zwischen/miete: 5 Jahre WG-Partys mit Büchern, Bier und Brezeln!

Huch, die junge Lesereihe zwischen/miete ist ja gar nicht mehr so jung. Dieses Wochenende feiern die gemütlichen WG-Lesungen ihren fünften Geburtstag. Wie immer mit Bier, Brezeln und junger Literatur.

Stuttgart – Ja doch, klar, es wird immer noch gelesen. Ich finde aber eben, dass bei Weitem nicht genug gelesen wird. Und solange ich in der Stadtbahn mehr Menschen mit gesenktem Haupt auf ihr Handy starren sehe, werde ich nicht von dieser Meinung abweichen. Mit der bin ich glücklicherweise nicht allein. Mehr und mehr junge Menschen, auch in Stuttgart, organisieren sich in Buchclubs, besuchen Lesungen und entdecken Welten zwischen zwei Buchdeckeln.

zwischen/miete feiert Geburtstag

Das ist auch der Veranstaltungsreihe zwischen/miete zu verdanken. Diesen Samstag feiert sie ihren fünften Geburtstag. Und macht dabei fast alles so wie immer: Junge Literatur, gelesen in Stuttgarter WGs, für den Fünfer Eintritt gibt es ein Bier und eine Brezel. Man sitzt im Wohnzimmer, in der Küche oder im Schlafzimmer, auf dem Boden, auf Stühlen oder auf der Fensterbank. Und lauscht spannender Literatur. Diesen Samstag, bei zwischen/miete #35, ist Juan S. Guse in einer Wohnung in der Mörikestraße im Süden zu Gast und liest aus seiner hochgelobten Dystopie „Miami Punk“. „Im Anschluss an die Lesung gibt es eine kleine Hinterhof-Geburtstags-Party mit genügend Bier, Brezeln, Bowle und Musik von mayipainther“, sagt Organisatorin Nina Wittmann. Ha ja, bisschen Geburtstag feiern muss dann halt doch sein.

Buch gegen Netflix

Denn: Es ist schon bemerkenswert, dass sich eine Lesereihe über fünf Jahre und 35 Veranstaltungen halten und vor allem weiterentwickeln konnte. „Wir sind sehr froh, dass sich die zwischen/miete so etablieren konnte und seit einem dreiviertel Jahr noch mal einen merklichen Besucheraufschwung erlebt!“, so Nina weiter. „Es ist wunderbar, die Leidenschaft für Literatur vermitteln und teilen zu können. Und natürlich sind wir sind auch ein bisschen stolz auf unsere Reihe und alle Projekte, die wir schon umsetzen konnten. Es ist schön, dass diese Form von Unterhaltung noch immer auf viel Resonanz stößt.“ Durchaus. Die Konkurrenz (aka Netflix) ist bekanntlich stark.

Da lohnt sich jedes Schleppen!

Zwar sind die ursprünglichen Gründer der Reihe mittlerweile nicht mehr an Bord. Dafür kümmern sich neben Nina heute Annig Held und Andrea Friedel – wie gewohnt in Kooperation mit dem Literaturhaus Stuttgart. Und die haben auch schon einiges erlebt: „Volle Wohnzimmer, konzentrierte Stille, Martin Piekars eindrucksvolle Lyrik-Performance bei Glühwein und Keksen. Regen draußen, dichtgedrängtes Zuhören drinnen. Verschüttetes Bier, das Klirren eines zerbrochenen Glases, die wirklich jedes Mal sehr große Freude, wenn sich Autoren, Moderatoren und natürlich unser Publikum für unser Format begeistern. Da lohnt sich jedes Schleppen unseres Equipments – mitsamt der Bierkästen – in manchen 5. Stock!“

Beyond Germanistikstudenten

Klar, so ein Format kommt an. Bei Besuchern wie auch Autoren, die natürlich auch mal den lockeren Rahmen einer kruschteligen WG genießen. Allerdings, so Nina, sei die zwischen/miete längst nicht nur für „die Germanistikstudenten aus dem dritten Semester“, wie sie schmunzelnd sagt. „Von sechzehn bis sechzig ist eigentlich alles dabei. Das Durchschnittsalter dürfte so bei 30 bis 35 liegen.“ Und von denen wird man nach dem Wochenende bestimmt einige mit „Miami Punk“ in der Stadtbahn sehen.

Infos zur Veranstaltung gibt’s hier!

Bilder: Harald Völkl, Kristina Popov

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Next Door: Eine irische Bar für Stuttgart

Der Pub O’Reillys im Stuttgarter Westen hat direkt nebenan einen Ableger eröffnet. Im Next Door gibt es Cocktails, Bier und Spirituosen.

Stuttgart – Craft Beer vom Fass, Cocktails und Snacks – das alles wird seit 10. August im O’Reillys-Ableger Next Door serviert. Wie der Name schon sagt befindet sich der neue Laden direkt nebenan.  Dort, wo früher ein Pizza-Service heiße Ware in Pappkartons verschickte, hat sich O‘Reillys-Boss Robert O’Rorke einen lang gehegten Traum erfüllt.

Next Door: Neue irische Bar

„Wir wollten uns schon lange vergrößern“, sagt er. „Und als es sich ergab, dass wir den Laden nebenan mieten konnten, haben wir nicht lange gefackelt.“ Diesen Samstag, den 10. August 2019, eröffnet mit Next Door jetzt also die schicke kleine Schwester des rustikal-gemütlichen O‘Reillys erstmals ihre Türen. Und will vor allem eines sein: Eine ebenso gemütliche und lockere, aber eben auch ein wenig modernere Bar. „Im Next Door legen wir Wert auf eigens kuratierte Cocktails, Craft Beer vom Fass und korrespondierende Snacks“, verrät O‘Rorke, als er durch sein neues Reich führt.

