Stuttgarterin kämpft in Kenia gegen Beschneidung von Mädchen

Antonia Waskowiak studiert an der Uni Hohenheim und kämpft mit ihrem Verein Zinduka gegen Genitalverstümmelung bei Mädchen in Kenia. Gegen das grausame Ritual vorzugehen ist Teil ihres Lebens geworden – bald will sie dafür sogar die Zelte in Deutschland abbrechen. Was treibt sie an?

Stuttgart/Nairobi – Während andere kellnern, um ihr Studium zu finanzieren, hat sich Antonia Waskowiak erst einmal Hühner gekauft. Der Verkauf der Hühnereier soll Miete und Lebensunterhalt sichern. Antonia bereitet sich ganz offensichtlich nicht auf ein Studium in Deutschland vor, im August geht es für sie nach Nairobi in Kenia. Bisher hat Antonia Ernährungsmanagement an der Uni Hohenheim studiert. Ihr Herz aber hängt schon lange an Kenia und ihrem dortigen Engagement: dem Einsatz gegen weibliche Genitalverstümmelung.

Kenia: Bildung gegen ein grausames Ritual

In Kenia leitet sie die private Grundschule „Nyabosongo Bena Academy“ mit mehr als 300 Schülern und Kindergartenkindern und den Verein Zinduka, den sie selbst ins Leben gerufen hat. Mit der Unterstützung von freiwilligen Helfern, vor allem aber von Einheimischen ist der Verein angetreten, Mädchen vor weiblicher Genitalverstümmelung zu schützen.

Ein wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit sind die Rescue Camps, in denen Mädchen während der Beschneidungszeit Schutz finden. 2016 ist das erste Camp durchgeführt worden. Im vergangenen Jahr waren 158 Mädchen in der Betreuung.

Beschneidung ist in Kenia illegal – und wird trotzdem durchgeführt

Seit 2011 sind Beschneidungen in Kenia eigentlich verboten. Jeder, der gegen das Gesetz verstößt, muss mit einer Haftstrafe von mindestens drei Jahren rechnen. Bei Todesfolge mit lebenslänglich. Nichtsdestotrotz werden in Kenia wie in anderen Teilen der Erde noch immer Mädchen im Alter von acht bis 16 Jahren beschnitten. Beschneidung oder auch FGM (Female Genital Mutilation) ist eine tief verwurzelte Tradition – ein Übergangsritual vom Kind zur Erwachsenen.

Bei FGM werden die weiblichen, äußeren Genitalien teilweise oder komplett entfernt. Häufig ohne Betäubung, mit unsterilisiertem Schneidewerkzeug wie Messer, Rasierklinge oder einer Glasscherbe. Die Gefahr einer Infektion ist hoch, aber auch wenn diese ausbleibt: Die körperlichen und seelischen Folgen sind verheerend. Viele sind für den Rest ihres Lebens inkontinent, haben Schmerzen bei der Periode und beim Geschlechtsverkehr. Oft kommt es zu Komplikationen bei der Geburt. Laut Schätzungen der WHO gibt es weltweit 150 Millionen Mädchen und Frauen, die beschnitten sind.

Empowerment durch Bildung

In Kenia ist die Tradition noch in vielen ethnischen Gruppen verbreitet. Unter anderem beim Stamm der Kuria, wo 84 Prozent der Frauen beschnitten sind und wo Antonia mit ihrem Verein aktiv ist. „Es geht dabei um die Heiratsfähigkeit der Mädchen“, erklärt Antonia. Eine unbeschnittene Frau gilt in der Tradition als unrein. Eine Heirat ist für die Frauen und deren Familien auf dem Land noch häufig aus ökonomischen Gründen wichtig.

Der Slogan von Zinduka lautet deshalb „Education against Mutilation“, also Bildung gegen Verstümmelung. Je aufgeklärter die Mädchen sind, desto eigenständiger können sie sich gegen die Tradition wehren. Und je gebildeter sie werden, desto mehr Chancen haben sie, selbst für Arbeit und ihr Einkommen zu sorgen – eine Heiratsfähigkeit wird weniger wichtig. Empowerment durch Bildung.

Dazu gehört aber auch, an der Bildung der Jungen und Männer zu arbeiten. „Die Jungen sollen keine beschnittene Frau mehr heiraten wollen“, sagt Antonia. So lange die Zukünftigen, genauso wie Väter und Großväter, an der Tradition festhalten, bleibt der gesellschaftliche Druck, der auf Mädchen und jungen Frauen lastet, hoch.

„Die Mädchen wachsen mit dieser Tradition auf“, sagt Antonia. Viele von ihnen wüssten nicht um die Folgen und freuten sich lediglich auf die Belohnungsgeschenke, die auf sie warten: neue Schuhe etwa oder Geld und ein großes Fest. Im vergangenen Jahr wollte eine Mutter ihre Tochter im Camp anmelden. Diese aber weigerte sich. Der Grund: Sie wollte beschnitten werden, um genauso wie ihre Freundinnen mit schöner Kleidung und anderen Geschenken belohnt zu werden. Am Ende konnte sie doch noch überzeugt werden und ist mit in das Camp gekommen.

Alle zwei Jahre im Dezember beginnt die Beschneidungssaison bei den Kuria. Dann haben die Kinder Ferien und die Stammesältesten legen fest, wann das Beschneidungsritual stattfinden soll. Die Mädchen werden hübsch gekleidet und mit den Stammesältesten und den Angehörigen in einer Art Parade durch die Straßen geführt. Später kommen sie mit blutverschmierten Gewändern, tränennassen Augen und quälenden Schmerzen zurück.

Für Antonia und die anderen Helfer ist die Arbeit im Verein nicht ganz ungefährlich. Am Rand der Parade kam es schon zu Drohungen, im vergangenen Jahr ist ein Teammitglied in seinem Zuhause überfallen worden. FGM-Befürworter wollten das Rescue Camp, das immer während der Beschneidungszeit im Dezember stattfindet, finden und die dort untergebrachten Mädchen holen. Die Polizei sicherte schließlich die Camps vor Ort.

Nicht nur deshalb ist es wichtig im Verein Unterstützung von den Einheimischen zu bekommen. „Als kleines blondes Mädchen kann ich nicht hingehen und einfach so in die Kultur eingreifen“, sagt Antonia. Deshalb hat sie Helfer um sich, die die Traditionen und die Menschen vor Ort kennen. Fünf hauptamtliche Mitarbeiter aus dem Stamm der Kuria und zahlreiche Freiwillige aus der ganzen Welt klären auf und versuchen so einen Sinneswandel herbeizuführen. Außerdem arbeitet der Verein mit Institutionen und Organisationen vor Ort zusammen.

Die Kinder lernen, dass sie sich gegen Beschneidung entscheiden können

Rescue Camps gibt es in Kenia nicht nur von Zinduka sondern auch von anderen Initiativen wie Unicef. Im Camp von Antonia können die Kinder nicht nur einen Monat wohnen, sondern bekommen auch Unterricht in Sexualkunde, Kinder- und Frauenrechte, sowie Hygiene. Sie lernen, dass sie sich gegen eine Beschneidung entscheiden können. Die Mädchen werden meist im Vorfeld angemeldet, manche Fälle werden vom Jugendamt oder der Polizei hingebracht. Einige der Mädchen wurden im Nachhinein von ihren Familien verstoßen und leben bis heute in der Schule. Die Rettungscamps werden durch Spenden finanziert.

Das alles sind Gründe, weshalb Antonia nun ihre Zelte in Stuttgart abbricht und nach Kenia zieht. „Ich schaffe das Pensum von Deutschland aus nicht mehr“, so die Studentin. Ihr Studium an der Uni Hohenheim hat sie abgebrochen. Ab August studiert sie in Nairobi „Community Development“, ein Studiengang, der sie direkt für ihre Arbeit im Verein ausbildet.

