Von der schrägen Magie der Boygroups: Warum man Take That lieben darf!

Boygroups sind nur Trash, der auf der Neunziger-Party bei zwei Promille aufwärts seine Daseinsberechtigung hat? Fragt mal Anja Rützel! Im Rahmen der Pop Freaks im Merlin will uns die Popkulturverrückte von Take That überzeugen. Vollkommen ironiefrei.

Stuttgart – Der Sportliche, der Verträumte, der Sinnliche: Es waren schon absonderliche Zeiten, als es mit den ganzen Boygroups losging. New Kids On The Block, East 17, Take That, Backstreet Boys, Boyzone, später gern auch leidlich erfolgreiche Epigonen wie Overground oder US5. Wer irgendwann in den Neunzigern vom Kind zum Teenie wurde, war dem gewaltigen Risiko ausgesetzt, einer dieser Bands bis an den Rand der Selbstaufgabe zu verfallen. Und darüber hinaus. Bei den Konzerten sein junges Herz aus der Brust zu kreischen. Und bei der unausweichlichen Trennung der Lieblinge zwischen Tränen, Nervenzusammenbruch und Freitodgedanken zu taumeln. Je nach Berichterstattungslage von Bravo, Popcorn oder Pop Rocky. Kennt jemand noch Pop Rocky?

Anja Rützel über Take That

Anja Rützel bestimmt. Sie kann ein Lied von Drama und Euphorie des Boygroup-Fandaseins singen. Dabei ist sie mit Baujahr 1973 eigentlich viel zu alt dafür, den Boyband-Craze mitgemacht zu haben. Zu kümmern scheint sie das nicht. Die Popkulturexpertin ist der so ziemlich größte Take-That-Fan, den man sich vorstellen kann. Und eine intime Kennerin der Materie ebenso. Sie weiß sogar, dass Madame Tussauds die Wachsfigur von Gary Barlow nach dessen sinkendem Erfolg als Solokünstler eingeschmolzen hat, um daraus Britney Spears zu modellieren. Und weil sie Dinge wie diese weiß, hat sie auch ein wunderbar launiges und liebevolles Buch über diese Band geschrieben („Anja Rützel über Take That“, erschienen im KiWi-Verlag), das sie am 28. Januar 2020 im Rahmen der Pop Freaks im Merlin vorstellen wird. Das läuft seit dem 16. Januar 2020 und ist eigentlich ein Festival für die Indie-Darlings von morgen. Aber hin und wieder schiebt es auch mal einen solchen Dienst an der Popkultur ein.

Von wegen Trash!

Anja Rützel will uns also mit dem Phänomen Take That anstecken. Sie macht sogar regelrechte „Take-That-Propaganda“, wie sie selbst dazu sagt. Vor allem aber will sie zeigen: Man kann eine solche Band auch vollkommen ironiefrei feiern. „Das Schwierigste war, den Leuten klarzumachen, dass ich es ernst meine“, nickt sie. „Ich finde nichts schlimmer als eine ‚So schlecht, dass es schon wieder gut ist‘-Haltung. Für mich hat das nichts mit Trash zu tun!“

Take That mit Anja
Take That – mit neuem Mitglied Anja Rützel (Foto: privat)

Aristoteles im Dschungelcamp

Und mit Trash kennt sie sich aus. Derzeit schlägt sie sich die Nächte um die Ohren, um das „Dschungelcamp“ für den Spiegel bissig und höchst unterhaltsam aufzuarbeiten. Und ihre Magisterarbeit, die hat sie über die unvergessene TV-Serie „Buffy“ geschrieben. „Popkultur ist dann am interessantesten, wenn sich die Trennung zur vermeintlichen Hochkultur verwischt“, sagt sie. „Die Personenkonstellation bei ‚Buffy‘ entspricht zum Beispiel der Argumentationstheorie von Aristoteles. So etwas macht mich glücklich. Aber natürlich muss es nicht immer so hochtrabend sein. Ich kann mich auch – ganz salopp gesagt – wahnsinnig für diese grelle, bunte Quatschzeug im Fernsehen begeistern. Das entspannt mich irgendwie.“

Hör doch, was du willst!

Noch mal: Take That zählt für sie nicht zu diesem Quatschzeug. Diese Band liebt sie einfach so sehr, wie man eine Band eben lieben kann. Dennoch ist es eine Liebe mit Spätzündung: Als die ganzen Boygroups Hochkonjunktur hatten, hörte sie lieber Pulp oder Oasis. „Für Take That und die anderen Boygroups fühlte ich mich damals eigentlich schon zu alt und, wie ich fürchte, auch zu schlau. Meine immer größer werdende Liebe zu Take That ging Hand in Hand mit der später erfolgenden Feststellung, dass diese ganze Coolness-Abgrenzerei beim Musikhören im Grunde vollkommener Quatsch ist.