Viel Arbeit sei es gewesen, zudem hätte es ewig mit den Genehmigungen und Lizenzen gedauert. Aber: Die Mühen haben sich gelohnt. Die eine Wand mit unverputzten Backsteinen, davor gemütliche Ledersessel, dunkles Grün an den Wänden, Tubas als Lampen und eine echt schicke, in Messingfarben schimmernde Bar mit rekordverdächtig gemütlichen Barhockern. Versacken leicht gemacht. Fest steht: Trinken wird man hier ab sofort ganz hervorragend können, das Next Door soll täglich geöffnet sein und auch die beliebten O‘Reillys-Pflichttermine wie die Quiz Night abhalten.

Vor allem aber will O‘Rorke den neuen Laden als Location für Live-Musik etablieren. „Natürlich wird es auch die eine oder andere klassische Cover-Band geben. Ohne die geht es in einem Pub nun mal nicht“, bemerkt er trocken. „Aber ich möchte vor allem jungen Songwritern eine Bühne geben, auf der sie sich ausprobieren und entwickeln können.“ Dazu plant er Lesungen, auch mal einen Vortrag. „Es muss ja nicht immer nur um Drinks gehen“, meint er und lächelt dann spitzbübisch: „Oder zumindest nicht nur.“

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Ein Spaziergang mit Bartek durch Stuttgart-West

Heute erscheint das neue Orsons-Album „Orsons Island“. Das ist sogar so gut, dass es die lange Wartezeit entschädigt und den Rap neu beleben könnte. Wir waren mit Bartek im Stuttgarter Westen unterwegs.

Stuttgart – Ein schöner sonniger Morgen am Feuersee. Die Fische drehen ihre Runden, die Schildkröten schlafen noch, weiter hinten macht der Schwan mal wieder deutlich, dass diese fiesen Tiere meilenweit von ihrem märchenhaften Klischeebild entfernt sind. Postkartenidylle hätte man vor Instagram dazu gesagt. Aber das ist noch deutlich länger her als die letzte Platte der Orsons. 2015 erschien die, hieß „What‘s Goes“ und war ganz allgemein ziemlich fantastisch.

 Bartek ist der Westen ans Herz gewachsen

Unerwartete Überleitung wahrscheinlich, aber da vorn kommt eben Bartek angeschlendert, locker in kurzen Hosen und mit Sonnenbrille. „Schön hier, was?“, sagt er mit dem charakteristischen Kennerblick des Westlers. Klar, Bartek ist im Westen zu Hause. Erst kürzlich ist er umgezogen, von der einen Seite der Hood auf die andere, wie er sagt. Wir wollen ein wenig durch die Gegend schlendern und plaudern. Themen gibt es ja genug, selbst ohne Orsons-Album hat der Stuttgarter irgendwie immer eine Menge zu erzählen. „Der Westen ist mir längst ans Herz gewachsen“, erzählt er bei einem kurzen Kaffeestopp in der Roten Kapelle. „Ich fühle mich extrem wohl hier!“

Müßiggänger mit Flow: Bartek

Bartek und der Müßiggang

Zweieinhalb Jahre wohnte er zwischen Hölderlinplatz und der legendären Pinte Schdäffele, jetzt hat es ihn auf die andere Seite der Rotebühlstraße verschlagen. „Ich liebe einfach alles hier“, sagt er verzückt. „Ich liebe die Architektur der Häuser, diese herrschaftlichen Bauten aus der Gründerzeit. Ich kann diese modernen eckigen Klötze nicht leiden, die sind einfach nicht meins. Ich bin ja durchaus dem Müßiggang verschrieben und laufe gern mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch meine Hood“, lacht er. „Sogar mein Studio ist jetzt in Laufnähe. Alles geil also!“

Quizfrage: Wer weiß, wo Bartek hier abhängt?

Liebe und Hass

Alles geil also. Das kann man durchaus so stehen lassen. Denn dafür, dass die Orsons mal wieder damit gedroht haben, sich aufzulösen, haben sie mit „Orsons Island“ ein bockstarkes, visionäres und wundersames neues Album vorgelegt. „Wir sagen ja eigentlich nach jedem Album, dass wir uns trennen wollen“, meint er lakonisch, als wir am Feuersee entlang schlendern. Wir haben ein wenig Brot dabei, psst, sagt es niemandem. Aber Bartek will jetzt erst mal die Fische füttern. „Das ist mit den vier Leuten jedes Mal so ein Kopfgeficke, dass wir danach alle keinen Bock mehr haben“, fährt er fort, als er sein Brot los ist. „Das ist eine richtige Tortur, dass man sich eine Zeitlang danach regelrecht hasst. Sobald wir auf Tour sind, lieben wir uns dann alle wieder, aber so ist das eben.“

Fische füttern mit Bartek: So dynamisch, dass das Bild unscharf ist

Sorry not sorry, Ostendplatz!