Wie ist es gekommen, dass sich eine junge Studentin so für Mädchen in Kenia einsetzt?

In den Sommerferien der zwölften Klasse machte sich Antonia mit Hilfe des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) auf den Weg nach Nairobi. Dort traf sie zum ersten Mal auf den Stamm der Kuria und half bei einem dreiwöchigen Camp, das sich mit der Bekämpfung weiblicher Genitalverstümmelung beschäftigt hat, außerdem beim Aufbau der Schule, die sie heute leitet. „Dort gab es viele Schlüsselmomente, die mich tief bewegt haben“, erinnert sie sich. Die Gespräche über FGM, vor allem die mit Mädchen und Frauen, die selbst verstümmelt worden sind, brannten sich bei ihr ein. „Mir war nicht klar, wie oft die Tradition noch praktiziert wird.“ Zurück in Deutschland hielt sie Kontakt zu einer Familie aus dem Stamm der Kuria in Nyabosongo, informierte an ihrer Schule sowie im Familienkreis über FGM und sammelte Spenden. „Ich wollte etwas unternehmen.“

Mit dem gesammelten Geld – 700 Euro sind zusammengekommen – ist sie zurück nach Kenia. „Ich dachte, ich kann richtig was reißen mit dem Geld“, erinnert sie sich heute lachend zurück. Berge versetzen konnte sie nicht, wie sie schnell feststellen musste. Für ein Klassenzimmer aber hat es gereicht. Doch auch das ist schon ziemlich viel.

Nach dem Abitur hat Antonia schließlich eine dreijährige Ausbildung zur Rettungssanitäterin in Marburg gemacht – vor dem Hintergrund mit dem gelernten Wissen in Nairobi helfen zu können. Dort verbringt sie jedes Jahr mehrere Wochen bei einer Gastfamilie mit der sie sich angefreundet hat.

Mir fällt es leicht von Stuttgart nach Kenia zu kommen. Aber anders herum fällt es mir immer schwerer.

Jetzt geht es für sie mit 26 Jahren vom Stuttgarter Westen, wo sie bis zu ihrer Abreise wohnt, als Schulleiterin und Vereinsvorsitzende nach Nairobi. Das Arbeitspensum ist die eine Sache, das sie dorthin bringt, aber auch der Kulturunterschied, den sie immer weniger wegstecken kann, sagt sie. Die Probleme in Stuttgart erscheinen ihr banal, wenn sie in Nairobi aus dem Flieger steigt.

Ihre Arbeit vor Ort ist verantwortungsvoll und kräftezehrend. Aber es überwiegen die schönen Momente und Erfolgserlebnisse, wenn sie Mädchen vor FGM retten konnte.

Am Ende der Rescue Camps gibt es ein großes Fest für die Mädchen und deren Angehörigen. Sie bekommen Urkunden überreicht, die den Schritt in Erwachsenenleben symbolisieren sollen. Eine Alternative zu den Beschneidungsfeiern – ohne Blut und Schmerzen, sondern höchstens mit Freudentränen und neuen Perspektiven für die Zukunft.

Zinduka >>>

(Fotos: Zinduka)

Mehr aus dem Web

Das sind die besten neuen Spots im Juni

Gerettete Lebensmittel, Burger für Lowcarb-Fans, hausgemachte Kuchen und süße Stückle – diese neuen Spots warten darauf getestet zu werden.

Stuttgart – Es war die Neueröffnung, auf die alle hingefiebert haben: Im Stuttgarter Westen hat im Juni das Raupe Immersatt geöffnet. Und damit nichts weniger als das erste Foodsharing-Café Deutschlands. Am Hölderlinplatz können jetzt gerettete Lebensmittel abgegeben, mitgenommen oder gleich vor Ort verzehrt werden. Für Kaffee und andere Getränke gilt: Jeder zahlt so viel er möchte.

Lowcarb und süße Stückle

Doch nicht nur im Kessel tut sich etwas: In Sillenbuch hat der zweite Unverpackt-Laden der Stadt eröffnet. Von Getreide und Gewürzen über Getränke bis hin zu Kosmetik und Kleidung ist alles dabei.

Noch etwas weiter weg, in Esslingen, hat die dritte Filiale des Burger-Ladens Triple B eröffnet. Die ersten Tage haben gezeigt: der Burger-Trend scheint noch nicht vorüber. Die Kollegen von Mahlzeit haben den neuen Spot am Neckar getestet >>>

Titelfoto: Tanja Simoncev

Mehr aus dem Web

Biking Baboons: Mit dem Fahrrad von Stuttgart nach Namibia

Mareile Garbade und Marius Thomma haben sich vorgenommen 18.000 Kilometer vom Neckar bis Namibia zurückzulegen – auf dem Fahrrad. Mit ihrer Reise möchten sie nicht nur viele tolle Erfahrungen sammeln, sondern auch benachteiligte Kinder in Namibia unterstützen.

Stuttgart – Kaum zu glauben, aber für Mareile ist es das erste Fahrrad, das sie jemals besessen hat. Und mit diesem Fahrrad soll es die nächsten Monate von Stuttgart nach Namibia gehen. Klingt nach einer unmöglichen Aufgabe. „Ich bin ein Dickkopf. Das wird jetzt durchgezogen“, sagt Mareile und lacht. Die große, abenteuerliche Reise macht sie aber nicht alleine. Mit dabei ist ihr Freund Marius, der auf dem Fahrrad immerhin etwas geübter ist als sie selbst.

Langsames Reisen schont die Natur

Abenteuerlustig war das Pärchen schon immer. Im Juni 2018 kündigten die beiden ihre Jobs bei großen IT- und Automobilunternehmen, verkauften ihr Hab und Gut und begaben sich auf die erste große Reise: Backpacking durch Zentral- und Südamerika. Dass sie für ihre nächste Reise aufs Fahrrad umsteigen, hat einen einfachen Grund. „Wir möchten unabhängiger und flexibler reisen“, sagt Marius.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Touri-Ort zu Touri-Ort gekarrt zu werden, hat den beiden nicht mehr gefallen. „Man ist immer auf andere angewiesen – mal bekommt man kein Taxi, mal ist der Bus zu voll“, ergänzt Mareile. Die Reise wird mit dem Fahrrad außerdem langsamer, die Entfernungen werden durch die sich verändernden Landschaften spürbarer. „Wir freuen uns darauf mehr Zeit zu haben, Länder, Menschen und Kulturen kennenzulernen“, sagt Marius.

Mareile ist auf einer Farm in Namibia aufgewachsen

Der auch nicht zu verachtende Nebeneffekt: Die Natur wird geschont. Die einzige Ausnahme könnte allerdings in der Türkei auf das Paar warten. „Wir möchten nicht durch Syrien fahren“, sagt Mareile. Falls sie also keine Möglichkeit finden über den Wasserweg nach Afrika zu gelangen, wird notgedrungen einmal aufs Flugzeug umgestiegen.

Das Ziel Namibia ist im Übrigen nicht zufällig gewählt: Mareile ist in Namibia auf einer Farm aufgewachsen und hat eine deutsche Schule besucht. Ihre Eltern leben in der dritten und vierten Generation dort, ein Stück deutsche Kolonialgeschichte, die Mareile durchaus bewusst ist. „Es war eine furchtbare Zeit für die schwarze Bevölkerung“, sagte Mareile im Vorfeld ihrer Reise in einem Radiointerview. Ihr Großvater habe die Farm seinerzeit gekauft, ihre Eltern, die genau wie sie selbst dort geboren sind, fühlten sich mehr als Namibier denn als Deutsche.