Take That über alles

Das ist natürlich ein sehr guter Punkt. Hat man erst mal kapiert, dass ein möglichst elitärer Musikgeschmack allerhöchstens dazu dient, als abgehoben und blasiert wahrgenommen zu werden, lebt es sich herrlich ungezwungen. Ich zum Beispiel habe ja eine Schwäche für DJ Bobo. Bei Anja war die unverhohlen pathetische, bombastische, gern auch kitschige Popmusik von Take That der Auslöser. „Vielleicht macht diese Britishness bei Take That den Unterschied“, sagt sie über ihre Lieblinge. „Ich finde sie einfach deutlich kultivierter als beispielsweise die Backstreet Boys. Die waren mir immer zu künstlich. Take That erschienen mir glaubwürdiger, die einzelnen Charaktere fand ich spannender. Mal ganz abgesehen davon, dass sie für mich die besten Songs geschrieben haben. Ich kann zwar auch erstaunlich viele Stücke der Backstreet Boys auswendig. Aber sie waren mir zu glattgebügelt und ich konnte sie immer nur sehr schwer auseinanderhalten.“

Gut gealtert

In ihrem Buch beschreibt sie das so: „Ich liebe sie dafür, dass man, wenn man ehrlich ist, nicht viel mehr über die Liebe wissen muss, als in den Liedern von Take That vorkommt.“ Außerdem, so schließt sie, seien sie mehr als gut gealtert. Und es steht zu befürchten, dass Anja noch deutlich mehr gefährlich gute Argumente hervorbringen wird, wenn man sie im Merlin auf die Bühne lässt.

Titelbild: Pexels/Vishnu R

Mehr zu Anja Rützel und den anderen Freaks findet ihr hier >>>

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Ein Plädoyer gegen Bucket-Lists!

Einmal im Leben mit Walhaien tauchen oder den Jakobsweg laufen: Unser Autor findet Wünsche und Träume gut. Bucket-Lists aber, so sagt er, halten nur vom wirklichen Leben ab.

Stuttgart – Ein paar Tage ist das neue Jahr jetzt auch schon alt. Die Böller verrotten gemeinsam mit den guten Vorsätzen in den Rinnsteinen der Stadt. Ein paar Tage ist es her, dass man trunken vor Schwelgerei, Sekt und Zukunftsplänen noch davon sprach, was man nächstes Jahr alles tun oder lassen will. Über gute Vorsätze wurde an dieser Stelle schon genügend debattiert, meine Meinung dazu hat sich seither nicht geändert. Es gibt da aber noch etwas anderes, das mich beschäftigt. Etwas, das eigentlich schon mit seinem Namen verrät, dass es eigentlich für die Tonne ist. Richtig, ich meine natürlich Bucket-Lists!

Bucket-Lists als Hashtag-Dauergast

Ich schwöre, vor diesem lieb gemeinten, aber letzten Endes allzu rührseligen Hollywood-Kitschbrocken gleichen Namens von 2007 hat niemand in meinem Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis dieses Wort in den Mund genommen geschweige denn gekannt. Jetzt ist es zum nervtötenden Dauer-Hashtag mutiert, der uns natürlich vor allem eines sagen soll: Seht her, wie ich meine langgehegten Träume verwirkliche, während du nur stupide durch Instagram scrollst und die Milch überkochen lässt.

Habt ihr etwa alle dieselben Träume?

Kurze Umfrage im erweiterten Kreis derjenigen Personen, mit denen ich mehr oder minder freiwillig mein Leben teile: Erschreckend oft erzählen mir die Leute von ganz ähnlichen, regelmäßig auch identischen Wünschen. Dass sie sooo gern mal nach Neuseeland reisen würden. Oder unbedingt mal auf einem weißen Pferd einen Strand entlang reiten. Dieses traumhafte Yoga-Retreat auf Sri Lanka besuchen. Oder einen Fallschirmsprung machen. Auch ganz hot: den Jakobsweg laufen. Na ja, zum Teil wenigstens, man muss es ja nicht gleich übertreiben mit der seelischen Reinigung. Oder „Ulysses“ von James Joyce lesen. Na ja, bis man nach zehn Seiten frustriert aufgibt.

Bucket-Lists statt Individualismus

Alles hehre Vorschläge, alles bestimmt spitzenmäßige quality time. Ich frage mich nur: Wollt ihr das denn wirklich alle? Habt ihr ernsthaft alle dieselben Träume, Wünsche, Ziele, Pläne? Oder wollt ihr das nur, weil es sich eben so gehört? Weil es cool klingt? Individualismus, der in diesen Zeiten so sehr gepriesen wird, ist hier zumindest wenig bis gar nicht zu spüren. Wir sind wahrscheinlich viel zu übersättigt von der Schönheit des Profanen, dass es gar nicht mehr geht ohne Weltumrundung mit dem Fahrrad oder Koala-Adoption.

Im Netz gibt es sogar Vorschläge, was auf die eigene Bucket-List sollte. Das ist ungefähr so, als würde ich zum Tätowierer gehen, einen Bildband aufschlagen und mir was stechen lassen. Zack, ist auch die Bucket-List Teil unserer künstlich erschaffenen Ich-Projektion, die rein gar nichts mehr mit uns zu tun hat. Ein sorgsam gezüchtetes Gebilde voller Dinge, die uns aufwerten sollen anstatt uns wirklich zu entsprechen.

Wir leben jetzt!