Neben Kaas ist Bartek der einzige verbliebene Stuttgarter. Maeckes und Tua sind längst in Berlin heimisch. Wäre grundsätzlich auch denkbar für Bartek, denn: „Ich habe die Gabe, mich überall wohlzufühlen. Ich kann mich überall so einzurichten, dass es mir gut geht. Na gut, außer vielleicht am Ostendplatz! Sorry, aber das ist echt nicht meine Hood.“ Lieber sitzt er schon in einer der vielen alten Eckkneipen hier im Westen, beobachtet Menschen, kommt mit ihnen ins Gespräch. „Das inspiriert mich sehr und ich kann da viel für mich oder für meine Texte rausziehen. Aber klar, auch das Picheln an sich ist natürlich ganz wunderbar.“

Mit den Orsons bei den Pfadfindern

Damit ihm bei seinen Kneipenexkursionen nichts abhanden kommt, führt er seit einem Jahr ein Notizbuch bei sich, in das er alles reinkritzelt, was ihm so einfällt oder auffällt. „Am Ende des Monats schaue ich dann rein und lese mir durch, welche Gedanken ich hatte. Wie ein kleines Aphorismen-Tagebuch.“ Wie viel von „Orsons Island“ aus diesem Büchlein stammt, lässt sich unmöglich sagen: Das Werk ist eine Gemeinschaftsunternehmung. „Für dieses Album haben wir mal einen anderen Ansatz gewählt und einfach mal zusammen Urlaub gemacht“, plaudert er weiter. Wir umrunden die Kirche, hier am Ufer hat sich auch der tückische Schwan einen Platz im Schatten gesucht. Don‘t mess with the Schwan! „Wir haben uns den Kanaren verschrieben, anfangs waren wir auf La Palma.“ Und nachdem die vier ein paar Vulkane und Strände angeschaut hatten, setzten sie sich abends mit einer Gitarre hin und machten Musik. Klingt nach Pfadfinderausfahrt, hat aber funktioniert.

Ich war der Marlboromann!

Druck nach dieser langen Abstinenz fühlt Bartek nicht. Vielleicht ja auch verständlich – als einer, der als starker Raucher („ich war der Marlboromann!“) von einem Tag auf den anderen mit den Fluppen aufgehört hat. „Wir wollten einfach nur ein Album machen, das uns gefällt“, meint er unter den Bäumen der Johannestraße. „Das war schon immer so. Weißt du, unser letztes Album kam 2015 raus, da war Facebook noch ein Riesending und Spotify gerade erst im Kommen. Ich weiß also gar nicht, wo wir stehen. Für viele werden wir Newcomer sein.“ Selbst wenn das stimmen sollte: „Orsons Island“ wird sie alle kriegen. Das neue Album ist ein irrwitziger Trip, den es so im Deutschrap noch nicht gab: Zwischen absurd und melancholisch, zwischen Euphorie und Kater. Irgendwie Orsons eben. Und irgendwie nicht.

Bilder: Björn Springorum

Ihr könnt auch nicht genug vom Feuersee kriegen? Hier entlang!

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Klinke 2019 mit Isabel Thalhäuser und anderen Highlights

Endlich wieder Klinke! In diesem Jahr startet das Merlin-Sommerfestival mit einem musikalischen Pflichttermin der anderen Art: den überwältigenden Konzertfotografien von Isabel Thalhäuser. Außerdem haben wir unsere Klinke-Highlights für euch zusammengefasst.

Stuttgart – Konzertfotografen sind echt nicht zu beneiden. Sie schleppen ihr unhandliches, schweres und sauteures Equipment in riesige Hallen oder winzige Clubs, beziehen vor der Bühne Position und sind der Gunst der Künstler ausgeliefert. Hat er Bock auf Posen? Nimmt sie Notiz von der Phalanx an Kameras? Oder ignorieren sie die erste Reihe einfach, um sich um die Fans zu kümmern? Weiß man alles immer erst, wenn es fast schon zu spät ist.

Die Klinke wird fotogen

Isabel Thalhäuser vom Online-Kulturmagazin Fragmente lässt sich davon nicht abschrecken. Unerschütterlich schultert die junge Stuttgarterin ihre Kamera und macht sich auf zu den Bühnen der Stadt. Auf vornehmlich kleineren Konzerten hält sie Momente fest, die wie atemberaubende Statuen wirken: Expressiv, ästhetisch, gerne auch mal ein bisschen düster. Eben so wie die Musik, die sie am liebsten mag. „Ich liebe Musik“, sagt sie beim Stadtkind-Treffen, „und bei Konzerten kann ich sie mit allen Sinnen erleben.“

Heute beginnt ihre Ausstellung im Rahmen der Klinke im Merlin. Und ist den ganzen August lang zu sehen: Konzertfotografien von 2016 bis 2019, allesamt entstanden im Merlin. Wir sagen: Hingehen, anschauen, staunen – und danach für ein Konzert bleiben. Denn es ist eh alles gut, was da spielt: Kaltenkirchen, Peter Muffin Trio, die Tremolettes… you name it! Vorne links an der Bühne wird dann wahrscheinlich oft Isabel stehen oder knien. Und mit einem seligen Lächeln Momente einfrieren.

Man kann meckern, dass es zu wenig Frauen auf den Bühnen gibt

Wo treibst du dich am ehesten in Stuttgart auf Konzerten herum? Mit Abstand am häufigsten im Merlin, aber auch in der Neuen Schachtel, im JuHa West, Goldmark‘s, Universum oder im InDieWohnzimmer. Und wenn die Stuttgarter Szenebezirke Esslingen und Schorndorf mitzählen, dann seien hier unbedingt noch Komma, Dieselstraße und Manufaktur erwähnt.

Wie ist dein Eindruck der Live-Szene hier vor Ort? Man kann meckern, dass es zu wenig Frauen auf den Bühnen gibt. Dass Röhre, Zwölfzehn (bald KellerKlub) fehlen. Viele Bands statt in Stuttgart in Karlsruhe oder Heidelberg spielen, weil hier entsprechende Spielorte fehlen. Oder Stuttgarter Musikerinnen nach Leipzig und Berlin wegziehen. Anstatt nur zu motzen, sollte man jedoch auch sehen, was alles auf Haben-Seite steht. Dass es hier viele gute Leute gibt, die tolle Bands und Musikerinnen in den Kessel und das nahe Umland holen. Arne Hübner, Micha Schmidt, Moritz Finkbeiner, Claudia und Holger vom InDieWohnzimmer, Reiner Bocka, Jörg Freitag.

