sondern mit einem fehlenden Filter im Gehirn, welcher Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann. Ich bin hypersensibel und nehme meine Umgebung zu jeder Zeit voll aufmerksam wahr. Ich kann mich schlecht konzentrieren und ständig ist da eine unterschwellige Alarmbereitschaft. Lange Zeit habe ich mich mit den negativen Folgen aufgehalten.

Eine verpasste Bahn gleicht einem Weltuntergang und wenn mich jemand bei einer Verabredung zehn Minuten warten lässt, fühle ich mich, als ob ich langsam und grausam ertrinke.

Als ich jünger war, habe ich nicht verstanden, warum Menschen in meinem Umfeld so gelassen reagieren. Warum sie so wenig aus der Bahn wirft und warum ein verschüttetes Glas für mich Ausnahmezustand bedeutet. Mit jedem Geburtstag verstehe ich mich immer besser. Ich habe viel versucht, um diese Emotionen zu regulieren oder zu unterdrücken. Heute lerne ich die Emotionen zuzulassen und einfach nur wahrzunehmen.

Die Schönheit von Gefühlen

Trotz all der Anstrengung lernte ich, dass diese Intensität der Gefühle auch wahnsinnig schön sein kann. Ein gutes Konzert beflügelt mich ins Unendliche und abends am Wasser zu sitzen und den Sonnenuntergang zu betrachten, fühlt sich an, wie zehnmal Geburtstag gleichzeitig haben. Trotz der tiefen Tiefs bin ich inzwischen okay damit. Die Tiefs sind wirklich schwer und ich muss jedes Mal aufpassen, mich versichern, dass der offene Schnürsenkel oder ein kaputtes Ladekabel nicht bedeuten, dass ich untergehe. Aber dafür ist ein ruhiger Morgen, ein gutes Essen oder eine feste Umarmung für mich das Ankommen auf einem hohen Berg.

Das Menschsein ist nicht schwarz und weiß, manchmal ist es grau oder dunkelgrün oder regenbogenfarben.

Und trotz Gedankengeschwindigkeit 260km/h schaffe ich es immer öfter für ein paar Sekunden zu bremsen und durchzuatmen.

(Titelbild: Priscilla Du Preez/Unsplash)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Wie ich Mut hatte und auf der Tincon sprach

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal erzählt sie von einem Ausflug nach Berlin, als sie auf der Tincon sprach.

Berlin – Ich komme an einem Sonntag in der Hauptstadt an und treffe bei einer Freundin in der Wohnung ein. Ein paar Wochen zuvor schrieb ich Mails mit den Organisatoren der Tincon. Die Tincon ist eine (kostenlose) Konferenz für Jugendliche im Alter von 13 – 21 Jahren zum Thema Medien und Gesellschaft und fand dieses Jahr in Berlin auf der republica statt. Ich bereite meinen Talk vor und bin nervös.

Ehrlichkeit und Mut

Es ist nicht das erste Mal, dass ich vor Menschen spreche. Allerdings noch nie vor einem so jungen Publikum. Mein Panel trägt den Titel „#letstalkaboutmentalhealth: Mental Health und Social Media“ und eigentlich weiß ich ja, worüber ich spreche. Zwei Tage nach meiner Ankunft trete ich also auf die Bühne und versuche mein Herzensthema an junge Menschen zu bringen. Vor mir sitzen mehr Leute, als ich erwartet hatte und ich freue mich darüber. Mein Bauch wird warm und plötzlich fühle ich mich sehr wohl. Das Publikum ist aufmerksam und nach meinem Talk gebe ich Interviews für diverse Journalisten. Zum ersten Mal fühle ich mich, als ob das Thema psychische Gesundheit in der nächsten Generation wirklich angekommen ist. Ich spreche mit den jungen Menschen und mir wird schnell klar, dass diese ein völlig anderes Verständnis und Sensibilität für psychische Erkrankungen entwickeln, als das in meiner Jugend der Fall war. Ich bin erleichtert.

Eine neue Generation von mutigen, jungen Menschen

Nach meinem Talk erkunde ich das Gelände und höre mir die verschiedenen Beiträge an. Ich treffe alte Bekannte und neue Freunde und freue mich über die Selbstverständlichkeit, ja sogar Dringlichkeit, meiner Thematik, die alle interessiert mit denen ich darüber spreche.