Ihre Familie, die Eltern und Geschwister, leben noch immer dort und bewirtschaften noch immer die Farm, auf der Mareile aufgewachsen ist. Eine Farm mit unter anderem rund 2.000 Rindern.

Mareile hat in Südafrika studiert und ist zum Arbeiten schließlich nach Stuttgart gekommen. Drei Jahre ist sie schon hier. Marius kommt aus der Nähe von Rottenburg, hatte in seiner Kindheit aber auch Berührungspunkte mit Afrika: Aufgrund der Arbeit seines Vaters hat seine Familie für zwei Jahre in Südafrika gelebt.

Gerade weil Mareile weiß, wie die Situation für viele Menschen in Namibia ist, möchten die beiden mit ihrer Reise auch ein Bewusstsein schaffen. „Zahlreiche Kinder haben keinen Zugang zu Bildung, hinzu kommt, dass viele Schulen in Namibia in schlechtem Zustand sind“, sagt Mareile. Deshalb war den beiden schnell klar: Sie möchten mit ihrer Reise auch etwas Gutes tun. Letztendlich haben sie sich dazu entschieden Pro Namibian Children zu unterstützen.

Der Verein wurde 2005 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, benachteiligten Kindern im Alter von sechs bis 15 Jahren im besonders armen Süden Namibias Zugang zu einer schulischen Ausbildung zu ermöglichen. Im Omomas Care Center werden die Kinder auf die Herausforderungen eines selbstbestimmten Lebens vorbereitet. Bildung, Sozialkompetenz und Persönlichkeitsstärke sowie landwirtschaftliche und handwerkliche Fähigkeiten bilden dabei die Grundlage für ein chancenreiches Leben in Namibia. Aktuell leben 120 Kinder im Omomas Care Center. Die beiden Weltenbummler möchten die Aufmerksamkeit der kommenden Monate nutzen, um für Spenden zu werben.

Marius wird über die Reise auf Social Media und einem Blog schreiben. Einen Namen haben sie sich dafür auch gegeben: Biking Baboons. Der Name ist durch Marius Leidenschaft zum Klettern und Bouldern entstanden. Mareile nennt ihn deshalb scherzhaft ihren „kleinen Affen“. Baboon ist ein Pavian, von denen es in Namibia viele gibt.

Und wie finanziert man so eine Weltreise? Die beiden Weltenbummler hatten Geld gespart, nach ihrer Südamerikareise außerdem in Sölden in einem Hotel gejobbt. Außerdem hatten sie das Glück Sponsoren zu finden, die sie vor allem hinsichtlich ihrer Ausrüstung unterstützen. So wie ihr Fahrrad, ein wartungsarmes Extrembike, das keine übliche Kettenschaltung besitzt und auch unwegbares Gelände meistern soll.

Für die Reise plant das Paar mit einem bis anderthalb Jahren. Seit dem 3. Juni schon treten die beiden in die Pedale, schlagen am Abend ihr Zelt auf und haben nur das dabei, das in ihre orangefarbenen Packtaschen passt. Ihr Weg führt zunächst Richtung Alpen, dann über den Balkan nach Griechenland und durch die Türkei. Über Israel geht es schließlich nach Nordafrika und Richtung Ziel. 50 Kilometer am Tag zu fahren, haben sich die Biking Baboons vorgenommen.

Ob die beiden Angst haben? „Ein bisschen macht man sich schon Gedanken wegen der Kriminalität in manchen Ländern“, sagt Mareile. Aber die beiden haben sich vorbereitet. „Man denkt ja immer mit so einem Plan, ist man etwas besonderes. Aber wenn man mal recherchiert, entdeckt man, dass es so viele gibt, die ähnliches machen!“, sagt sie und lacht. So konnten sie sich einige Tipps holen, von Reiserouten bis hin zu konkreten Fragen zur Beschaffenheit einer Isomatte. Letztlich überwiegt die Freude auf ein großes Abenteuer, auf Herausforderungen, Wanderungen, Safari in Kenia, die Durchquerung der Sahara, Strandtage auf Sansibar – und auf den ersten Stop, wenn die Alpen überquert sind: Venedig.

Und was soll danach kommen? Mareile und Marius können sich durchaus vorstellen erst einmal in Namibia zu bleiben. Für Mareile ist der Trip mehr eine Heimreise als nur eine Weltreise. „Aber wir freuen uns auch erst einmal auf das Gefühl diese Challenge geschafft zu haben“, sagt Marius.

(Fotos: Biking Baboons)

Mehr aus dem Web

Refill Stuttgart: Gratis Wasser für alle

Die Initiative Refill kennzeichnet Cafés und Läden, die kostenlos Leitungswasser in mitgebrachte Flaschen füllen – und damit helfen, Plastikmüll zu vermeiden.

Stuttgart – Ein Wasserhahn und ein bisschen Zeit – viel braucht es nicht, um Teil der Umweltschutzkampagne zu werden, die Anfang dieses Jahres in Stuttgart gestartet ist. Refill nennt sie sich und funktioniert so: Läden, Cafés und andere Einrichtungen melden sich an, bekommen eine Markierung auf einer digitalen Karte sowie einen Refill-Aufkleber für ihr Geschäft. Jeder, der eine Flasche dabei hat, bekommt dort kostenlos Leitungswasser. Das spart Geld und schont die Umwelt.

Refill ist eine bundesweite Bewegung

Lea Mika und Hannah-Lena Flechtker haben die Organisation in Stuttgart in die Hand genommen. Hotel Azenberg, Tarte und Törtchen, Ribingurumu – viele der teilnehmenden Einrichtungen sind auf die beiden jungen Frauen selbst zugekommen. „Wir hätten niemals gedacht, dass es so gut läuft“, sagt Flechtker. Ständig kommen ein neue Orte für kostenloses Leitungswasser hinzu.

Die Idee für Refill stammt aus der englischen Stadt Bristol. Ihren Weg nach Deutschland fand sie durch Stephanie Wiermann, Grafikerin und Webdesignerin. Sie brachte das Konzept nach Hamburg und wurde förmlich überrannt von Anfragen. Mehr als 50 Städte haben sich seit dem Start im März vergangenen Jahres angeschlossen und es werden immer mehr: In weniger als einem Jahr ist Refill eine bundesweite Bewegung geworden.

Die Trinkflasche als Modeaccessoire

Zero Waste, also die Vermeidung von unnötigem Müll, ist schon lange ein Trend, vor allem bei umweltbewussten Großstädtern. Das fängt beim Einkaufen an und geht weiter mit Mehrwegbechern für den Kaffee zum Mitnehmen bis hin zu der Trinkflasche, die seit vielen Saisons zu einem der wichtigsten Modeaccessoires auf den Straßen der Welt geworden ist.

Ein Glück, denn die Zahlen, die die Deutsche Umwelthilfe (DUH) auf ihrer Internetseite veröffentlicht, sind alarmierend. „Allein im Jahr 2015 wurde die unvorstellbare Menge von 17 Milliarden Einweggetränkeverpackungen verbraucht“, steht dort. Vor allem die großen Discounter überschwemmten den deutschen Getränkemarkt mit Einweg-Plastikflaschen. Die verheerenden Folgen für das Klima und die Umwelt: Allein die Herstellung der Plastikflaschen verschlinge jährlich mehr als 650 000 Tonnen Rohöl und Erdgaskondensate.

Wasser ist ein Menschenrecht.

