Mehr als ein Club: 5 Jahre Freund & Kupferstecher

Vor fünf Jahren eröffneten Felix Klenk und Christopher Warstat ihren Club Freund & Kupferstecher. Heute haben die beiden mit Büdle, Süßholz und Westallee einen Popkosmos erschaffen. Am Wochenende wird im Stadtpalais gefeiert, wir verlosen Tickets.

Stuttgart – Felix Klenk und Christopher Warstat haben vor fünf Jahren mit dem Freund und Kupferstecher am Berliner Platz einen Ort geschaffen, der viel mehr als nur ein Club ist. Sie haben einen Kosmos kreiert, der von der Bar Süßholz über das Kiosk Büdchen und das Straßenfest Westallee, einen Event-Space mit Dachterrasse bis zur eigenen Agentur reicht.

Freund & Kupferstecher: Agentur und Club

Die beiden Fußballfans haben die WM 2014 weitgehend verpasst, weil sie ihren Club, die ehemalige Stereo Lounge, umbauen mussten. Stell dir vor, Deutschland wird Weltmeister, du musst aber im Keller malochen, weil Gerd, Christophers Vater, auf der Baustelle Gas geben will.

Interpretiert man die Geschichten richtig, die der 32-jährige Klenk und der 35-jährige Warstat in ihrem Studio mit Blick auf die Liederhalle erzählen, dann hätten sie den Club ohne die väterliche Hilfe nicht eröffnen können. Das Projekt sind die beiden mit jener Mischung aus Blauäugigkeit und Selbstsicherheit angegangen, die entweder zum Scheitern oder zu etwas Besonderem führt.

Ein Club fernab der gängigen Klänge

Klenk und Warstat sind Hip-Hop-Ultras. Für zwei Stuttgarter Clubs hatten sie sich Veranstaltungen ausgedacht, mit ihren Lieblingskünstlern, fernab der damals gängigen Klänge. „Da gab es aber immer Reibungspunkte mit den Betreibern, wir mussten zu viele Kompromisse eingehen“, sagt Klenk. Also doch ein eigener Club, der im ersten Jahr dann, vorsichtig formuliert, nicht ganz so super lief. Die beiden Popkulturmacher erzählen tolle Anekdoten aus der Rubrik Pleiten und Pannen und rauchen dabei Kette.

Als das Geld mal wieder richtig knapp war und der Tank des Mercedes „Strich-Acht“ von Warstat, damals der inoffizielle Kupferstecher-Dienstwagen, leer, schickten sie einen Mitarbeiter mit dem letzten Wertgegenstand, der dem Club geblieben war, auf Reisen: einer Gasflasche, die beim Baumarkt 80 Euro Pfand erbringen sollte. Als der Mitarbeiter mit der Gasflasche in die U-Bahn einsteigen wollte, untersagte der Fahrer die Mitfahrt via Durchsage. Schließlich reichte das Benzin doch noch, um den Pfand einzulösen, mit dem die beiden dann wieder volltanken und Limetten und Eis für den Club kaufen konnten. „Heute hört sich das lustig an, damals war es das aber überhaupt nicht“, sagt Warstat, der erst eine Ausbildung als Zimmermann und dann eine als Veranstaltungskaufmann absolviert hat.

Aufgabe von einem Club ist es zu zeigen, dass sich Musik weiterentwickelt. Alles andere ist Radio.

Wieso hat der Club dann doch irgendwann so gut funktioniert, dass er heute einen überregionalen Status genießt, wie ihn zuvor in diesem Genre in Stuttgart nur der 0711 Club und die Schräglage inne hatten? Die beiden Betreiber verfolgen konsequent ihre musikalische Linie: „Aufgabe von einem Club ist es zu zeigen, dass sich Musik weiterentwickelt. Alles andere ist Radio, und das ist nicht unser Anspruch“, erklärt Warstat. Die beiden bewiesen ein Händchen für Talente. Wie Laptoptrainer haben sie es verstanden, neue Möglichkeiten wie den Streaming-Dienst Spotify zu nutzen. „Auf einmal konnten wir ohne externen Kurator Schätze  heben“, erinnert sich Klenk. Die beiden schafften es, Künstler wie den Bietigheimer Rapper Rin für einen Clubabend zu buchen, ehe der kurze Zeit später reif für die Porsche-Arena war.

