Gegen das Tanzverbot: Ich will tanzen, wann ich will!

Jedes Jahr dasselbe: Endlich mal ein langes Wochenende – und dann darf man nicht mal tanzen! Ob er nun das Tanzbein schwingen will oder nicht: Unser Autor würde diese Entscheidung dennoch gern sich selbst überlassen. Und nicht der Kirche.

Stuttgart – Wenn ihr euch in meinem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis über mich umhören würdet, würdet ihr sehr wahrscheinlich feststellen, dass ich in den meisten Belangen geduldig, respektvoll und aufgeschlossen bin. Ich sage bewusst in den meisten, weil es Dinge gibt, die ich beim besten Willen nicht dulden kann. Schlechten Wein, Fertigprodukte, schmatzen, schlürfen, Dummheit und Nazis. Gut, die letzten beiden Dinge sind ein und dasselbe, aber ich denke, mein Punkt wird klar.

Wider die Bevormundung

Was ich auch nicht leiden kann, ist unsachgemäße, ungerechtfertigte und unbegründete Bevormundung. Das Tanzverbot an Karfreitag zum Beispiel, das ist für mich ein überdeutliches Zeichen dafür, was in diesem angeblich säkularen Staat schief läuft. Nur weil religiöse Menschen diesen Tag gern in stiller Andacht verbringen möchten, muss jeder von uns mitziehen? Entschuldigung, aber ich wusste gar nicht, dass die Kirche hier die Regeln aufstellt.

Glauben ist alles

Ich habe nichts gegen Menschen, die an etwas glauben. Ich glaube schließlich auch daran, dass der VfB nicht absteigt und es irgendwann vielleicht mal ein wirklich gutes mexikanisches Restaurant in der Stadt gibt. Mit dem Glauben ist das aber genau dasselbe wie mit irgendwelchen Überzeugungen: Jeder soll das tun, was er will, es aber mir nicht unter die Nase reiben. Du bist Christ? Fein. Du bist Muslim? Fein. Du bist Veganer? Okay. Du bist Bayern-Fan? Selber Schuld. Aber sei es doch einfach, ohne der Umwelt deine Ideologie aufzudrücken.

Warum darf nicht jeder tun, was er will?

Ist das Tanzverbot also gerechtfertigt in einer Gesellschaft wie der unseren? Nein, ist es nicht! Wieso kann nicht einfach jeder tun und lassen, was er will, und alle anderen in Frieden lassen? Wer Ruhe will, wird sie finden. Und wer tanzen will, der soll verdammt noch mal tanzen. Wisst ihr, ich tanze ja nicht mal besonders oft, gut oder gerne. Aber allein die Tatsache, dass mir jemand vorschreiben will, dass ich das nicht darf, lässt mein Tanzbein zucken!

Smells like Mittelalter

Liebe Kirche, wie wäre es denn, wenn ihr euch einfach um eure Belange kümmert – und diejenigen, die auch ohne euch durchs Leben kommen, kümmern sich um ihre. So werden alle glücklich und man bekommt nicht das Gefühl, noch im Mittelalter zu leben. Und bevor jetzt jemand frotzelt, dass ich dann doch bestimmt auf diesen Feiertag verzichten könnte, wenn er mir so wenig bedeutet: Suit yourself, ich bin selbstständig!

Titelbild: Unsplash/Sarthak Navjivan

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Eigenbedarf: Der Horror jedes Mieters als Bühnenstück!

Ist das noch Theater oder ist das schon Geschichtsunterricht? Der Stuttgarter Slam-Poet Nikita Gorbunov und die Regisseurin Boglárka Pap inszenieren das Wohnraum-Drama „Eigenbedarf“ in privaten Wohnungen und WGs.

Stuttgart – Es ist der Albtraum eines jeden Mieters. Nein, wir meinen jetzt nicht die Mieten in der Stadt an sich. Obwohl die natürlich auch kein Träumchen sind. Wir meinen das, was sogar noch schlimmer ist als hohe Mieten: Eigenbedarf. Wenn man einfach so mir nichts dir nichts aus seiner Wohnung gekegelt wird. Und das nur, weil angeblich der Neffe einer Cousine dringend eine Wohnung braucht. Was man dann tun kann? Nichts. Außer heulen vielleicht. Aber eher nichts. Sorry.

Ein allzu realer Albtraum

Der umtriebige Stuttgarter Slam-Poet Nikita Gorbunov (Slam auf der Couch) und die Regisseurin Boglárka Pap (Forum der Kulturen) haben ein Theaterstück rund um diesen Albtraum inszeniert. Und führen es in privaten Wohnungen und WGs in Stuttgart auf. „Es beginnt mit einem Paar und einem Brief“, so heißt es in der Stückbeschreibung. „Zwei Verliebte werden vom Eigenbedarf heimgesucht und müssen auf Wohnungssuche. Als Gegenspieler und Erzähler tritt ein Makler an ihre Seite.“ Das Ganze soll als Mix aus Theater, Musik und Bühnenpoesie angelegt sein und dürfte dabei für viele von uns nur allzu wahr sein.

Heute auf der Bühne: Eigenbedarf

Für die Premiere am kommenden Freitag, den 5. April, gibt es mittlerweile keine Tickets mehr. Doch für die übrigen Dates kann man sich noch anmelden. Merke: Erst nach erfolgter Anmeldung werden die Spielorte bekannt gegeben. Wir haben die beiden unter anderem mal gefragt, weshalb das so ist.

Nikita: Das sind echte Privaträume echter Privatleute und wirklich ganz ausgesuchte und zerbrechliche Orte. Das wollen wir respektieren und feiern – und nicht bloß nutzen.

