Stadtkinder über ihre Stadt: Magnus Frey (Eau Rouge)

Stuttgart, für immer erste Liebe? In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben – und was sie so richtig nervt. Heute mit Musiker und Westler Magnus Frey von Eau Rouge.

Stuttgart – Magnus Frey ist Schlagzeuger bei den verträumten Indie-Pop-Darlings von Eau Rouge. Als letzter der Drei zog er vor einiger Zeit von Schwäbisch Gmünd nach Stuttgart – alles für die Band eben. An welcher Theke man ihn trifft, was typisch Stuttgart-West ist und wie die Stadt als Musik klingen würde, hat er uns vor dem Heimspiel seiner Band am 6. Dezember im ClubCann vertrauensvoll offenbart.

Der Puls von Eau Rouge

Fluch und Segen des Schlagzeugers: Er sitzt immer hinten. Heißt, dass er einerseits eher seine Ruhe hat und nicht ganz vorn im Rampenlicht stehen muss. Heißt aber eben auch, dass er meist nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt wie seine Kollegen am Mikro oder an der Gitarre. Wir bei Stadtkind finden das natürlich ungeheuerlich und haben uns mal mit einem Angehörigen der trommelnden Zunft zum Plaudern zusammengesetzt. Und nicht mit einem x-beliebigen, um das mal gleich zu sagen. Sondern mit Magnus Frey (30), dem Drummer des Stuttgarter Indie-Trios Eau Rouge. Mit ihrem träumerischen und trippig-düsteren Noise-Pop sind sie in den letzten Jahren weit gekommen, spielten auf Festivals in den USA und England, wurden sogar in „Germany’s Next Topmodel“ gefeatured.

Wer hat Bock auf Gästeliste?

Am 6. Dezember 2019 geben die Jungs mal wieder ein Heimspiel im ClubCann. Hingehen ist da fast schon Pflicht: Weil Eau Rouge national immer mehr gefragt sind, gibt es längst nicht mehr so viele Möglichkeiten, die Band in der Region zu sehen. Ziemlich praktisch also, dass wir 1×2 Freikarten fürs Konzert verlosen. Einfach bis zum 5. Dezember, 16 Uhr, eine Mail an stadtkind@stadtkind-stuttgart.de schreiben und uns sagen, welcher Eau-Rouge-Song euer liebster ist und mit ein wenig Glück schreiben wir euch auf die Gästeliste!

Flachwitz, Timing, Ungeduld

Dein Beruf in Eigendefinition: Ein Irrer unter Irren.

Drei Tugenden, die dich charakterisieren: Flachwitz, Timing, Ungeduld.

Seit wann wohnst du in Stuttgart? Seit 2016. Damals bin ich für Eau Rouge hierher gezogen.

Dein Lieblingsort in der Stadt? Die Johannesstraße im Westen.

An welcher Theke trifft man dich am ehesten? Im Dortmunder.

Immer wieder Keller Klub

Verrate uns ein kleines Geheimnis – egal welches: Ich habe mal vor einem wichtigen Auftritt unsere komplette Lichtshow von meinem Laptop gelöscht, weil ich „aufgeräumt“ habe…

Welche Musik hörst du, wenn du in der Stadt unterwegs bist? Balthazar.

Wenn Stuttgart Musik wäre, wie klänge die Stadt? Krautrock: hektisch und sehr deutsch.

Wann und wo war euer erster Auftritt in Stuttgart? Das war im April 2013 im damaligen Schocken. Es war, als hätten wir schon ewig zusammen gespielt.

Welcher Auftritt in Stuttgart war euer denkwürdigster? Ich denke natürlich, der 6. Dezember 2019 im Club Cann wird danach der denkwürdigste gewesen sein.

Wo hast du allgemein die besten Konzerte der Stadt gesehen? Im Keller Klub.

Eau Rouge empfiehlt den Dortmunder!

Die beste Bar? Ganz klar: Zum Dortmunder!

Wo holst du dir spätabends noch was zu essen? Bei Jonas im Fais Dodo.

Typisch Stuttgart-West ist: Eine lange Schlange vor dem Bäcker Bosch, ein Jürgen-Klopp-Doppelgänger vor dem Grünen Eck im Gespräch mit Passanten, herbstlich verfärbtes Laub in der Johannesstraße, Kinderwagenkolonnen, die sich aus dem Naturgut schieben, Sonne, die die durch die steilen Straßen strahlt, dass man von San Francisco träumt…

Hach, ein echter Poet hinterm Schlagzeug! Gebt dem netten jungen Herrn also das nächste Mal ein Bier aus, wenn ihr im Dortmunder neben ihm sitzt und ihn vollraucht. Er hat’s verdient!

Titelbild: Matthias Somberg

www.eau-rouge-music.com

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Kraftpaule braut ein neues Bier – mit Riesling!

Kraftpaule und Kern Weine (Kesselliebe) ergänzen ihre alkoholischen Kompetenzen. Pünktlich zum Nikolaus präsentieren sie das erste mit Riesling gebraute Bier!