Es ist 2019. Es ist Zeit, psychische Gesundheit zu einer Priorität zu machen. Es ist Zeit, darüber zu sprechen. Aber bei all den intelligenten, interessierten und mutigen Jugendlichen bin ich zuversichtlich und optimistisch. Ich hoffe, dass wir uns in fünf Jahren wieder treffen und uns verwundert darüber unterhalten werden, wie absurd es damals war, als psychische Erkrankungen noch ein Tabuthema waren. Ich fahre mit ganz viel Wärme im Herzen nach Hause und reflektiere den eigenen Mut, den ich gesammelt habe. Vor Menschen sprechen wird leichter, je öfter man es macht. Und mein eigener Enthusiasmus treibt mich selbst voran und fordert mich solche Möglichkeiten auch anzunehmen. Zwar mit Angst vor dem Unbekannten, aber auch mit ganz viel Mut im Bauch.

Titelbild: Alice Plati/TINCON

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Ein Geburtstag zwischen Wehmut und Vorfeude

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. An ihrem Geburtstag reflektiert sie ihr vergangenes Jahr.

Bremerhaven/Stuttgart – Ich glaube es gibt zwei Arten von Menschen: die, die ihren Geburtstag lieben und die, die lieber ganz heimlich älter werden. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Mein Geburtstag liegt jedes Jahr schön nach der Zeitumstellung und läutet den Frühling ein. Zwar hatte ich schon zu jeder Wetterlage Geburtstag, allerdings schien die letzten vier Jahre konstant die Sonne. Schon Wochen vorher bin ich ganz aufgeregt wie ein kleines Kind und kann es kaum abwarten Geburtstag zu haben. Diese kindliche Vorfreude ist überaus schön, allerdings holt mich dann relativ schnell auch die Realität ein.

Wie Neujahr, nur nicht Anfang des Jahres

Meist am Abend vorher setze ich mich vor meine Tagebücher und Fotos und lasse das vergangene Jahr Revue passieren. Wo stehe ich jetzt? Was war letztes Jahr? Wer ist in meinem Umfeld? Wie fühle ich mich? Wer bin ich und wer war ich?

Was nach fundamentalen, philosophischen Sinneskrisen klingt, ist es im Endeffekt auch. Zu kaum einer Zeit im Jahr (auch nicht an Silvester) setze ich mich so sehr mit mir selbst auseinander wie an meinem Geburtstag. Ich werde wehmütig, traurig, freue mich und bin verwirrt. All das gehört für mich zu meinem Geburtstag dazu. Die kritischen Gedanken und meine kindliche Vorfreude.

Letzter Geburtstag in der Klinik

Letztes Jahr befand ich mich in einer stationären Therapie an meinem Geburtstag. Ich war gerade erst zwei Wochen da und mir ging es wahnsinnig schlecht. Ich habe mich einsam und hilflos gefühlt und meine Geburtstagsfreude war ungewöhnlich gedämpft. Im Vergleich zu diesem Jahr fast eine 180 Grad Wendung.

Ich bin glücklich. Mein Geburtstag dieses Jahr lässt sich positiv festhalten. An diesem Tag fällt es mir leicht die Liebe aus meinem Umfeld wahr und ernst zunehmen. Sie berührt mich ganz tief und ich speichere sie dort ab für die Tage, an denen mir das schwer fällt.

Meine Erinnerungen halte ich fest, auf Fotos und Tagebüchern. Und älter werden finde ich gar nicht gruselig, sondern freue mich auch jetzt schon auf meinen Geburtstag nächstes Jahr.

(Titelbild: Unsplash/Adi Goldstein)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Ein Hund und die Depression

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal erzählt sie, wie ihre Hündin sie durch Tiefen und Höhen begleitet.

Bremerhaven/Stuttgart – In der Psychotherapie gibt es ein Verfahren, das sich tiergestützte Therapie nennt. Es wird von einer deutlichen Verbesserung der Symptomatik berichtet, wenn Tiere wie Hunde oder Pferde einen Patienten begleiten. Eigentlich war ich eher ein Katzenmensch, jetzt habe ich meine kleine Hündin aus Rumänien und sie heißt Merle.

Ein neuer Alltag mit neuen Aufgaben

Für mich war das eine ganz neue Situation. Relativ spontan adoptierte ich Merle bei einem Tierschutzverein aus Rumänien. Vier Wochen später war sie da. Seitdem Merle in meinem Leben ist, schlafe ich wieder regelmäßig und gut.

