Eine Liebes-
erklärung: Ti amo, Stöckach!

Unser Autor gesteht, dass er eine neue Liebe gefunden hat. Hier erzählt er, warum es ihm ausgerechnet der wenig einladende Stöckach so angetan hat. Spoiler: Es liegt nicht an der Staatsanwaltschaft.

Stuttgart – Die Orte, an denen sich Stuttgart wie eine richtige Großstadt anfühlt, sind rarer als Parkplätze im Westen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Worte dieser Art von mir gebe, ich weiß. Es ist auch nicht das erste Mal, dass es mir eklatant auffällt. Wo wir Kesselbewohner anderswo durchaus ehrfürchtig vom Großstadtrummel überrollt werden, im trubeligen Londoner East End etwa, in Berlins schmuddeliger Größe oder in Hamburgs weltoffener Coolness, fühlt es sich bei uns in der Hood meist ein wenig kleiner an. Gemütlicher. Natürlich ist das auch genau richtig so, wer will schon in Berlin leben oder immer nur Astra trinken?

Letzter Stopp vor dem Streichelzoo

Der eine oder andere Ort in der Stadt, der duftet dann aber eben doch nach Metropole, nach großer weiter Welt. Der Stöckachplatz zum Beispiel ist ein Ort, der uns im Handumdrehen in Kosmopoliten verwandelt. Ist nicht ganz meine Ecke, also quert dieses Kleinod eines Schmelztiegels nicht täglich meinen Weg. Manchmal, auf dem Weg in die Schleyer-Halle, zum SWR oder in die Wilhelma (zehn Sachen, die man da unbedingt machen muss, Nummer 1: Weizen trinken neben dem Streichelzoo. Nummer 2: Danach Tiere streicheln), steige ich extra am Stöckach aus. Die Bahn rattert den Tunnel hoch, die Lichter flackern vorbei. Dann schießen wir ins Freie. Die Sonne brennt, der Asphalt brennt. Nächste Haltestelle: Stöckach. Ich steige aus. Und lasse das laute Leben über mich waschen wie eine Brandung.

Ach, Stöckachplatz.

Stöckach, Großstadtbrandung

Eine Brandung, die sich anfühlt wie ein neues Babylon. Das meine ich ganz und gar nicht despektierlich. Im Gegenteil: Ich glaube, es gibt in Stuttgart keinen anderen Bahnsteig, an dem man so viele verschiedene Sprachen nebeneinander hört. Neun habe ich heute gezählt. Bei Zweien war ich mir allerdings nicht sicher, ob es nur jemand von der Alb war. Das hier ist der Stöckach, Baby – und nur weil noch kein Rapper oder Singer/Songwriter der Stadt einen Song über diesen magischen Ort geschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass er ihn nicht verdient hätte.

Einfach zu haben

Schwellenort, Drehscheibe der Stadtbahn, Großstadtsinfonie, das Tor in den Osten. Oder ins Zentrum, je nachdem. Während der Charlottenplatz durch seinen surrealen Escher-Grundriss eher zur Verzweiflung rät, ist der Stöckach einfach zu haben. Eine Haltestelle, auf jeder Seite ein Bahnsteig, dazwischen – swusch! swusch! – eine Stadtbahn nach der anderen. U2 von Botnang nach Neugereut, U4 vom Hölderlinplatz nach Untertürkheim, U9 nach Heslach, U11 zu Andrea Berg, wenn sie endlich mal wieder spielt. Meinetwegen auch zu Little Mix.

Vorbei am Zeppelin-Gymnasium.

Braucht man aber eigentlich nicht. Denn der Stöckach, der ist ein big mix. Er ist der wahre Großstadtbürger. Döner, Sushi, wieder Döner (der gute!), Friseur (Sultanas Hairsoul), Kiosk, Schwabengarage, Nagelstudio, Biomarkt, Tanke, Burger-Laden (geht nicht ohne Burger-Laden, selbst am Tor zum Osten nicht), Juwelier, Staatsanwaltschaft, Kraftpaule, Metzgerei (4 Dosenwurst zum Preis von 3!), Bank. Sogar eine Schule gibt es, eine richtig große und alte. Und das alles einen Steinwurf voneinander entfernt.

Sultanas Hairsoul

Ist natürlich auch immer was los rund um die glühenden Gleise. Morgens und mittags Horden von Schülern, dazwischen wirklich alles, was Stuttgart zu bieten hat. Aus der Straße neben dem schattigen Eingang eines noch geschlossenen kleinen Ladens, tritt ein singender Mann mit Jägermeisterflasche ins Sonnenlicht. Er blinzelt, grinst, singt lauter. Was er singt, kann ich nicht ganz verstehen, Melodie und Text scheinen seiner innersten Gedankenwelt zu entspringen. Oder wieder von der Alb? Ich denke mir, dass dieser Mann nur auf den ersten Blick falsche Entscheidungen getroffen hat. Ich zumindest singe gerade nicht. Zudem hat es für den echten Jägermeister gereicht, nicht bloß für eines der zahlreichen Plagiate. Die haben eh die wunderbarsten Namen seit Erfindung des Plagiats. Jagdstolz zum Beispiel. Besser sind nur Friseurnamen. Wobei, Sultanas Hairsoul finde ich ehrlich gesagt ziemlich fresh. Um Welten besser als Haaralds Salon oder Schnittmenge oder so.