Stuttgart – Kraftpaule-Häuptling Thorsten Schwämmle kennt sich gut mit Bier aus. Und Christoph Kern (Kern Weine) mehr als ordentlich mit Wein. Beide vereint eine lässige Art. Und vor allem die Liebe zu den Produkten der Region. Thorsten mit seinem Craft-Beer-Imperium, Christoph unter anderem mit seiner Stuttgarter Wein-Kollektion Kesselliebe. Jetzt kann man sehen (und schmecken), was passiert, wenn sie sich zusammentun. In bester Kollabo-Manier hauen die beiden rechtzeitig zu Nikolaus ein Produkt raus, das diese beiden Kompetenzen in sich vereint: der Helle Rieslingbock, ein Starkbier, das mit Rieslingtrauben gebraut wurde.

Kraftpaule gibt den Nikolaus!

Am kommenden Freitag, den 6. Dezember 2019, wird im Kraftpaule am Stöckach die offizielle Release-Party dieser neuen Bierkreation gefeiert. Gut, sie sagen Releasling dazu, aber das dürfen sie auch. Für einen mittelguten Wortwitz muss immer Zeit sein. Los geht’s am Nikolaustag um 17 Uhr, ab 18 Uhr gibt es ein öffentliches Tasting des neuen Bieres, danach wird gefeiert – egal, ob man brav war oder nicht.

Riesling küsst Craft Beer

Aber zurück zum Bier. „Wir verwenden einen weißen Most aus der Riesling-Lage Cannstatter Zuckerle für die Herstellung“, verrät uns Winzer Christoph. Woraus normalerweise der Neckarkarpfen-Riesling aus seiner angesagten Kesselliebe-Kollektion gekeltert wird, entsteht jetzt also ein Bier. Nach einem süffigen Hellen, einem Hopfenweizen und einem Pale Ale hat sich Kraftpaule-Thorsten als vierte Eigenkreation jetzt für ein Bockbier entschieden. Also ein zünftig starkes Bier für die kalte Jahreszeit.

Thorsten Schwämmle (links) und Christoph Kern. (Foto: Kraftpaule)

Bier mit Wein, das muss bei Kraftpaule sein!

Doch den beiden war es zu wenig, zwei fertige Produkte einfach zu mischen. „Die Idee war, die beiden Komponenten gemeinsam zu vergären, sodass am Ende ein eigenständiges Produkt entsteht“, sagt Christoph. Also braute Thorsten einen hellen, leicht süßlichen Bock, der die Säure des Rieslings gut auffangen und ergänzen kann. Hinzu kam der Riesling-Most, der vergoren wurde mit hochwertiger Sekt-Hefe. Ganz schön aufwändig, das alles. Und das Ergebnis? „Dieses Spiel aus Süße und Säure macht das Bier aus“; ist sich Christoph sicher. Mit anderen Worten: Bier mit Wein, das muss sein.

Kraftpaule Rieslingbock (Foto: Kraftpaule)

Dürfen die das überhaupt? Aber das ist ja das Schöne: Sie würden es sogar tun, wenn nicht. Beide sind nämlich sichtlich zufrieden mit dieser Liaison zwischen Brauer und Winzer. Denn mal abgesehen davon, dass sie dieses Produkt kreiert haben, haben sie mal wieder gezeigt, dass man gemeinsam eben immer wieder besondere Dinge anstellen kann. Anders gesagt: Wahre Kesselliebe eben.

In diesem Sinne: Alles Weitere in der Facebook-Veranstaltung!

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Neu in Stuttgart-West: Koreanisches Bistro Misik

Im Misik nahe des Hölderlinplatzes gibt es authentische koreanische Gerichte, zubereitet mit Bio-Zutaten und der genau richtigen Portion Heimweh.

Stuttgart – Schon Jungmi Has früheste Kindheitserinnerungen haben mit Essen zu tun. Mit den Speisen ihrer Großmutter und Mutter in Südkorea, mit einem Frühstück aus Reis, Seetang, Sesamöl, Sojasoße und Ei. Die Aromen und Geschmäcker, sie haben sich tief eingebrannt in ihre Gedankenwelt. Auch 20 Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland kann Ha sie nicht vergessen. Jetzt hat sie endlich ihr eigenes koreanischen Bistro, ein seit Jahren gehegter und endlich erfüllter Traum. Misik heißt der kleine Laden, „meine Küche“. Und genau das möchte sie hier an der Ecke Silberburg-/ Traubenstraße bieten: Die authentische koreanische Küche, mit der sie in Seoul aufgewachsen ist.

Misik in Stuttgart-West

Mit Authentizität und Tradition rühmen sich viele fremdländische Spezialitätenrestaurants. Jeder, der schon mal Sushi in Japan oder Ceviche in Südamerika gegessen hat, weiß, wie schwer das ist. Das Klima ist ein anderes, die Zutaten sind kaum zu bekommen, das Gemüse wächst in fremden Böden.

Jungmi Ha weiß das natürlich auch, doch sie nimmt viel auf sich, um den Geschmack ihrer Heimat, das Aroma ihrer Kindheit so werkgetreu wie möglich auf die Teller zu bekommen. Im Misik kocht sie deswegen einfach so, wie sie für ihre besten Freunde kochen würde: Täglich frisch, alles in Handarbeit, ohne Geschmacksverstärker oder raffinierten Zucker, dafür mit Bio-Zutaten. „Wenn ich süße, verwende ich Pflaumenextrakt oder Reishonig“, sagt sie. Ihre Zutaten bezieht sie von einem Importeur aus Frankfurt, aber auch aus Südkorea.