Der Wohnraummangel ist ja sowieso schon ein einziges Schmierentheater. Wieso jetzt auch noch ein Theaterstück daraus machen?

Nikita: Was sollen wir denn sonst machen? Leider können wir weder die Zeit zurückdrehen, noch können wir Bauland ausweisen. Also machen wir Bühnenkunst. Und wenn wir damit ein paar Leute erreichen und sensibilisieren, ist das klasse.

Szenenfoto aus „Eigenbedarf“ Wenn mieten zur Zerreißprobe wird.

Ich wohne unter meiner Ex

Jeder hat ja in Stuttgart schon mal eine Wohnung gesucht. Eure letzten Erfahrungen?

Boglárka: Das liegt zum Glück etwas zurück. Ich hab damals nicht das perfekte Pärchen mit Festanstellung, kinderlos und Nichtraucher geben können. Habe aber dahingehend tatsächlich etwas gemogelt.

Nikita: Ich wohne unter meiner Ex, weil ich unseren sehr lieben Vermieter ein halbes Jahr bearbeitet habe, mir eine kleine Wohnung unter der alten gemeinsamen zu vermieten. Jetzt rocke ich die Dusche in der Küche wie ein echter Stuttgart-Atze, hör den Gaseinzelöfen beim Knistern zu und bin einfach froh, noch in der Stadt zu leben. Trotz der schrägen Haus-Zwangsgemeinschaft.

Ich hab keinen Bock mehr zu suchen, ich geh zurück auf die Alb!

Eigenbedarf ist ein Wort, das ganz schnell zum Albtraum werden kann. Was wollt ihr mit dem Stück eigentlich erreichen?

Boglárka: Wir wollen Betroffene und Nicht-Betroffene zusammenbringen. Und etwas zum Schmunzeln zu haben, ist in Zeiten der Verzweiflung und Machtlosigkeit vielleicht eine willkommene Oase zum Erholen.

Wann entstand die Idee?

Nikita: Ich habe mal einen ironischen Ampelaushang gemacht, nur so zum Spaß: „Ich hab keinen Bock mehr zu suchen, ich geh zurück auf die Alb.“ Die Reaktionen waren beachtlich. Boglárka und ich steckten grade in unserer vorhergehenden Arbeit „Poetry Slam!“ über Fake News, und da habe ich gefragt: Wollen, wir als nächstes was dazu machen? So wurden wir zum Teil einer erfreulichen Welle von Projekten zum Wohnraummangel. Es ist ja auch ein gewaltiges Problem, das endlich umfassend bearbeitet gehört.

Wohnungsknappheit ist kein Naturgesetz

Nikita, wie bist du an den Text rangegangen?

Nikita: Ich habe mich vor allem dem persönlichen Bedarf angenähert. Was brauchen Menschen? Und was passiert mit uns und unseren Beziehungen, wenn der Eigenbedarf uns holt? Besonders schockiert hat mich der Wettbewerb, in den wir Mietenden uns drängen lassen. Jeder erklärt, warum er oder sie „würdig“ genug ist, um in der Stadt zu leben. Wir stellen uns damit eine fast moralische Verteilungsfrage. Dabei ist die Wohnungsknappheit kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Missmanagement und Gleichgültigkeit.

Boglárka, wie inszeniert man ein solches Stück, das ja eigentlich tägliche Realität ist?

Boglárka: Es ist klar, dass wir nicht alle Sichtweisen und nicht alle Meinungen im Stück aufgreifen können. Es geht mir darum, einen charmanten und dennoch kritischen Blick zu transportieren. So wie ein unglaublich gut schmeckender Nachtisch, der wirklich ein Genuss ist. Obwohl man weiß, dass er nicht gerade gesund ist.

Infos und Anmeldung hier.

Titelbild: Wolfgang Knappe

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Für mehr Frauen in der Popmusik!

Gender Gap, Equal Pay Day und so weiter: Die Kluft zwischen den Geschlechtern schließt sich nur langsam. Im Merlin gibt es mit Girl Put Your Records On deswegen das erste Branchentreffen für Frauen aus der hiesigen Musiklandschaft. Stadtkind sagt: You go girls!

Stuttgart – Die meisten Festival-Veranstalter? Männlich. Die meisten Musikmanager? Männlich. Die meisten Booker? Männlich. Die meisten Headliner? Männlich, männlich, männlich. Das zu ändern ist nicht ganz einfach. Es war aber auch nicht ganz einfach, auf dem Mond zu landen und wir haben es irgendwie, irgendwann trotzdem geschafft. Einen Anfang macht heute Abend Girl Put Your Records On im Kulturzentrum Merlin, ein Branchentreffen von Frauen für Frauen aus der regionalen Musikindustrie. Und der ist wichtig.

Die Festivals als Sausage Fest

Denn jeder, der in der Stuttgarter Musikszene unterwegs ist, weiß eigentlich: Es gibt verdammt viele Frauen, die aktiv am Musikbusiness beteiligt sind. Nur eben immer noch unterrepräsentiert und überwiegend nicht in hohen Positionen. Bei Musikern dasselbe Bild: Foo Fighters, The Cure, Interpol, Wolfmother und The Streets heißen die großen Namen beim diesjährigen Southside. Frauen? Fehlanzeige. Tool, Die Ärzte, Slipknot, Marteria & Casper sind es bei Rock am Ring. Dieselbe Nummer.

Frauen? Mangelware!