Das beste Konzert ist immer das nächste

Welches war dein erstes geknipstes Konzert? Und welches dein letztes? Das erste Konzert, das ich mit Kamera besuchte, war The Elwins 2013 in der Manufaktur. Und das letzte Mal fotografiert habe ich beim diesjährigen Maifeld Derby. Bisher.

Das beste Konzert, auf dem du je gewesen bist? Hoffentlich das nächste.

Und warum fotografierst du in schwarzweiß? Im Zuge der Gründung von Fragmente wollten wir eine reduzierte Website, mit der auch eine abstrahierende Bildästhetik einherging. Und das ist eine, mit der ich mich sehr wohl fühle. Die Fotografien sind meist Porträts oder Halbporträts und monochrom. Der Fokus liegt auf den Künstler*innen und deren Emotionen auf der Bühne. Und durch starke Kontraste zwischen Licht und Schatten lässt sich das noch unterstreichen.

Licht und Schatten bei Annagemina

Den perfekten Moment gibt es nicht

Worauf achtest du bei deiner Konzertfotografie? Auf mein Gefühl. Ich lasse mich voll und ganz auf die Künstler*innen auf der Bühne ein, beobachte aufmerksam. Dann versuche ich, besondere Momente einzufangen. Diese zeigen sich in Mimik, Gestik, Körperhaltung, in der Art und Weise, wie Instrumente bespielt werden. Oder in der Interaktion der Bandmitglieder untereinander. Beim anschließenden Betrachten meiner Fotografien will ich den Konzertabend nachspüren können. Dann müssen die Bilder nicht zwingend knackscharf sein, dürfen rauschen, Reflektionen aufweisen oder können verschwimmen. Ich finde gerade das nicht Perfekte interessant.

Was ist das Geheimnis des perfekten Moments? Den perfekten Moment gibt es nicht, aber besondere. Wenn Musiker*innen ganz in ihrem Schaffen versunken sind, das sind die besten Momente.

Plädoyer für Selbstvergessenheit

Und wo liegen die größten Schwierigkeiten? Zum einen sind es die oft schlechten Lichtverhältnisse bei Clubkonzerten. Zum anderen bin ich nicht unsichtbar. Da ich am liebsten Clubkonzerte fotografiere, möchte ich niemanden im Publikum permanent im Weg stehen. Außerdem möchte ich auch den Künstler*innen nicht penetrant meine Kamera vor die Nase halten. Dennoch finde ich die Nähe zu selbigen wahnsinnig wichtig, um die besonderen Momente einfangen zu können. Und daher bin ich meist das halbe Konzert auf Knien unterwegs. (lacht)

Wie viele Konzerte hast du schon geknipst? Ich habe nicht gezählt. Wesentlich mehr als Hundert, weniger als Tausend.

Isabel Thalhäuser mags gern ein wenig düster

Welche Bands oder Künstler waren besonders fotogen? Die, die sich völlig in ihrer Musik verlieren. Selbstvergessenheit ist einfach wunderschön.

Und jetzt ab zur Klinke!

Die Klinke bietet den ganzen August über kostenlose Konzerte mit dem Spannendsten, was die Stuttgarter Indie-Szene gerade so zu bieten hat. Wer das Prinzip nicht kennt: Hingehen, neue Lieblingsbands entdecken, eine Spende in den kreisenden Hut geben. Und gleich am nächsten Abend wiederkommen. Machen hier alle so.

Zur Eröffnung des Klinke-Festivals am Donnerstag, 1. August, zeigt Isabel Thalhäuser eine Auswahl ihrer Konzertfotos aus dem Merlin. Los geht’s um 19.30 Uhr. Eintritt frei.

Neben der Ausstellung empfiehlt das Stadtkind diese Klinke-Highlights:

Donnerstag, 1. August: Putte & Edgar – Sie sind zu zweit. Sie sind laut. Sie haben den Beat. – Mehr Infos hier >>>

Samstag, 3. August: Swim Bird Fly – Die Stuttgarter Band um die kubanische Sängerin Barbara Padron Hernandez kreiert einen einzigartigen Klangkosmos im Spannungsfeld von fragiler Singer-Songwriter-Ästhetik, Trip Hop, Indie Rock und eskalierenden Sound-Experimenten! – Mehr Infos hier >>>

Mittwoch, 14. August: The Tremolettes – düsterer Soul, unter anderem von und mit Musiker Joscha Brettschneider – mehr Infos hier >>>

Samstag, 17. August: Future Franz – kann man nicht beschreiben, muss man sehen – mehr Infos hier >>>

Freitag, 23. August: Kaltenkirchen – Anti-Schlager aus Stuttgart/Wien von und mit Stadtkind Autor Philip!!! Mehr Infos hier >>>

Samstag, 31. August: Peter Muffin TrioJulian Knoth von den Nerven tobt sich aus – mehr Infos hier >>>

Alle Infos hier!

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Eine Liebes-
erklärung: Ti amo, Stöckach!

Unser Autor gesteht, dass er eine neue Liebe gefunden hat. Hier erzählt er, warum es ihm ausgerechnet der wenig einladende Stöckach so angetan hat. Spoiler: Es liegt nicht an der Staatsanwaltschaft.