Alles soll hausgemacht bleiben

Unverschämt frisch und samtig sind ihre handgemachten Mandu-Teigtaschen mit würziger Füllung, der koreanische Klassiker Bibimbap kommt mit Rind oder Tofu und jeder Menge frischem Gemüse. Ihr Kimchi ist – Ehrensache – hausgemacht, knackig und feinsäuerlich.

Die Karte ist klein, soll aber regelmäßig gewechselt werden. Das typische Übermaß vieler asiatischer Lokale wird man bei ihr nicht finden. Hausgemacht soll alles bleiben, kompromisslos in der Qualität. Das limitiert natürlich. Zehn Jahre jagte sie ihrem Traum von der eigenen Lokalität hinterher, absolvierte schon vor Jahren einen Kochkurs in Seoul, um ihre Gerichte zu verfeinern. Sie ist eine Quereinsteigerin wie sie im Buche steht, hat nicht mal in der Familie jemanden aus der Gastronomie.

Musik, Mode und Essen sind alles Ausdrücke innerer Schönheit.

Entmutigen lässt sie sich davon nicht im Geringsten. „In den vergangenen drei Jahren habe ich 30 Objekte besichtigt“, erzählt, als wäre das nicht irgendwie zermürbend. In einem ehemaligen Pizzaservice fand sie schließlich ihr Glück und schlug einen komplett anderen Karriereweg ein. Mal wieder. „Ich kam vor 20 Jahren nach Europa und habe an der Musikhochschule in Stuttgart, aber auch in Köln und Straßburg Gesang und Musikpädagogik studiert“, erzählt sie. Später kehrte sie nach Stuttgart zurück und unterrichtete auch an der Musikschule. Eines Tages kam das Modelabel Jungmi hinzu, bei dem sie Taschen aus koreanischem Aalleder designt und verkauft. Ja, Aal! Sagen wir es mal so: Es gibt geradlinigere Lebensentwürfe. Aber wohl kaum spannendere.

„Musik, Mode und Essen sind alles Ausdrücke innerer Schönheit“, findet sie außerdem – und hat sich gleich mal ein Mitarbeiterteam aus Studenten der Musikhochschule und der Kunstakademie zusammengestellt. Letztere stellen im Bistro auch gleich ihre Werke aus. Kunst und Essen kommen eben doch irgendwie zusammen. Und lassen Jungmi Ha überaus zufrieden wirken. „Ich koche und esse mit Leidenschaft, das möchte ich weitergeben. In Korea sagt man, dass essen gesund macht. Ich zumindest ernähre mich gut – und bin selten krank“, lacht sie. Scheint anzukommen im Westen: Am Eröffnungstagmusste das Misik schon nach kurzer Zeit wieder schließen, weil alle Zutaten verbraucht waren.

Info: Das Bistro Misik befindet sich an der Silberburgstraße 41, Telefon 07 11/45 14 04 47, www.misik.eatbu.com

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Nörgeln in the City: Weihnachten ist überall!

Weihnachten ab Oktober, überall „Last Christmas“ und mieser Glühwein: Unser Autor ist nicht glücklich über die künstlich in die Länge gezogene Adventszeit.

Stuttgart – Eine Studie will herausgefunden haben: Menschen, die ihr Haus besonders früh weihnachtlich dekorieren, sind die besseren Menschen. Glaube ich so was von nicht. Ich glaube, es sind grundsätzlich schlechte Menschen, die ihren Mitbürgern das Gefühl geben wollen, sie hätten es raus mit der weihnachtlichen Besinnlichkeit und der Magie der Adventszeit. Und man selbst eben nicht!

Weihnachten und Wassermelonen

Es gibt fast nichts Schlimmeres und Anstrengenderes als den Weihnachtswahn unserer Zeit. Ich hätte ja wirklich nicht für möglich gehalten, dass ich das einmal sagen würde, aber: Früher war eben doch manches besser. Ich erinnere mich zum Beispiel nicht daran, dass in den Supermärkten Lebkuchen, Stollen und Dominosteine vor sich hinschmolzen, während Supermarktbesucher in Shorts und kurzen Hosen Wassermelonen nach Hause schleppten, weil man bei der Hitze eh nichts anderes essen konnte. True story, so passiert im Rewe am Vogelsang im Herbst 2019. Never forget.

Vorfreude hat Grenzen!

Ich habe nichts gegen Vorfreude. Ich halte sie zwar nicht für die schönste Freude, aber irgendwie ist der Weg ja auch das Ziel. Wochenlang habe ich mich jetzt zum Beispiel auf die neue Staffel von „The Crown“ gefreut, das hat schon was. Außerdem freue ich mich schon jetzt auf die Tournee von Nick Cave nächstes Jahr. Gehört irgendwie schon dazu, das vorfreuen. Doch was der Handel uns seit einigen Jahren in Sachen Vorweihnachtszeit zumutet, ist das Supermarktäquivalent zu „Last Christmas“ in der Dauerschleife. Die Jahreszeiten müssten eigentlich so heißen: Valentinstag, Ostern, Muttertag, Halloween, Weihnachten – mit einem nahtlosen Übergang vom letzten Freibadtag zur ersten Packung Zimtsterne.