Wir stehen jeden Morgen um 7 Uhr gemeinsam auf und gehen Gassi. Ob mir das passt oder nicht, ob ich liegen bleiben möchte oder nicht. Morgens überhaupt aufzustehen ist meist am schwierigsten, aber nach dem kleinen Spaziergang – bei jedem Wetter – bin ich wach und bereit für meinen Tag.

Merle und die Autorin

Merle verschönert mein Leben auf verschiedene Art und Weise. Sie ist treu, menschenbezogen, sie kuschelt gerne und ist der liebste Hund der Welt (das sagt wahrscheinlich jeder über sein Haustier).

Ich bin dazu gezwungen meinen Alltag zu strukturieren, das Haus zu verlassen und trage nicht mehr nur für mich selbst die Verantwortung. Das macht es leichter und vor allem bringt es mich in die Realität. Merle liebt mich bedingunglos, egal wie es mir geht. Und gerade wenn es mir schlecht geht, bleibt sie ganz nah bei mir und zeigt mir, dass sie da ist.

Ein Hund gegen Depressionen?

Pauschal hilft ein Haustier natürlich nicht gegen Depressionen oder psychische Erkrankungen. Man sollte sich bewusst machen, welche Verantwortung ein Tier mit sich bringt.

Mir hilft Merle genau an den Stellen, an denen ich oft scheitere – Routine, Alltag, Schlafrhythmus. Wenn ich das schon nicht für mich machen mag, hilft sie mir, es für sie zu tun.

Ein untrennbares Team – durch Höhen und Tiefen

Inzwischen sind Merle und ich ein untrennbares Team, erleben gemeinsam die Höhen und Tiefen des Lebens und meiner Erkrankung. Dass ich sie erziehe, hilft mir über meinen eigenen Schatten zu springen und Konsequenz zu lernen.

Sie vertraut mir und ich gebe auf sie Acht. Eigentlich kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wie das Leben ohne sie war. Sie hat den festesten Platz in meinem Herzen.

Es war die beste Entscheidung meines Lebens und die unendliche Liebe, die wir einander geben, macht das Leben so viel schöner.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Wie ich Angela Merkel zur Suizidprävention befragte

Im Rahmen eines Bürgerdialogs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatten die Bewohner in Bremerhaven und Umland die Chance der Kanzlerin Fragen zu stellen, die sie beschäftigen. Von knapp 200 Bewerbungen durften 60 Bewerber teilnehmen und Frau Merkel ganz nahe kommen. Unsere #letstalkaboutmentalhealth-Kolumnistin war eine davon.

Bremerhaven – Am 18. März hatten 60 Gäste 95 Minuten Zeit, der Bundeskanzlerin ganz persönliche Fragen zu stellen. Wie es dazu kam? Im Rahmen eines Bürgerdialogs reist Angela Merkel in verschiedene Städte der Bundesrepublik und ermöglicht die direkte Konversation zwischen Regierung und Bürgern. Organisiert von der IHK, der Nordseezeitung und der Hochschule Bremerhaven traf sich ein bunt gemischtes Publikum mit einem breiten Spektrum an Fragen im Fischereibahnhof in Bremerhaven. Unsere Autorin war auch dabei.

Über das Klima, Europa und Bildung

Während dem 95-Minuten-Dialog konnte Frau Merkel 22 Antworten geben. Dass die Zeit oft nicht für alle Fragen ausreicht, haben schon vorherige Bürgerdialoge gezeigt. Umso spannender war die Chance, die ich bekam. Nach 35 Minuten wendete sich der Moderator an mich und ich bekam ein Mikrofon. Geblendet von den Scheinwerfern, nervös wegen den Kameras und mit allen Blicken auf mich gerichtet, sprach ich mein Anliegen an. Nachdem es um Klima, Europa und Sozialreformen ging und ich gespannt Frau Merkels Antworten lauschte, war mein Kopf plötzlich leer und meine penibel zurechtgelegte Frage aus meinem Gedächtnis gelöscht.

Die Kanzlerin lächelte mich an

Aufmunternd sah mich die Kanzlerin an und ich erklärte, dass jährlich knapp 10.000 Menschen durch Suizid sterben. Bei 95 Prozent davon ging eine psychische Störung voraus. Die Regierung leistet kaum Aufklärungsarbeit und auch die Gesundheitspolitik widmet sich nicht ausreichend diesem gravierenden Problem. Ich fragte sie direkt, wie sie zu dieser Politik stehe und was vorgesehen ist, um diesem Problem entgegenzuwirken.