Stuttgart – Die Orte, an denen sich Stuttgart wie eine richtige Großstadt anfühlt, sind rarer als Parkplätze im Westen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Worte dieser Art von mir gebe, ich weiß. Es ist auch nicht das erste Mal, dass es mir eklatant auffällt. Wo wir Kesselbewohner anderswo durchaus ehrfürchtig vom Großstadtrummel überrollt werden, im trubeligen Londoner East End etwa, in Berlins schmuddeliger Größe oder in Hamburgs weltoffener Coolness, fühlt es sich bei uns in der Hood meist ein wenig kleiner an. Gemütlicher. Natürlich ist das auch genau richtig so, wer will schon in Berlin leben oder immer nur Astra trinken?

Letzter Stopp vor dem Streichelzoo

Der eine oder andere Ort in der Stadt, der duftet dann aber eben doch nach Metropole, nach großer weiter Welt. Der Stöckachplatz zum Beispiel ist ein Ort, der uns im Handumdrehen in Kosmopoliten verwandelt. Ist nicht ganz meine Ecke, also quert dieses Kleinod eines Schmelztiegels nicht täglich meinen Weg. Manchmal, auf dem Weg in die Schleyer-Halle, zum SWR oder in die Wilhelma (zehn Sachen, die man da unbedingt machen muss, Nummer 1: Weizen trinken neben dem Streichelzoo. Nummer 2: Danach Tiere streicheln), steige ich extra am Stöckach aus. Die Bahn rattert den Tunnel hoch, die Lichter flackern vorbei. Dann schießen wir ins Freie. Die Sonne brennt, der Asphalt brennt. Nächste Haltestelle: Stöckach. Ich steige aus. Und lasse das laute Leben über mich waschen wie eine Brandung.

Ach, Stöckachplatz.

Stöckach, Großstadtbrandung

Eine Brandung, die sich anfühlt wie ein neues Babylon. Das meine ich ganz und gar nicht despektierlich. Im Gegenteil: Ich glaube, es gibt in Stuttgart keinen anderen Bahnsteig, an dem man so viele verschiedene Sprachen nebeneinander hört. Neun habe ich heute gezählt. Bei Zweien war ich mir allerdings nicht sicher, ob es nur jemand von der Alb war. Das hier ist der Stöckach, Baby – und nur weil noch kein Rapper oder Singer/Songwriter der Stadt einen Song über diesen magischen Ort geschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass er ihn nicht verdient hätte.

Einfach zu haben

Schwellenort, Drehscheibe der Stadtbahn, Großstadtsinfonie, das Tor in den Osten. Oder ins Zentrum, je nachdem. Während der Charlottenplatz durch seinen surrealen Escher-Grundriss eher zur Verzweiflung rät, ist der Stöckach einfach zu haben. Eine Haltestelle, auf jeder Seite ein Bahnsteig, dazwischen – swusch! swusch! – eine Stadtbahn nach der anderen. U2 von Botnang nach Neugereut, U4 vom Hölderlinplatz nach Untertürkheim, U9 nach Heslach, U11 zu Andrea Berg, wenn sie endlich mal wieder spielt. Meinetwegen auch zu Little Mix.

Vorbei am Zeppelin-Gymnasium.

Braucht man aber eigentlich nicht. Denn der Stöckach, der ist ein big mix. Er ist der wahre Großstadtbürger. Döner, Sushi, wieder Döner (der gute!), Friseur (Sultanas Hairsoul), Kiosk, Schwabengarage, Nagelstudio, Biomarkt, Tanke, Burger-Laden (geht nicht ohne Burger-Laden, selbst am Tor zum Osten nicht), Juwelier, Staatsanwaltschaft, Kraftpaule, Metzgerei (4 Dosenwurst zum Preis von 3!), Bank. Sogar eine Schule gibt es, eine richtig große und alte. Und das alles einen Steinwurf voneinander entfernt.

Sultanas Hairsoul

Ist natürlich auch immer was los rund um die glühenden Gleise. Morgens und mittags Horden von Schülern, dazwischen wirklich alles, was Stuttgart zu bieten hat. Aus der Straße neben dem schattigen Eingang eines noch geschlossenen kleinen Ladens, tritt ein singender Mann mit Jägermeisterflasche ins Sonnenlicht. Er blinzelt, grinst, singt lauter. Was er singt, kann ich nicht ganz verstehen, Melodie und Text scheinen seiner innersten Gedankenwelt zu entspringen. Oder wieder von der Alb? Ich denke mir, dass dieser Mann nur auf den ersten Blick falsche Entscheidungen getroffen hat. Ich zumindest singe gerade nicht. Zudem hat es für den echten Jägermeister gereicht, nicht bloß für eines der zahlreichen Plagiate. Die haben eh die wunderbarsten Namen seit Erfindung des Plagiats. Jagdstolz zum Beispiel. Besser sind nur Friseurnamen. Wobei, Sultanas Hairsoul finde ich ehrlich gesagt ziemlich fresh. Um Welten besser als Haaralds Salon oder Schnittmenge oder so.

Man sieht: Der Osten kommt. Seit 2014.

Ah, Stöckach, bleib wie du bist

Ah, Stöckach. Du Epizentrum städtischen Lebens. Bleib so, wie du bist. Wenn ich Udo Lindenberg wäre, ich hätte schon zehn Songs über dich geschrieben. Moment mal, vielleicht frage ich mal den singenden Jägermeister. Ah, nee, der ist schon weg. Ich hole mir eine Cola beim Dilgelay und hänge noch eine Weile ab. Zwei Punks sitzen in der Bahn und starren ins Leere. He, solltet ihr hier nicht eigentlich raus? Das Bonnie & Clyde ist doch um die Ecke. Asiatische Touristen suchen etwas mit einem Stadtplan. Was man hier wohl groß suchen kann, so als Urlauber? Die Sonne blitzt auf den Gleisen auf, vom Bergfriedhof rattert die Stadtbahn heran. Da kommt es mir. Das hier, das kann man eigentlich gar nicht suchen. Man findet es einfach.