Das ist sehr schlimm. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig vorzugaukeln, was es für ein erfülltes Leben braucht! Und im Grunde sollten wir sowieso komplett aufhören, diese dämlichen Bucket-Lists zu verfassen. Du willst wirklich etwas machen? Dann mach es einfach! Etwas auf eine Liste zu schreiben, heißt doch nur, es auf die lange Bank zu schieben. Ja, ja, irgendwann mach ich das schon! Was bringt es denn, ständig nur Dinge anzuhäufen, die man vielleicht irgendwann mal machen möchte? Frustration, nichts weiter.

Ausmisten tut gut

Bucket-Lists sind nichts weiter als Selbsttäuschung. Sie setzen uns unter Druck, wenn wir am Jahresende merken, dass wir es immer noch nicht zu den Schweigemönchen nach Laos geschafft haben. Pläne sind gut, Träume sogar noch wichtiger. Und natürlich können sich die wenigsten prompt in ein Flugzeug setzen und für acht Wochen zum Schafe scheren nach Neuseeland reisen. Aber wenn das wirklich der größte, innigste, intimste Wunsch ist, dann sollte man auch etwas dafür tun. Und nicht nur auf einen Zettel schreiben. Eine vollgestopfte Bucket-List ist am Ende eben auch nur wie ein extrem vollgestelltes Zimmer: Ausmisten tut extrem gut. Und das nicht erst seit Marie Kondo.

Titelbild: Suzy Hazelwood/Pexels

Lest hier, was Kollegin Laura zu To-Do-Listen zu sagen hat!

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Ti amo, Charlotten-
platz!

Unser Autor hat eine ziemliche Schwäche für das verwirrende Beton-Biotop Charlottenplatz. Hier verrät er uns, wie es dazu kommen konnte.

Stuttgart – Es gibt nicht viele Orte, an denen Stuttgart so richtig großstädtisch ist. An der Stadtbahnhaltestelle Mercedesstraße vielleicht, wenn Autos, ICEs, Stadtbahnen und Schiffe um einen herumtosen. Oder in der zugesprayten Unterführung direkt darunter. Vielleicht noch am Stöckach im Sonnenuntergang, wenn von allen Seiten die Bahnen anrauschen und zehn Sprachen an 20 Metern Bahnsteinkante zu hören sind.

Verzweiflung hat einen Namen

Ein Ort übertrifft sie aber alle. Ein Ort, der Neulinge reihenweise zur Verzweiflung bringt und sich selbst echten Stuttgartern aus logischer Sicht nicht erschließt. Die Rede ist natürlich vom Charlottenplatz, einem denkbar urbanen Beton-Biotop im Herz der Stadt. Und, wenn man mal genau hinschaut, auch der Nukleus des städtischen Lebens. Seltsam eigentlich, dass er noch keinen Spitznamen hat. Der Alexanderplatz in Berlin ist der Alex, wieso ist das hier nicht der Charlie? Naja, vielleicht aus dem gleichen Grund, weshalb kein normaler Mensch „Stuggi“ sagt. Sollen die Berliner tun!

Escher für Fortgeschrittene

Alles fängt an bei der geschichtlichen Bedeutung des Nahverkehr-Irrgartens. Gebaut zwischen 1962 und 1967, war der Charlottenplatz doch tatsächlich die erste unterirdische Haltestelle nach dem Zweiten Weltkrieg. Take that! Vielleicht lag es also an der doch eher hippieesken Bauperiode und den damit verbundenen Rauchschwaden und heiteren LSD-Nachmittagen, die diese Haltestelle zu einem Escher-Bild für Fortgeschrittene gemacht haben.

Wege in die Freiheit: Am Charlottenplatz begehrt.

Der Charlottenplatz ist nichts für Schwächlinge

Egal wer von egal welcher Seite in die Haltestelle läuft: Schnurstracks geht es für fast niemanden zum richtigen Gleis. Wenn‘s euch mal richtig mies geht, dann gönnt euch was und setzt euch für eine Weile irgendwo am Charlottenplatz hin. Am besten unmittelbar nach einer Fahrplanumstellung (Stuttgarter Unwort des Jahrzehnts). Mehr verwirrte Gesichter sieht man sonst nur, wenn im Dilayla das Licht angeht.

Ist aber eben auch eine Menge los am Charlottenplatz: Ganze elf Stadtbahnlinien halten hier, so viel wie nirgendwo sonst in Stuttgart. Für noch mehr urbane Power rauscht die B14 oben drüber und unten drunter hinweg. 24/7, immer was los.

Raus, nichts wir raus!

An den zahlreichen Ausgängen der Haltestelle auch. Der Eingang zu den Clubs Goldmark‘s und Universum (mit Blick auf die B14, le-gen-där!) befindet sich direkt in der Haltestelle, die sommerlichen Goldmark‘s-Partys steigen in unmittelbarer Nähe zu den Gleisen. Das wäre für die Heimfahrt natürlich ganz praktisch, aber es fährt nun mal niemand um halb eins aus dem Goldmark‘s heim. Dafür sind die Menschen zu nett und die Biere zu gut. Also doch Taxi, wartet ja auch gleich um die Ecke.

Kiosk geht immer.