Die Antwort – schwammig

Die Kanzlerin antwortete gewohnt politisch uneindeutig. Schnell spannte sie den Bogen zum Gesundheitssystem, zur Wichtigkeit der Digitalisierung in diesem Bereich, Krebspatienten und Behinderten. Ich bin unzufrieden mit ihrer Antwort. Meine Frage bezog sich direkt auf die jährliche Anzahl der Suizide in Deutschland und sie wich diesem Fakt aus. Während ihrer Antwort ermutigte sie mich mein Anliegen nochmals schriftlich zu verfassen und ihrem Team direkt zukommen zu lassen. Ich hielt das für eine Floskel, doch im Anschluss zum Gespräch kam Frau Merkels Beraterin auf mich zu und gab mir ihre Visitenkarte.

Der Dialog endete pünktlich nach 95 Minuten, im Anschluss gab es Fisch und alkoholfreies Bier. Der Druck fiel von allen Teilnehmern ab und die Stimmung entspannte sich. Viele waren enttäuscht, dass sie nicht die Chance hatten ihre Fragen zu stellen, die anderen perplex über die Erfahrung mit der Kanzlerin. Am Ende des Abends bin ich mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Zwar war die Antwort der Kanzlerin unbefriedigend, jedoch erwartete ich auch nicht, dass sie zu jedem Thema eine konkrete Antwort geben kann. Die Geste ihrer Beraterin ließ mich gewertschätzt und gehört zurück – und ich sehe darin eine gute Chance, die dramatische Wichtigkeit der Thematik von psychischer Gesundheit in die höheren Regierungsebenen zu bringen.

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Kolumne: Studieren mit Depressionen

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um Studieren, fehlende Anwesenheitspflicht und neue Gesichter.

Bremerhaven/Stuttgart – Das zweite Semester begann und ein neuer Vorlesungsplan bringt wieder Routine in den Alltag. Manchmal läuft alles gut und dann kommt die Traurigkeit unerwartet in schweren Schritten durch die Tür. Der Balanceakt fordert alle meine Kraftreserven, an manchen Tagen siegt die Apathie.

Langsam schleicht sich der Frühling ein

Am schwierigsten ist es die Gefühle in Worte zu fassen und fair zu kommunizieren. Auch wenn man offen mit seinen Problemen umgeht, falle ich manchmal in ein tiefes, schwarzes Loch und dann ist es schwer außenstehenden Personen zu sagen, was eigentlich los ist. Ich gehe wieder in die Uni, sehe alte und neue Gesichter und bin eigentlich noch sehr mit mir selbst beschäftigt. Neue Dozenten bedeuten neue Eingewöhnung. Kennenlernen, präsent sein, Abgaben einhalten.

Die Tage werden länger und mein Vitamin-D-Haushalt wird sich bald wieder selbst regeln. Ich versuche fair zu mir selbst zu sein und meine Ruhepausen einzuplanen. Ich werde oft gefragt, wie das eigentlich so ist mit dem Studieren und den Depressionen. Geht das überhaupt? Wie kann man seine eigene Unbeständigkeit mit einem Studium in Einklang bringen?

Prüfungsangst oder depressiv?

Vor allem ist es Arbeit und Ehrlichkeit. Es ist wichtig nicht nur sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, sondern auch dem Umfeld. Studieren erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Jeder Student kennt die stressigen Phasen, die Klausuren, die Abgaben. Das lässt sich allerdings einplanen. So eine depressive Episode lässt sich nicht einplanen.

Und wenn diese dann vor einer Klausur an die Tür klopft, ist das wie eine mittelschwere Grippe. Sich dann allerdings einzugestehen, dass es okay ist Zuhause zu bleiben, ist mindestens genauso schwer. Außerdem, wo beginnt Prüfungsangst und wo Lethargie? Es ist ein Drahtseilakt bei dem ich jedes Mal neu erörtern muss, was eigentlich gerade los ist.

Konfettiregen fürs Stolzsein

Trotz allem bietet ein Studium Freiraum. Man kann Therapietermine flexibel legen und den Lernstoff im Bett nacharbeiten. Fehlzeiten kosten nicht gleich das ganze Studium und viele Unis bieten Unterstützung, psychologische Beratung und Nachteilsausgleiche an.