Dazu trugen sie die Freund-und-Kupferstecher-DNA in einem eigenen Magazin und in einem aufwendigen Veranstaltungsformat weiter: 40 Wochen lang ließen sie an 40 verschiedenen Orten vom Max-Kade-Wohnheim bis zum Züblin-Parkhaus einen DJ eine Stunde lang ein Set spielen, bei freiem Eintritt. Das machte den Club noch bekannter.

Die Zukunft liegt in der Agentur

Heute zählt ihr Team rund 60 Mitarbeiter, vom Azubi über den Mini-Jobber bis zum Festangestellten. Das Besondere daran: „Unsere wichtigsten Positionen sind mit Leuten besetzt, die wie wir aus der Ecke Murrhardt kommen und die wir teilweise seit 20 Jahren kennen“, erklärt Klenk die ungewöhnliche Personalpolitik.

Beide glauben nicht, dass sie das Zehnjährige ihres Clubs noch feiern werden: „Die heute 20-Jährigen sind von uns sehr weit weg. Wir haben früher die ganze Nacht in einem Club verbracht. Die Kids heute gehen in vier Läden, getrieben von den Instagram-Storys ihrer Freunde“, sagt Klenk. Warstat ergänzt, dass sie ihre Zukunft in ihrer Agentur Freund-K sehen. Die beiden Popkultur-Akteure sind dabei das zu schaffen, was zuvor nur den Betreibern des  0711 Club gelungen war: Vom Club zur eigenen Agentur, die Firmen Popkultur beibringt.

Nun wird aber der fünfte Geburtstag des Clubs am 21. September ab 22 Uhr im Stadtpalais mit Rapper Yung Hurn gefeiert. Wer solch einen Pop-Kosmos erschaffen hat, ist eben reif fürs Museum – im positiven Sinn.

Titelbild: Lichtgut/Julia Schramm
Flyer: Facebook Veranstaltung

Verlosung

Und jetzt könnt ihr euch freuen! Wir verlosen für die Party am Samstag, 21. September, ab 22 Uhr im Stadtpalais 1×2 Tickets. Schickt uns eine Mail mit dem Betreff „Kupfi“ an stadtkind@stadtkind-stuttgart.de und schreibt uns, warum ihr unbedingt dabei sein möchtet. Das Gewinnspiel läuft bis einschließlich 19.09.2019, 12 Uhr (Teilnahmefrist). Alle Emails nehmen an der Verlosung teil. Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mehr aus dem Web

Interview: Rapper Tua über sein neues Album

Am Freitag hat Rapper Tua die dritte Single seines im März erscheinenden Albums veröffentlicht. Im Video spricht er über Musik, Verlust und Grenzen.

Berlin/Stuttgart – Tua, der bürgerlich Johannes Bruhns heißt, hat nach „Vorstadt“ und „Vater“, den dritten Song seines neuen Albums veröffentlicht. „Wem mach ich was vor“ ist dabei musikalisch eingängiger als die beiden Vorgänger-Singles und liefert einen Vorgeschmack auf die kompositorische Bandbreite des neuen Albums, das im März erscheint.

Tua über Verlust und Musik

Wir haben den gebürtigen Reutlinger, der am 6. April live in Stuttgart im Club Cann spielt, vorab in seinem Studio in Berlin besucht. Ein Gespräch über Verlust und den Versuch, Musik zu machen, die ihm selbst gefällt und dennoch die breite Masse erreicht.

Titelbild: Tua/Facebook

Mehr aus dem Web

Bar statt Blog: 0711 übernimmt den 1. Stock

Die Bar 1. Stock, zuletzt von den Betreibern der Wagenhallen geführt, geht am Samstag mit neuer Mannschaft an den Start. Nachdem das Kleinod über dem Vegi Voodoo King („Einmal Falafel Schlossplatz, bitte“) einige Monate geschlossen hatte, folgt jetzt der Neustart, versehen mit dem Zusatz „Test“.