Man sieht: Der Osten kommt. Seit 2014.

Ah, Stöckach, bleib wie du bist

Ah, Stöckach. Du Epizentrum städtischen Lebens. Bleib so, wie du bist. Wenn ich Udo Lindenberg wäre, ich hätte schon zehn Songs über dich geschrieben. Moment mal, vielleicht frage ich mal den singenden Jägermeister. Ah, nee, der ist schon weg. Ich hole mir eine Cola beim Dilgelay und hänge noch eine Weile ab. Zwei Punks sitzen in der Bahn und starren ins Leere. He, solltet ihr hier nicht eigentlich raus? Das Bonnie & Clyde ist doch um die Ecke. Asiatische Touristen suchen etwas mit einem Stadtplan. Was man hier wohl groß suchen kann, so als Urlauber? Die Sonne blitzt auf den Gleisen auf, vom Bergfriedhof rattert die Stadtbahn heran. Da kommt es mir. Das hier, das kann man eigentlich gar nicht suchen. Man findet es einfach.

Zufrieden steige ich in die U2. Fahre. Komme an. Fast langweilig hier im Westen.

Alle Bilder und Floskeln: Björn Springorum

Mehr aus dem Web

Eine Liebeserklärung: Ti amo, Wilhelmsplatz!

Unser Autor gesteht, dass er mal wieder eine neue Liebe gefunden hat. Hier erzählt er, warum es ihm ausgerechnet der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt so angetan hat. Spoiler: Es liegt nicht an der guten Luft.

Stuttgart – Die schönsten Erlebnisse beginnen mit der Anreise. Mit der Vorfreude, die sich immer weiter steigert. Der Weg ist das Ziel, das kommt ja nicht von ungefähr. Das kennen die Wasen-Besucher aus den Regionen mit Doppelkennzeichen besonders gut, die schon im IRE von Göppingen nach Stuttgart sieben Halbe zischen. Aber das kenne auch ich gut. Wenn ich zum Wilhelmsplatz will, steige ich deswegen immer schon an der Mercedesstraße aus.

Alles für den Wilhelmsplatz

Diese Haltestelle ist ein Unort für sich, ein Paradebeispiel für Brachialromantik. Unter uns rauscht der Neckar, neben uns die Straße, in der weitläufigen Unterführung komme ich mir immer ein wenig vor wie in einer richtig großen Stadt. Nachts da alleine durchlaufen? Öhm, nur mit gutem Grund. Einer dieser guten Gründe heißt Wilhelmsplatz und liegt gleich nebenan, im lauten und kunterbunten Herz von Bad Cannstatt.

Ach, Wilhelmsplatz, für dich wage ich mich an dunkelste Orte!

Grau… so viel grau!

Kunterbunt allerdings nicht deswegen, weil es hier alles so hell, freundlich und farbenfroh ist. Sondern weil die Gegend um den Bahnsteig und Knotenpunkt so eine Art Mini-Welt ist: Auf einen Blick würde ich mal vermuten, dass sich hier 20 verschiedene Nationen an einer Haltestelle herumtreiben. Was die Farben angeht, ist der Wilhelmsplatz nämlich eher so eine Mischung aus erstaunlich vielen verschiedenen Grautönen und einem generell ausgebleichten, abgebröckelten Farbfilter. Wären unsere Augen eine Handykamera, man würde denken, sie habe den Filter „Die Achtziger, nur uncool“ eingestellt. Ich meine, es gibt sooo viele Farben. Erstaunlich, dass ein Ort mit so wenigen auskommt.

Bild mit total cooler Bewegungsoptik!

Der Westler auf Weltreise

Macht der Wilhelmsplatz natürlich mit seiner Art wett. Wer sich insgeheim immer noch fragt, warum er/sie eigentlich noch in Stuttgart und nicht längst als echt coole Socke in Berlin wohnt, der wird sich am Wilhelmsplatz sehr wohlfühlen. Schnoddrig, echt, geradlinig und auch ein wenig rough geht es hier zu, das ist für uns wohlbehütete Westler schon immer ein ganz eigenes Klima. Und eine Weltreise, bei der man sich ein bisschen wie Humboldt fühlen kann. Wie Humboldt, der mit der U2 durchfährt.

105 Ampeln, Baby!

Ist natürlich auch ein ganz schöner Protzer, der Wilhelmsplatz: U1, U2, U11, U12, U13, U14, U16 – bäm, Baby, that‘s what I call Großstadt. Die Kollegen von der Stuttgarter Zeitung haben mal ein bisschen recherchiert: 35 000 Autos und 43 000 Umsteiger pro Tag, zudem kommen jede Stunde 84 Fahrzeuge der SSB an. 84! Oh, und 105 Ampeln gibt es auch noch. Außerdem schnibbeln in der Peripherie des Wilhelmsplatzes so viele Dönermenschen Fleisch von Dönerspießen wie wahrscheinlich in keinem anderen Stadtteil Stuttgarts. Da haben wir jetzt keine Studie vorliegen, das ist einfach so. Ein Ayran dazu, bitte!

Auch architektonisch bemerkenswert!

Pssst, wir treffen uns in der Pension zur Sichel!