Deswegen hat das Popbüro Girl Put Your Records On initiiert. Um etwas zu verändern und Frauen die Möglichkeit zum Netzwerken zu geben. „Die Musikbranche allgemein, aber auch die lokale Musikbranche leidet immer noch unter einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, wenn es beispielsweise um den Zugang zu Mitteln, Präsenz in der Branche oder öffentliche Wahrnehmung geht“, sagt Sara Stapp vom Popbüro. „Mit dieser Veranstaltung sehen wir die Möglichkeit, Musikerinnen und weibliche Musikschaffende zu unterstützen, ohne ihnen konkrete Vorgaben zu machen.“

„Mach‘ einfach und lass‘ dich nicht aufhalten“, das will man mit diesem neuen Event sagen. „Dementsprechend war nun die Idee, sich erst einmal gegenseitig kennenzulernen und sich gegenseitig zu supporten, um dann, wenn wieder die Frage nach weiblichen Musikschaffenden aufkommt, übereinander zu sprechen und sich gegenseitig zu empfehlen.“ Dafür gibt das Merlin zu gern seine Räumlichkeiten her – ein Umstand, über den das Popbüro sehr dankbar ist.

Gegen die Männerdomäne Musik

Denn auch wenn nicht immer eine böse Absicht dahintersteckt: Benachteiligung passiert schnell mal unterbewusst. Sara nickt. „Auch wir ertappen uns bei Booking-Vorschlägen, dass wir an eine rein männlich besetzte Band denken, obwohl eine gemischte oder weiblich besetzte Band genauso gut passen könnte. In den meisten Köpfen sind männliche Vorbilder auch heute noch so sehr verankert, dass wir immer zuerst an Musiker statt an Musikerinnen denken. Es haben sich über lange Zeit Strukturen gebildet, die Frauen oft ausgrenzen. Und diese gilt es, Stück für Stück abzubauen, indem wir gezielt Förderprogramme entwickeln.“

Sie sind da, sie machen ihren Job genauso gut

Chancengleichheit ist das Ziel. Aber noch ein weiter Weg. Zeigt sich ja allein schon an dem Geschiss, das gemacht wird, wenn es tatsächlich mal eine Band in die Medien schafft, bei der eine Frau nicht nur singt oder Gitarre spielt, sondern tatsächlich auch Musik und/oder Texte schreibt. Und wenn es mal eine reine Frauenband in unsere Breiten schafft, dann wird aus diesem Umstand allein schon ein PR-Slogan gedrechselt. „All female Rock-Band aus England“, heißt es dann ganz gern mal. Echt? Ist es so sensationell, dass auch Frauen eine Gitarre richtig herum halten und die Scheiße aus einem Drumkit herausprügeln können?

Scheinbar. Ziel dieses Projekts ist es deswegen, weibliche Musikschaffende sichtbar zu machen: Musikerinnen, Bookerinnen, Veranstalterinnen, Produzentinnen, Managerinnen und so weiter. „Sie sind da, sie machen ihren Job genauso gut – und das soll anerkannt werden. Das mag romantisch klingen, aber dann braucht es auch keine Quote.“

Nur das erste von vielen Treffen

Zum Auftakt an diesem Mittwoch um 18 Uhr ist die freie Bookerin, Promoterin, Produkt- und Labelmanagerin Imke Machura aus Hamburg als Gast dabei. 2017 rief sie den Raketerei-Podcast ins Leben, in dem sie Frauen porträtiert und interviewt, die die Musikbranche prägen und mitgestalten. Sie soll aber nur der erste Gast bei der ersten von hoffentlich vielen Veranstaltungen werden. Männer sind übrigens auch willkommen. Sara grinst: „Wir sind kein moderner, umgedrehter Boys Club. Wir wollen den Austausch, und darum ist auch niemand ausgeschlossen. Je mehr Diversität und Ansichten, desto besser.“ Amen.

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Project Justus: Zwei Stuttgarter Aussteiger erzählen

Vor exakt einem Jahr haben wir erstmals über die Stuttgarter Aussteiger Jana Evers und Mark Schulze berichtet. Höchste Zeit für eine Fortsetzung: Wie ist es den beiden und ihrem alten VW-Bus seither ergangen?

Stuttgart – Als wir Jana Evers und Mark Schulze das letzte Mal in Stuttgart trafen, stand der große Augenblick kurz bevor. Jobs und Wohnung waren gekündigt, der Hausrat verkauft oder verlagert, die Freunde verabschiedet. Auf und davon hieß es kurz darauf für das Paar, es sollte ein Aufbruch ins Ungewisse sein, ins Abenteuer. Aber auch ein Aufbruch in eine neue berufliche Ära, denn die beiden wollten es fortan als rollende Grafikagentur versuchen.

Aufbruch ins Ungewisse

„Wir wollen selbst entscheiden, wann wir zurückkommen“, sagte uns Jana damals. Und zwölf Monate später steht eines fest: Sie haben noch keine Lust darauf! Höchste Zeit für das Stadtkind, mal bei den beiden anzuklopfen und zu fragen, wie es ihnen seither ergangen ist. Und da wir sie im sonnigen Griechenland erwischen, kann man zumindest davon ausgehen, dass es zumindest nicht ganz so mies ist…

Wie fühlte es sich an, loszufahren und Stuttgart zu verlassen?

Mark: Der Abschied passierte eher wie in Trance. Für unsere Eltern war es sehr schlimm und viele Tränen kullerten. Wir waren aber ehrlicherweise froh, nun endlich in unser großes Abenteuer zu starten. Wir hatten ja wirklich lange genug darauf hingearbeitet. Das Losfahren hat sich dann aber sehr normal angefühlt und es dauerte noch einige Zeit, bis wir das Ganze wirklich begriffen haben.

Hat es sich anfangs also eher wie Urlaub angefühlt?

Jana: Das sollte es auch, denn den ersten Monat hatten wir uns bewusst vorgenommen, nicht zu arbeiten. Nach der langen Vorbereitung wollten wir erst einmal entspannen. Wir sind fast jeden Tag gefahren und haben viele Dinge unternommen, doch als wir damit begannen, uns um die Arbeit zu kümmern und auch länger an Orten geblieben sind, kehrte langsam der Alltag ein.