Einer der gegen Verpackungsmüll schon lange vorgeht ist Jens-Peter Wedlich. Im Mai 2016 hat er im Stuttgarter Westen seinen Unverpackt-Laden Schüttgut eröffnet. Produkte wie Obst, Gemüse und Nudeln werden dort in Baumwolltaschen oder anderen – auch selbst mitgebrachten – Gefäßen verkauft. Trotzdem sei er kein Freund des erhobenen Zeigefingers: „Wer zu schnell zu viel will, scheitert und ist gefrustet.“ Jeder kleine Schritt, der die Umwelt schont, sei wichtig. Ob es nun darum geht, kein doppelt in Plastik eingepacktes Gemüse im Supermarkt zu kaufen, die Bodylotion selbst anzurühren oder unterwegs eine Flasche mit Leitungswasser aufzufüllen statt Plastikflaschen zu kaufen.

Refill hat Wedlich schon vor einiger Zeit entdeckt. „Ich wollte das schon lange initiieren, hatte aber nie die Zeit gefunden“, sagt er. Um so erfreuter war er, als er in der benachbarten Patisserie Tarte und Törtchen den Aufkleber an der Scheibe entdeckt hat. Seit dem 12. Januar schenkt auch er an alle Durstigen aus. „Eigentlich haben wir das schon seit jeher gemacht“, sagt er. Kunden bietet er vor allem in den Sommermonaten ein Glas Leitungswasser an oder füllt ihre Flaschen auf. „Wasser ist ein Menschenrecht“, sagt er überzeugt. In anderen Ländern sei das schon stärker angekommen: „In den USA gibt es Trinkstationen mit kostenlosem Wasser in den Städten.“ Stuttgart sei da noch immer deutlich rückständiger.

Brunnen bringen Erfrischung

In einem Punkt hat Stuttgart vielen anderen Refill-Städten aber etwas voraus: 19 Trinkbrunnen bringen im Stadtgebiet kostenlose Erfrischung – einige in Bad Cannstatt, aber auch in der Stuttgarter Innenstadt sind sie zu finden. Viele davon, wie die Daimlerquelle und der Veielbrunnen, sind auf der digitalen Karte verzeichnet. Um das Wasser auf Bakterien zu untersuchen, entnehmen Mitarbeiter des Gesundheitsamts ein- bis zweimal jährlich Proben, erklärt Bernd Sauer, bei der Stadt für die Brunnen des Tiefbauamts zuständig.

Mehr aus dem Web

Singa unterstützt Geflüchtete beim Gründen von Start-ups

Afghanische Lebensmittel, Upcycling-Taschen, Parfums inspiriert von Damaskus: Amelie Hübner, Peter Schumacher und zahlreiche Mentoren helfen im Singa Business Lab Geflüchteten dabei, aus einer Idee Unternehmen entstehen zu lassen.

Stuttgart – „In Damaskus ist es warm, dort benutzt man viel Parfum“, sagt Kriker Masab und lacht. In der syrischen Hauptstadt ist Kriker Masab schon drei Jahre nicht mehr. Er musste fliehen und wohnt heute mit seiner Frau und den beiden Kindern in Deutschland. Um seine Flucht soll es an diesem Abend an der Merz Akademie aber gar nicht gehen – sondern um die syrische Parfumkultur. „Den ganzen Tag über wird durchgewechselt.“

Libanesisches Essen, syrisches Parfum

Masab hat einige Düfte mitgebracht, in bunten Fläschchen mit goldenen Verzierungen sind die Flüssigkeiten auf einem Tisch aneinandergereiht. Sandelholz, Lavendel, Bergamotte. Die Liste an Aromen ist lang. Das besondere an den Fläschchen: Alle wurden sie von Masab selbst zusammengestellt. Unter dem Namen Perfüme Jasmine möchte er sie verkaufen, die Grundzutaten werden vorab für jede Person individuell gemischt.

Der Syrer ist einer von vielen Neu-Stuttgartern, die beim Singa Business Lab mitgemacht haben, einer Start-up-Hilfe für Geflüchtete. An diesem Abend werden die erarbeiteten Konzepte vorgestellt – und teilweise auch schon getestet. Wie die Parfums von Masab und das Essen von Zina Aljnidi. Die 41-Jährige ist im Libanon geboren und hat dort als Französischlehrerin gearbeitet. Ihre Idee: ein libanesisches Restaurant in Stuttgart zu eröffnen. Ihre Kochkünste hat sie schon unter Beweis gestellt, in Dinner Clubs etwa oder durch Cateringaufträge im Wizemann.Space und im Kulturkabinett in Bad Cannstatt.

Durch den Abend in der Merz Akademie führen Amelie Hübner und Peter Schumacher. Die beiden haben das Lab in Stuttgart gegründet, nachdem sie gemeinsam an der Social Innovation Academy in Uganda gearbeitet haben. Ihre Aufgabe dort: Jugendlichen und jungen Erwachsenen dabei helfen, eigene Sozialunternehmen zu gründen und Jobperspektiven zu schaffen. „Danach wollten wir nicht mehr zurück in unsere alten Jobs und Strukturen“, sagt Hübner. Auf die weltweite Initiative Singa aufmerksam geworden, haben sie und Schumacher schließlich begonnen, den Hub auch in Stuttgart zu etablieren – im Social Impact Lab an der Merz Akademie im Stuttgarter Osten.

Amelie Hübner (2. von rechts) und Peter Schumacher (3. von links) haben Singa in Stuttgart gegründet.

Singa wurde 2012 in Paris gestartet, als Gründerprogramm für Geflüchtete. Wobei man bei Singa lieber von „Neuangekommenen“ spricht. Weshalb die Initiative? Viele Neuankömmlinge bringen unternehmerische Erfahrungen mit nach Deutschland, laut Weltbank waren 2015 rund vierzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Syrien selbstständig. In Deutschland sind es zehn Prozent. „Das Potential soll genutzt und gefördert werden“, so steht es auf der Internetseite von Singa Deutschland.

Für eine vielfältige und offene Gesellschaft einsetzen

Viele Geflüchtete übernehmen im neuen Land Tätigkeiten, die unter ihrem Ausbildungs- und Erfahrungsbereich liegen. Ein eigenes Business ist ein guter Weg, um im neuen Land schnell finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen und aktiv an der Gesellschaft teilhaben zu können. Singa möchte sich für eine vielfältige und offene Gesellschaft einsetzen, die es allen ermöglicht ihre Talente und Potentiale auszuschöpfen.

Und auch die Start-up-Landschaft profitiert von den neuen Impulsen, Perspektiven und Ideen von außen. Pro Jahr gibt es in Berlin und Stuttgart zwei Kohorten, in den an neuen Ideen gearbeitet wird. Dabei arbeiten die Teilnehmer vor allem mit Mentoren zusammen, die sie in die Start-up-Welt begleiten, Netzwerke herstellen und bei Sprachbarrieren und Herausforderungen mit der deutschen Bürokratie zur Seite stehen. Gemeinsam werden Konzepte ausgearbeitet, Geschäftsmodelle geprüft und bis zur Umsetzungsphase gebracht. Manche Ideen haben schon ein Crowdfunding hinter sich.

Singa bedeutet „Verbindung“ im Kongo

Bei all dem lernen auch die Mentoren. Singa bedeutet in Lingala, einer Sprache, die im Kongo gesprochen wird, „Verbindung“ – beide Seiten sollen von einem wechselseitigen Austausch von Ideen, Erfahrung und Wissen profitieren. Singa ist nicht nur in Frankreich und Deutschland etabliert, sondern auch in Belgien, Italien, Großbritannien, Kanada und der Schweiz.

Für Masab waren es vor allem die rechtliche und steuerliche Situation, die kompliziert war zu verstehen. Viel Papierkram, der auch deutsche Gründer vor Herausforderungen stellt. „In Syrien ist alles etwas anders, hier ist alles ziemlich kompliziert, aber ich möchte das System verstehen“, sagt er.