Weihnachten ist vor allem „Tatsächlich Liebe“

Haushoch türmen sie sich im Supermarkt die Süßigkeiten, urplötzlich gibt es jedes Produkt wieder in einer ultrafestlichen Weihnachtsedition. Twix Spekulatius? Also, ich wusste bislang nicht, dass ich das brauche. Weihnachten ist eine Ware, und damit habe ich noch nicht mal ein Problem. Sollen sie unsere Feste ruhig kommerziell melken, den eigentlichen Sinn von Weihnachten hat doch eh jeder längst vergessen. Ist doch aber eigentlich ganz einfach: „Tatsächlich Liebe“ schauen (Billy Mack ist der Beste!) und Rotwein trinken. Okay, Scherz: In Wirklichkeit feiern wir natürlich den Geburtstag von… naaa? Richtig, Sol Invictus, dem unbesiegten römischen Sonnengott. Jesus kam erst später. Irgendwie auch egal, im durchkommerzialisierten Weihnachtswahn haben beide nichts zu melden.

MyDays-Erlebnisgutscheine

Mich nervt, dass wir nicht mal richtig Herbst haben können, weil alles längst auf Weihnachten und Winter getrimmt ist. Ich will nicht ab Oktober in den Schaufenstern Tannenbäume funkeln sehen, ich will keine harmonischen Familien oder verliebten Pärchen sehen, die sich vor einem Fake-Kaminfeuer MyDays-Gutscheine schenken. Eh das beste Anzeichen einer echt stabilen Beziehung, in der man seinen Partner in- und auswendig kennt: Ein MyDays-Gutschein für ein romantisches Candlelight Dinner. Topp, da kannste gleich die Bratpfanne kaufen. Auch schlimm: Alle wollen jetzt wieder Glühwein trinken gehen. Leute, das ist so ziemlich der ekelhafteste Fusel, den man sich reinschütten kann!

Mit gutem Gewissen volllaufen lassen

Gutes Stichwort: Weihnachten sollte doch eigentlich die Zeit im Jahr sein, in der man sich ohne schlechtes Gewissen volllaufen (kein Glühwein!) und vollstopfen kann – und auch noch ausschlafen darf. In einem Wort: Besinnlichkeit. Die tritt aber meist erst am 27. Dezember ein, wenn die ganzen Weihnachtslieder im Radio die Fresse halten, die Werbung nicht mehr vom perfekten Fest plärrt und man endlich wieder seine Ruhe von der Verwandtschaft hat. Das Paradoxe ist ja aber: Würde uns die Welt der Werbung und des Einzelhandels nicht so einen Druck machen, was dieses verdammte Fest angeht, es würde wahrscheinlich viel entspannter und weniger krampfig ablaufen.

Was man dagegen tun kann? Na, nichts! Deswegen schreibe ich das hier ja. Und es geht mir tatsächlich schon ein bisschen besser. Kommt aber bloß nicht auf die Idee, mich auf einen Glühwein einzuladen. Und wer in meiner Gegenwart „Last Christmas“ spielt, singt, pfeift oder tanzt, muss einen Schnaps trinken. Glühschnaps vielleicht.

Unser Autor hat am 24.12. Geburtstag. Es ist sein Geburtsrecht, sich darüber aufzuregen.

Titelbild: Unsplash/freestocks.org

Psst, hier gibt es Expertentipps, wie man Weihnachten überlebt!

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Spirituosengalerie Apotheke: Tausend Mittel gegen Durst

Wo zuvor verschreibungspflichtige Medikamente über den Tresen gingen, gibt es ab sofort Medizin der genussvollen Art: Leopold Langer eröffnet seine Spirituosengalerie „Die Apotheke“ in der Hohenheimer Straße.

Stuttgart – Ein langes Kapitel Stuttgarter Stadtgeschichte ging zu Ende, als die Stitzenburg Apotheke in der Hohenheimer Straße 38 voriges Jahr dicht machen musste. Die Jugendstilpracht der Jahrhundertwende, die braunen Holzregale, die Fläschchen mit allerlei Tinkturen – die Apotheke fühlte sich an wie ein Museum, in dem man halt auch Kopfschmerztabletten kaufen konnte. Ein knappes Jahr nach der Schließung dieses musealen Kleinods wird sie einer gänzlich neuen Verwendung zugeführt: als üppig bestückter Spirituosen-Schatzkammer, Tasting-Room und Galerie in historischer Kulisse.

Einmal Apotheke, immer Apotheke

Wobei: So ungewöhnlich ist diese Verwandlung auch nicht. Wo es zuvor Kräutermittelchen, Essenzen, ätherische Öle und Alkohole gab, wird es auch fortan irgendwie darum gehen. Auf Genussebene vielleicht, nicht auf medizinischer, doch so ein Destillateur von edlen Bränden, der hat eben auch viel von einem Apotheker. Deshalb hat der neue Betreiber Leopold Langer den Namen beibehalten. Schwierig zu googeln vielleicht, das ja. Aber eben der langen und bewegten Geschichte des Hauses verpflichtet.

Der Schwester sei Dank!