Einsamkeit neu definiert.

Ohne Zeit, ohne Ziel

Wie sah eure bisherige Route aus? Und wie viel davon war geplant, wie viel impulsiv?

Mark: Wir sind über Dänemark nach Norwegen über Schweden bis ans Nordkap gefahren. Von dort ging es durch Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen wieder südwärts. Danach waren wir in der Ukraine, Moldawien, Rumänien, Bulgarien, der Türkei und jetzt in Griechenland. So richtig geplant war eigentlich nur die Strecke bis ans Nordkap. Danach hatten wir eigentlich nur noch eine grobe Route im Kopf und haben uns von Moment zu Moment leiten lassen. Es war zuerst ein wenig komisch, nicht zu wissen, wie die nächsten Schritte aussehen würden, doch es ist eine wunderbare Erfahrung, ohne wirkliches Ziel zu reisen und die Zeit zu vergessen.

Es sind die kleinen Momente, die am Schönsten sind

Die schönsten Momente aufzuzählen ist sicherlich so gut wie unmöglich. Versucht es doch trotzdem mal…

Jana: Ja, das ist wirklich schwer. Eigentlich sind es sogar meistens die kleinen, vermeintlich unspektakulären Momente, die die Schönsten sind. Abgesehen davon waren die Highlights sicherlich in Finnland wilde Rentiere im Sonnenuntergang zu sehen, in Norwegen bei strahlendem Sonnenschein am Nordkap anzukommen, 110 Kilometer auf dem Kungsleden in Schweden zu wandern, riesengroße Gastfreundschaft in Moldawien zu spüren, die verfallenen sowjetischen Gebäude in Estland zu sehen, die Dünen der Kurischen Nehrung herunter zu purzeln, die Karpaten in der Ukraine zu entdecken, das wilde Treiben inklusive der Gebetsrufe der Minarette in Istanbul zu spüren und hier in Griechenland eine Van-Community von bis zu sechs unterschiedlichen Vans zu finden und einen Monat zusammen zu reisen.

Heimat und Büro auf Rädern.

21.568 Kilometer der Sonne entgegen

Wie viele Kilometer habt ihr mittlerweile runtergerissen?

21.568 Kilometer, seit wir in Stuttgart losgefahren sind.

Ihr hattet ja von Anfang an den Plan, als rollende Agentur zu arbeiten. Wie klappt das?

Mark: Zurzeit klappt es sehr gut. Wir müssen gerade ziemlich viel arbeiten, im Vergleich zum Anfang der Reise. Das ist nicht immer wirklich einfach, wenn man an einem schönen Strand steht, die Sonne scheint und man dann auch noch nette Leute kennenlernt. Da ist eine ganze Menge Selbstdisziplin gefragt. Wir hätten gedacht, dass es einfacher ist, Reisen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Aber das Reisen ist so intensiv, dass es uns oft schwerfällt uns an den Laptop zu setzen.

Habt ihr mal durchgerechnet, wie viel ihr zum Leben verdienen müsst oder braucht? Oder macht ihr das eher so „Pi mal Daumen“?

Jana: Mark ist unser Finanzminister und nimmt diese Position auch sehr ernst. Mithilfe einer App erfassen wir alle Einnahmen und Ausgaben. Im Durchschnitt haben wir zusammen ungefähr 1000 Euro pro Monat ausgegeben, plus unsere laufenden Kosten in Deutschland (Versicherungen, Verträge, Kfz-Steuer…). Dazu kamen noch rund 3000 Euro an Reparaturen. Unsere Einnahmen sind eher unregelmäßig und fallen unterschiedlich aus. Aber im Großen und Ganzen kommen wir sehr gut hin, weil wir vor der Reise auch noch etwas Geld angespart hatten.

Zweisamkeit an fremden Orten.

Auch Aussteiger mögen ein ordentliches Klo

Was fehlt euch am meisten, wenn ihr an euren festen Wohnsitz in Stuttgart zurückdenkt?

Jana: Ein vernünftiges Klo! (lacht) Ja, es sind die einfachen und vermeintlich kleinen Dinge, die einem erst fehlen, wenn man sie nicht mehr zur Verfügung hat.

Mark: Ganz ehrlich, für mich sind es nur die Momente mit meinen Freunden. Sonst habe ich alles, was ich brauche.

Und was fehlt euch so überhaupt gar nicht?

Jana: Die Arbeit, die Hektik des Stadtlebens, unsere Wohnung. Eigentlich vermisse ich, bis auf meine Freunde, gar nichts aus unserem alten Leben.

Mark: Das Arbeitsleben in einer Festanstellung mit all seinen typischen Strukturen und dem zu schnell anfallenden Stress.

Ein Hund namens Tofu

Derzeit seid ihr ja in Griechenland. Wie sieht euer Alltag als Aussteiger gerade aus?

Mark: Da wir schon seit über drei Monaten hier sind, fühlt es sich schon ziemlich heimisch an. Zurzeit reisen wir sehr langsam und auch viel mit anderen Leuten zusammen. Durch unseren neuen Hund Tofu dreht sich natürlich viel um ihn und unser Alltag verändert sich extrem. Wir hatten schon öfters Hunde um uns herum und spielten mit dem Gedanken, sie zu adoptieren. Am Ende zeigte sich aber, dass sie doch nicht richtig zu uns passten. Bei Tofu war es anders. Er kam eines Tages zu uns, legte sich vor unseren Van und wich ab dem Moment nicht mehr von unserer Seite. Später erfuhren wir durch Zufall, dass auf der Webseite der ansässigen Tierschutzorganisation ein Foto von ihm veröffentlicht wurde mit der Frage, ob ihn jemand adoptieren möchte. Dadurch waren wir erst recht bestärkt.