Ideen fördern Integration

In dreiminütigen Pitches haben alle Teilnehmer am Abschlussabend in der Merz Akademie ihre Ideen vorgestellt. Neben den Ideen von Kriker Masab und Zina Aljnidi sind im Lab in den vergangenen Wochen Konzepte für Upcycling-Taschen entstanden, einen Versandhandel für afghanische Lebensmittel, einen Betreuungsservice für Senioren, einen Cateringservice und einiges mehr. Zum Abschluss serviert Aljnidi einige ihrer libanesischen Köstlichkeiten, die auf große Begeisterung stoßen – ein Grund mehr, der Neuangekommenen die Daumen zu drücken, dass ihr Wunsch von einem eigenen Start-up in Erfüllung geht.

In der kommenden Woche (Kickoff am 6.-7. April) startet das Singa Business Lab mit der nächsten Runde. Interessenten für das Mentoring von Entrepreneuren sowie Experten können sich mit den Veranstaltern in Verbindung setzen (stuttgart@singa-deutschland.de) oder sich direkt über die Homepage (singabusinesslab.de) anmelden.

Mehr aus dem Web

Girlboss-Mythos: Haben Frauen wirklich die gleichen Chancen?

Faktisch sind alle Frauen heute gleichberechtigt. Und in der Realität? Können Frauen wirklich alles erreichen, was sie wollen? Die Stuttgarterin Johanna Bath hat ein Buch über die Gender-Debatte geschrieben – mit Fakten statt Stammtischparolen.

Stuttgart – Johanna Bath ist ziemlich schnell voran gekommen. Zuerst Beraterin im Engeneeringbereich, dann Managerin bei Daimler und jetzt Professorin an der Business School in Reutlingen. Bath ist gerade einmal 35 Jahre alt. In männlich dominierten Branchen zu arbeiten, sei ihr nie sonderlich schwer gefallen, sagt die Stuttgarterin. Und trotzdem habe sie gesehen, dass manche Strukturen Frauen daran hindern voran zu kommen.

Mythen der Gender-Debatte

Faktisch sind Frauen heute gleichberechtigt. Dennoch zeigt sich in der Realität und beweisen auch zahlreiche Studien, dass die Anzahl von Frauen in Führungsetagen nur langsam steigt. Die Debatte darum wird emotional geführt. Die einen behaupten, Frauen seien an ihrer Situation selbst schuld und haben nicht den nötigen Biss. Andere prangern gläserne Decken an und fordern die Quote. Wieder andere sagen: Feminismus? Ist doch alles schon erreicht. Doch was davon stimmt?

„Mein Motto war: Weg von Stammtischparolen, hin zu wissenschaftlichen Fakten“, sagt Bath. Die Professorin hat fünf Jahre lang an ihrem Buch gearbeitet, im März ist „Der Girlboss-Mythos: Die gesellschaftlichen und ökonomischen Perspektiven der Gender-Debatte“ erschienen. In dieser Zeit ist sie befördert worden, hat den Job gewechselt und ein Kind bekommen. Alles Erfahrungen, die in ihr Buch mit eingeflossen sind.

Anhand hunderter Studien analysiert sie im Buch typische Mythen der Debatte: Stimmt es, dass Frauen die falschen Berufe ergreifen? Sind die Familien der Generation Y nicht viel gleichberechtigter als früher? Machen Unternehmen nicht schon genug Frauenförderung? „Mir ging es darum Fakten darzustellen und Informationen zu liefern, um sachliche Diskussionen zu ermöglichen“, sagt sie.

Im Interview mit Stadtkind verrät sie, welche Fakten sie am meisten erstaunt haben, was sie jungen Frauen raten möchte und weshalb Gleichberechtigung im Job auch Männern zugute kommt.

Johanna Bath möchte zu einer sachlichen Debatte verhelfen.

Sie waren jahrelang in Männerdomänen tätig, haben als Beraterin im Engeneeringbereich gearbeitet und später als Managerin bei Daimler. Waren es eigene Erfahrungen, die Sie dazu bewegt haben, das Buch zu schreiben?

Ja, absolut. Ich war in der Engineeringberatung, fokussiert auf Ingenieurs-, Innovations- und Forschungsthemen – und dadurch natürlich in kompletten Männerdomänen. Davor habe ich in Furtwangen studiert, dem Bergdorf mit achtzig Prozent Männern. (lacht) Ich habe während all dieser Zeit natürlich typische Situationen erlebt, dass ich als Frau nicht ernst genommen wurde zum Beispiel. Aber glücklicherweise waren das bei mir Schlaglichter, im Großen und Ganzen hatte ich eine super Unterstützung und Förderung, die mich immer weiter vorangebracht hat. Aber ich habe gemerkt, dass es Strukturen gibt, die überhaupt nicht hilfreich sind für Frauen.

Wird das Thema zu emotional behandelt?

Das sehe ich absolut so. Wir haben so viele Lager: Frauen gegen Männer, junge Frauen gegen alte Frauen, arbeitende Frauen gegen Hausfrauen – das bringt uns alles nicht weiter! In meinem Buch habe ich versucht, alle Themen auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen und anhand von nackten Zahlen zu untersuchen, welche Mythen stimmen, welche nicht und woran liegt das eigentlich. Ich wollte kein tendenziöses Lagerbuch schreiben. Davon gibt es schon genug.

Während der Ausbildung und des Studiums sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen häufig gering. Ab welchem Zeitpunkt ändert sich das?

Ein großer Teil der Forschung in meinem Buch zeigt, dass der Berufseinstieg  tatsächlich noch relativ gleichberechtigt erfolgt. Es gibt eine sehr große Studie zum Gender Pay Gap, die zeigt, dass beim Berufseinstieg noch alles in Ordnung ist. Die Unterschiede in der Bezahlung von Frauen und Männern sind sehr gering. Erst mit wachsender Berufserfahrung, mit der Karriereentwicklung, kommt der richtige Abfall.

Woran liegt das?

Natürlich ist das größte Problem die Familienpause. Das Problembewusstsein entsteht bei jungen Leuten leider oft zu spät. Das kommt, wenn man Mitte oder Ende zwanzig ist, die ersten Karriereschritte anstehen und vielleicht auch die Familienplanung hinzukommt. Wenn man da die Weichen nicht richtig gestellt hat, kann man nicht mehr viel ändern.

Was wäre die richtige Weichenstellung?

Eine Studie besagt, dass gerade einmal sieben Prozent der Frauen ihr Einstiegsgehalt verhandeln. Bei Männern sind es 57 Prozent. Das Blöde ist: Mit dem nicht verhandelten Einstiegsgehalt erfolgt die erste kleine Lücke. Und daraus erwächst das Nichtverhandeln der Gehaltserhöhung  – das ist dann die nächste größere Lücke. Bis irgendwann zehn Jahre ins Land gezogen sind, sind wir bei 20.000 oder sogar 30.000 Euro Unterschied zwischen zwei Leuten, die genau den gleichen Job machen! Und wenn dann beim Kinderwunsch die Frage gestellt wird, wer Zuhause bleibt, weiß ich auch, wie ich mich entscheiden würde. Das ist ganz logisch. Ich möchte immer allen jungen Frauen zurufen: Ihr habt keine Zeit! Ihr braucht eine gute und gefestigte Position in eurem Job, bevor ihr Kinder bekommt.

Mehr Gleichberechtigung würde also auch Männern zugute kommen. Nicht jeder Mann möchte Karriere machen, sondern vielleicht viel lieber Teilzeit arbeiten.