Läuft man einen anderen Eingang hoch, steht man direkt vor dem schnuckeligen Schriftstellerhaus, wo die Wiener Lyrik-Stipendiatin Katharina Ferner wahrscheinlich gerade am Fenster sitzt und verwirrte Menschen auf der Suche nach der richtigen Bahnlinie beobachtet. Vielleicht inspiriert es sie ja zu einem Gedicht. Gleich daneben empfängt die Weinstube Kiste ausgelaugte Fahrgäste mit Trollinger und Zwiebelrostbraten. Zur Stärkung nach dem Labyrinth des Minotaurus, oder so.

Besser als der Fernsehturm

Noch vor dieser Treppe in die Freiheit fängt der Wikinger arglose Nahverkehrsgäste ab. Nicht mit intellektuellem Anspruch, dafür mit der Möglichkeit, eine zu rauchen ohne die Haltestelle zu verlassen. Legendär: Der „Biergarten“ im Sommer, wenn Plastikpflanzen die Kneipe von der Haltestelle trennen und man dann sogar draußen rauchen darf. Im Charlottenplatz!

Wikinger und Bäcker: Mehr brauchst du nicht. Weisch.

Wieder ein anderer Ausgang führt direkt zum Einklang, einem der schönsten Musikläden Stuttgarts. Eine weitere Treppe bringt auch mehr oder minder direkt ins Dorotheenquartier, aber die kann man eigentlich zumauern, finde ich. Dann lieber unter Tage bleiben. Gleich zwei Kioske gibt es im Charlottenplatz, dazu ein Bäcker, mehr braucht man halt auch nicht. Und dieses Gefühl, das einen durchströmt, wenn man endlich mal gecheckt hat, wo man beim Umsteigen hin muss, ist ein unbezahlbarer Stuttgart-Moment, der überdeutlich brüllt: Du bist einer von uns! Wer braucht da noch den Fernsehturm oder die Stäffele?

Nachtrag

Wikipedia hat Folgendes zur unsagbar komplizierten Umsteigekosmos am Charlottenplatz zu sagen:

„Bedingt durch die fehlende Verteilerebene zwischen den Tallängs- und den Talquerlinien und den fehlenden Mittelbahnsteigen muss man je nach Umsteigebeziehung einmal oder dreimal den Höhenunterschied zwischen beiden Stockwerken überwinden. Letzteres ist dadurch bedingt, dass im Zuge des Verkehrsbauwerks auch ein Regenrückhaltebecken gebaut wurde und deshalb nicht ausreichend Platz für alle wünschenswerten Treppenübergänge vorhanden war. Jeder erforderliche Niveauwechsel kann per Treppe, Aufzug oder, ausschließlich aufwärts, per Rolltreppe erfolgen. Zwischen dem südwärtigen Bahnsteig der Tallängslinien und den Rolltreppen zu den beiden Bahnsteigen der Talquerlinien liegt ein weiterer Niveauunterschied von fünf bzw. sechs Stufen oder einer entsprechenden Rampe.“

Und wer diesen Text verstanden hat, der überlebt auch den Charlottenplatz.

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Fasten und Co.: Hört auf, aufzuhören!

Im Januar steht das Fasten traditionsgemäß sehr hoch im Kurs. Gefastet wird Alkohol, Süßigkeiten, Zigaretten, Fett, Instagram und so ziemlich alles andere, was Spaß macht. Unser Autor erklärt, was ihn daran stört.

Stuttgart – Man muss nicht mal aus dem Fenster oder auf den Kalender schauen, um zu wissen, welche Jahreszeit wir haben. Jede zweite Werbung setzt sich mit Abnehmen oder Sport auseinander, die Supermärkte sind voller Fitnessgeräte und hässlicher Jogging-Klamotten, überall hecheln die Menschen die Stäffele rauf und runter, die schon am zweiten Januar ihre guten Vorsätze bereut haben, aber die teuren Joggingschuhe nicht gleich wieder wegschmeißen wollen.

Die Neujahrs-Katharsis

Fasten ist im Januar so en vogue wie die Völlerei im Dezember. Nach Plätzchen, Schoko-Nikoläusen und der einen oder anderen Weihnachtsgans in Kombination mit einem Hektoliter Wein erwacht die Nation wie aus einem Koma und denkt kollektiv, jetzt wieder rigoros alles anders machen zu müssen. Erst der Silvester-Suff, dann die Neujahrs-Katharsis: „So kann es doch nicht weitergehen!“, hallt es von Kaltental bis Korntal, neuerdings ergänzt um den Schrei nach digital detox.

Eine Nation aus Sündern

Und wahrscheinlich kann das auch nicht schaden. Aber meiner Meinung nach ist Fasten, egal welcher Art, eine an Heuchelei und Schwachsinn nicht zu überbietende Angelegenheit, die Seele und Körper eher quält als reinigt. Erst erlaubt man dem Körper, sich in Völlerei und Trunk zu verlustieren, bis er sauer aufstoßend rebelliert, danach setzt man ihn auf kalten Entzug und macht drei Wochen halbherzig Sport, bis man eh wieder in seine alten Marotten verfällt.

Davon hat niemand was – außer der Lebensmittelindustrie mit ihren verarschenden Light-Produkten und überzuckerten Smoothies oder den Fitness-Studios, die die Sünder einkassieren wie damals die katholische Kirche. „Vergib mir, o Personal Trainer, denn ich habe gesündigt.“ – „Kein Problem, mein Kind, 50 Push-Ups und eine halbe Stunde aufs Laufrad, dazu drei Protein-Shakes. Amen!“ Aus einem schlechten Gewissen ließ sich schon immer viel Profit schlagen.