Zufrieden steige ich in die U2. Fahre. Komme an. Fast langweilig hier im Westen.

Alle Bilder und Floskeln: Björn Springorum

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Tischtennis wie zu Kolchose-Zeiten: Die Spring Games!

Für manche ist Tischtennis nur ein Hobby. Für andere ist es ein magischer Ort der Harmonie, ein Freundeskreis mit kleinen weißen Bällen. Bei den Spring Games am StadtPalais kommt am Wochenende zusammen, was zusammengehört: Ping-Pong-Action, Interkulturalität und Kolchose-Gefühl.

Stuttgart – Tischtennis ist so viel mehr als nur ein Hobby. Tischtennis ist so viel mehr als nur ein Sport. Für mich zumindest. Aber wahrscheinlich auch für einige andere. Ich meine jetzt nicht unbedingt die Styler, die in zwanghafter Selbstironie die weißen Socken hochziehen und das Björn-Borg-Gedächtnisstirnband auspacken, um Insta-Likes zu kassieren. Ich meine die, die an der Platte, mit der Platte, für die Platte leben. So wie ich eben.

Tischtennis am Meer

Am Wochenende habe ich daher so eine Art Heimspiel. Der dufte Typ Wasi, den man natürlich noch aus Kolchose-Zeiten kennt, bringt die Spring Games aus Heidelberg nach Stuttgart. Extra für mich, so denke ich zumindest gern: Ein Tischtennis-Treffen der liebevollen Art, eingebettet in den redlichen Stadtpalais-Versuch für mehr Sommerfeeling im Kessel: Stuttgart am Meer.

Spring Games ist mein Nachname

Ehrensache, dass ich da mitmache. Mit einem guten Freund. Ich meine, mein Nachname ist Springorum, das sind die Spring Games. Klingelt’s? Ich bin alles andere als ein Profi, aber das hat mich noch nie von irgendwas abgehalten. Meine Vorhand ist ganz okay, meine Rückhand allerhöchstens ausreichend, meine Beinarbeit ganz gut und meine Taktik manchmal leicht zu durchschauen. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich will nicht gewinnen. Ich will ein gutes Spiel machen. Wasi versteht mich. „Beim Tischtennis geht es um den Vibe“, sagt er und ich nicke zustimmend. „Es ist nicht nur das Zocken.“

Die Veranstaltung lebt von den Leuten

Das gilt auch für seine Spring Games, die Samstag und Sonntag stattfinden und noch offen für Teams sind. „Die Veranstaltung lebt von den Leuten, die mitmachen“, fährt er fort. „Den DJs, den Leuten an der Bar, denen in den Hängematten. Für uns ist es kein Sport im herkömmlichen Sinne.“

Wer Bock hat, zuzuschauen, kann das also sehr gerne tun. Und wer ein paar Bälle schlagen will, der schnappt sich Mitspieler und registriert sich. Denn die Krux ist ja: Obwohl seit Casper und Marteria alle Tischtennis angeblich so cool finden, schafft sich doch kaum einer Schläger an. Kann Wasi nicht verstehen: „Die Spring Games gibt es seit 2013. Man könnte sagen, wir waren in Deutschland die ersten, die das mit einem Beat-Event als Festival aufgebaut haben. Und uns interessiert ehrlich gesagt nicht, ob das nun ein Trend ist oder nicht.“

Kolchose mit Tischtennisbällen

Tischtennis als Gemeinschaftsprojekt, als Ort des gemeinsamen Abhängens, beschallt von DJs. Gar nicht so weit entfernt vom Kolchose-Gedanken also. Nur mit Tischtennisbällen. „Wir möchten, dass Leute zusammenkommen und sich beim Spielen kennenlernen“, nickt Wasi, der die ganze Sache mit einigen Kumpels in Heidelberg startete. „Ursprünglich wollten wir das als Grillparty mit Live-Acts aufziehen. In den nächsten Jahren wurde es immer größer. 2015 hatten wir dann über 1500 Besucher und mehr als 40 Teams.“ Das wuchs ihnen fast über den Kopf. Man entschloss sich dazu, das ganze Ding wieder gesundzuschrumpfen. Der Spirit sollte schließlich nicht verloren gehen.“

Tischtennis gegen Ausgrenzung

Den trägt Wasi jetzt auch nach Stuttgart. Für mehr Wir-Gefühl. Und für Harmonie an der und um die Platte. Für das befriedigende, meditative Mantra „Pock-Pock-Pock“. Gewinnen wird da absolut zur Nebensache. Wasi hat das Schlusswort: „Lass uns das Thema, wer wir sein wollen, alle gemeinsam angehen – ohne jemanden auszugrenzen.“

Spring Games Stuttgart – das Programm:

Samstag & Sonntag ab 11:30 Uhr (Warm-Up-Phase)

Anpfiff um 12:30 Uhr

Infos und Anmeldung hier!

Bilder: Spring Games

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Stuttgarter dreht Doku über Frauen in Indien

Musiker, Yogi, Rhetoriker, früher auch mal Politiker – und jetzt Filmemacher: Der 31-jährige Wirbelwind Shammi Singh stellt beim Indischen Filmfestival seine erste Dokumentation über Frauen in Indien vor.