Natürlich, man muss da auch eine Lanze für die Männer brechen. Wenn auf sie die Hauptverantwortung für den Verdienst fällt, steigt der Druck enorm. Und es zeigt sich mittlerweile, dass Väter, die zwei Monate oder länger Elternzeit nehmen, dafür viel stärker diskriminiert werden als Frauen. Für die Männer ist das auch nicht fair, weil sie das Familienleben verpassen. Männer stehen in solchen Modellen unglaublich unter Stress. Männer mit Kindern arbeiten häufiger Vollzeit als der Durchschnittsmann, arbeiten mehr Stunden als der Durchschnittsmann. Und das ist nicht, wie man annehmen könnte, die Flucht ins Büro, sondern das Verantwortungsbewusstsein für das gesamte Haushaltseinkommen. Deshalb erkranken Männer viel wahrscheinlicher an stressbedingten Krankheiten, Depressionen, Suchtkrankheiten. Ungleichbehandlung betrifft Männer genauso wie Frauen! Das ist auch gar keine Schuldzuweisung zwischen Männern und Frauen, das ist systemisch total zementiert.

Die Strukturen schaden beiden Geschlechtern.

Total. Der Anteil von Männern und Frauen, die sich eine fair geteilte Familienarbeit und eine fair geteilte Erwerbsarbeit wünschen, ist relativ hoch. Leider kann den nur ein Bruchteil der Leute umsetzen. Eben weil es die Strukturen nicht hergeben – gerade für Männer.

Sie sprachen Strukturen an, die wenig hilfreich sind für viele Frauen, die weiterkommen möchten. Welche sind das?

Da muss man sich nur mal die Motivationsanreize anschauen, die in klassischen Industrieunternehmen verbreitet sind. Die basieren sehr stark auf männlichen Motivationsmustern: Macht, Geld, Statussymbole, Machtausübung über andere. Das sind immer noch die Mechanismen, nach denen die Systeme funktionieren. Auch die Bewertungskriterien, nach denen die Systeme funktionieren, belohnen männliche Verhaltensmuster. Das merkt man oft dann, wenn über erfolgreiche Frauen gesprochen wird. Häufig kommt der Vorwurf: ‚Die verhält sich ja schlimmer als jeder Mann!‘ Aber das ist ja nicht verwunderlich, da sie sich in einem System durchsetzen muss, in dem nur diese Verhaltensweisen belohnt und anerkannt werden.

Heißt das also: Ellbogen raus, wenn du als Frau etwas werden willst?

Natürlich befindet sich alles im Wandel, das darf man auch nicht unter den Tisch kehren. Aber bis sich solche systemischen Dinge wandeln, kann es Jahrzehnte dauern. Viele Unternehmen haben das glücklicherweise erkannt. Doch jedes System ist nur so gut wie die agierenden Persönlichkeiten. Im Moment haben wir es leider noch mit einer führenden Managementriege zu tun, die von Männern um die fünfzig Jahre besetzt ist. Was die über dreißig Jahre gelernt haben, das merzen sie nicht aus, in dem eine Firma ein neues Kulturprogramm auflegt. Das sind tolle Anstrengungen, das möchte ich überhaupt nicht klein reden. Aber bis das reift, wird wahrscheinlich noch eine Generation ins Land gehen müssen.

Unterstützen Männer am liebsten Männer?

Ja. Das liegt aber weniger am Thema Männer, sondern daran, dass Menschen Herdentiere sind. Die Herde erkennt sich an Gemeinsamkeiten und wenn man schon mal zusammen Fußball gespielt oder eine ähnliche Lebenserfahrung gemacht hat, funktioniert das Bonding einfach besser. Da spreche ich auch Frauen überhaupt nicht davon frei! Auch ich als Führungskraft war schuldig.  Wenn ich ein junges, ambitioniertes Mädchen gesehen habe, dachte ich auch ‚komm die musst du pushen, mit der gehst du Kaffee trinken‘. Das ist das Natürlichste auf der Welt.

Dass sich Frauen weniger gegenseitig unterstützen ist also ein Klischee?

Das denke ich, ja. Dass es häufig so wirkt, hat aber einen Grund. Wenn du überdurchschnittlich viel investieren musstest, um erfolgreich zu sein, wirst du härter.

Welche Investitionen meinen Sie?

Ich habe immer eine Diskussion mit meinem Freund. (lacht) Ich erkläre ihm das Thema immer an folgendem Beispiel: Du kommst in jedes Meeting und bist die einzige Frau und die einzige Person unter vierzig. Wie geht’s dir damit? Du musst jedes Mal erklären, dass du nicht komplett bescheuert bist und dass du irgendeine Daseinsberechtigung in diesem Raum hast. Das ist kräftezehrend!

Und was antwortet Ihr Freund?

Das hast du doch als Mann auch! Du musst auch als Mann, wenn du neu bist, beweisen, dass du etwas kannst. Und dann sage ich: Ja, stimmt. Aber als Mann startest du bei null und als Frau startest du bei minus zehn. Und wenn du die ganze Zeit gegen solche Widerstände angekämpft hast – und das sehe ich übrigens bei allen Führungskräften, die gegen solche Widerstände kämpfen mussten – wirst du härter. Und die sagen, wer nach mir kommt, muss auch durch die Reifen springen. Deshalb sehen wir oft das vermeintlich kalte Verhalten von Frauen, die es geschafft haben, die sagen: ‚Ich habe mich da durchgekämpft und dir schenke ich das garantiert auch nicht.‘ Das ist nichts typisch Weibliches, das ist einfach die Reaktion von Menschen, die selber immer hart arbeiten und hart kämpfen mussten.

Also liegt es wie du schon sagtest nicht nur am System etwas zu ändern, sondern auch an den darin agierenden Personen?

Da gehört natürlich viel dazu, aus der Rolle raus zu gehen und zu sagen: ‚Hey, ich habe kämpfen müssen und statt es anderen auch so schwer zu machen, schaue ich, dass es andere leichter haben. Es gehört viel dazu Wegbereiter zu werden. Das bedeutet ja über die eigenen Frustrationen hinweg zu kommen. Und das fällt vielen Menschen generell nicht leicht. Nicht nur Frauen.

Ein großer Mythos besagt, Frauen verdienen weniger und kommen weniger voran, weil sie das falsche studieren oder die falschen Berufe ergreifen.

Wenn endlich alle Frauen Ingenieurinnen werden, dann ist alles gut (lacht). Leider nein! Für mein Buch habe ich in allen europäischen Ländern verglichen wie groß der Abstand zwischen Frauen und Männern in MINT-Berufen ist. In Deutschland ist der relativ groß, in vielen anderen Ländern aber nicht. In diesen habe ich gegenübergestellt, wie der Abstand zwischen Frauen und Männern in Führungspositionen aussieht. Wenn unser Glaubenssatz stimmen würde, müssten in diesen Ländern auch viel mehr Frauen in Führungspositionen sein, weil sie ja das Richtige studiert und die richtigen Berufe ergriffen haben, diese Länder müssten also irgendeine Form von Vorreiterstatus einnehmen in der Statistik. Der Witz ist, es ist genau umgekehrt! Das hat natürlich nichts miteinander zu tun, das ist keine Kausalität. Aber es zeigt grundlegend, dass diese Verbindung so scheinbar nicht zutreffend ist.

In Wirtschaftswissenschaften und Jura sind sehr viele Frauen eingeschrieben.

Sechzig Prozent der Dax-Vorstände in deutschen Unternehmen haben Wirtschaftswissenschaften oder Jura studiert. Das sind genau die Fächer, in denen Männer und Frauen gleich verteilt sind, das heißt ja eigentlich, dass Frauen die besten Voraussetzungen haben, um Dax-Vorstand zu werden. Das scheint aber nicht so zu sein.

Ist es denn in Berufen, die überdurchschnittlich oft von Frauen ausgeübt werden so, dass es mehr weibliche Führungskräfte gibt?