In der kennt sich der Gastronom aus. Diese Seite der Hohenheimer Straße sei deswegen so voller prächtiger alter Gebäude, erzählt er beim exklusiven Vorabrundgang für das Stadtkind, weil eine Weltkriegsbombe damals nur den gegenüberliegenden Straßenzug erwischt habe. Munter plaudert er zahlreiche historische Details über das verwinkelte und überraschend weitläufige Gebäude aus, das er strenggenommen seiner Schwester zu verdanken hat. „Sie ist Künstlerin und wohnt hier um die Ecke. Als sie erfuhr, dass die Apotheke schließen muss, besorgte sie mir sofort den Kontakt zur Vermieterin, weil sie wusste, dass mir dieser Ort gefallen würde.“

Hochprozentige Reise durch Schottland

Die Besitzer waren sofort von Leopolds Idee eines Spirituosengeschäfts angetan. Klar: Schöner als irgendein Büro ist es allemal. Außerdem ist die wunderschöne Apotheke somit auch weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich. In den letzten Monaten hat sich hier viel getan: Der Holzboden ist vom grässlichen PVC befreit, die Wände freigelegt. In der Mitte des Raumes steht eine Modelleisenbahnkulisse von Schottland – erbaut von seiner Schwester. Nicht jedoch, um den Hogwarts Express schnaufend fahren zu lassen, wenn mal keine Kunden da sind; sondern natürlich als Veranschaulichung der verschiedenen Destillerie-Standorte bei einem Whisky-Tasting.

Die neuen Apotheker: Sarah Deuss und Leopold Langer

Eine Apotheke für Spirituosen

Whisky, das ist Leopolds Steckenpferd. Gilt aber eigentllch auch für die Spirituosen als solches: Nach einer klassischen Hotellehre landete er irgendwann in der Schwarz-Weiß-Bar, führt mittlerweile die Chaplins Bar in Ludwigsburg und hat mit Rubus Gin natürlich auch seinen eigenen Gin. Kein übles Pensum für einen Kerl mit 30. Jetzt kommt ein Spirituosenladen in einer ehemaligen Apotheke dazu. „Wir haben in Stuttgart genügend gute Bars“, so seine Begründung, weshalb er hier keine Bar eröffnet hat. „Die Leute richten sich Hausbars ein, die manche herkömmliche Bar übertreffen. Das Interesse und das Wissen sind mittlerweile da, viele kennen sich extrem gut aus, was ihre Lieblingsspirituose angeht.“

Whisky, Champagner, Rum

Leopold und seine Kollegin Sarah Deuss (33), die von der Bar des Jaz Hotels in die Apotheke wechselte, sehen sich als Botschafter im Auftrag feinster Destillate. 1000 Positionen soll ihr Reich umfassen. Schwerpunkte wollen sie bei Whisky-Raritäten, Vintage Champagner und Rum setzen. „Wir werden auch 40 verschiedene Gins im Laden haben, aber bei 1000 Positionen ist das nicht gerade ein Schwerpunkt“, lacht Leopold.

Verkostungen im Jugendstil

Verschiedenste Tastings werden künftig das Tagesgeschehen bestimmen. Das können zwei Kumpels sein, die sich mal durch eine handvoll Gins probieren. Das werden aber auch Verkostungen mit eigens eingeladenen Gästen, Ausstellungen oder eine Kombination aus Bourbon-Tasting und Lesung aus einem Bourbon-Fachbuch werden. „Die meisten Tastings finden heutzutage in Bars statt – und die sind darauf eigentlich gar nicht ausgelegt“, sagt Leopold. „Diese Lücke wollen wir schließen.“

Rezeptfrei glücklich

Natürlich kann man auch einfach nur nach Herzenslust Spirituosen und Zubehör shoppen. Vom Preis-Leistungs-Knaller um die 30 Euro bis zur Flasche für mehrere tausende Euro ist alles dabei. Mixer, Besteck und Gläser inklusive. Der Großteil des kuratierten Schnapsprogramms richtet sich deswegen explizit an den normalen Aficionado. An den, der sich nicht mit Supermarktware zufrieden geben möchte. Wichtig ist den beiden: Vorkenntnisse sind absolut gar nicht nötig, beraten wird jeder mit derselben Passion – vom altgedienten Whiskysammler bis zum Gin-Neuling. Und das Beste: Man braucht für nichts ein Rezept!

Die Apotheke: Hohenheimer Straße 38, 70184 Stuttgart, Öffnungszeiten: Montag -Samstag 11 – 20 Uhr oder nach Vereinbarung – mehr Infos: www.spirituosengalerie.de

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Nörgeln in the City: Warum Halloween dämlich ist!

Wir Stadtkinder lieben „Feschdle“ wie jeder andere normale Mensch auch. Unser Autor hat aber ein ziemlich großes Problem mit Halloween – oder dem, was daraus geworden ist.

Stuttgart – An Weihnachten kommt das Christkind, an Ostern der Osterhase und beim Wasen der Notarzt. Wir feiern gern, wissen aber selten, was genau wir da eigentlich als Grund für Völlerei und reichlich Alkohol missbrauchen. Okay, bei Weihnachten wohl noch die meisten, bei Ostern vielleicht auch, bei Pfingsten oder anderen Feiertagen wird‘s aber schon eng. Und beim Wasen weiß heute wohl niemand mehr, dass wir diese Veranstaltung eigentlich einem Vulkanausbruch in Indonesien zu verdanken haben. Lest es nach, wenn ihr mir nicht glaubt.

McDonalds, Coca Cola, Halloween

Halloween ist da auch so eine Sache. Wer weiß denn bitteschön, wo dieses Fest seine Wurzeln hat? In der TV-Show „Familienduell“ würden die meisten Leute wahrscheinlich auf die USA tippen. Tja, fake news. Halloween geht auf das hohe keltische Fest Samhain zurück. Samhain feierte man in der Nacht zum 1. November, dem ersten Tag des neuen Jahres im keltischen Kalender. Zu dieser Zeit, sagte man, war die Grenze zur Anderswelt besonders dünn oder gar durchlässig.