Stuttgart – Wie heißt es so schön: Der Name ist Programm. Der 1. Stock soll in einem permanenten Testlauf Versuchslabor sein. Hinter dem Testbetrieb steckt Saeed Kakavand mit seiner Firma 0711 Media Productions. „Der Inhalt soll künftig genauso wichtig werden wie der Raum selbst“, erklärt Kakavand. Mit einer reduzierten Getränkekarte und unverbrauchten DJs will Kakavand eine unprätentiöse Spielwiese bieten:  „Die Idee ist es, den Laden dabei nie ganz fertigzumachen. Er soll immer eine Baustelle bleiben.“

Eine Bar als kreative Spielwiese

Saeed Kakavand ist eigentlich Fotograf und sieht sich selbst nicht als Gastronom. Den 1. Stock betrachtet er auch als Möglichkeit, sich gemeinsam mit anderen Kreativen auszuprobieren. „Wir wollen zum Beispiel mit Kunst-Aka-Studenten zusammenarbeiten. Ich habe viele Ideen: Warum zum Beispiel nicht Pop-up-Shops im 1. Stock veranstalten, sodass auch tagsüber Leben in den Raum reinkommt“, so Kakavand.

Der 28-Jährige ist seit 2010 in Stuttgart. Nachdem er an der Hochschule der Medien studiert hatte, heuerte er 2012 bei der 0711 Firmengruppe an – und wurde dort direkt Geschäftsführer der 0711 Media Productions. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern rief er den 0711 Blog ins Leben, der sich aber kürzlich für unbestimmte Zeit in die Kreativpause verabschiedet hat. „Früher habe ich nach Feierabend Inhalte für den Blog erstellt, jetzt arbeite ich halt inhaltlich für die Bar“, sagt Saeed Kakavand, und verabschiedet sich, um im neuen 1. Stock für den letzten Feinschliff zu sorgen. Auch ein Testlauf will schließlich vorbereitet sein.

Test – 1. Stock: Steinstraße 13, 2. Februar, 21 Uhr, Yaw, mehr Infos hier >>>

Fotos: Saeed Kakavand

Mehr aus dem Web

Das Weiße Ross eröffnet als „Ciao, Amore!“ neu

Das Rotlichtviertel verändert sein Gesicht. Im Hintergrund gestaltet eine Tochtergesellschaft der Stadt diesen Wandel kräftig mit. Gastronomie-Betriebe spielen dabei die Hauptrolle: Am Freitag feiert die Bar Weißes Ross Neueröffnung – mit neuem Namen.

Stuttgart – Was man manchmal gar nicht angemessen würdigt, weil man mittendrin steckt: Stuttgart verändert sich. Dieser Wandel funktioniert nicht überall so gut wie im Leonhardsviertel. Das höchste der gastronomischen Gefühle stellten dort früher die Weinstube Fröhlich und die Bäckerei Schmälzle dar. Auf letztgenannten Traditionsbetrieb konnten sich auch Nachtschwärmer verlassen: Viele gingen dort vom letzten Getränk der Nacht zur ersten Mahlzeit des Tages über.

Ciao, Amore! ist die kleine Schwester vom Paul & George

Das Schmälzle ist seit fast acht Jahren Geschichte, das Fröhlich wird es als Konstante bis zum jüngsten Gericht geben, in der Zwischenzeit sind mit den Bars Paul & George, Immer Beer Herzen, dem Korridor und anderen so viele Anlaufstellen für Getränke mit Attitude dazugekommen, dass sich das Viertel von einer reinen Rotlicht- in eine vielstimmige Ausgeh-Ecke gewandelt hat.

Am Freitag kommt ein weiterer Grund hinzu, in der Altstadt Fünfe gerade sein zu lassen: Das Weiße Ross feiert Neueröffnung. Die Bar sieht künftig nicht nur ganz anders aus, sondern heißt auch anders, nämlich „Ciao, Amore!“. „Der Name gefällt mir auch deshalb besonders gut, weil ich zuvor zehn Jahre im Bergamo am Hans-im-Glück-Brunnen gearbeitet und mich dort zum Halbitaliener entwickelt habe“, erklärt Heiko Schöbinger, der den Betrieb leiten und gemeinsam mit Janusch Munkwitz, Maximilian Lucas Prigl und Florian Baumgärtner gestalten wird. Die beiden letztgenannten hatten die Zwischennutzung der Gastronomie mitverantwortet.