In Pflege- und Gesundheitsberufen kommen 77 Prozent der Leistungserbringung von Frauen. Aber nur 44 Prozent der Führungskräfte sind weiblich. Das ist natürlich immer noch über dem Durchschnitt, aber repräsentiert in keinster Weise die Leistungserbringung.

Wenn wir über Systeme sprechen, müssen wir auch über politische Rahmenbedingungen sprechen, die wir haben und die sich ändern müssen.

Der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, der vom Familienministerium in Auftrag gegeben wurde, stimmt mich sehr hoffnungsvoll. Da werden die Probleme und Schwächen sehr konkret benannt. Die Informationen liegen alle auf dem Tisch. Auch das Entgelttransparenzgesetz ist eine erste Basis.

Würde eine Quote helfen?

Ich glaube ohne Quote geht es nicht. Da lehne ich mich einfach mal aus dem Fenster. Es geht ohne Quote, aber dann wird es unendlich lange dauern. Laut Hochrechnungen ist es für Frauen dreimal so wahrscheinlich auf die erste Führungsebene zu kommen wie für einen Mann. Und es ist für einen Mann sechzigmal so wahrscheinlich CEO zu werden wie für eine Frau. Als Mann hast du einfach bessere Chancen. Und jetzt können wir hundertmal diskutieren woran das liegt. Alles was ich vorher gesagt habe, zeigt ja schon, dass das keine fähigkeitsbasierte Kultur ist nach der man aufsteigt – nicht nur zumindest. Für alle, die sich vor Quoten fürchten: Wenn das Wachstum der Frauen in den Vorständen so weiter geht wie in den vergangenen Jahren, wird es auch mit Quote 150 Jahre dauern, laut Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums. Kein Grund also auszurasten.

Man kann aber nicht erwarten, dass sich nur die Rahmenbedingungen ändern, man muss selbst sehr viel dafür tun.

Es ist immer verlockend zu sagen, das System oder die Gesellschaft muss jetzt meine Probleme für mich lösen. Da kann man dann lange darauf warten. Ich hoffe natürlich, dass wir politisch noch viel sehen werden. Aber man muss als Individuum das Zepter selber in die Hand nehmen.

Du hast selbst ein Kind bekommen. Wie hat das in deine Karriere gepasst?

Wir haben die Elternzeit tatsächlich hälftig aufgeteilt. Danach habe erst ich reduziert und dann mein Partner. Das ist natürlich unheimlich stressig und unheimlich teuer. Aber ich sehe das als Investition in die Familie und als Investition in die Zukunft. Deshalb sage ich allen, auch wenn dieses Modell für euch kurzfristig keinen Vorteil bringt, kann ich den Weg nur empfehlen. Mittelfristig wird der Verdienstausfall der Frau teurer, als das, was ihr verliert, wenn ihr beide reduziert. Lieber zweimal dreißig Stunden arbeiten und akzeptieren, dass es ein paar Jahre mau ist, anstatt das Gehalt der Frau oder des Mannes komplett kaputt zu machen. Ich glaube einfach, dass beide den Fuß in der Tür behalten sollten. Je mehr Leute das durchziehen desto akzeptierter wird das. Da muss leider die heutige Generation in den sauren Apfel beißen. Das ist Pionierarbeit! Im Zweifel muss man zu einem Unternehmen wechseln, das mir das ermöglicht.

Nicht jede Frau möchte Karriere machen.

Um Gottes Willen, überhaupt nicht! Ich will das Buch auf keinen Fall auf das Thema Karriere reduziert sehen. Es geht nicht nur um Führungspositionen, es geht um alle Berufe. Du kannst Musikerin sein oder Künstlerin, die Hauptsache ist, dass du eine Position erarbeitet hast, aus der du eine Genugtuung ziehst – sei es monetär oder nicht.

Ist es für dich also auch ok, wenn eine Frau sagt, ich möchte lieber Zuhause bei den Kindern bleiben?

Natürlich, you’re highly welcome! Wenn sich eine Frau bewusst entscheidet, ich möchte ein paar Jahre mit meinen Kindern daheim sein, ist das absolut in Ordnung. Jeder sollte das tun, was er für richtig hält. Die Welt ist ein besserer Ort, wenn das möglich ist. Ich möchte nur, dass die Person diese Entscheidung aus einer Position des Bewusstseins heraus fällt. Und das Bewusstsein kann dann beispielsweise lauten: Mein Mann muss so lange meinen Riestervertrag mit meiner Altersvorsorge weiterzahlen, damit der nicht stillgelegt wird. Dazu kann ich nur Sheryl Sandberg zitiern: Make your Partner a real Partner.

Mehr aus dem Web

Chillchoc aus Stuttgart: Kakao mit CBD

Das Stuttgarter Start-up Chillchoc stellt Kakao mit Cannabidiol her – und unterstützt mit dem Erlös Kakaobauern in den Herkunftsländern.

Stuttgart – Deadlines, Termine, Freizeitstress – wie soll der moderne Mensch nur zur Ruhe kommen? Das hat sich auch ein junges Stuttgarter Start-up gefragt und eine Lösung gefunden: Kakao trinken und enspannen. Seit vergangenem Jahr ist das Start-up mit seinem Produkt Chillchoc auf dem Markt, einem Kakaogetränk, das ausschließlich natürliche Zutaten enthält und den ganz besonderen Zusatz: Cannabidiol.

Chillchoc: Kakao und Hanf

CBD, so die Kurzform des Wirkstoffs, ist neben Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabinol (CBN) eine der drei Hauptkomponenten in Cannabis. Im Gegensatz zu THC macht CBD nicht high und ist legal. CBD soll Ängste abschwächen und eine stimmungsaufhellende Wirkung haben, außerdem Krämpfe lösen und entspannen. CBD wird deshalb seit einiger Zeit bei Epilepsie oder gegen Regelbeschwerden eingesetzt. Die Wirkungsweisen werden derzeit immer genauer erforscht.

In anderen Ländern hat man den Wirkstoff längst schon als Lifestyle-Produkt entdeckt. Es gibt Drinks, Öl und Cremes mit CBD.

Wir möchten die Welt retten.

Auch Dave Tijok und Burkhard Stackelberg, die beiden Erfinder des Kakaogetränks, sind auf den Wirkstoff aufmerksam geworden. „Es gibt so viele aufputschende, koffeinhaltige Getränke. Wir haben uns gefragt, weshalb es nichts gibt, durch das man zu sich findet und ruhig wird“, sagt Tijok.

Dave Tijok (links) und Burkhard Stackelberg sind die Erfinder des Kakaogetränks.

Am Anfang des Start-ups allerdings stand gar nicht die Idee, ein Getränk zu erfinden, sondern schlicht der bescheidene Wunsch „die Welt zu retten“, sagt Tijok und lacht. Das Unternehmen, das hinter Chillchoc steckt, war zuerst da und heißt „Dein Stück Erde“.

Ackerböden wieder nutzbar machen

Zur Entstehungsgeschichte: Tijok ist Chemiker und Stackelberg promovierter Physiker. Als sie die maroden Zustände der Ackerböden einiger (Kakao-)Bauern in Südamerika entdeckten, haben sie angefangen an einer Möglichkeit zu forschen, brach liegende Erde wieder fruchtbar zu machen. Dadurch sind sie auf Terra Preta gestoßen, eine selbstzüchtbare Schwarzerde, die Böden wieder gesund und für die Landwirtschaft nutzbar macht. „Auf gesunder Erde wachsen gesunde Pflanzen für ein gesundes Essen, das gesunde Menschen schafft. Ohne fruchtbare Erde gibt es auch keine Lebensmittel in vielen Teilen der Welt“, so der Ansatz des Start-ups.

