Arbeitslos wegen Corona-Krise: „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen“

Die Corona-Krise bringt viele Studierende in finanzielle Schwierigkeiten: Bars und Kulturbetriebe haben dicht, Arbeitsverträge werden wieder aufgelöst. Ein Protokoll junger Stuttgarter, die plötzlich Existenzangst haben müssen.

Stuttgart – Corona ist scheiße. Für uns alle. Aber manche von uns trifft es härter als andere. Während die einen glücklich genug sind, im Homeoffice weiter ihr Geld verdienen zu können, sind andere von jetzt auf gleich arbeitslos. Zukunftspläne sind kaputt, dafür treibt sie die Sorge um: Wie bezahle ich meine nächste Miete? Drei junge Stuttgarterinnen und Stuttgarter erzählen.

Nora Lühne, 25, hat gerade ihre Masterarbeit abgegeben

Nora LühneZwei Stunden, nachdem ich meine Masterarbeit in den Druck gegeben hatte, kam am Mittwoch der Anruf. Die PR-Agentur, bei der ich im April mein Volontariat anfangen sollte, hat den Vertrag einfach aufgelöst. Das hat mir erst einmal den Boden unter den Füßen weggerissen. Vor ein paar Tagen sagte eine Freundin noch: „Sei froh, du hast einen unterschriebenen Vertrag.“ Und ich war auch froh. Ich bin ein Fan davon zu wissen, wie es weitergeht, deswegen hatte ich den Vertrag schon im Dezember unterschrieben. Aber gerade habe ich keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Meine Werkstudentenstelle habe ich ja auch schon gekündigt.

Und wer stellt einen jetzt überhaupt ein? Mein Plan B war die Gastrobranche, da habe ich jahrelang nebenher gejobbt – aber das kann ich momentan ja auch vergessen. Gerade jetzt hätte ich gerne Freunde und Familie um mich, die mich mal in den Arm nehmen können. Ablenkung und mein soziales Umfeld täten mir gut. Klar, Skype ist gerade mein bester Freund, ich habe auch mit meiner Mutter telefoniert und meine Freundin hat mir eine Flasche Wein vor die Tür gestellt. Aber man muss am Ende erst einmal allein mit der Situation klarkommen.

Ich schwanke auch die ganze Zeit: auf der einen Seite Optimismus und der Wille, das Beste daraus zu machen. Ich bewerbe mich weiter auf alle möglichen Stellen. Ich glaube auch daran, dass alles seinen Sinn hat. Aber auf der anderen Seite ist es im Moment schwer, den Sinn zu erkennen, wenn die eigene Existenz bedroht ist. Ich will aber nicht nur jammern, schließlich hat gerade jeder sein Päckchen zu tragen.

Tim Hinzmann, 25, Minijobber in der Sattlerei in Stuttgart

Als das TTim Hinzmannhema Corona größer wurde, gab es unter den Kollegen schon die Befürchtung, dass wir irgendwann schließen müssen. Am 13. März kam dann der Erlass der Stadt Stuttgart, dass alle Clubs und Bars geschlossen werden. Für mich ist es im Moment noch okay, weil ich ein paar Rücklagen habe, von denen ich erst einmal leben kann. Mit der Zeit wird es dann aber schon eng und ich muss schauen, wie ich über die Runden komme.

Hinzu kommt, dass die Uni ja bis mindestens 20. April geschlossen ist. Den Prüfungszeitraum wollen sie aber nicht nach hinten verschieben, deswegen soll es eine Sechs-Tage-Woche geben, Brückentage sollen wegfallen. Dann könnte ich nur noch einen Tag in der Woche, also sonntags, arbeiten.

Ich finde es übrigens super, dass meine Vorgesetzten niemanden entlassen wollen und auch niemandem im Weg stehen, der jetzt versucht, woanders sein Geld zu verdienen. Vielleicht gibt es für uns auch so etwas wie ein Ausfallhonorar, aber das ist alles noch unklar. Und dann gäbe es ja noch die Option, zum Beispiel als Regalauffüller irgendwo einzuspringen.

Ich habe da gerade echt gemischte Gefühle: Ich bin ja froh, dass so konsequent durchgegriffen und alles geschlossen wird. Und ich habe auch noch die Hoffnung, dass es nicht ewig anhalten wird. Aber je länger es dauert, desto mehr drückt es auf die Stimmung.

Jenny Sloninka, 29, Werkstudentin bei Exit Games in Stuttgart

Wir mussten wegen Corona natürlich auch schließen, genauso wie alle anderen Kultur- und Freizeitzentren in Stuttgart. Unsere Chefs haben uns zugesichert: Im März werden sie noch alle Minijobber und Werkstudenten ausbezahlen. Ab April habe ich dann absolut gar keine Einnahmen mehr.

Jenny SloninkaAm Montag werde ich anfangen, alle möglichen Läden in der Umgebung abzuklappern und fragen, ob jemand Arbeit hat. Ich habe keine andere Wahl, irgendwie muss ich ja Geld verdienen – wegen der Fixkosten: die Miete, der Handyvertrag, das Fitnessstudio…

Ich habe auch beim Jobcenter angerufen. Sie sagten, sie schauen nach einer Lösung, aber man soll sich auch selbst umsehen. Es gehe gerade ganz vielen Studenten wir mir, meinten sie. Wir haben mit unserem Studentenstatus eben keinen Anspruch auf irgendwelche Leistungen wie Arbeitslosengeld. Es ist ja auch nicht so, dass ich nicht arbeiten will, ich darf nur nicht.

Man fühlt sich hilflos. Das ist eine Sache, mit der niemand rechnet und auf die sich niemand vorbereitet hat. Und am Schlimmsten ist die Unsicherheit: Wie lange geht das? Kann man sich auf den 19. April verlassen und die Zeit bis dahin überbrücken oder dauert es noch Monate?

Fotos: privat