Treppe hoch, Treppe runter, auch mal rein in die König-Karl-Passage. Für ein Shopping-Feeling der garantiert anderen Art. Sagen wir so: Danach findet man selbst die Königstraße dufte. Außerdem ist die Rolltreppe kaputt, Junge! Aber genau so muss es sein, genau dieses Flair macht diesen Unort ja so entzückend. Das Leben, es rauscht und braust hier von allen Seiten, in allen Formen und (grauen) Farben, über die Eisenbahnbrücke donnern die ICEs und die Pension zur Sichel da in dem Haus klingt wie aus einem alten Detektivroman. Ich hätte Lust, mal unter falschem Namen ein Zimmer zu mieten und den ganzen Tag verdächtig hinterm Vorhang zu stehen, während ich Dinge in mein Diktiergerät nuschle und an meinem Flachmann nippe. Merke ich mir mal.

Wo Shopping zum Escape Room wird!

Jeder nur einen Ayran!

Ah, Wilhelmsplatz, du Fleckchen, wo man auch echt mal gut in Jogginghose leben kann. Und sich nur schwer entscheiden kann, in welches Casino oder welche Spielothek mal jetzt als erstes gehen soll. Ob das jetzt nach rein ästhetischen Gesichtspunkten alles schön, schnieke und hip ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Es ist echt hier, nichts ist aufgesetzt. Dafür ist es organisch gewachsen, bevölkert von einem Potpourri der Nationen, das überwiegend sehr friedlich koexistiert und sich beim Kardelen Simit Palast seine 1-A türkischen Backwaren holt. Aber jeder nur ein Baklava!

Die Römer: Quasi die ersten Gastarbeiter.

Alle Bilder: Björn Springorum

Mehr aus dem Web

Verlosung: Kraftpaule feiert alternatives Oktoberfest!

O‘zapt kann unseretwegen schon lange sein: Bei Kraftpaule wird das Oktoberfest jetzt endlich mal zum Rocktoberfest. Mit Craft Beer, Maultaschen und jeder Menge Rock‘n‘Roll! Stadtkind verlost drei Biertische.

Stuttgart – Wissen wir, wissen wir: Wasen ist nicht immer leicht! Discounter-Trachten stören das Stadtbild, Erbrochenes stört die Bahnfahrt, die Maß Industriebier wird immer teurer. Und in der Geisterbahn hat man sich das letzte Mal gegruselt, als man gemerkt hat, dass man bei der Wildwasserbahn wahrscheinlich gerade mit der Affäre geknipst wurde. Gut, dass es liebe Menschen gibt, die fühlen, was in uns vorgeht. Und eine Alternative zum allzu heftigen Wasen-Trubel bieten.

Oktoberfest mit Stil

Denn Bier, das trinken wir ja herzlich gern. Aber eben eher gemütlich, bei guter Musik. Und mit Menschen, denen man auch morgen noch Hallo sagen würde. Vorhang auf also für das erste Oktoberfest von Kraftpaule. Genau, jenem Craft-Beer-Kumpel, der am Stöckach endlich seine feste Heimat gefunden hat (und ab nächstem Jahr sogar mit Außenbestuhlung glänzen wird).

Bier in der Straßenbahn

„Oktober ist nun mal Wasen- und Wiesn-Zeit. In allen Köpfen“, so Thorsten Schwämmle vom Kraftpaule, „ist Bier ein großes Thema. Klar, dass auch wir vom Kraftpaule uns mit diesen Festen befassen.“ Ihr größter Traum, so fügt er grinsend an, sei ja immer noch ein eigenes Zelt auf dem Wasen. „Da das aber in weiter Ferne liegt, dachten wir, wir fangen klein an und machen ein Kraftpaule-Oktoberfest: Mit richtig gutem Bier, zum Teil günstiger als die Massenware der großen Kollegen, Livemusik und schwäbischem Essen von Herrn Kächele. Und das Ganze auch noch in einer Location, in der wir schon immer was machen wollten: dem Straßenbahnmuseum Stuttgart mit seinem einzigartigen Ambiente.“

Flache Witze, steile Musik

An den beiden Volksfest-Samstagen 5. und 12. Oktober 2019 steigt die Sause in unmittelbarer Nähe zum Wasen. Zur Auswahl stehen jeweils zwei Slots von 11 bis 16 oder von 18 bis 23 Uhr. „Die Plätze im Museum sind limitiert auf maximal 120 Gäste“, sagt Thorsten. „Und um einer guten Zahl von Menschen die Möglichkeit zu geben, mit uns zu feiern, haben wir vier Zeitfenster eingerichtet.“ In diesen Zeitfenstern spielen jeweils andere Bands oder werden andere Musiksets präsentiert. „Ich werde mir in meiner Moderation natürlich auch die größte Mühe geben, immer andere Flachwitze zu präsentieren.“

Oktoberfest: Hoher Standard vom Fass

Das Oktoberfest von Kraftpaule soll ein Fest sein für all diejenigen, die gern feiern. Und dabei eben einen gewissen Standard vom Fass schätzen. „Ansonsten ist es für jede Art und Couleur von Mensch gedacht. Denn wir wollen nicht gegen den Wasen oder die Wiesn arbeiten. Wir wollen das kleine gallische Dorf inmitten von Römern sein.“ Neben den hauseigenen Kraftpaule-Bieren sind Tilmans aus München, Mahrs Bräu, Brewheart und Sudden Death on tap verfügbar. Und weil schon die Bierauswahl ziemlich wild und Rock‘n‘Roll ist, wird es musikalisch nicht gerade Schlager geben: The Booze Bombs, Dollar Bill und die Kakerlakies dürften bis in die großen Zelte schräg gegenüber zu vernehmen sein.