Balance ist keine Yoga-Übung

Ganz oder gar nicht, das scheint auch bei der Benutzung sozialer Netzwerke das neue Mantra geworden zu sein. „Was, du bist noch auf Facebook?“ ist das neue „Was, du isst noch Fleisch?“ geworden. Plötzlich muss man sich rechtfertigen, nur weil man meint, alle zwei Minuten nach Updates von Freunden, Tierseiten oder diesem coolen neuen Restaurant schauen zu müssen. Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein!

Ist ja aber überall so. Nicht nur ab und an auf Fleisch verzichten, sondern gleich ultravegan sein. Nicht nur weniger Alkohol trinken, sondern gleich straight edge für immer. Wie wäre es stattdessen denn, wenn man einfach nach einer Balance schaut. Nach einem individuellen, für jeden selbst bestimmbaren Mittelweg zwischen Exzess und Verzicht? Ein wenig mehr Sport, dafür weniger Alkohol, ein wenig mehr selbst Gekochtes, dafür weniger Pizza und Burger in der Mittagspause. Dazu einfach mal das Handy weglegen und aus dem Fenster schauen. Die Welt wird sich auch so weiterdrehen. Und selbst wenn nicht, bekommt man es so wenigstens mit.

Klingt leicht? Ist es ja auch, verdammt noch mal! Das Problem ist nur, dass sich damit keine Bücher, Kuren oder schlechte Gewissen verkaufen lassen. Und ohne die geht im Januar bekanntlich gar nix.

(Titelfoto: Unsplash/Frankie Cordoba)

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Stadtkinder über ihre Stadt: Magnus Frey (Eau Rouge)

Stuttgart, für immer erste Liebe? In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben – und was sie so richtig nervt. Heute mit Musiker und Westler Magnus Frey von Eau Rouge.

Stuttgart – Magnus Frey ist Schlagzeuger bei den verträumten Indie-Pop-Darlings von Eau Rouge. Als letzter der Drei zog er vor einiger Zeit von Schwäbisch Gmünd nach Stuttgart – alles für die Band eben. An welcher Theke man ihn trifft, was typisch Stuttgart-West ist und wie die Stadt als Musik klingen würde, hat er uns vor dem Heimspiel seiner Band am 6. Dezember im ClubCann vertrauensvoll offenbart.

Der Puls von Eau Rouge

Fluch und Segen des Schlagzeugers: Er sitzt immer hinten. Heißt, dass er einerseits eher seine Ruhe hat und nicht ganz vorn im Rampenlicht stehen muss. Heißt aber eben auch, dass er meist nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt wie seine Kollegen am Mikro oder an der Gitarre. Wir bei Stadtkind finden das natürlich ungeheuerlich und haben uns mal mit einem Angehörigen der trommelnden Zunft zum Plaudern zusammengesetzt. Und nicht mit einem x-beliebigen, um das mal gleich zu sagen. Sondern mit Magnus Frey (30), dem Drummer des Stuttgarter Indie-Trios Eau Rouge. Mit ihrem träumerischen und trippig-düsteren Noise-Pop sind sie in den letzten Jahren weit gekommen, spielten auf Festivals in den USA und England, wurden sogar in „Germany’s Next Topmodel“ gefeatured.

Wer hat Bock auf Gästeliste?

Am 6. Dezember 2019 geben die Jungs mal wieder ein Heimspiel im ClubCann. Hingehen ist da fast schon Pflicht: Weil Eau Rouge national immer mehr gefragt sind, gibt es längst nicht mehr so viele Möglichkeiten, die Band in der Region zu sehen. Ziemlich praktisch also, dass wir 1×2 Freikarten fürs Konzert verlosen. Einfach bis zum 5. Dezember, 16 Uhr, eine Mail an stadtkind@stadtkind-stuttgart.de schreiben und uns sagen, welcher Eau-Rouge-Song euer liebster ist und mit ein wenig Glück schreiben wir euch auf die Gästeliste!

Flachwitz, Timing, Ungeduld

Dein Beruf in Eigendefinition: Ein Irrer unter Irren.

Drei Tugenden, die dich charakterisieren: Flachwitz, Timing, Ungeduld.

Seit wann wohnst du in Stuttgart? Seit 2016. Damals bin ich für Eau Rouge hierher gezogen.

Dein Lieblingsort in der Stadt? Die Johannesstraße im Westen.

An welcher Theke trifft man dich am ehesten? Im Dortmunder.

Immer wieder Keller Klub

Verrate uns ein kleines Geheimnis – egal welches: Ich habe mal vor einem wichtigen Auftritt unsere komplette Lichtshow von meinem Laptop gelöscht, weil ich „aufgeräumt“ habe…

Welche Musik hörst du, wenn du in der Stadt unterwegs bist? Balthazar.

Wenn Stuttgart Musik wäre, wie klänge die Stadt? Krautrock: hektisch und sehr deutsch.

Wann und wo war euer erster Auftritt in Stuttgart? Das war im April 2013 im damaligen Schocken. Es war, als hätten wir schon ewig zusammen gespielt.