Mark und Tofu.

Bis ans Ende der Welt und noch viel weiter

Wie werden die nächsten Schritte aussehen?

Mark: Für uns ist noch kein Ende der Reise in Sicht. Als Nächstes wollen wir nach Albanien fahren. Von dort im Zickzack durch den Balkan, um dann im Spätsommer einen Zwischenstopp in Deutschland zu machen. Danach? Wahrscheinlich geht es nach Westeuropa, über Italien nach Frankreich, Spanien, Portugal und weiter hoch nach Großbritannien und Irland. Gerne aber auch ganz anders. Denn das ist das Schöne an unserem Leben. Wir müssen uns nicht festlegen und können jeden Tag neu entscheiden, wie es weitergeht. Wir haben so viele schöne Geschichten über den Iran und Georgien gehört und all die anderen Länder Richtung Asien, sodass wir uns auch sehr gut vorstellen können, abends zusammenzusitzen und bei einem Glas Wein zu sagen: „Komm, lass uns weiter Richtung Osten fahren bis ans Ende der Welt und noch viel weiter.“

www.projectjustus.de

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Stuttgart steht auf gegen Rassismus

Seit wenigen Tagen laufen die Internationalen Wochen gegen Rassismus. In ganz Stuttgart gibt es diverse Aktionen und Veranstaltungen – besonders viele davon finden gebündelt im Esslinger Kulturzentrum Komma statt.

Stuttgart – Rassismus ist überall. Es ist nichts, was nur den anderen passiert. Und auch nichts, was es nur in anderen Gegenden gibt. Sachsen oder so. Rassismus wuchert mitten unter uns, zusätzlich befeuert von denen, die sich raushalten. Die keine eigene Meinung vertreten. Die Internationalen Wochen gegen Rassismus wollen genau darauf aufmerksam machen. Als weltweite Aktion, die mit Demonstrationen, Veranstaltungen und Events gegen Rassismus, Ausgrenzung und Intoleranz zu Felde zieht. Denn jetzt ist echt nicht die Zeit, um die Klappe zu halten.

Klar gegen Rassismus

Auch im Esslinger Kultur- und Jugendzentrum Komma nimmt man sich in diesem Jahr erstmals der Sache an. Für Leiter Amos Heuss ist das selbstverständlich. „Wer sich den Internationalen Wochen gegen Rassismus anschließt, befindet sich in einer weltweiten Gemeinschaft, die sich für Vielfalt, Demokratie, Toleranz und Offenheit einsetzt. Und genau für diese grundlegenden Werte tritt auch das Komma ein.“

Komma-Leiter Amos Heuss steht auf gegen Rassismus.

Vom 18. bis zum 23. März gibt es im Komma Podiumsdiskussionen, Vorträge, Konzerte, Partys und reichlich Möglichkeit zur Vernetzung, beginnend mit einer ziemlich ungewöhnlichen Performance von Björks legendärem „Homogenic“-Album. „Das gesellschaftliche Klima wandelt sich. Die Medien wollen uns vermitteln, dass man diesen Werten hier gar nicht mehr positiv gesonnen ist“, so Amos weiter. „Da ist eine klare Positionierung umso wichtiger.“

Neutral zu sein ist nicht mehr unpolitisch

Das ist nicht alles: Mit diesen Aktionswochen will das Komma auch andere Esslinger Institutionen und Einrichtungen sichtbar machen, die sich klar gegen Rassismus stellen. Amos: „Das Komma als öffentlicher Ort kann diese Einrichtungen bündeln und soll als Ort wahrgenommen werden, an dem man sich als Jugendlicher oder Erwachsener einbringen kann.“

Für ihn ist eine solch klare Kante essentiell für einen Ort wie das Komma. „Neutral zu sein ist nicht mehr unpolitisch. Wenn ich mich raushalte, biete ich anderen Ideologien automatisch mehr Raum. Deswegen stehen wir für die Werte ein, die uns wichtig sind.“

Hetze gibt es überall

Damit treten Heuss und sein Team auch im beschaulichen Esslingen anderen auf die Füße. Rund 40 ihrer Plakate wurden in letzter Zeit beschädigt, abgerissen oder mit rechten Aufklebern verunstaltet.

Beschädigte Plakate in der Esslinger Innenstadt.

„Jetzt kann kein Mensch mehr sagen, in Esslingen gebe es keinen Rassismus“, meint Amos trocken. Das sagt man aber eben gern. Weil es einfach ist. Weil man sich nicht damit auseinandersetzen will. Doch genau das muss aufhören, findet er. „Es ist wichtig, in den Diskurs zu gehen und Betroffenen den Raum zu geben, sich auszudrücken.“ Das geschieht im Komma mit einem Poetry Slam gegen Rassismus (23.3.) oder einer großen Queer-Oriental-Abschlussparty.

Gefeiert wird jetzt erst recht

Im Komma steht also keine negative und betroffen machende Woche bevor, sondern eher eine kunterbunte Zusammenkunft. „Kritisch und mit klaren Positionen zwar“, so Amos, „aber auch als Versuch, die Menschen zusammenzubringen.“ Dass es da einige gibt, die das gezielt torpedieren wollen und sich ganz sicher nicht an einen runden Tisch setzen werden, entmutigt Amos nicht. „Wir verstecken uns nicht, haben Anzeige gegen Unbekannt gestellt und lassen uns von niemandem mundtot machen.“ Dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. „Wir haben es zwar schon fast erwartet, doch es ist schon unangenehm zu wissen, dass es da Leute gibt, die uns gezielt schaden wollen.“ Umso wichtiger ist es jetzt also, nicht den Mund zu halten.