Und jetzt kommt‘s: Stadtkind verlost drei Biertische für jeweils acht Leser für den 1. Slot von 11-16 Uhr am 12.10! Im Preis enthalten ist außerdem das erste Bier vom Fass!
Um einen der Tische zu gewinnen, schreibt bis zum 10.10.2019 eine Mail mit dem Betreff „Rocktoberfest“ an prost@kraftpaule.de. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt!

Titelbild: Kraftpaule

Mehr aus dem Web

Geschwister der Stadt: Die Sushi-Sippe

Wer auf seinen Streifzügen durch die Stadt noch nicht in Berührung mit den Büttner-Geschwistern Karin und Stoff kam, ist gar nicht wirklich in Stuttgart angekommen. Eine Annäherung an eine ganz besondere Familienbande im Auftrag des Sushi.

Stuttgart – Im I love Sushi am Rosenbergplatz ist immer ordentlich was los. Fahrer kommen und gehen, Kunden bestellen und warten, das Telefon klingelt, online gehen Bestellungen ein, Sushi wird verputzt. In der Küche werkelt das japanische Team still und konzentriert, aus dem Laptop schallt der verquere Soul-Pop von Khruangbin. Mittendrin: Karin und Stoff Büttner, Geschwister, Betreiber, Berufswahnsinnige. Ihnen gehört der Laden, in Kürze feiern sie den zehnten Geburtstag von Stuttgarts erstem Sushi-Lieferservice. Mit einer Party natürlich.

Sushi, Stuttgart, Sojasoße

Ist natürlich nicht das einzige, das die beiden so aushecken. Ob allein oder gemeinsam: Nicht nur dem Frischfisch haben Büttners in den letzten Jahren ihren Stempel aufgedrückt. Stets verschmitzt lächelnd statt griesgrämig bruddelnd. Stoff mit seinem Applaus Gin, Kiosko oder dem Retox-Schnapsladen, gemeinsam mit ordentlich Maki-Madness oder dem Warteraum auf der anderen Straßenseite, in dem auch schon Orsons-Wortdrechsler Bartek sein denkwürdiges Erdbeer-Happening abhielt. Tja: Alles außer gewöhnlich, diese nervige alte Floskel passt auf das Wirken und die Beziehung der beiden wie Sojasoße zu Sushi. Und das nicht erst seit zehn Jahren.

Ich verkaufe uns gern als Zwillinge

Fangen wir mal bei den Fakten an: Karin ist die ältere der beiden, vier Jahre Vorsprung hat sie. Sie 40, er 36. Ob das jetzt auch bedeutet, dass sie die weisere und vernünftigere ist, soll nicht Gegenstand dieser Schrift sein. „Ich verkaufe uns gern als Zwillinge“, sagt sie dann und diese Frage erübrigt sich wohl gleich wieder.

Familienbild mit mittlerer Schwester: Karin und Stoff (unten)

Lippenbekenntnisse

Obwohl, Stoff empfiehlt sich auch nicht unbedingt als Exempel an Mittdreißigerreife: „Wir waren uns früher gar nicht sicher, ob wir nur eine Psychose des jeweils anderen sind“, stellt er trocken fest. „Oder ob unser damaliger Betriebsleiter nur unsere Folie à deux ist.“ Aha, also eine „psychotische Störung, bei der Wahnvorstellungen oder Fixierungen einer Person von einer anderen, ihr nahestehenden übernommen werden.“ Danke, Wikipedia, danke, Stoff! Spätestens jetzt muss jeder merken, dass die beiden eng verwandt sind. Aber eigentlich sieht man das schon an den Lippen. „Die sind bei uns so ähnlich, Stoff hat sie mal mit Photoshop ausgeschnitten und uns die des anderen eingesetzt. Hat funktioniert!“

Born with the same lips!

Die große Schwester in Berlin

Die vier Jahre Altersunterschied sorgten relativ effektiv für eher wenige Berührungspunkte in Kinder- und Teenagertagen. Aber dann: 1999 zog Karin von Steinheim an der Murr nach Berlin – und Stoff so halb mit. „Da habe ich erst realisiert, was für eine coole große Schwester ich habe.“ Er machte in Lübeck seine Ausbildung und nutzte jede Gelegenheit, um in Berlin das zu tun, das er neben Sushi, Trickbetrügerei, Gin und tausend anderen Dingen noch ziemlich gut kann: feiern. „Ich habe ihn überallhin mitgeschleppt“, sagt Karin und Stoff strahlt: „Super war das!“

Stoff wurde schon früh von Freaks angezogen (nicht auf die Klamotten bezogen!).