Das jahrtausende alte Verfahren, das aus unproduktiven Böden landwirtschaftliche Nutzflächen machen kann, ist in den vergangenen Jahren wiederentdeckt worden. Bei Dein Stück Erde kann das von Tijok und Stackelberg hergestellte Terra Preta gekauft werden – für Topfpflanzen und den eigenen Garten etwa. Die beiden sind aber auch auf der ganzen Welt unterwegs, um ihr Wissen weiterzugeben. Durch falsche landwirtschaftliche Nutzung von Böden gehen jährlich viele Hektar Land verloren. „Durch pflanzenkohlebasierte Substrate ist Bodenaufbau möglich“, so Tijok.

Erlös kommt Anbauländern des Kakaos zugute

Und dann kam Chillchoc dazu. Chillchoc soll natürlich schmecken und entspannen, ist aber auch ein weiterer Schritt, solche Open-Source-Projekte zu unterstützen. Teile der Erlöse des Verkaufs des Kakaogetränks fließen in die Hilfe zur Bodenverbesserung und -wiederaufforstung in den Anbauländern des Kakaos. Chillchoc unterstützt vor allem kleine und mittelständische Landwirte durch die Wissensvermittlung. Aktuell wurden bereits Open-Source-Projekte in Sri Lanka, Brasilien und Peru angestoßen.

Lena Glässel und Christian Veith unterstützen gemeinsam mit Laura Rothang das Gründerteam.

„Wir sind vom Selbstverständnis ein Social Business. Wir wollen zwar von unserer Arbeit leben können, aber nicht um jeden Preis reich werden, wir achten vielmehr darauf, dass wir keine Spur der Verwüstung hinterlassen, sondern im Gegenteil zu einem besseren, gesünderen Leben beitragen – nicht nur beim Kunden, sondern auch bei den Lieferanten, und dort, wo unsere Rohstoffe herkommen“, so steht es auf der Homepage von Dein Stück Erde.

Uns verbinden die gleichen Grundwerte – wir möchten etwas bewegen.

Mit Chillchoc möchten Tijok und Stackelberg die Bedürfnisse beider Welten vereinen: der Stress auf der einen Seite und die Hungersnot auf der anderen.

Unterstützung bekommen die beiden Gründer von ihrem Team bestehend aus Christian Veit, Laura Rothgang und Lena Glässel. Gemeinsam arbeiten sie im Stuttgarter Osten im Social Impact Lab an ihren Produkten, einem Co-Working-Space für Ideen mit sozialem Aspekt. Jedes der Teammitglieder bringt etwas eigenes mit. „Wir Gründer sind die Tüftler, haben aber überhaupt keine Ahnung von Design. Am Anfang sah die Verpackung wirklich verboten aus“, gesteht Tijok.

Heute ist das dank der Hilfe im Team anders. In einem sind sich die fünf aber einig: „Uns verbinden die gleichen Grundwerte – wir möchten etwas bewegen“, sagt Veit.

Die Zukunft des Kakaos

Die nächsten Schritte müssen deshalb gut geplant werden. Die Crowdfunding-Aktion für die Finanzierung ist schon eine Weile durch, jetzt ist das Start-up auf Messen unterwegs, sucht Vertriebswege und Partner, die zum Produkt passen. Im Moment gibt es Chillchoc in vier verschiedenen Geschmacksrichtungen auf der eigenen Homepage zu kaufen, in Stuttgart außerdem im Café Gustav im Westen und in der Kichererbse.

Mehr aus dem Web

Feel the World Travel: Bewusst reisen und Abenteuer erleben

Sri Lanka, Vietnam, Bali: Das Stuttgarter Start-up „Feel the World Travel“ organisiert geführte Abenteuerreisen für junge Menschen. Und unterstützt gleichzeitig gemeinnützige Projekte vor Ort.

Stadtkind – Wenn er sich für ein Land entscheiden müsste, dann wäre es wahrscheinlich Myanmar. Die Herzlichkeit der Menschen, die unberührte Natur. „Obwohl ich schon oft in Asien war, war ich hier wirklich beeindruckt“, sagt Nicola Raphael Kroll.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Der 31-Jährige hat gemeinsam mit Alexander Steltz das Start-up „Feel the World Travel“ gegründet. Die beiden haben in ihrem Leben schon viele Länder gesehen und als Reiseleiter gearbeitet. Bis sie einen Bedarf festgestellt haben: Individuelle Abenteuerreisen für junge Menschen, die keine Zeit für Planung haben – oder schlicht keine Lust. Am Anfang noch Nebenprojekt, arbeiten Kroll und Steltz seit 2018 Vollzeit für ihr Start-up.

Inzwischen haben sie ein kleines Team, das vom Stuttgarter Westen heraus Reisen in ferne Länder plant. Mit Thailand ging es 2013 los, und weiter mit Vietnam, Bali und Sri Lanka. Das Konzept: Individuelle Gruppenreisen für junge Menschen zwischen 21 und 35 Jahren. In Thailand geht es etwa von Bangkok aus zu den Wasserfällen in der Provinz Kanchanburi – übernachtet wird in einer Unterkunft mitten im Regenwald. In Vietnam stürzt sich die Gruppe ins Nachtleben von Ho Chi Minh City und entspannt an den Stränden der Insel Phu Quoc. „Die Länder sollen mit allen Sinnen genossen werden“, sagt Kroll. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein ist der Anspruch der beiden.

„Wir suchen nach authentischen Orten fern vom Tourismus“

Die Nachfrage nach den Reisen wird immer stärker. Scheinbar haben viele junge Menschen Lust auf Abenteuerreisen, „und trotzdem möchten sie sich zurücklehnen“. Andere Teilnehmer seien das erste Mal mit dem Rucksack unterwegs und froh über die Sicherheit, einen Reiseleiter an ihrer Seite zu haben. Manchmal sind das die Gründer selbst, manchmal andere erfahrene Begleiter. Geheimtipps inklusive. „Wir suchen immer nach authentischen, abgelegenen Orten, die vom Tourismus noch nicht zu sehr überlaufen sind.“

Positiver Tourismus

Das Paradox ist den beiden dabei durchaus bewusst: „Natürlich sind auch wir Reiseveranstalter und sorgen für eine Belebung des jeweiligen Ortes.“  Kroll und Steltz möchten aber positiven Tourismus fördern, der keine Verwüstung hinterlässt, sondern die Menschen unterstützt. In manchen Ländern Asiens hat der Tourismus eine schädliche Größenordnung angenommen. Orte verlieren ihr Gesicht, die Natur wird zerstört. „Wir möchten zusätzlichen negativen Einfluss fernhalten.“

Hilfe für die Dorfbewohner

Deshalb möchte das Start-up Alternativen erschließen und den bereisten Ländern etwas zurückgeben. Und das geht so: Ein Prozent der Reisepreise geht an örtliche Hilfsprojekte, die sich für hilfsbedürftige Menschen, Tiere oder die Natur engagieren. Nicht an große Organisationen, sondern an kleine Bereiche, um den Nutzen direkt sichtbar zu machen. Im thailändischen Dorf Ban Na Ton Chan etwa haben die Teilnehmer einer Tour einen Tag und eine Nacht bei einer dort ansässigen Familie verbracht. Die Gastgeberin und gleichzeitig Vorsteherin des Dorfes greift mit zahlreichen Initiativen ärmeren Dorfbewohnern unter die Arme, fördert örtliche Handwerksbetriebe und setzt sich für die Bewahrung der regionalen Traditionen ein. Der gesammelte Hilfsbeitrag ist deshalb direkt in die Unterstützung von Familien und in eine Erweiterung der Schule geflossen. „Uns ist bewusstes Reisen wichtig“, sagt Kroll. Für die Teilnehmer der Tour genauso wie für die Menschen vor Ort.

Fotos: Feel the World Travel

Mehr aus dem Web