Mit psychischen Hindernissen eignet man sich Strategien an, man fordert sich selbst immer wieder aufs Neue heraus und wenn man Dinge schafft, ist der Stolz besonders groß. Studieren und krank sein schließt sich nicht unbedingt aus. Ein großer Konfettiregen gilt allen, die sich so mutig durch den Alltag kämpfen.

(Titelbild: Unsplash/Sarah Noltner)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Von müden Tagen und Mut im Bauch

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal geht es um ganz normale Tage und Mut im Bauch.

Bremerhaven/Stuttgart – Manchmal wache ich morgens auf und alles ist okay. Der Bus kommt pünktlich, mein Mittagessen schmeckt und im Briefkasten liegt keine Rechnung. Wenn ich dann abends im Bett liege und daran denke, dass der Tag mit nicht weiter nennenswerten Ereignissen stattfand, drehe ich mich zur Seite und kann gut schlafen.

Die Monotonie des Alltags als Ruheinsel

Ich bin wahnsinnig schnell gelangweilt, mein Inneres möchte immer die Extreme aller Emotionen empfinden, am besten rund um die Uhr. Man könnte also meinen, dass solche Tage eine Herausforderung sind. Das waren sie auch, aber ich habe gelernt diese Tage anzunehmen und wertzuschätzen.

In einer depressiven Episode fühlt sich alles schwer an. Der Gang vor die Tür lässt Mauern in mir zuwachsen und ich fühle mich ganz und gar nicht wohl in meiner Haut oder mit meinen Gedanken allein. Normale Tage sind für mich Ruheinseln, die mir die Normalität von psychischer Gesundheit vor Augen führen. Die Wege im Alltag sind zwar auch nicht immer spaßig, aber leichter. Ich kann meine Wäsche waschen. Ich kann mich mit Freunden treffen und ich kann mit mir alleine sein. Oft bin ich misstrauisch und kann die Ruhe nicht aushalten. Obwohl ich weiß, dass die Ruhe okay ist und da sein darf.

Mut im Bauch

An ruhigen Tagen, zumindest fühlt sich das so an, kann ich meine Psyche von außen betrachten. Ich kann Situationen besser einschätzen und Vergangenes einordnen. Ruhige Tage sind mein Reset-Button für alle Tränen der voraus gegangenen Wochen. Ich kann meine Kräfte sammeln und finde wieder zurück zu mir selbst und meinem Leben. Das macht Mut in meinem Bauch und alles fühlt sich machbar an.

Es ist schwer nicht wehmütig zu werden und zu wissen, dass diese Ruhe so schnell und unangekündigt gehen kann, wie sie kam. Mit Mut im Bauch lässt es sich aber aushalten und mein Geschirr abspülen und Dokumente sortieren und das Bett beziehen.

Am wildesten ist eigentlich die Nähe, die ich durch solche Tage zu mir selbst finde. Ich kann klar differenzieren, dass ich nicht meine psychische Erkrankung bin. Es ist schön zu wissen, dass ich auch mal gar nichts Besonderes fühle, den ganzen Tag über. Manchmal folgt auf einen ruhigen Tag noch ein ruhiger Tag. Und manchmal wird daraus eine Reihe von ruhigen Tagen und sogar eine Woche oder zwei. Das macht eine ganze Menge Mut im Bauch.

 

Titelbild: Unsplash/Ramin Mireyev

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web

Von Narben und Worten

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Heute: Physische Selbstverletzung ist zwar nicht mehr ihr Alltag, aber die Narben sind geblieben.

Bremerhaven/Stuttgart – Manchmal streiche ich mir ganz automatisch meinen Jackenärmel über die Handgelenke. Wenn ich nachdenke, fahre ich über die Erhebungen auf meinen Armen. Unter der Dusche betrachte ich wehmütig meine Oberschenkel. Der letzte Schnitt ist drei Jahre her. Wie kann man sich selbst verzeihen, dass man sich selbst nicht leiden konnte?

Zwischen Tumblrtrend, „Emosein“ und dem inneren Schmerz

Das erste Mal gehört, gesehen und erfahren habe davon ich auf Tumblr. Eine Bloggingplattform, auf der viele Jugendliche über ihr Leben schreiben. Ansonsten hörte man nur Jugendliche untereinander tuscheln, dass „ritzen“ nur „diese Emos“ machen. Unweigerlich fasziniert grenzte man diese „Sonderlinge“ aus. Suspekt war das ganze auch mir. Aber ich dachte auch, dass ich niemals essgestört sein könnte, ich liebe ja Essen. 