Schwule Punks, geile Mucke, billige Getränke

Klar, das ist rund 15 Jahre her. Da hatten wir es noch mit einem anderen Berlin zu tun. Karin suchte die Freiheit und den Raum zum Atmen, den sie damals in Stuttgart noch nicht fand und in Berlin wie selbstverständlich serviert bekam. „Ich war ständig im Ackerkeller“, erinnert sie sich. „Schwule Punks, geile Mucke, billige Getränke. Dort fühlte ich mich zuhause.“ Stoff kam, sah, feierte mit, die beiden wuchsen unzertrennlich zusammen und bestellten sich häufig Sushi bei diversen Lieferdiensten. „Die Auswahl war riesig, damals war Berlin auf einer zeitlichen Achse sieben oder acht Jahre vor Stuttgart.“

Sushi = Mangelware

Das Erweckungserlebnis ließ da nicht lange auf sich warten: Ey, in Stuttgart gibt es so was noch gar nicht! Und dann passierte etwas, das so richtig typisch Büttner ist: Sie machten es einfach. Jammern, weil irgendwas nicht existent oder doof ist, war ihnen immer schon zu wenig. „Wir waren aber natürlich vollkommen unvorbereitet und es war eine riesige Schnapsidee“, sagt Karin, „aber wir sagten uns: Wenn wir einen guten Koch finden, dann machen wir es.“ Wie die Geschichte ausgegangen ist, wissen wir alle. Dass sie dieses Abenteuer durchgezogen haben, liegt auch daran, das sie sich ein Gehirn teilen, wie sie wiederholt versichern. Hinzu kam ein wenig Glück bei der Akquirierung des Ladens, der jetzt schon seit einem Jahrzehnt Stuttgarts ersten Sushi-Lieferdienst beherbergt, das hausgebraute Frischfischimperium mit viel Liebe und noch viel mehr Urban Rolls für die Hood.

Zum Glück kann sie nicht kündigen!

Dass die geschwisterliche Beziehung auch in eine stabile berufliche Partnerschaft mündet, war für die beiden von Anfang an klar. „Wir können uns immer aufeinander verlassen. Besser kann es doch gar nicht sein“, sagt Stoff. „Aber manchmal komm ich mir vor wie ein schlechter Bruder weil ich jetzt selbst zwei Kinder habe und gar nicht mehr so viel Zeit habe, mich um meine Schwester zu kümmern.“ Er lacht. „Zum Glück kann sie nicht kündigen!“

Karin über Stoff

Stoff ist der liebenswürdigste Mensch, den ich kenne. Er hat auch am meisten Glück. Stoff könnte mich niemals anlügen, er ist eine ehrliche Haut, auf den ich mich immer verlassen kann. Da ist er mein großes Vorbild – weil es viel besser und viel einfacher ist, ehrlich zu sein. Wir lernen generell sehr viel voneinander, das genieße ich sehr.

Stoff über Karin

Karin war und ist immer für mich da. Sie ist stringent und macht immer ihr eigenes Ding. Diese Geradlinigkeit und Stärke bewundere ich sehr, auch wenn sie ihr manchmal im Weg steht. Sie hat mich gelehrt, auch mal nein zu sagen. Dafür bin ich ihr echt dankbar. Zudem liebe ich sie dafür, dass sie mir beigebracht hat, nichts abzulehnen ohne einen besseren Vorschlag parat zu haben.

Titelbild: I love Sushi

Mehr aus dem Web

Luca von Antiheld verrät seine Tipps für Cannstatt

Mit seiner Band Antiheld haut Luca Opifanti sein neues Album „Goldener Schuss“ raus. Die meisten seiner Songs entstehen in der Stuttgarter Hood, die er am meisten liebt – ausgerechnet Bad Cannstatt!

Stuttgart – Die Musik von Antiheld ist ehrlich, direkt und roh. Sie tut auch mal weh, wie es die Liebe tut, trägt den Hörer dann wieder in höchste Euphorie, wie… ja, wie es ebenfalls die Liebe tut. Kurzum: Ihr neues Album „Goldener Schuss“ ist wie aus dem Leben geschnitten. Mit Höhen, Tiefen, Sex, Rausch, Kippen und Kater.

Antiheld und der Kiez Stuttgarts

Irgendwie passt es da, dass Frontmann und Komponist Luca Opifanti seit vier Jahren in Bad Cannstatt wohnt und dort seine Songs schreibt: Wie der ungekünstelte Rock-Sound seiner Band, ist auch Cannstatt authentisch, will nichts sein, was es nicht ist. „Cannstatt ist für mich der Kiez Stuttgarts“, bringt es Luca auf den Punkt. „Ich liebe es hier!“ In den vergangenen Jahren verbrachte er viel Zeit in Berlin, lebte auch immer wieder für einige Wochen in der Hauptstadt. „Ich mochte den Vibe und das Leben dort. Doch als ich eines Tages mal wieder aus Berlin nach Cannstatt zurückkam, merkte ich: Die ganzen Sachen, die ich dort so cool fand, gab es hier auch!“

Hier macht keiner die Kehrwoche – und alle halten dicht!

Anfangs sei der Umzug nach Bad Cannstatt es eine rein finanzielle Entscheidung gewesen – das Musikerdasein, es ist eben nicht so glamourös, wie manche denken. Doch er verlor schnell sein Herz an das Quartier. „Hier sitzen an jeder Ecke Südeuropäer und spielen Brettspiele und wenn du fragst, schenken sie dir einen Tee ein und lassen dich mitspielen. Diese Offenheit, dieses Multikulti-Ding imponiert mir. Hier macht keiner die Kehrwoche – und alle halten dicht! Hier verpfeift dich niemand, man hält zusammen. Ich glaube, das gibt es nur in Cannstatt. Meinem Nachbar in Stuttgart-West würde ich nämlich eher nicht vertrauen.“

Leg‘ dich nicht mit Antiheld an!