Stuttgart – Die meisten Menschen geben sich damit zufrieden, eine Sache richtig gut zu können. Der VfB kann gut absteigen, Cro kann gut eine Maske anziehen, Pink kann gut Riesling trinken, wie sie am Vortag ihres Stuttgarter Konzerts am Schillerplatz bewies. Shammi Singh ist ein Talent offensichtlich viel zu wenig. Er unterrichtete schon Rhetorik, versuchte sich in der Politik, spielt in einer prügelharten Hardcore-Band und gibt Yoga-Unterricht.

Ist Indien sicher?

Und jetzt geht er mit seinem ersten Dokumentarfilm an den Start: „Women‘s Voice – India‘s Choice“ heißt der Streifen über Frauen, ihre Situation und Rechte in Indien, der beim Indischen Filmfestival in Stuttgart seine Weltpremiere feiert. Von der Idee über das Filmen bis hin zum Schnitt aus Shammis Hand, erzählt der Film anhand von 15 Frauen über die Lebenswirklichkeit in Indien – dem Subkontinent, wie man sagt, der zur selben Zeit in verschiedenen Zeitaltern lebt. „Ich war in den letzten zehn Jahren mehrfach in Indien und wurde oft gefragt, ob es denn überhaupt ein sicheres Reiseland sei“, erzählt Shammi. „Als Mann konnte ich diese Frage aber nur unzureichend beantworten.“ Also entstand die Idee zu diesem Film.

Differenziert, ehrlich, wichtig

Dass Shammi überhaupt so oft in Indien unterwegs war, liegt an seiner Familiengeschichte. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater wurde in Kapurthala im Punjab im Norden Indiens geboren. „Eine weitere Reise nach Indien war eh bereits geplant“, fährt er fort, „also habe ich sie gleich mit dem Filmprojekt verbunden. Es ist mein erster Film und er hat mir die Augen geöffnet.“ Shammi sieht diesen Film als Möglichkeit, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. „Das ist eigentlich immer meine Triebfeder“, sagt er. „Und der Film ist eine wunderbare neue Möglichkeit, das zu versuchen.“ Deswegen ist das Bild, das er entwirft, keineswegs so pessimistisch wie das westliche Bild hinsichtlich der Situation der indischen Frauen gerne mal ist. Sein Film ist differenziert, vielseitig, ehrlich – und sehr wichtig.

Ein deutscher Buddhist in Indien

Leider kam Shammi nicht dazu, Indien durch die Augen seines Vaters zu sehen. Er starb noch vor der ersten Indienreise seines Sohnes. Seither hat sich bei dem ruhigen, redegewandten Stuttgarter viel getan. „Ich weiß mittlerweile, wer ich bin“, sagt er. „Ich wuchs ziemlich deutsch auf, weshalb ich mich bei meinem ersten Besuch in Indien auch nicht wirklich heimisch fühlte. Ich fühlte mich eher wie ein deutscher Buddhist“, lacht er. Mittlerweile hat er aufgehört, in solchen Kategorien zu denken. „Ich bin, was ich bin.“

„Ich bin, was ich bin“: Shammi Singh

Yoga, Lärm und kochen

Und was ist das? Auf jeden Fall viel – Filmemacher, Yogalehrer, Musiker und einiges anderes mehr. „Ich spiele zwar immer noch in einer Band, allerdings aus anderen Gründen“, verrät er. „Früher brauchte ich das, um gewisse Dinge loszuwerden und zur Ruhe zu kommen. Das übernimmt mittlerweile Yoga für mich.“ Das hat nichts damit zu tun, dass er indische Wurzeln hat. Die Yoga-Studios in Stuttgart wären ziemlich leer, wenn das eine Grundvoraussetzung wäre. Aber das Denken in Kulturschubladen ist ihm eh fremd. „Meine Kontakte mit der indischen Gemeinschaft hier in der Region halten sich mittlerweile in Grenzen“, meint er. „Früher als kleiner Junge besuchte ich mit meinem Vater immer den Gurdwara-Tempel in Zuffenhausen. Doch mittlerweile“, lacht er, „beschränkt sich der Kontakt auf meine Einkäufe im indischen Spezialitätenmarkt um die Ecke.“ Sein Linsengericht Dhal soll ein ziemlicher Hammer sein.

„Women‘s Voice – India‘s Choice“ läuft am 19. Juli um 19.30 Uhr im Metropol Kino. Infos zum Festival gibt es hier: www.indisches-filmfestival.de

Bilder: Shammi Singh

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Ti amo, Charlotten-
platz!

Unser Autor hat eine ziemliche Schwäche für das verwirrende Beton-Biotop Charlottenplatz. Hier verrät er uns, wie es dazu kommen konnte.

Stuttgart – Es gibt nicht viele Orte, an denen Stuttgart so richtig großstädtisch ist. An der Stadtbahnhaltestelle Mercedesstraße vielleicht, wenn Autos, ICEs, Stadtbahnen und Schiffe um einen herumtosen. Oder in der zugesprayten Unterführung direkt darunter. Vielleicht noch am Stöckach im Sonnenuntergang, wenn von allen Seiten die Bahnen anrauschen und zehn Sprachen an 20 Metern Bahnsteinkante zu hören sind.