Der sperrige Begriff selbstverletzendes Verhalten bringt auch so manchen Fachmann ins Schwitzen. Es ist ein wahnsinnig komplexes Thema, das für nicht Betroffene und Laien oftmals unmöglich zu verstehen ist. An Selbstverletzung hängt ein großes Stigma, Jugendliche werden belächelt. Es sei nur eine Phase oder ein Trend. Doch diesem Verhalten liegen oft unvorstellbare psychische Schmerzen zu Grunde. Ein Erklärungsversuch.

Ein Erklärungsversuch

Mit 14 setzte ich das erste Mal eine scharfe Klinge an meinen Arm. Ich wollte die Faszination dahinter verstehen. Eigentlich wollte ich mir beweisen, dass ich das ganz und gar nicht nachvollziehen kann. Das sollte sich als großer Fehler herausstellen. Der reine Akt einen scharfen Gegenstand freiwillig an seine Haut zu bringen, klingt schon so absurd, wie es eigentlich auch ist. Es gibt viele psychische Erkrankungen, die Betroffene dazu bringen sich selbst zu verletzten. Pauschal kann man dieses Verhalten nicht als Störung bezeichnen, sondern es als Symptom mehreren Krankheiten zuordnen. Kaum ein gesunder Mensch verletzt sich mit Absicht selbst.

Aber wozu? Warum sich selbst Schmerz zufügen? Oftmals fühlen Betroffene gar nichts oder viel zu viel. Der Schmerz soll den inneren Schmerz katalysieren oder eine Emotion auslösen. Der erste Schnitt tat ziemlich weh. Der zweite nicht mehr. Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte sich jeder Tag wie ertrinken an.

Immer tiefer sank ich in meinen Emotionen an den Grund und beim ersten Schnitt wurde ich zurück an die Oberfläche katapultiert. Ich konnte plötzlich wieder atmen. Dieser Effekt führte mich ohne Umwege in einen Teufelskreis. Ich wurde süchtig nach dem Atmen. Ich wollte keinen Schmerz empfinden, der unauffindbar in meinem Körper umherwanderte. Ich wollte meinen Schmerz konzentrieren. Ich wollte die Kontrolle. Ich wollte zurück ans Steuer meiner eigenen Gefühle. Und scheinbar gelang mir das auch. 

„Tut das nicht weh?“

Doch. Und zwar verdammt arg. Aber das soll es auch. Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen sprechen und kann kein allgemeines Bild zeichnen. Jeder Betroffene empfindet das anders, die Arten von Selbstverletzung sind äußerst breit gefächert.

Ich habe Jahre mit Therapie verbracht, um herauszufinden, warum ich meinem Körper Schaden zufügte. Manchmal hielt ich mich tagelang wach, weil ich nicht schlafen wollte. Weil ich mir keine Ruhe geben wollte, weil man nach zwei Tagen Schlafentzug alles nicht mehr so richtig wahrnimmt.

Ich war in konstantem Krieg mit meinem Körper. Irgendwie gehörte der nicht zu mir und ich wollte alles an ihm unterdrücken und die Kontrolle behalten. 

Das Lernen vom Verzeihen

Heute betrachte ich manchmal wehmütig meine Narben. Ich bin nicht mehr wütend auf mich. Ich hege keinen Groll gegen meine Vergangenheit, ich habe es nicht besser gewusst.

Die befriedigende Macht der Kontrolle über meinen Körper hat mich in einen Zustand gebracht, der fern der Realität lag. Jede einzelne Narbe erzählt ihre Geschichte, ich weiß, dass ich gelitten habe.

Mein Körper und ich sind jetzt ziemlich gute Freunde. Wir lachen manchmal wie gute, alte Freunde über die Vergangenheit und nach dem Duschen bekommen meine Arme und Beine eine extrafreundliche Behandlung mit ganz viel Liebe, Creme und Zuwendung.

Im Sommer gehe ich in T-Shirts raus und wenn mich jemand auf die Streifen an meinen Armen anspricht, rede ich darüber. Denn der Schmerz war genauso real, wie es meine Narben heute sind.

(Titelbild: Unsplash/Kinga Cichewicz)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft, erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Mehr aus dem Web