Luca lebt aber nicht nur in Cannstatt; im Jugendhaus Hallschlag haben Antiheld auch ihren Proberaum, in der Halle des Gebäudes nahmen sie ihr neues Album „Goldener Schuss“ auf. „Dieser Ort ist unser Zuhause. Da gibt es superharte Kerle, die nachts irgendwo rumstehen und sonst was tun, aber zu uns sind sie echt nett. Bevor jemand unseren Proberaum ausräumt, hat er ein Problem mit ziemlich vielen Leuten, die ungemütlich werden können“, lacht er.

Luca Opifanti in seiner Wohnung in Cannstatt. Psst: Der Balkon soll Bombe sein!

Romantisch versifft

Bei allen „ehrlichen und romantisch versifften“ Ecken (O-Ton Luca) gibt es natürlich auch viel Schönheit im Bezirk. „ Der Neckar allein!“, schwärmt er. „Den um die Ecke zu haben, ist Gold wert. Wo kann man sich denn in Stuttgart noch direkt an den Fluss sitzen?“ Zack, der hat gesessen.

Dass Luca irgendwann mal nicht über Stuttgart schreibt oder singt, kann er sich nicht vorstellen: „Ich lebe hier und schreibe Songs darüber. Ich kann gar nicht anders“, zuckt er mit den Schultern. „Wir sind mit Antiheld so viel unterwegs, reißen jeden Monat tausende Kilometer runter. Doch jedes Mal wenn wir von der Autobahn die lange Kurve Richtung Stuttgart-Zentrum nehmen, freue ich mich riesig.“

3 Cannstatt-Tipps von Luca:

Welche Kneipe sollte man besucht haben? Du willst ganz Cannstatt auf einen Blick? Dann das Corner.

Welches Restaurtant kannst du empfehlen? Die Pho vom Viet Long in der Waiblinger Straße ist der Knüller!

Wo gibt’s die besten Brötchen? Meine Backwaren hole ich mir eigentlich nur beim Kardelen Simin Palast am Wilhelmsplatz. Mega geil, was die haben!

 

Bilder: Sarah Betschinger (Titelbild), Luca Opifanti

Hier gibt’s noch mehr Cannstatt!

Mehr aus dem Web

zwischen/miete: 5 Jahre WG-Partys mit Büchern, Bier und Brezeln!

Huch, die junge Lesereihe zwischen/miete ist ja gar nicht mehr so jung. Dieses Wochenende feiern die gemütlichen WG-Lesungen ihren fünften Geburtstag. Wie immer mit Bier, Brezeln und junger Literatur.

Stuttgart – Ja doch, klar, es wird immer noch gelesen. Ich finde aber eben, dass bei Weitem nicht genug gelesen wird. Und solange ich in der Stadtbahn mehr Menschen mit gesenktem Haupt auf ihr Handy starren sehe, werde ich nicht von dieser Meinung abweichen. Mit der bin ich glücklicherweise nicht allein. Mehr und mehr junge Menschen, auch in Stuttgart, organisieren sich in Buchclubs, besuchen Lesungen und entdecken Welten zwischen zwei Buchdeckeln.

zwischen/miete feiert Geburtstag

Das ist auch der Veranstaltungsreihe zwischen/miete zu verdanken. Diesen Samstag feiert sie ihren fünften Geburtstag. Und macht dabei fast alles so wie immer: Junge Literatur, gelesen in Stuttgarter WGs, für den Fünfer Eintritt gibt es ein Bier und eine Brezel. Man sitzt im Wohnzimmer, in der Küche oder im Schlafzimmer, auf dem Boden, auf Stühlen oder auf der Fensterbank. Und lauscht spannender Literatur. Diesen Samstag, bei zwischen/miete #35, ist Juan S. Guse in einer Wohnung in der Mörikestraße im Süden zu Gast und liest aus seiner hochgelobten Dystopie „Miami Punk“. „Im Anschluss an die Lesung gibt es eine kleine Hinterhof-Geburtstags-Party mit genügend Bier, Brezeln, Bowle und Musik von mayipainther“, sagt Organisatorin Nina Wittmann. Ha ja, bisschen Geburtstag feiern muss dann halt doch sein.

Buch gegen Netflix

Denn: Es ist schon bemerkenswert, dass sich eine Lesereihe über fünf Jahre und 35 Veranstaltungen halten und vor allem weiterentwickeln konnte. „Wir sind sehr froh, dass sich die zwischen/miete so etablieren konnte und seit einem dreiviertel Jahr noch mal einen merklichen Besucheraufschwung erlebt!“, so Nina weiter. „Es ist wunderbar, die Leidenschaft für Literatur vermitteln und teilen zu können. Und natürlich sind wir sind auch ein bisschen stolz auf unsere Reihe und alle Projekte, die wir schon umsetzen konnten. Es ist schön, dass diese Form von Unterhaltung noch immer auf viel Resonanz stößt.“ Durchaus. Die Konkurrenz (aka Netflix) ist bekanntlich stark.

Da lohnt sich jedes Schleppen!