Welcher Auftritt in Stuttgart war euer denkwürdigster? Ich denke natürlich, der 6. Dezember 2019 im Club Cann wird danach der denkwürdigste gewesen sein.

Wo hast du allgemein die besten Konzerte der Stadt gesehen? Im Keller Klub.

Eau Rouge empfiehlt den Dortmunder!

Die beste Bar? Ganz klar: Zum Dortmunder!

Wo holst du dir spätabends noch was zu essen? Bei Jonas im Fais Dodo.

Typisch Stuttgart-West ist: Eine lange Schlange vor dem Bäcker Bosch, ein Jürgen-Klopp-Doppelgänger vor dem Grünen Eck im Gespräch mit Passanten, herbstlich verfärbtes Laub in der Johannesstraße, Kinderwagenkolonnen, die sich aus dem Naturgut schieben, Sonne, die die durch die steilen Straßen strahlt, dass man von San Francisco träumt…

Hach, ein echter Poet hinterm Schlagzeug! Gebt dem netten jungen Herrn also das nächste Mal ein Bier aus, wenn ihr im Dortmunder neben ihm sitzt und ihn vollraucht. Er hat’s verdient!

Titelbild: Matthias Somberg

www.eau-rouge-music.com

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Kraftpaule braut ein neues Bier – mit Riesling!

Kraftpaule und Kern Weine (Kesselliebe) ergänzen ihre alkoholischen Kompetenzen. Pünktlich zum Nikolaus präsentieren sie das erste mit Riesling gebraute Bier!

Stuttgart – Kraftpaule-Häuptling Thorsten Schwämmle kennt sich gut mit Bier aus. Und Christoph Kern (Kern Weine) mehr als ordentlich mit Wein. Beide vereint eine lässige Art. Und vor allem die Liebe zu den Produkten der Region. Thorsten mit seinem Craft-Beer-Imperium, Christoph unter anderem mit seiner Stuttgarter Wein-Kollektion Kesselliebe. Jetzt kann man sehen (und schmecken), was passiert, wenn sie sich zusammentun. In bester Kollabo-Manier hauen die beiden rechtzeitig zu Nikolaus ein Produkt raus, das diese beiden Kompetenzen in sich vereint: der Helle Rieslingbock, ein Starkbier, das mit Rieslingtrauben gebraut wurde.

Kraftpaule gibt den Nikolaus!

Am kommenden Freitag, den 6. Dezember 2019, wird im Kraftpaule am Stöckach die offizielle Release-Party dieser neuen Bierkreation gefeiert. Gut, sie sagen Releasling dazu, aber das dürfen sie auch. Für einen mittelguten Wortwitz muss immer Zeit sein. Los geht’s am Nikolaustag um 17 Uhr, ab 18 Uhr gibt es ein öffentliches Tasting des neuen Bieres, danach wird gefeiert – egal, ob man brav war oder nicht.

Riesling küsst Craft Beer

Aber zurück zum Bier. „Wir verwenden einen weißen Most aus der Riesling-Lage Cannstatter Zuckerle für die Herstellung“, verrät uns Winzer Christoph. Woraus normalerweise der Neckarkarpfen-Riesling aus seiner angesagten Kesselliebe-Kollektion gekeltert wird, entsteht jetzt also ein Bier. Nach einem süffigen Hellen, einem Hopfenweizen und einem Pale Ale hat sich Kraftpaule-Thorsten als vierte Eigenkreation jetzt für ein Bockbier entschieden. Also ein zünftig starkes Bier für die kalte Jahreszeit.

Thorsten Schwämmle (links) und Christoph Kern. (Foto: Kraftpaule)

Bier mit Wein, das muss bei Kraftpaule sein!

Doch den beiden war es zu wenig, zwei fertige Produkte einfach zu mischen. „Die Idee war, die beiden Komponenten gemeinsam zu vergären, sodass am Ende ein eigenständiges Produkt entsteht“, sagt Christoph. Also braute Thorsten einen hellen, leicht süßlichen Bock, der die Säure des Rieslings gut auffangen und ergänzen kann. Hinzu kam der Riesling-Most, der vergoren wurde mit hochwertiger Sekt-Hefe. Ganz schön aufwändig, das alles. Und das Ergebnis? „Dieses Spiel aus Süße und Säure macht das Bier aus“; ist sich Christoph sicher. Mit anderen Worten: Bier mit Wein, das muss sein.

Kraftpaule Rieslingbock (Foto: Kraftpaule)

Dürfen die das überhaupt? Aber das ist ja das Schöne: Sie würden es sogar tun, wenn nicht. Beide sind nämlich sichtlich zufrieden mit dieser Liaison zwischen Brauer und Winzer. Denn mal abgesehen davon, dass sie dieses Produkt kreiert haben, haben sie mal wieder gezeigt, dass man gemeinsam eben immer wieder besondere Dinge anstellen kann. Anders gesagt: Wahre Kesselliebe eben.

In diesem Sinne: Alles Weitere in der Facebook-Veranstaltung!

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Neu in Stuttgart-West: Koreanisches Bistro Misik

Im Misik nahe des Hölderlinplatzes gibt es authentische koreanische Gerichte, zubereitet mit Bio-Zutaten und der genau richtigen Portion Heimweh.