Mehr zum Programm gibt es hier

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Schau-
spielerin Paula Skorupa über ihr neues Leben in Stuttgart

Mit Beginn der letzten Spielzeit kam die Dresdner Schauspielerin Paula Skorupa aus Karlsruhe ans Stuttgarter Staatstheater. Das findet sie nicht nur deswegen gut, weil sie Schwäbisch viel besser versteht als Badisch.

Stuttgart – Für einen Umzug in eine andere Stadt gibt es viele Gründe. Die Liebe, der Job, das Fernweh, zu viel verbrannte Erde oder zu wenig Kohle. Bei Paula Skorupa war das ein wenig anders. Der Schauspielerin ging es weniger um eine bestimmte Stadt als um ein bestimmtes Theater. In ihrem Fall war das das Nationaltheater Mannheim. Dessen Intendant Burkhard C. Kosminski hatte zwar keine Stelle frei, das Interesse an einer Zusammenarbeit bestand aber beidseitig. „Als klar war, dass er nach Stuttgart gehen und dort ein neues Ensemble zusammenstellen würde, entschieden wir uns für eine Zusammenarbeit“, erinnert sie sich, als wir sie am Marienplatz treffen. Es ist warm, die Sonne scheint, die Plätze im Freien sind so begehrt wie Ramen-Bowls.

Mir gefällt die Offenheit der Stadt

Wer da jetzt einen kleinen Stich im lokalpatriotischen Herzen fühlt, dem sei versichert: Das ist normal im Schauspielerdasein. Man kann nicht einfach sagen, dass man gern mal am Theater in Stuttgart oder Hamburg arbeiten würde. Meist findet man sich unabhängig von der Stadt. Dennoch wusste Paula, worauf sie sich einließ: Das Schauspiel Stuttgart kannte sie schon von einem früheren Besuch. Schon damals gefiel ihr das Haus, seine Tradition und die schöne Lage im Park und dem Eckensee.

Seit einigen Monaten wohnt sie in einer Altbauwohnung am Marienplatz und hatte genügend Gelegenheit, ihr Quartier kennenzulernen. „Mir gefällt die Offenheit der Stadt. Den Marienplatz finde ich eh spitze, der erinnert mich ein wenig an die Dresdner Neustadt.“ Dort wuchs Paula auf. Seither hat sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin studiert und stand auf Bühnen in Berlin, Frankfurt, Dresden oder Karlsruhe.

Brennende Oberschenkel und ein neues Fahrrad

Was Stuttgart all diesen Städten voraus hat, ist der Schlossgarten, sagt sie. „Ich laufe viel und fahre fast alles mit dem Fahrrad. Als ich das erste Mal merkte, wie weitläufig dieser Park ist, war ich einfach baff.“ Sie lacht. „Der hört ja gar nicht mehr auf, grün zu sein.“ Das Schauspiel probt im Nord, einer ehemaligen Spielstätte des Theaters am Löwentor, wo sie auch mit dem Fahrrad hinfährt. „Diese Strecke viermal am Tag zu machen, führt schon zu brennenden Oberschenkeln“, versichert sie lachend. Auch deswegen habe sie sich erst mal einen neuen Drahtesel für die besondere Topografie der Stadt gekauft. Und noch etwas imponiert der 27-Jährigen an unserer Stadt: „Das Publikum ist nicht unkritisch, aber sehr wohlwollend“, stellt sie fest.

Foto: Maks Richter

Echte Freiheit

Ihr erster Einsatz in Stuttgart: Die beißende Komödie „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. In der tauschen sich die Gattinnen ehemaliger Diktatoren bei einer Pressekonferenz über ihre Ehemänner aus. Am 8. März steht sie wieder für „Orestie“ auf der Bühne, ein fast vierstündiger Ritt durch die antike Tragödie.

Was ihr an der Schauspielerei am meisten gefällt, bringt sie erst zum Nachdenken. Und dann zu einem regelrechten Monolog. „Der Beruf hat viel mit Freiheit zu tun“, fasst sie dann zusammen. „Er erlaubt mir, auf Entdeckungsreise zu gehen. Das ist im Alltag nicht immer leicht. Wir alle haben heute weniger Zeit und mehr Druck. Doch wenn man eine Arbeit hat, die es erlaubt, das Menschsein und die Welt zu erforschen, dann ist das ein großes Geschenk.“

Neugierig muss man dafür natürlich sein. Aber dann wiederum braucht man im Leben immer Neugierde, findet sie. „In diesem Beruf darf man der Neugierde wahrscheinlich mehr nachgehen als anderswo.“

Eckkneipen über alles!

Wenn sie mal Freizeit hat, ist sie gern im Grünen oder verhockt sich in alten Pinten. „Diese alten Eckkneipen sind noch ein echtes Stück Stadtleben“, meint sie verzückt. Eine davon ist nicht weit von ihrer Wohnung am Marienplatz entfernt. Diese Wohnung hat sie übrigens tatsächlich über eine Zeitungsanzeige bekommen. Sie muss lachen. „Man hat mir gesagt, dass die Schwaben da noch etwas altmodischer sind und so etwas funktioniert.“ Von wem dieser Tipp kam, konnten wir ihr nicht entlocken. Dafür jedoch ihre Einschätzung gegenüber anderer rufschädigender Klischees. „Ich nehme die Stadt und die Menschen als sehr offen war“, sagt sie. „Und wenn man auf sie zugeht und sich bemüht, wird das auch anerkannt.“ Können wir so stehen lassen. Und dann kommt eh der Satz der Sätze: „Das Schwäbische verstehe ich deutlich besser als das Badische.“ Okay, Paula, du darfst bleiben.