Zwar sind die ursprünglichen Gründer der Reihe mittlerweile nicht mehr an Bord. Dafür kümmern sich neben Nina heute Annig Held und Andrea Friedel – wie gewohnt in Kooperation mit dem Literaturhaus Stuttgart. Und die haben auch schon einiges erlebt: „Volle Wohnzimmer, konzentrierte Stille, Martin Piekars eindrucksvolle Lyrik-Performance bei Glühwein und Keksen. Regen draußen, dichtgedrängtes Zuhören drinnen. Verschüttetes Bier, das Klirren eines zerbrochenen Glases, die wirklich jedes Mal sehr große Freude, wenn sich Autoren, Moderatoren und natürlich unser Publikum für unser Format begeistern. Da lohnt sich jedes Schleppen unseres Equipments – mitsamt der Bierkästen – in manchen 5. Stock!“

Beyond Germanistikstudenten

Klar, so ein Format kommt an. Bei Besuchern wie auch Autoren, die natürlich auch mal den lockeren Rahmen einer kruschteligen WG genießen. Allerdings, so Nina, sei die zwischen/miete längst nicht nur für „die Germanistikstudenten aus dem dritten Semester“, wie sie schmunzelnd sagt. „Von sechzehn bis sechzig ist eigentlich alles dabei. Das Durchschnittsalter dürfte so bei 30 bis 35 liegen.“ Und von denen wird man nach dem Wochenende bestimmt einige mit „Miami Punk“ in der Stadtbahn sehen.

Infos zur Veranstaltung gibt’s hier!

Bilder: Harald Völkl, Kristina Popov

Mehr aus dem Web

Next Door: Eine irische Bar für Stuttgart

Der Pub O’Reillys im Stuttgarter Westen hat direkt nebenan einen Ableger eröffnet. Im Next Door gibt es Cocktails, Bier und Spirituosen.

Stuttgart – Craft Beer vom Fass, Cocktails und Snacks – das alles wird seit 10. August im O’Reillys-Ableger Next Door serviert. Wie der Name schon sagt befindet sich der neue Laden direkt nebenan.  Dort, wo früher ein Pizza-Service heiße Ware in Pappkartons verschickte, hat sich O‘Reillys-Boss Robert O’Rorke einen lang gehegten Traum erfüllt.

Next Door: Neue irische Bar

„Wir wollten uns schon lange vergrößern“, sagt er. „Und als es sich ergab, dass wir den Laden nebenan mieten konnten, haben wir nicht lange gefackelt.“ Diesen Samstag, den 10. August 2019, eröffnet mit Next Door jetzt also die schicke kleine Schwester des rustikal-gemütlichen O‘Reillys erstmals ihre Türen. Und will vor allem eines sein: Eine ebenso gemütliche und lockere, aber eben auch ein wenig modernere Bar. „Im Next Door legen wir Wert auf eigens kuratierte Cocktails, Craft Beer vom Fass und korrespondierende Snacks“, verrät O‘Rorke, als er durch sein neues Reich führt.

Viel Arbeit sei es gewesen, zudem hätte es ewig mit den Genehmigungen und Lizenzen gedauert. Aber: Die Mühen haben sich gelohnt. Die eine Wand mit unverputzten Backsteinen, davor gemütliche Ledersessel, dunkles Grün an den Wänden, Tubas als Lampen und eine echt schicke, in Messingfarben schimmernde Bar mit rekordverdächtig gemütlichen Barhockern. Versacken leicht gemacht. Fest steht: Trinken wird man hier ab sofort ganz hervorragend können, das Next Door soll täglich geöffnet sein und auch die beliebten O‘Reillys-Pflichttermine wie die Quiz Night abhalten.

Vor allem aber will O‘Rorke den neuen Laden als Location für Live-Musik etablieren. „Natürlich wird es auch die eine oder andere klassische Cover-Band geben. Ohne die geht es in einem Pub nun mal nicht“, bemerkt er trocken. „Aber ich möchte vor allem jungen Songwritern eine Bühne geben, auf der sie sich ausprobieren und entwickeln können.“ Dazu plant er Lesungen, auch mal einen Vortrag. „Es muss ja nicht immer nur um Drinks gehen“, meint er und lächelt dann spitzbübisch: „Oder zumindest nicht nur.“

Mehr aus dem Web

Ein Spaziergang mit Bartek durch Stuttgart-West

Heute erscheint das neue Orsons-Album „Orsons Island“. Das ist sogar so gut, dass es die lange Wartezeit entschädigt und den Rap neu beleben könnte. Wir waren mit Bartek im Stuttgarter Westen unterwegs.

Stuttgart – Ein schöner sonniger Morgen am Feuersee. Die Fische drehen ihre Runden, die Schildkröten schlafen noch, weiter hinten macht der Schwan mal wieder deutlich, dass diese fiesen Tiere meilenweit von ihrem märchenhaften Klischeebild entfernt sind. Postkartenidylle hätte man vor Instagram dazu gesagt. Aber das ist noch deutlich länger her als die letzte Platte der Orsons. 2015 erschien die, hieß „What‘s Goes“ und war ganz allgemein ziemlich fantastisch.