Bier im Fokus

Inhaltlich steht im Ciao, Amore! das Bier im Fokus: „Neben unseren Lieblingsbieren von Dinkelacker werden wir eine große Auswahl an Craft Bier haben“, erklärt Schöbinger. „Damit wollen wir die Lücke schließen, die Craft-Bier-König Sebastian ‚Sebbo‘ Riedmüller hinterlassen hat.“ Riedmüller ist kürzlich der Liebe wegen nach Australien gezogen. „Durch Sebbo bin ich zum Craft Bier gekommen. Ich bin bei weitem kein Profi wie er, sondern probiere mich durch und kann so meine Empfehlung aussprechen“, erklärt Schöbinger weiter.

Bei der Renovierung des Raumes hat sich Janusch Munkwitz ausgetobt. Ähnlich wie in seinen anderen Betrieben, dem Paul & George an der Weberstraße oder der Sattlerei an der Tübinger Straße, hat der gelernte Architekt im Stile eines Stadt-Archäologen einen Raum zum Vorschein gebracht, der die ursprüngliche Geschichte des Hauses in der Gegenwart weitererzählt.

Im Sinne des Hausbesitzers und des Denkmalschutzes haben wir zum Vorschein gebracht, wie viel Potenzial der Raum hat.

Im Fall des Ciao, Amore! hatte eine Spielothek die Schönheit des Hauses an die Grenzen der optischen Belastbarkeit geführt. Unter den Zwiebelschichten einer Kaschemme haben Munkwitz und seine Mitstreiter wunderschöne Dielen, Fliesen und Stuck freigelegt. „Im Sinne des Hausbesitzers und des Denkmalschutzes haben wir zum Vorschein gebracht, wie viel Potenzial der Raum hat“, sagt Munkwitz, der das Ciao, Amore! als eigenständige kleine Schwester des Paul & George versteht. Neben den Inneneinrichtungs-Details – einer alten Metzgerstheke von 1897 und Mamortischen – setzt Munkwitz außerdem auf einen guten Klang, um dem Trend der audiophilen Bars aus Japan gerecht zu werden: „Auf einer JBL-Anlage aus den 70ern lassen wir unsere Lieblingsmusik für sich sprechen.“

Dem Hausbesitzer, der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), kommt die Liebe zum Konzept-Detail gelegen. Die SWSG spielt beim Wandel im Leonhardsviertel nämlich keine kleine Rolle: „Wir bieten Räume für Handel, Gewerbe und Gastronomie an, die einen deutlichen Kontrapunkt zu Rotlicht und Prostitution setzen. Diese Geschäfte etablieren das Leonhardsviertel als attraktive Ausgeh-Adresse in der Innenstadt“, erklärt SWSG-Pressesprecher Peter Schwab und verweist auf weitere Mieter der Wohnungsbaugesellschaft, die für eine Durchmischung im Viertel sorgen: der Falafel-Imbiss Yafa neben dem Brunnenwirt oder Traditionsbetriebe wie die Jakobstube und die Metzgerei Ergenzinger.

Auch das Fanprojekt Stuttgart ist in einer SWSG-Immobilie untergebracht, in direkter Nachbarschaft zum neuen Ciao, Amore!. Dort können Fußballfans in der ehemaligen Heimat des Café Schmälzle – siehe oben – ihrer großen Liebe zum Ballsport nachgehen: Zum Beispiel bei der nächsten Veranstaltung am 6. Dezember. Dann liest Michael Wulzinger aus dem Enthüllungs-Buch „Football Leaks“, das er gemeinsam mit Rafael Buschmann geschrieben hat. Falafel, Fußball, Bier: Im neuen Leonhardsviertel ist für jeden Geschmack etwas geboten.