Mehr über Paula: https://www.schauspiel-stuttgart.de/ensemble/paula-skorupa/

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Nörgeln in the City: Behaltet euren Frühling!

Wir lieben vieles an unserer Stadt. Aber verdammt noch mal nicht alles! Eine Kolumne über die unschönen Kleinigkeiten und überflüssigen Aufreger im Kesselleben. Heute: Bringt euch in Sicherheit, der Frühling naht!

Stuttgart – Also, ganz grundsätzlich mag ich den Frühling natürlich zunächst mal. Himmel, ich mag es auch, wenn mein Duschgel plötzlich ein neues Design hat, da werde ich ja wohl auch den Frühling mögen. Ich kann mich nur nicht einreihen in diese lange Kette an Menschen, die die sozialen Netzwerke (und das echte Leben!) dazu missbrauchen, aller Welt ungefragt zu erzählen, wie sehr sie sich auf den Frühling freuen.

Sprich es nicht laut aus!

Um ehrlich zu sein: Ich finde diese Leute sogar richtig schlimm. Weil sie natürlich niemand nach ihrer Meinung gefragt hat. Und sie damit ungefähr so etwas Sinnstiftendes von sich geben wie ein Moderator von RTL Exklusiv. Der Frühling kommt nach dem Winter – egal, ob man sich auf ihn freut oder nicht. Danach kommt der Sommer, dann der Herbst, dann wieder Winter. Und dann wieder die Leute, die Dinge wie „Also, ich kann dir ja gar nicht sagen, wie ich mich auf den Frühling freue!“ laut aussprechen. Dann tu es auch bitte nicht. Oder sei konsequent und sage für den Rest des Tages einfach eine willkürliche Auswahl solcher Sätze.

Wespen, Tofu, lauter Sex

Der Frühling ist nämlich alles andere als dieser Heilsbringer, zu dem er ab Januar immer stilisiert wird. Er ist kein Messias, kein Erlöser, sondern einfach nur der nervige kleine Bruder des Sommers, der gern die halbstarken Muskeln spielen lässt. Es wird wärmer, ja, das ist durchaus angenehm. Aber denkt irgendjemand da draußen eigentlich mal an die ganzen Schattenseiten?

Ich schon. Die letzte Erkältung des Winters geht nahtlos in die erste Heuschnupfenattacke des Frühlings über. Wespen fallen über uns und unser Eis her wie biblische Plagen. Am Palast muss man wieder anstehen für ein Bier. Alle sind so ekelhaft gut gelaunt. Die Nachbarn schräg gegenüber haben bei geöffnetem Fenster lächerlich überambitionierten Sex.

Das ist nicht dein Lifestyle, das nennt sich Jahreszeit

Plötzlich meinen alle wieder, einen auf Tischtennis-Profi machen zu müssen und die rechtmäßig mir zustehende Platte am Paul-Gerhardt-Platz zu blockieren. Wo waren die, als es minus sieben Grad hatte? Ich werde zu lausigen Grillpartys eingeladen, bei denen emsige Tofu-Brater hasserfüllte Blicke in Richtung meines Steaks werfen. Bekannte wollen mir erzählen, wie geil ihre Festivalsaison wird (Spoiler: Gewitter, Matsch und schlechter Sex). Alles läuft mit Sonnenbrille und einer gezwungenen Nonchalance rum, die mediterrane Leichtigkeit ausdrücken soll, aber eher so wirkt, als leide man unter Verstopfung. Am besten zu beobachten an Bismarck- und Marienplatz. Ja, ich weine für die Menschheit, die den Frühling für sich und ihren Lifestyle instrumentalisiert.

Wie wäre es denn mal mit Herbst?

Noch mal: Ich hasse den Frühling nicht. Ich bin es nur leid, dass er von allen gefeiert wird wie die beste Erfindung seit dem Deutschen Reinheitsgebot. Ganz anders der Herbst. Der Underdog, sozusagen. Keine Wespen, kein sexuelles Frühlingserwachen, kürzer werdende Schlangen am Palast, kein Heuschnupfen. Aber ratet mal, was los ist, wenn ich im August rausposaune, wie sehr ich mich auf den Herbst freue…

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Eine Wiener Lyrikerin entdeckt Stuttgart

Seit Januar wohnt die Wiener Lyrikerin Katharina Ferner als Stipendiatin im Schriftstellerhaus Stuttgart. Bis Ende März schreibt sie hier Gedichte. Und lässt sich für die ganz gezielt von ihren herumtreiberischen Streifzügen inspirieren.

Stuttgart – Das Bild eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin in der Öffentlichkeit ist gemeinhin von Klischees, Stereotypen und allzu romantisierenden Vorstellungen geprägt – um nicht zu sagen: getrübt. Der mondsüchtige, kauzige, introvertierte und reichlich solitäre Schreiberling, allein zuhause in seiner zugigen Stube, zur Gesellschaft wenig mehr als eine Kerze, Holzwürmer und eine billige Flasche Rotwein. Spitzwegs armer Poet ist daran nicht ganz unschuldig. Und erzählt doch nur die halbe Wahrheit.

Im Haus der Worte

Denn obgleich die Schriftsteller, Literaten, Lyriker oder Wortdrechsler nur in den seltensten Fällen mit Zaster überschüttet werden, so sind die meisten dennoch ein gutes Stück vom vorherrschenden Bild der melancholischen Einzelgänger entfernt. Besonders gut sieht man das an einem aktuellen Beispiel aus dem Schriftstellerhaus.

Hier, direkt am Charlottenplatz, eingeklemmt zwischen Weinstube Kiste und einem persischen Restaurant, steht besagtes Haus, ein schmaler und hübsch alter Fachwerkbau. Es ist ein Ort der Literatur, der Vernetzung und der Förderung. Und in ihm, im dritten Stock, wohnt, schreibt, denkt und liest derzeit die charmante Österreicherin Katharina Ferner.