Verzweiflung hat einen Namen

Ein Ort übertrifft sie aber alle. Ein Ort, der Neulinge reihenweise zur Verzweiflung bringt und sich selbst echten Stuttgartern aus logischer Sicht nicht erschließt. Die Rede ist natürlich vom Charlottenplatz, einem denkbar urbanen Beton-Biotop im Herz der Stadt. Und, wenn man mal genau hinschaut, auch der Nukleus des städtischen Lebens. Seltsam eigentlich, dass er noch keinen Spitznamen hat. Der Alexanderplatz in Berlin ist der Alex, wieso ist das hier nicht der Charlie? Naja, vielleicht aus dem gleichen Grund, weshalb kein normaler Mensch „Stuggi“ sagt. Sollen die Berliner tun!

Escher für Fortgeschrittene

Alles fängt an bei der geschichtlichen Bedeutung des Nahverkehr-Irrgartens. Gebaut zwischen 1962 und 1967, war der Charlottenplatz doch tatsächlich die erste unterirdische Haltestelle nach dem Zweiten Weltkrieg. Take that! Vielleicht lag es also an der doch eher hippieesken Bauperiode und den damit verbundenen Rauchschwaden und heiteren LSD-Nachmittagen, die diese Haltestelle zu einem Escher-Bild für Fortgeschrittene gemacht haben.

Wege in die Freiheit: Am Charlottenplatz begehrt.

Der Charlottenplatz ist nichts für Schwächlinge

Egal wer von egal welcher Seite in die Haltestelle läuft: Schnurstracks geht es für fast niemanden zum richtigen Gleis. Wenn‘s euch mal richtig mies geht, dann gönnt euch was und setzt euch für eine Weile irgendwo am Charlottenplatz hin. Am besten unmittelbar nach einer Fahrplanumstellung (Stuttgarter Unwort des Jahrzehnts). Mehr verwirrte Gesichter sieht man sonst nur, wenn im Dilayla das Licht angeht.

Ist aber eben auch eine Menge los am Charlottenplatz: Ganze elf Stadtbahnlinien halten hier, so viel wie nirgendwo sonst in Stuttgart. Für noch mehr urbane Power rauscht die B14 oben drüber und unten drunter hinweg. 24/7, immer was los.

Raus, nichts wir raus!

An den zahlreichen Ausgängen der Haltestelle auch. Der Eingang zu den Clubs Goldmark‘s und Universum (mit Blick auf die B14, le-gen-där!) befindet sich direkt in der Haltestelle, die sommerlichen Goldmark‘s-Partys steigen in unmittelbarer Nähe zu den Gleisen. Das wäre für die Heimfahrt natürlich ganz praktisch, aber es fährt nun mal niemand um halb eins aus dem Goldmark‘s heim. Dafür sind die Menschen zu nett und die Biere zu gut. Also doch Taxi, wartet ja auch gleich um die Ecke.

Kiosk geht immer.

Läuft man einen anderen Eingang hoch, steht man direkt vor dem schnuckeligen Schriftstellerhaus, wo die Wiener Lyrik-Stipendiatin Katharina Ferner wahrscheinlich gerade am Fenster sitzt und verwirrte Menschen auf der Suche nach der richtigen Bahnlinie beobachtet. Vielleicht inspiriert es sie ja zu einem Gedicht. Gleich daneben empfängt die Weinstube Kiste ausgelaugte Fahrgäste mit Trollinger und Zwiebelrostbraten. Zur Stärkung nach dem Labyrinth des Minotaurus, oder so.

Besser als der Fernsehturm

Noch vor dieser Treppe in die Freiheit fängt der Wikinger arglose Nahverkehrsgäste ab. Nicht mit intellektuellem Anspruch, dafür mit der Möglichkeit, eine zu rauchen ohne die Haltestelle zu verlassen. Legendär: Der „Biergarten“ im Sommer, wenn Plastikpflanzen die Kneipe von der Haltestelle trennen und man dann sogar draußen rauchen darf. Im Charlottenplatz!

Wikinger und Bäcker: Mehr brauchst du nicht. Weisch.

Wieder ein anderer Ausgang führt direkt zum Einklang, einem der schönsten Musikläden Stuttgarts. Eine weitere Treppe bringt auch mehr oder minder direkt ins Dorotheenquartier, aber die kann man eigentlich zumauern, finde ich. Dann lieber unter Tage bleiben. Gleich zwei Kioske gibt es im Charlottenplatz, dazu ein Bäcker, mehr braucht man halt auch nicht. Und dieses Gefühl, das einen durchströmt, wenn man endlich mal gecheckt hat, wo man beim Umsteigen hin muss, ist ein unbezahlbarer Stuttgart-Moment, der überdeutlich brüllt: Du bist einer von uns! Wer braucht da noch den Fernsehturm oder die Stäffele?

Nachtrag

Wikipedia hat Folgendes zur unsagbar komplizierten Umsteigekosmos am Charlottenplatz zu sagen:

„Bedingt durch die fehlende Verteilerebene zwischen den Tallängs- und den Talquerlinien und den fehlenden Mittelbahnsteigen muss man je nach Umsteigebeziehung einmal oder dreimal den Höhenunterschied zwischen beiden Stockwerken überwinden. Letzteres ist dadurch bedingt, dass im Zuge des Verkehrsbauwerks auch ein Regenrückhaltebecken gebaut wurde und deshalb nicht ausreichend Platz für alle wünschenswerten Treppenübergänge vorhanden war. Jeder erforderliche Niveauwechsel kann per Treppe, Aufzug oder, ausschließlich aufwärts, per Rolltreppe erfolgen. Zwischen dem südwärtigen Bahnsteig der Tallängslinien und den Rolltreppen zu den beiden Bahnsteigen der Talquerlinien liegt ein weiterer Niveauunterschied von fünf bzw. sechs Stufen oder einer entsprechenden Rampe.“

Und wer diesen Text verstanden hat, der überlebt auch den Charlottenplatz.

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