(Fotos: Lichtgut/Leif Piechowski)

Mehr aus dem Web

Fluxus-Abschied: Die Bar Tatti hat eine neue Heimat

An das Ende des Fluxus hat man sich so langsam gewöhnt. Längst hat die Phase begonnen, in der spekuliert wird, wie es mit den einzelnen Mietern weitergeht. Das Rätsel um die neue Location der Bar Tatti ist nun gelöst.

Stuttgart – Was alle vorzeigbaren Menschen in Stuttgart unter 40 in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, war nicht die Frage, wo bezahlbarer Wohnraum herkommen soll, wieso dieser eine Onkel aus Bayern die Bundeskanzlerin so sehr nervt oder wer die WM gewinnen wird (Deutschland nach Toren von Özil und Gündogan), sondern wohin die Bar Tatti ziehen wird.

Tatti-Geschichte wird weitererzählt

Das Tatti befand sich bisher am Eingang des Einzelhandels-Märchens Fluxus, war in Wahrheit aber so etwas wie die heimliche Herzkammer der Freizeitanlage für großstädtische Ausgeher und Flaneure. Zum 30. Juni ist die Fluxus-Geschichte mit so wunderbaren Läden wie The Local House, Mademoiselle Yéyé oder der schönen Bar Holzapfel bekanntlich auserzählt, am 14. Juli wird ein letztes Mal in memoriam Fluxus gefeiert und dann hatten Paul Benjamin Scheibe und Marcus Philipp erst einmal geplant, den Sommer zu genießen, um sich später nach einer Immobilie umzusehen, in der sie ihr nächstes gastronomisches Vorhaben verwirklichen können.

Der stets bestens unterrichtete Volksmund hat für solch einen Fall den Spruch „erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“ parat, deshalb werden Scheibe und Philipp nun nahtlos weitermachen, und die Tatti-Geschichte an einer Stelle weitererzählen, an der man so viel Fluxus-Coolness nicht erwartet hätte: in der ehemaligen Kostbar, die jetzt noch Apanaya heißt, hinter dem Rathaus, in unmittelbarer Nähe zum Hans-im-Glück-Brunnen-Viertel. Das Apanaya wurde von Sascha Gerecht und seiner Frau Ramona betrieben, da Familie Gerecht aber nun endgültig und komplett nach Kalifornien übersiedelt, war dieses Objekt überraschender Weise auf dem Markt.

Wir wollen das Besondere der Bar fortführen.

„Eigentlich waren wir uns sicher, dass man den Tatti-Spirit nicht an anderer Stelle weiter erzählen kann. Mit dem Apanaya haben wir nun aber einen Ort gefunden, wo wir genau das doch schaffen wollen“, sagt Paul Benjamin Scheibe über die neue Herausforderung. „Wir wollen den Außenbereich komplett umgestalten, mit der ungezwungeneren Tatti-Bestuhlung, innen alles Weiß streichen und auch sonst alles versuchen, das Besondere an unserer Bar an dieser Stelle fortzuführen“, so Scheibe weiter.

Tatsächlich könnte das sehr gut funktionieren, steht und fällt eine Location doch mit der eigenen Note und dem Stil, den die Betreiber mitbringen. Die Stuttgarter Innenstadt ist in Bezug auf den Handel wie alle deutschen Innenstädte geprägt durch Ketten und Filialisten. Im Bereich der Gastronomie gibt es aber gerade in diesem Teil der City individuelle Ausgehorte:

Am Oppenheimer Platz hat sich das kleine Juwel Consafos einen Namen gemacht, Bars wie das Bergamo am Hans-im-Glück-Brunnen funktionieren seit Jahren und an der Eberhardstraße ist das Bermuda-Dreieck Breitengrad samt Bar- und Club-Doppelpack White Noise ebenfalls gut besucht. Gleichzeitig haben es Ketten wie Burger King in dieser Ecke schwer, wie sich erst kürzlich gezeigt hat.

Ein nahtloser Tatti-Übergang

So könnte in diesem Teil der Stuttgarter Innenstadt eine neue, kleine Ausgehmeile entstehen, die perspektivisch noch größer werden dürfte: Am Fruchtkasten neben der Stiftskirche wird im Herbst ein Gastro-Konzept eröffnen, das es in dieser Form in Stuttgart bisher noch nicht gibt, und auch für die Gastronomieflächen im Neubau der Rathausgarage gibt es dem Vernehmen nach interessante Bewerber.