Die Iren brachten das Fest mit in die USA, wo es sich rasch ausbreitete und irgendwie verselbstständigte. Von dort wiederum schwappte es irgendwann in den Neunzigern zurück nach Europa, wo es natürlich vor allem in Deutschland auf fruchtbaren Boden fiel. McDonalds, Coca Cola, Disney, Hollywood – Deutschland war schon immer ein eifriger Importeur des amerikanischen Way of life. Mit dem Unterschied, dass Halloween in unseren Breiten rein gar nichts zu suchen hat.

Wir übernehmen ungefragt Bräuche, reißen sie aus ihrem kulturellen, religiösen und spirituellen Kontext. Wir versuchen nicht mal zu verstehen, was wir da gerade eigentlich feiern. Ach, scheiß drauf, solange es Alkohol gibt! Also machten wir uns auch Halloween zu eigen, pervertierten das Fest zu einer Art Fasching im Herbst und tun plötzlich so, als hätten wir dieses Fest schon immer gefeiert. Das ist im Grunde dasselbe wie diese Tiefflieger, die sich chinesische Schriftzeichen oder Maori-Symbole tätowieren lassen ohne auch nur die geringste Achtung vor diesen Kulturen zu haben.

Halloween oder Klugscheißen?

„Aber denk doch mal an die Kinder“, höre ich da die Eltern wieder rufen. Klar macht es denen Spaß, verkleidet von Haus zu Haus zu rennen und „Süßes oder Saures“ zu rufen. Aber ich schwöre euch: Wenn ich mal Kinder haben sollte, schicke ich sie mit den anderen Kindern mit und lasse sie so lange von der ursprünglichen Bedeutung des Samhain-Fests labern, dass die Eltern die Süßigkeiten nur rausrücken, damit sie endlich die Klappe halten. Das wäre aber eh eine Idee: Alle verkleiden sich als Björn und laufen halbwissend und klugscheißend durch die Nachbarschaft. Im Grunde genau so authentisch wie Halloween, kann gern übernommen werden. Nichts zu danken!

Blackfacing ist echt nicht witzig!

Natürlich geht auch Halloween nicht ohne geile Verkleidung. Und bei Kostümen zu Halloween scheint es nur zwei Alternativen zu geben: Irgendwas Freizügiges, das selbst ehrbare Berufe wie Krankenschwestern, Polizisten oder Hexen zu weitgehend textilfreien Objekten degradiert. Erniedrigend – und bei diesen Temperaturen zudem grob fahrlässig. Die andere Alternative ist der gute alte Rassismus. Indianerkostüme oder – fast noch schlimmer: „blackfacing“. Das ist eine Unsitte, bei der mir einfach nur die Spucke wegbleibt. Wenn sich ein weißer Mann das Gesicht schwarz anmalt, dann will er damit sagen: Schaut mal, ich bin lustig, weil ich schwarz bin. Natürlich sind das meistens Männer, die genauso gut für Lacher sorgen könnten, wenn sie unten ohne auf eine Halloween-Party gehen. Aber das wollen wir jetzt nicht vertiefen.

Feiern wie die Kolonialherren

Natürlich könnte man jetzt versöhnlich schließen mit so etwas wie: Soll doch jeder feiern, was er will, solange er niemandem schadet. Ich sage: Quatsch! Einfach irgendwelche Feiertage vereinnahmen ohne sich auch nur einen Moment lang mit den kulturellen Implikationen auseinanderzusetzen, ist dumm, unreif und fast schon kolonial.

Wer also wirklich Halloween feiern möchte, der kann, wie ich, am 31. Oktober in den Wald gehen, sich nackt ausziehen, mit Erde einreiben, die alten Götter ehren und den Mond anheulen. Und wer trotzdem nicht auf die kommerzielle Halloweenfeierei verzichten möchte, soll sich wenigstens Mühe mit dem Kostüm geben.

Titelbild: David Menidrey // Unsplash

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Blau: Die schicke kleine Schwester der Metzgerei

Drei Jahre nach der Eröffnung der Metzgerei präsentiert Yilmaz Yogurtcu seinen nächsten Coup: Das Blau im ehemaligen Urban will kein hippes Szenelokal werden, hat aber höchstwahrscheinlich keine andere Wahl.

Stuttgart – Er ist echt schön, der neue Laden von Yilmaz Yogurtcu. So schön, dass seine Äußerung, er wolle mit ihm weg vom „trendig-hippen Szenelokal“, wohl nur ein hehrer Wunsch bleiben wird. Das Blau, so prophezeien wir jetzt mal, wird gleich mit seiner Eröffnung am Montag, den 28. Oktober 2019, überrannt werden. Da hilft es auch nichts, dass es kein Schild über dem Eingang hängen wird. Der Westen scharrt längst mit den Hufen, will nach der Metzgerei endlich den nächste Yogurtcu-Coup auschecken.