 Bartek ist der Westen ans Herz gewachsen

Unerwartete Überleitung wahrscheinlich, aber da vorn kommt eben Bartek angeschlendert, locker in kurzen Hosen und mit Sonnenbrille. „Schön hier, was?“, sagt er mit dem charakteristischen Kennerblick des Westlers. Klar, Bartek ist im Westen zu Hause. Erst kürzlich ist er umgezogen, von der einen Seite der Hood auf die andere, wie er sagt. Wir wollen ein wenig durch die Gegend schlendern und plaudern. Themen gibt es ja genug, selbst ohne Orsons-Album hat der Stuttgarter irgendwie immer eine Menge zu erzählen. „Der Westen ist mir längst ans Herz gewachsen“, erzählt er bei einem kurzen Kaffeestopp in der Roten Kapelle. „Ich fühle mich extrem wohl hier!“

Müßiggänger mit Flow: Bartek

Bartek und der Müßiggang

Zweieinhalb Jahre wohnte er zwischen Hölderlinplatz und der legendären Pinte Schdäffele, jetzt hat es ihn auf die andere Seite der Rotebühlstraße verschlagen. „Ich liebe einfach alles hier“, sagt er verzückt. „Ich liebe die Architektur der Häuser, diese herrschaftlichen Bauten aus der Gründerzeit. Ich kann diese modernen eckigen Klötze nicht leiden, die sind einfach nicht meins. Ich bin ja durchaus dem Müßiggang verschrieben und laufe gern mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch meine Hood“, lacht er. „Sogar mein Studio ist jetzt in Laufnähe. Alles geil also!“

Quizfrage: Wer weiß, wo Bartek hier abhängt?

Liebe und Hass

Alles geil also. Das kann man durchaus so stehen lassen. Denn dafür, dass die Orsons mal wieder damit gedroht haben, sich aufzulösen, haben sie mit „Orsons Island“ ein bockstarkes, visionäres und wundersames neues Album vorgelegt. „Wir sagen ja eigentlich nach jedem Album, dass wir uns trennen wollen“, meint er lakonisch, als wir am Feuersee entlang schlendern. Wir haben ein wenig Brot dabei, psst, sagt es niemandem. Aber Bartek will jetzt erst mal die Fische füttern. „Das ist mit den vier Leuten jedes Mal so ein Kopfgeficke, dass wir danach alle keinen Bock mehr haben“, fährt er fort, als er sein Brot los ist. „Das ist eine richtige Tortur, dass man sich eine Zeitlang danach regelrecht hasst. Sobald wir auf Tour sind, lieben wir uns dann alle wieder, aber so ist das eben.“

Fische füttern mit Bartek: So dynamisch, dass das Bild unscharf ist

Sorry not sorry, Ostendplatz!

Neben Kaas ist Bartek der einzige verbliebene Stuttgarter. Maeckes und Tua sind längst in Berlin heimisch. Wäre grundsätzlich auch denkbar für Bartek, denn: „Ich habe die Gabe, mich überall wohlzufühlen. Ich kann mich überall so einzurichten, dass es mir gut geht. Na gut, außer vielleicht am Ostendplatz! Sorry, aber das ist echt nicht meine Hood.“ Lieber sitzt er schon in einer der vielen alten Eckkneipen hier im Westen, beobachtet Menschen, kommt mit ihnen ins Gespräch. „Das inspiriert mich sehr und ich kann da viel für mich oder für meine Texte rausziehen. Aber klar, auch das Picheln an sich ist natürlich ganz wunderbar.“

Mit den Orsons bei den Pfadfindern

Damit ihm bei seinen Kneipenexkursionen nichts abhanden kommt, führt er seit einem Jahr ein Notizbuch bei sich, in das er alles reinkritzelt, was ihm so einfällt oder auffällt. „Am Ende des Monats schaue ich dann rein und lese mir durch, welche Gedanken ich hatte. Wie ein kleines Aphorismen-Tagebuch.“ Wie viel von „Orsons Island“ aus diesem Büchlein stammt, lässt sich unmöglich sagen: Das Werk ist eine Gemeinschaftsunternehmung. „Für dieses Album haben wir mal einen anderen Ansatz gewählt und einfach mal zusammen Urlaub gemacht“, plaudert er weiter. Wir umrunden die Kirche, hier am Ufer hat sich auch der tückische Schwan einen Platz im Schatten gesucht. Don‘t mess with the Schwan! „Wir haben uns den Kanaren verschrieben, anfangs waren wir auf La Palma.“ Und nachdem die vier ein paar Vulkane und Strände angeschaut hatten, setzten sie sich abends mit einer Gitarre hin und machten Musik. Klingt nach Pfadfinderausfahrt, hat aber funktioniert.

Ich war der Marlboromann!

Druck nach dieser langen Abstinenz fühlt Bartek nicht. Vielleicht ja auch verständlich – als einer, der als starker Raucher („ich war der Marlboromann!“) von einem Tag auf den anderen mit den Fluppen aufgehört hat. „Wir wollten einfach nur ein Album machen, das uns gefällt“, meint er unter den Bäumen der Johannestraße. „Das war schon immer so. Weißt du, unser letztes Album kam 2015 raus, da war Facebook noch ein Riesending und Spotify gerade erst im Kommen. Ich weiß also gar nicht, wo wir stehen. Für viele werden wir Newcomer sein.“ Selbst wenn das stimmen sollte: „Orsons Island“ wird sie alle kriegen. Das neue Album ist ein irrwitziger Trip, den es so im Deutschrap noch nicht gab: Zwischen absurd und melancholisch, zwischen Euphorie und Kater. Irgendwie Orsons eben. Und irgendwie nicht.

Bilder: Björn Springorum

Ihr könnt auch nicht genug vom Feuersee kriegen? Hier entlang!

Mehr aus dem Web