Jetzt ist aber zunächst einmal der nahtlose Tatti-Übergang von Interesse: „Wir wollen noch im Juli an der Steinstraße an den Start gehen“, erklärt Marcus Philipp. Das ist sehr fürsorglich von den Tatti-Machern: So wird ihre Fangemeinde nur wenige Tage heimatlos sein.

(Foto: Lichtgut/Leif Piechowski)

Mehr aus dem Web

Zwanzig Jahre Turntablerocker im Stadtpalais

Am Samstag feiern Thomilla und Michi Beck zwanzig Jahre Turntablerocker im Stadtpalais. Ein Besuch bei Thomilla in seiner Wahl-Heimat Berlin.

Berlin – Wenn der Postmann zweimal klingelt, bringt er in Berlin die Testpressung des neuen Albums der Fantastischen Vier. Thomas Burchia, in der Welt des Pop besser bekannt als Thomilla, läuft entspannt wie ein buddhistischer Mönch mit dem Päckchen unter dem Arm durch einen Gang in sein Studio in Berlin. An den Wänden hängen Platin-Schallplatten der Fanta-4-Alben „Fornika“ und „Für dich immer noch Fanta Sie“, an deren Produktion und Komposition Burchia entscheidenden Anteil hatte.

Höchste Zeit, Thomillas Geschichte zu erzählen.

Thomillas Hund Hedi, der eigentlich Röhrle heißt –  „die können wir hier aber nicht so rufen, sonst kriegt sie den Schwabenhass zu spüren“ –   zeigt am Besucher ein so kurzes wie charmantes Interesse. Dann macht es sich die Hundedame auf dem Sofa bequem, um ihr Herrchen im Notfall gegen blöde Interview-Fragen zu verteidigen.

Spätestens mit dem Album „Fornika“ von 2007 hat sich Thomilla zu einer Art fünftem Mitglied der Fantastischen Vier entwickelt. Der gebürtige Stuttgarter ist heute der maßgebliche Produzent einer der erfolgreichsten deutschen Bands. Mit dem Bandmitglied Michi Beck bildet er seit genau 20 Jahren das DJ-Duo Turntablerocker. Der Geburtstag des  DJ-Teams wird am 21. April im  Stadtpalais in Stuttgart gefeiert. Das neue Fanta-Album Captain Fantastic erscheint am  27. April. Höchste Zeit, einmal  Thomillas Geschichte zu erzählen.

Die Welt hat sich seit den 90ern rasant geändert

Die hat 1991 an einem popkulturell später legendären Ort am Stuttgarter Rotebühlplatz begonnen. „Mit 17 habe ich  bei Radio Barth meine Lehre zum Einzelhandelskaufmann absolviert.  In dem Laden  herrschte Krawattenpflicht. Blue Jeans und Sneaker waren verboten, es musste mindestens eine Bundfaltenhose sein“, erinnert  sich Thomilla.

Wenn er von seiner Ausbildung erzählt, wird klar, wie rasant sich die Welt seit den 90er Jahren verändert hat.  „Ich habe in der  Abteilung für Henkelware gearbeitet, in der die tragbaren Geräte zu finden waren. Dort habe ich angefangen, mich für Mischpulte zu interessieren“, erinnert sich  Thomilla.  Und zwischendrin verkaufte er alten Damen, die einen neuen Weltempfänger für ihre Küche haben wollten, ein Gerät mit Radio, doppeltem Kassetten-Deck und CD-Player, „damit die Enkel bei der Oma ihre CDs anhören können, so mein Verkaufsargument“, erinnert er sich lachend.

Die Fantas war den jungen Wilden zu poppig

Bei seinem Ausbildungsbetrieb kaufte sich Thomilla zwei Technics-Plattenspieler, um seine Fähigkeiten als DJ auszubauen. „Die habe ich damals von  meinem Lehrgehalt abbezahlt. Meine Mutter hat mich für verrückt erklärt.“ Mittlerweile dürfte sich die Investition  amortisiert haben. Thomilla wurde zu den stilbildenden DJs des Hip-Hop-Zusammenschlusses Kolchose, der nach der Pleite der Firma Radio Barth von dem Gebäude aus die Deutsch-Rap-Revolution  mitgestaltete.