Aus Wien nach Stuttgart

Die frisch 28 Jahre jung gewordene Wienerin ist die erste Lyrikstipendiatin des traditionsreichen Hauses und fühlt sich in der vom Klett-Cotta-Verlag eingerichteten Wohnung schon heimisch. Derzeit konzentriert sie sich auf Gedichte (zur Erinnerung: Das ist wie Poetry Slam, nur ohne den albernen Slam), hat jedoch auch schon einen Roman veröffentlicht und blickt der Veröffentlichung ihres Bandes „nur einmal fliegenpilz zum frühstück“ am 11. März entgegen. Die Erscheinungsfeier ihrer feinsinnigen, pointierten und herrlich klangvollen Gedichte, die wird sie also in Stuttgart begehen.

„Grau, nass, kalt“, so umschreibt sie ihre ersten Eindrücke in der Stadt. Kein Wunder: Sie kam Anfang Januar nach Stuttgart, in einer Zeit also, in der es so schien, als habe die Sonne der Stadt für immer den Rücken gekehrt. „Aber zum Arbeiten ist solch ein Wetter eh gut“, entschärft sie sogleich in ihrem melodiösen österreichischen Akzent.

Wem die Stunde schlägt

Nach ihrem letzten Stipendium in Hausach, einer verschlafenen Schwarzwald-Gemeinde, ist das Schriftstellerhaus mitten in der Stadt natürlich etwas anderes. „Die zentrale Lage ist toll, zudem ist man eigentlich nie allein. Das weiß ich zu schätzen, anfangs war es aber ein wenig ungewohnt.“ Gut, wer in Wien wohnt, der wird von Stuttgart wahrscheinlich nicht gerade urban überfordert. Zumindest die von vielen beklagte Geräuschkulisse rund um das Schriftstellerhaus stört Katharina nicht. „Nur die Kirchenglocken könnten morgens etwas weniger laut läuten“, meint sie mit einem Lächeln.

Ich bin eine Herumtreiberin

Obwohl ihr die Wiener Kaffeehäuser fehlen, schätzt sie die Stadt schon jetzt. Sie knüpft Kontakte, besucht das Literaturhaus, die Stadtbibliothek, erkundet die Umgebung zu Fuß („ich bin eine Herumtreiberin“) und genießt die vielen Aussichtspunkte, von denen es sich hervorragend auf die Stadt herabblicken lässt. Wie das Teehaus im Weißenburgpark, an dem wir uns für dieses Gespräch verabredet haben. Der Marmorsaal, für uns Stuttgarter durchaus ein Prunkstück, kann ihr indes nicht allzu viel Begeisterung entlocken. Aber wer aus Wien kommt, der ist wahrscheinlich durchaus ein anderes Kaliber gewohnt.

Ein Schwamm aus Poesie

Ihr erster in Stuttgart entstandener Text war übrigens einer über ein Autorennen. Passt natürlich zur Autostadt Stuttgart, in der sie insbesondere die Ampelschaltungen und der verwirrende Charlottenplatz manchmal zur Verzweiflung bringen. Dennoch hat sie sich bewusst für diese Stadt entschieden. Weil sie die Gegend ebenso mag wie das Schwäbische. Das hören wir natürlich gern, zumal ihr Interesse tatsächlich genuin ist. Stets hat sie Block und Stift dabei, notiert schwäbische Ausdrücke oder Eigenheiten wie die Stäffele oder die Geschichte der Brezel. Ein Poesieschwamm, der alles aufsaugt, was das Leben im Kessel zu bieten hat.

Sprachgewandt und wortverrückt

Ihre Begeisterung für Worte verfolgt sie schon ihr ganzes Leben. Sie spricht russisch, tschechisch, isländisch, liebt es, neue Worte kennenzulernen. „Dadurch erweitert sich meine Muttersprache automatisch.“ Schon als Kind war sie regelrecht besessen vom Lesen, verschlang im vierwöchigen Griechenland-Urlaub ein Buch pro Tag. „Ich musste mir die Bücher streng einteilen, damit ich nicht mehr als eines pro Tag las“, lacht sie. Lyrik hat sie immer schon gern geschrieben, entschied sich aber bewusst dazu, das zu vertiefen und auch im österreichischen Dialekt zu schreiben. „Ich bin fasziniert von Wortgenauigkeit und auch bei meinen längeren Texten vordergründig an der Sprache interessiert.“

Das begann sehr früh. „Der Rhythmus meiner Eltern war immer ein anderer. Die klassischen Arbeitszeiten gab es bei uns nie. Zudem sind wir sehr viel gereist.“ Das hat sie sich beibehalten. In den letzten Jahren war sie viel unterwegs, reiste durch Island und Russland, verliebte sich in Sarajevo. „Ich reise sehr gern allein“, sagt sie und bestätigt damit dann doch ein wenig das Bild der in sich ruhenden Künstlerin, die gut mit sich allein sein kann.

Noch viel auf der Liste

Bis Ende März ist sie noch in Stuttgart, will in dieser Zeit noch einiges abhaken. In die Wilhelma will sie unbedingt noch, weitere Hügel für den ultimativ schönsten Stadtblick erklimmen, mehr über die RAF erfahren, mit der Zacke fahren, Weinstuben kennenlernen und Konzerte besuchen. Oh, und natürlich noch eine Menge schreiben. Ein Gedicht über die Stadtbibliothek ist unter ihren neuesten Werken. Die hat sie durchaus beeindruckt. Selbst das gelingt einer Wienerin also in dieser Stadt.

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