Blau, oder: Die Eroberung des Wilden Westens

Sechs Jahre nach Eröffnung des Lumen und drei Jahre nach ihrer Punktlandung mit der Metzgerei, dem wohl erfolgreichsten Gastromoniekonzept, das der Stuttgarter Westen im 21. Jahrhundert gesehen hat (immer voll, hey!), eröffnen Yilmaz und Belgin Yogurtcu mit dem Blau jetzt eine Bar im ehemaligen Urban schräg gegenüber vom Moltkeplatz. Damit setzt er seinen Weg die Schwabstraße hinauf unermüdlich fort. Yogurtcu, der Eroberer des Wilden Westens. Ende ungewiss.

Alles wird blau

Wo die Metzgerei auf einen großen Außenbereich, große Fenster und viel Glas setzt, herrscht im Blau stilvolles Schweigen. An den Wänden ein herrliches Blau, keine Bilder, die die beruhigende Wirkung der Farbe stören, dazu goldene Säulen und braune Sofas. „Blau holt dich zurück, lässt dich abschalten, den Alltag vergessen“, meint der Chef. „Deswegen haben wir uns auch gegen einen Schriftzug entschieden. Es wird nur ein blau beleuchtetes Schild geben.“ Er will, dass die Leute seinem neuen Laden ihren ganz eigenen Namen geben.

Diskret und ruhig

Die Bar selbst ist klein, aber fein, gut, aber nicht übertrieben bestückt. Alles wirkt edel und bis ins Letzte durchgestylt. Klar, das hier ist das Produkt einer langen und sicherlich nicht billigen Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro SOMAA, das auch schon die Metzgerei und das Lumen verantwortet hat. Dem Zufall ist da nix überlassen, organisch gewachsen logischerweise auch nicht. Das Blau könnte so auch in Manchester stehen. Oder in San Francisco. „Die Metzgerei ist ein öffentlicher Ort, ein Katalysator für den Platz“, erklärt uns der Architekt Alexander Tandawardaja. „Das Blau hier sollte ein diskreter Ort werden, bei dem man ein wenig von der Außenwelt abgeschottet ist.“

Das Blau-Team: Yogurtcus und Architekt Alexander Tandawardaja

Vom Urban keine Spur mehr

Dass die Räumlichkeiten zuvor eine rustikale Kneipe mit Spielautomaten, viel Holz und Tand an den Wänden beherbergten, merkt niemand, der das Urban zuvor nicht kannte. Ein klein wenig traurig ist das schon, vom Urban und seinem legendären Wirt Tasso bleibt nach 25 Jahren nichts übrig. Nicht mal der Name. Aber es muss ja weitergehen, also schieben wir die Trauer beiseite und freuen uns über das new kid on the block. Yilmaz: „Wir beobachten den Markt natürlich genau und wollen herausfinden, was die Menschen möchten und was es noch nicht gibt.“ Mit Erfolg: Die Metzgerei schlug von Tag eins ein wie eine Bombe, abends einfach mal so einen freien Tisch zu bekommen, grenzt auch nach drei Jahren an ein Wunder.

Bereit für die blaue Stunde

Das Konzept im Blau ist dennoch anders. Erst ab 17 Uhr offen, eher Bar als Restaurant. „Die Leute heute reisen und sehen sehr viel. Sie wollen lieber Kleinigkeiten essen, dafür mehr ausprobieren. Sie wollen Abwechslung.“ Kulinarisch wollen sie es also mit (Achtung: 1A-Modewort) Tapas versuchen. Das sagt erst mal rein gar nichts aus, wird laut Yogurtcu nichts mit dem spanischen Original zu tun haben. Zwölf bis 14 kleine Snacks aus aller Welt soll es zu Beginn geben, jeden Monat werden vier ausgewechselt, auch die Weine und Biere variieren regelmäßig. „In dem meisten Bars gibt es nur Nüsse oder Oliven. Wir wollten mal etwas anderes wagen“, sagt Yilmaz. In Stuttgart gibt es neben der TinTin Bar in der Tat nicht viele Orte, an denen man zum guten Drink auch kleine Speisen serviert bekommt. Auch hier könnte der Laden eine Lücke im Westen schließen – als perfekter Ort für die blaue Stunde.

Öffnungszeiten:

Montag bis Donnerstag von 17 bis 0 Uhr

Freitag und Samstag von 17 bis 2 Uhr

Titelbild: Martin Elbert

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Eine Liebes-
erklärung: Ti amo, Stöckach!

Unser Autor gesteht, dass er eine neue Liebe gefunden hat. Hier erzählt er, warum es ihm ausgerechnet der wenig einladende Stöckach so angetan hat. Spoiler: Es liegt nicht an der Staatsanwaltschaft.

Stuttgart – Die Orte, an denen sich Stuttgart wie eine richtige Großstadt anfühlt, sind rarer als Parkplätze im Westen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Worte dieser Art von mir gebe, ich weiß. Es ist auch nicht das erste Mal, dass es mir eklatant auffällt. Wo wir Kesselbewohner anderswo durchaus ehrfürchtig vom Großstadtrummel überrollt werden, im trubeligen Londoner East End etwa, in Berlins schmuddeliger Größe oder in Hamburgs weltoffener Coolness, fühlt es sich bei uns in der Hood meist ein wenig kleiner an. Gemütlicher. Natürlich ist das auch genau richtig so, wer will schon in Berlin leben oder immer nur Astra trinken?