Der Zusammenhalt der Kolchose, zu der unter anderem die Bands Freundeskreis und Massive Töne gehörten, beruhte anfangs auch auf der Ablehnung der Fantastischen Vier. Die Fantas waren den jungen Wilden zu poppig. Thomilla stellte in dieser innerstädtischen musikalischen Auseinandersetzung eine Art Schweiz dar. „Nach meiner Lehre habe ich im Plattenladen Imports gearbeitet.“ Dort kauften Mitglieder aller  Fraktionen ein. „So wurde ich zur neutralen Zone.“ Im Plattenhandel lernte Thomilla auch Michi Beck kennen. „Da  kam ein langhaariger Typ im schwarzen Mantel auf Roller-Skates in den Laden. ,Das ist doch der Typ von den Fantas’, dachte ich mir. Die Chemie hat gleich gestimmt, er wurde Stammkunde.“

Die „Burg“ war einer der Pop-Orte der Stadt

Zu der Zeit hat Thomilla im Club Red Dog den Hip-Hop-Mittwoch veranstaltet. „Irgendwann haben wir Michi eingeladen, dort aufzulegen. Dabei war er da längst stiller Teilhaber, also haben wir quasi den Chef gefragt, ob er in seinem eigenen Laden spielen möchte. Das habe ich erst Jahre später erfahren, weil er das nie an die große Glocke gehängt hat“, so Thomilla. Das Stuttgarter Credo, wirtschaftliche Intelligenz nicht durch einen Münchner Hang zum Protz zu verderben, gilt eben auch bei Michi Beck.

Das fantastische Viertel Beck fragte Thomilla schließlich, ob er nicht Songs für sein Solo-Album schreiben und produzieren möchte. „Natürlich wollte ich das, wusste aber überhaupt nicht, wie das geht. In der Zeit hat mich Peter Hoff in die Welt des Produzierens eingeführt.“ Über den damals schon arrivierten Produzenten bekam Thomilla seine ersten Aufträge, wenig später gründeten die beiden Benztown Productions und zogen in eine hoch herrschaftliche Villa an der Weinsteige, die fortan unter dem Namen „Burg“ zu einem der Pop-Orte der Stadt wurde.

Stuttgarter Rapper, amerikanische Rapper, Securitys, Tänzerinnen

Um den Status der Burg zu verdeutlichen, muss man Thomilla eine Anekdote aus dem Jahr 2000 erzählen lassen. Damals war der amerikanische Produzent Puff Daddy eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Unterhaltungs-Branche. Zu seinem Konzert in der Schleyerhalle hatte er die Kolchose eingeladen. Nach dem Auftritt feierte man gemeinsam in einem Stuttgarter Club weiter. „Das war wie in einem seiner Videos: Er ist im Pelzmantel mit Champagnerflasche in der Hand herumgesprungen, umgeben von Bikini-Girls. Ich bin um zwei nach Hause.“

Dann ging alles ganz schnell: Die Kolchose-Kollegen riefen aus dem Club an, Thomilla möge bitte den Rechner hochfahren und einen Song programmieren. Puff Daddy habe den Wunsch geäußert, Musik an der Weinsteige aufzunehmen. Am Ende steuerten laut Thomilla drei Nightliner die Burg an: Stuttgarter Rapper, amerikanische Rapper, Securitys, Tänzerinnen. „Das müssen insgesamt 100 Leute gewesen sein. Mittendrin Puff Daddy, Jogging-Anzug, Slippers vom Hilton,  Sonnenbrille, an allen Aufnahme-Stationen hat er nach dem Rechten gesehen. Morgens um 8 Uhr sind alle wie eine Wolke wieder verschwunden.“

Der Name Turntablerocker wurde zu einem Bio-Label für Abriss-Partys

Heute unvorstellbar: damals gab es noch keine Handys mit Foto-Funktion, also existieren keine Bewegtbilder von der Aktion. „Keiner von uns kam auf die Idee, mit einer Videokamera zu filmen.“ Selige Vor-Selfie-Ära! Heute hätten die Instagram-Stories aus dem Benztown-Studio sämtliche Server dieser Welt in die Knie gezwungen.