Stuttgart – Schon Jungmi Has früheste Kindheitserinnerungen haben mit Essen zu tun. Mit den Speisen ihrer Großmutter und Mutter in Südkorea, mit einem Frühstück aus Reis, Seetang, Sesamöl, Sojasoße und Ei. Die Aromen und Geschmäcker, sie haben sich tief eingebrannt in ihre Gedankenwelt. Auch 20 Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland kann Ha sie nicht vergessen. Jetzt hat sie endlich ihr eigenes koreanischen Bistro, ein seit Jahren gehegter und endlich erfüllter Traum. Misik heißt der kleine Laden, „meine Küche“. Und genau das möchte sie hier an der Ecke Silberburg-/ Traubenstraße bieten: Die authentische koreanische Küche, mit der sie in Seoul aufgewachsen ist.

Misik in Stuttgart-West

Mit Authentizität und Tradition rühmen sich viele fremdländische Spezialitätenrestaurants. Jeder, der schon mal Sushi in Japan oder Ceviche in Südamerika gegessen hat, weiß, wie schwer das ist. Das Klima ist ein anderes, die Zutaten sind kaum zu bekommen, das Gemüse wächst in fremden Böden.

Jungmi Ha weiß das natürlich auch, doch sie nimmt viel auf sich, um den Geschmack ihrer Heimat, das Aroma ihrer Kindheit so werkgetreu wie möglich auf die Teller zu bekommen. Im Misik kocht sie deswegen einfach so, wie sie für ihre besten Freunde kochen würde: Täglich frisch, alles in Handarbeit, ohne Geschmacksverstärker oder raffinierten Zucker, dafür mit Bio-Zutaten. „Wenn ich süße, verwende ich Pflaumenextrakt oder Reishonig“, sagt sie. Ihre Zutaten bezieht sie von einem Importeur aus Frankfurt, aber auch aus Südkorea.

Alles soll hausgemacht bleiben

Unverschämt frisch und samtig sind ihre handgemachten Mandu-Teigtaschen mit würziger Füllung, der koreanische Klassiker Bibimbap kommt mit Rind oder Tofu und jeder Menge frischem Gemüse. Ihr Kimchi ist – Ehrensache – hausgemacht, knackig und feinsäuerlich.

Die Karte ist klein, soll aber regelmäßig gewechselt werden. Das typische Übermaß vieler asiatischer Lokale wird man bei ihr nicht finden. Hausgemacht soll alles bleiben, kompromisslos in der Qualität. Das limitiert natürlich. Zehn Jahre jagte sie ihrem Traum von der eigenen Lokalität hinterher, absolvierte schon vor Jahren einen Kochkurs in Seoul, um ihre Gerichte zu verfeinern. Sie ist eine Quereinsteigerin wie sie im Buche steht, hat nicht mal in der Familie jemanden aus der Gastronomie.

Musik, Mode und Essen sind alles Ausdrücke innerer Schönheit.

Entmutigen lässt sie sich davon nicht im Geringsten. „In den vergangenen drei Jahren habe ich 30 Objekte besichtigt“, erzählt, als wäre das nicht irgendwie zermürbend. In einem ehemaligen Pizzaservice fand sie schließlich ihr Glück und schlug einen komplett anderen Karriereweg ein. Mal wieder. „Ich kam vor 20 Jahren nach Europa und habe an der Musikhochschule in Stuttgart, aber auch in Köln und Straßburg Gesang und Musikpädagogik studiert“, erzählt sie. Später kehrte sie nach Stuttgart zurück und unterrichtete auch an der Musikschule. Eines Tages kam das Modelabel Jungmi hinzu, bei dem sie Taschen aus koreanischem Aalleder designt und verkauft. Ja, Aal! Sagen wir es mal so: Es gibt geradlinigere Lebensentwürfe. Aber wohl kaum spannendere.

„Musik, Mode und Essen sind alles Ausdrücke innerer Schönheit“, findet sie außerdem – und hat sich gleich mal ein Mitarbeiterteam aus Studenten der Musikhochschule und der Kunstakademie zusammengestellt. Letztere stellen im Bistro auch gleich ihre Werke aus. Kunst und Essen kommen eben doch irgendwie zusammen. Und lassen Jungmi Ha überaus zufrieden wirken. „Ich koche und esse mit Leidenschaft, das möchte ich weitergeben. In Korea sagt man, dass essen gesund macht. Ich zumindest ernähre mich gut – und bin selten krank“, lacht sie. Scheint anzukommen im Westen: Am Eröffnungstagmusste das Misik schon nach kurzer Zeit wieder schließen, weil alle Zutaten verbraucht waren.

Info: Das Bistro Misik befindet sich an der Silberburgstraße 41, Telefon 07 11/45 14 04 47, www.misik.eatbu.com

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Nörgeln in the City: Weihnachten ist überall!

Weihnachten ab Oktober, überall „Last Christmas“ und mieser Glühwein: Unser Autor ist nicht glücklich über die künstlich in die Länge gezogene Adventszeit.