Letzter Stopp vor dem Streichelzoo

Der eine oder andere Ort in der Stadt, der duftet dann aber eben doch nach Metropole, nach großer weiter Welt. Der Stöckachplatz zum Beispiel ist ein Ort, der uns im Handumdrehen in Kosmopoliten verwandelt. Ist nicht ganz meine Ecke, also quert dieses Kleinod eines Schmelztiegels nicht täglich meinen Weg. Manchmal, auf dem Weg in die Schleyer-Halle, zum SWR oder in die Wilhelma (zehn Sachen, die man da unbedingt machen muss, Nummer 1: Weizen trinken neben dem Streichelzoo. Nummer 2: Danach Tiere streicheln), steige ich extra am Stöckach aus. Die Bahn rattert den Tunnel hoch, die Lichter flackern vorbei. Dann schießen wir ins Freie. Die Sonne brennt, der Asphalt brennt. Nächste Haltestelle: Stöckach. Ich steige aus. Und lasse das laute Leben über mich waschen wie eine Brandung.

Ach, Stöckachplatz.

Stöckach, Großstadtbrandung

Eine Brandung, die sich anfühlt wie ein neues Babylon. Das meine ich ganz und gar nicht despektierlich. Im Gegenteil: Ich glaube, es gibt in Stuttgart keinen anderen Bahnsteig, an dem man so viele verschiedene Sprachen nebeneinander hört. Neun habe ich heute gezählt. Bei Zweien war ich mir allerdings nicht sicher, ob es nur jemand von der Alb war. Das hier ist der Stöckach, Baby – und nur weil noch kein Rapper oder Singer/Songwriter der Stadt einen Song über diesen magischen Ort geschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass er ihn nicht verdient hätte.

Einfach zu haben

Schwellenort, Drehscheibe der Stadtbahn, Großstadtsinfonie, das Tor in den Osten. Oder ins Zentrum, je nachdem. Während der Charlottenplatz durch seinen surrealen Escher-Grundriss eher zur Verzweiflung rät, ist der Stöckach einfach zu haben. Eine Haltestelle, auf jeder Seite ein Bahnsteig, dazwischen – swusch! swusch! – eine Stadtbahn nach der anderen. U2 von Botnang nach Neugereut, U4 vom Hölderlinplatz nach Untertürkheim, U9 nach Heslach, U11 zu Andrea Berg, wenn sie endlich mal wieder spielt. Meinetwegen auch zu Little Mix.

Vorbei am Zeppelin-Gymnasium.

Braucht man aber eigentlich nicht. Denn der Stöckach, der ist ein big mix. Er ist der wahre Großstadtbürger. Döner, Sushi, wieder Döner (der gute!), Friseur (Sultanas Hairsoul), Kiosk, Schwabengarage, Nagelstudio, Biomarkt, Tanke, Burger-Laden (geht nicht ohne Burger-Laden, selbst am Tor zum Osten nicht), Juwelier, Staatsanwaltschaft, Kraftpaule, Metzgerei (4 Dosenwurst zum Preis von 3!), Bank. Sogar eine Schule gibt es, eine richtig große und alte. Und das alles einen Steinwurf voneinander entfernt.

Sultanas Hairsoul

Ist natürlich auch immer was los rund um die glühenden Gleise. Morgens und mittags Horden von Schülern, dazwischen wirklich alles, was Stuttgart zu bieten hat. Aus der Straße neben dem schattigen Eingang eines noch geschlossenen kleinen Ladens, tritt ein singender Mann mit Jägermeisterflasche ins Sonnenlicht. Er blinzelt, grinst, singt lauter. Was er singt, kann ich nicht ganz verstehen, Melodie und Text scheinen seiner innersten Gedankenwelt zu entspringen. Oder wieder von der Alb? Ich denke mir, dass dieser Mann nur auf den ersten Blick falsche Entscheidungen getroffen hat. Ich zumindest singe gerade nicht. Zudem hat es für den echten Jägermeister gereicht, nicht bloß für eines der zahlreichen Plagiate. Die haben eh die wunderbarsten Namen seit Erfindung des Plagiats. Jagdstolz zum Beispiel. Besser sind nur Friseurnamen. Wobei, Sultanas Hairsoul finde ich ehrlich gesagt ziemlich fresh. Um Welten besser als Haaralds Salon oder Schnittmenge oder so.

Man sieht: Der Osten kommt. Seit 2014.

Ah, Stöckach, bleib wie du bist

Ah, Stöckach. Du Epizentrum städtischen Lebens. Bleib so, wie du bist. Wenn ich Udo Lindenberg wäre, ich hätte schon zehn Songs über dich geschrieben. Moment mal, vielleicht frage ich mal den singenden Jägermeister. Ah, nee, der ist schon weg. Ich hole mir eine Cola beim Dilgelay und hänge noch eine Weile ab. Zwei Punks sitzen in der Bahn und starren ins Leere. He, solltet ihr hier nicht eigentlich raus? Das Bonnie & Clyde ist doch um die Ecke. Asiatische Touristen suchen etwas mit einem Stadtplan. Was man hier wohl groß suchen kann, so als Urlauber? Die Sonne blitzt auf den Gleisen auf, vom Bergfriedhof rattert die Stadtbahn heran. Da kommt es mir. Das hier, das kann man eigentlich gar nicht suchen. Man findet es einfach.

Zufrieden steige ich in die U2. Fahre. Komme an. Fast langweilig hier im Westen.

Alle Bilder und Floskeln: Björn Springorum

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