Auf dem von Thomilla produzierten Solo-Album von Michi Beck, „Weltweit“, fand sich schließlich der Track Turntablerocker, der titelgebend für das DJ-Duo wurde. Der Name Turntablerocker wurde zu einem Bio-Label für Abriss-Partys. Thomilla und Beck produzierten gemeinsame Alben, die wie eine deutsche Antwort auf Fat Boy Slim oder Daft Punk funktionierten. 2005 zog Thomilla nach Berlin, nachdem andere Weggefährten schon zuvor in die Hauptstadt gegangen waren.

Captain Fantastic am Mischpult

Und wie wurde Thomilla schließlich zum 5. Mitglied der Fantastischen Vier? Von Album zu Album übernahm er mehr Verantwortung als Produzent und Komponist. Längst ist er der Captain Fantastic am Mischpult und unterstützt Smudo und Michi Beck außerdem maßgeblich bei der Fernseh-Show „Voice of Germany“, wo es das Team Fanta auf die ihm eigene, strategisch schlaue Weise schafft, ein jüngeres Publikum als die klassischen Fans der Gruppe zu erreichen.

Vom Radio-Barth-Azubi auf die große TV-Bühne: Thomilla ist schon so lange im Pop-Business dabei, dass er den Umbruch der Branche genauso live miterlebt hat wie den technischen Wandel – zum Beispiel in Bezug auf den  Produktionsprozess bei den Fantas: „Heue landen pro Album bis zu 300 Skizzen in einem Dropbox-Ordner. Am Ende werden wie im Fall der neuen Platte 16 Stücke ausgewählt.“

Exil-Schwaben mit Sehnsucht nach Stuttgart

Die technischen Veränderungen bringen Vereinfachungen mit sich: „Als wir kürzlich in Stuttgart  im Wizemann geprobt haben, hat mir ein Sound gefehlt, den konnte ich mir kurz von der Dropbox ziehen. Früher hätte ich mir einen Kurier bestellen müssen, der mir einen  Datenträger vorbeibringt.“

Zum Schluss noch die alles entscheidende Frage zu den Fantas: Wie schafft man es eigentlich, sich immer wieder dann neu zu erfinden, wenn man denkt, dass die Band schon alles erzählt hat? Thomilla spricht von den Zweifeln, die am Anfang eines jeden neuen Albums stünden und wie dann aber solch ein Coup wie die Single „Zusammen“ mit Clueso zustande komme: Die Band habe lange auf seinem Sofa diskutiert, ob man den Sänger nach einer Zusammenarbeit fragen könne. Womöglich würde der ja absagen und wie stehe man dann da? „Thomas D. hat Clueso schließlich angerufen, über Lautsprecher haben alle mitgehört, und Clueso meinte nur: ,Endlich fragt ihr mich. Natürlich mache ich mit!‘“.

Es klopft an der Tür. Studio-Nachbar Jochen Schmalbach, unter anderem Teil der  Bietigheimer Band Camouflage, sagt Hallo. Es folgt ein herzzerreißender Dialog der Exil-Schwaben über ihre Sehnsucht nach Stuttgart, die sich unter anderem am besseren Wetter und den freundlicheren Bäckereifachverkäuferinnen festmacht. Zeit zu gehen, Milla will die Testpressung der Fantas anhören. Wo er die Platte abspielt? Auf  seinen Technics-Plattenspielern, die er bei Radio Barth gekauft hat.

DJ-Duo Turntablerocker im Stadtpalais

Florian Kolmer

 

 

Die Turntablerocker aka Michi Beck und DJ Thomilla stehen seit 20 Jahren gemeinsam hinter den Plattenspielern.

Am Samstag wird das von 23 Uhr an im Stadtpalais gefeiert.

Mehr Infos gibt es hier >>>

Mehr aus dem Web