Stuttgart – Eine Studie will herausgefunden haben: Menschen, die ihr Haus besonders früh weihnachtlich dekorieren, sind die besseren Menschen. Glaube ich so was von nicht. Ich glaube, es sind grundsätzlich schlechte Menschen, die ihren Mitbürgern das Gefühl geben wollen, sie hätten es raus mit der weihnachtlichen Besinnlichkeit und der Magie der Adventszeit. Und man selbst eben nicht!

Weihnachten und Wassermelonen

Es gibt fast nichts Schlimmeres und Anstrengenderes als den Weihnachtswahn unserer Zeit. Ich hätte ja wirklich nicht für möglich gehalten, dass ich das einmal sagen würde, aber: Früher war eben doch manches besser. Ich erinnere mich zum Beispiel nicht daran, dass in den Supermärkten Lebkuchen, Stollen und Dominosteine vor sich hinschmolzen, während Supermarktbesucher in Shorts und kurzen Hosen Wassermelonen nach Hause schleppten, weil man bei der Hitze eh nichts anderes essen konnte. True story, so passiert im Rewe am Vogelsang im Herbst 2019. Never forget.

Vorfreude hat Grenzen!

Ich habe nichts gegen Vorfreude. Ich halte sie zwar nicht für die schönste Freude, aber irgendwie ist der Weg ja auch das Ziel. Wochenlang habe ich mich jetzt zum Beispiel auf die neue Staffel von „The Crown“ gefreut, das hat schon was. Außerdem freue ich mich schon jetzt auf die Tournee von Nick Cave nächstes Jahr. Gehört irgendwie schon dazu, das vorfreuen. Doch was der Handel uns seit einigen Jahren in Sachen Vorweihnachtszeit zumutet, ist das Supermarktäquivalent zu „Last Christmas“ in der Dauerschleife. Die Jahreszeiten müssten eigentlich so heißen: Valentinstag, Ostern, Muttertag, Halloween, Weihnachten – mit einem nahtlosen Übergang vom letzten Freibadtag zur ersten Packung Zimtsterne.

Weihnachten ist vor allem „Tatsächlich Liebe“

Haushoch türmen sie sich im Supermarkt die Süßigkeiten, urplötzlich gibt es jedes Produkt wieder in einer ultrafestlichen Weihnachtsedition. Twix Spekulatius? Also, ich wusste bislang nicht, dass ich das brauche. Weihnachten ist eine Ware, und damit habe ich noch nicht mal ein Problem. Sollen sie unsere Feste ruhig kommerziell melken, den eigentlichen Sinn von Weihnachten hat doch eh jeder längst vergessen. Ist doch aber eigentlich ganz einfach: „Tatsächlich Liebe“ schauen (Billy Mack ist der Beste!) und Rotwein trinken. Okay, Scherz: In Wirklichkeit feiern wir natürlich den Geburtstag von… naaa? Richtig, Sol Invictus, dem unbesiegten römischen Sonnengott. Jesus kam erst später. Irgendwie auch egal, im durchkommerzialisierten Weihnachtswahn haben beide nichts zu melden.

MyDays-Erlebnisgutscheine

Mich nervt, dass wir nicht mal richtig Herbst haben können, weil alles längst auf Weihnachten und Winter getrimmt ist. Ich will nicht ab Oktober in den Schaufenstern Tannenbäume funkeln sehen, ich will keine harmonischen Familien oder verliebten Pärchen sehen, die sich vor einem Fake-Kaminfeuer MyDays-Gutscheine schenken. Eh das beste Anzeichen einer echt stabilen Beziehung, in der man seinen Partner in- und auswendig kennt: Ein MyDays-Gutschein für ein romantisches Candlelight Dinner. Topp, da kannste gleich die Bratpfanne kaufen. Auch schlimm: Alle wollen jetzt wieder Glühwein trinken gehen. Leute, das ist so ziemlich der ekelhafteste Fusel, den man sich reinschütten kann!

Mit gutem Gewissen volllaufen lassen

Gutes Stichwort: Weihnachten sollte doch eigentlich die Zeit im Jahr sein, in der man sich ohne schlechtes Gewissen volllaufen (kein Glühwein!) und vollstopfen kann – und auch noch ausschlafen darf. In einem Wort: Besinnlichkeit. Die tritt aber meist erst am 27. Dezember ein, wenn die ganzen Weihnachtslieder im Radio die Fresse halten, die Werbung nicht mehr vom perfekten Fest plärrt und man endlich wieder seine Ruhe von der Verwandtschaft hat. Das Paradoxe ist ja aber: Würde uns die Welt der Werbung und des Einzelhandels nicht so einen Druck machen, was dieses verdammte Fest angeht, es würde wahrscheinlich viel entspannter und weniger krampfig ablaufen.

Was man dagegen tun kann? Na, nichts! Deswegen schreibe ich das hier ja. Und es geht mir tatsächlich schon ein bisschen besser. Kommt aber bloß nicht auf die Idee, mich auf einen Glühwein einzuladen. Und wer in meiner Gegenwart „Last Christmas“ spielt, singt, pfeift oder tanzt, muss einen Schnaps trinken. Glühschnaps vielleicht.

Unser Autor hat am 24.12. Geburtstag. Es ist sein Geburtsrecht, sich darüber aufzuregen.

Titelbild: Unsplash/freestocks.org

Psst, hier gibt es Expertentipps, wie man Weihnachten überlebt!

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