Ausgecheckt: Studentenver-
bindung Rheno-Nicaria in Stuttgart

Wer gehört heute schon noch zu einer Verbindung? Und was sind das überhaupt für Leute? Wir klopfen mit Verbindungsstudenten aus Stuttgart alle Vorurteile ab. Dieses Mal: Wie katholisch muss man in einer katholischen Verbindung sein?

Stuttgart – Was? In Stuttgart gibt’s noch Studentenverbindungen? Die erstaunte Frage hört Philipp Winnige oft. Er ist Mitglied bei „Rheno-Nicaria“, einer katholischen Verbindung in Stuttgart. Wenn der 23-Jährige von seiner Mitgliedschaft erzählt, sind die Reaktionen der Leute unterschiedlich: Manche sind interessiert, andere schauen ihn nicht einmal mehr an. „Einmal habe ich im Namen unserer Verbindung eine Mail über den Hochschulverteiler meiner Uni verschickt. Da kamen Beschimpfungen zurück, ich solle die Leute mit meiner drecks-nationalistischen Verbindung in Ruhe lassen.“

Verbindungen stoßen auf Skepsis

Phillip und seine Verbindungskollegen fühlen sich unfair behandelt. Zu oft würden sie mit Vorurteilen konfrontiert: Verbindungsstudent? Alkoholiker. Traditionen? Rechts. Frauenverbot? Sexisten. Wenn Leute vor dem großen Verbindungshaus an der Etzelstraße am Stuttgarter Bopser vorbeilaufen, bleiben sie oft stehen. Sie sehen die wehende Fahne der Rheno-Nicaria, moosgrün und rosa. Sie tuscheln. Sie schauen skeptisch. Dann laufen sie weiter. „Die Leute sollten einfach mal reinkommen, um uns kennenzulernen anstatt uns abzustempeln“, wünscht sich Philipp Winnige.

Die Rheno-Nicaria im KV (Kartellverband) zu Stuttgart hat weltweit 150 Mitglieder. Die Verbindung fußt auf christlichen, katholischen Werten. Besonders gläubig muss man nicht sein, meint Philipp: „Wir haben sehr gläubige Mitglieder, die die Bibel wörtlich auslegen und andere, die sie offener interpretieren. Uns geht es um die Werte. Wie die ausgelegt werden, darf jeder selbst entscheiden.“

Grundvoraussetzung: männlich und Christ

Wer Mitglied werden will, muss allerdings christlich getauft sein – das ist Grundvoraussetzung. Früher wurden nur Katholiken aufgenommen, aber nachdem das Interesse an Studentenverbindungen sank, gab es Nachwuchsprobleme. „Dann hat man sich geöffnet“, sagt Philipp.

Die Öffnung reicht aber bis heute nicht so weit, dass auch Frauen aufgenommen werden könnten. Die Rheno-Nicaria ist und bleibt ein reiner Männerbund – das gibt der bundesweite Kartellverband vor. Einzelne Verbindungen sind deshalb bereits aus dem Verband ausgetreten. Für Philipp Winnige ist das Frauenverbot in Ordnung: „Ich würde mich gegen die Aufnahme von Frauen nicht auflehnen, aber ich verstehe, dass es erst einmal nicht passieren wird.“ Es ist das angenehme Gefühl, unter sich bleiben zu können – das will man nicht aufgeben. Die Gefahr von Beziehungen, die entstehen können, wertet der Student aber als Blödsinn: „Zwischen Männern könnten genauso Beziehungen entstehen. Das ist kein Argument.“ Als Ehefrauen, Lebensgefährtinnen und Freundinnen seien Frauen hingegen Teil des Vereins und willkommen.

Fechten verstößt gegen Prinzipien

Beim typischen Fechten weicht die Rheno-Nicaria vom Stereotyp ab: Eine Mensur wird man hier nicht finden. Die Verbindung ist nichtschlagend, wie etwa 50 Prozent aller Studentenverbindungen. Der Grund dafür liege auf der Hand, denn eine andere Person anzugreifen sei unvereinbar mit den katholischen Prinzipien. Auch die Farben der Verbindung sind nicht so präsent: „Wir sind eine der wenigen Verbindungen in Stuttgart, die keine Farben trägt“, erklärt der 23-Jährige. Im Gegensatz zu anderen tragen die Mitglieder also keine Bänder und Mützen, wenn sie bei anderen Verbindungen zu Gast sind.

Statt der Farben ist dem katholischen Verein besonders die Gemeinschaft wichtig. Zu den Prinzipien zählt neben Religion und Wissenschaft besonders die Freundschaft. „Es geht um Wertschätzung in der Freundschaft untereinander und zwischen den Generationen, mit den alten Herren“, sagt Philipp. Am Anfang konnte er sich so einen Bund fürs Leben auch nicht vorstellen. „Doch man wird zu Brüdern. Das ist wirklich etwas Schönes.“

Die Zimmer sind unser Marketinginstrument.

Die elf jungen Männer, die im Verbindungshaus leben, kamen ursprünglich aber nicht wegen der Gemeinschaft – sie waren alle auf Zimmersuche. Ein Zimmer mitten in Stuttgart, 130 bis 200 Euro warm, das zieht die Leute an – und soll als Eisbrecher dienen. „Bei wg-gesucht.com sind wir immer an oberster Stelle“, lacht Philipp, der ein Zimmer für sein Film- und Video-Studium an der Merz Akademie suchte. „Das ist unser wichtigstes Marketinginstruent.“

Wer einziehen will, kann erst einmal auf Probe wohnen und wieder gehen, wenn ihm das Verbindungsleben nicht gefällt. Philipp ist mit fünf anderen neu eingezogen – übrig geblieben ist nur er. Mal ist genug Nachwuchs da, mal fehlt er.

Ein bisschen wie jeder andere Verein

Philipp ist der Meinung, dass auch das mit dem schlechten Image zusammenhängt, das Studentenverbindungen haben: „Für die Leute sind wir ein ungewohnter Anblick.“ Er will mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um damit aufzuräumen – mithilfe von Veranstaltungen, wissenschaftlichen Vorträgen, Partys.

Die katholische Rheno-Nicaria bezeichnet sich selbst lieber als Verein denn als Verbindung und will auch lieber so gesehen werden, meint der Student: „Im Grunde haben wir mit anderen Vereinen, wie einem Leichtathletik-Verein, viel gemeinsam. Der große Unterschied ist eben das Lebensbundprinzip.“ Einmal Rheno-Nicaria, immer Rheno-Nicaria.

Mehr Infos zu Rheno-Nicaria gibt es hier.

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