An diesen Orten gibt’s Kultur in den eigenen vier Wänden

Selbermachen statt meckern: In Stuttgart veranstalten eine Handvoll Idealisten jede Menge Wohnzimmerkonzerte, Lesungen oder Ausstellungen – in den eigenen vier Wänden, im Atelier oder sogar im Büro. Ein unvollständiger Stadtkind-Überblick.

Stuttgart – Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, mach es selbst. Zugegeben, eine ziemliche Binsenweisheit. Aber eben doch eine mit einem Fünkchen Wahrheit. Allzu oft sieht es nämlich so aus: Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, meckere online darüber, bis es jemand anderes tut. Eigeninitiative tritt da oft in den Hintergrund. „Man müsste mal“, „man könnte“ oder „jemand sollte“ werden da schnell zu geflügelten Worten.

Idealismus pur

In Stuttgart gibt es einige idealistische Menschen, die darauf keine Lust haben. Die Dinge lieber aktiv mitgestalten und das Stadtleben auf diese Weise verändern und bereichern. Und gerade im Kulturbereich, dem es ja bekanntermaßen an allem mangelt, was man sich vorstellen kann, ist das Gold wert. Menschen, die Wohnzimmerkonzerte veranstalten. Die ihre WG für Ausstellungen oder Lesungen zur Verfügung stellen, die ihr Büro leerräumen, um Musikern eine Bühne zu geben. Dass das toll ist, muss man nicht extra erwähnen. Und dass damit eigentlich kein Cent Gewinn rausspringt auch nicht. Die große Frage ist also: Warum zur Hölle machen die das?

Claudia (rechts) und Holger (links) bringen Musik in die Wohnzimmer.

Konzerte im Wohnzimmer

Claudia Zielfleisch, die mit ihrem Verein InDieWohnzimmer (pun intended) seit Jahren Wohnzimmerkonzerte organisiert, kann schon die Frage gar nicht verstehen. „Ohne die große Zahl von ehrenamtlich tätigen Menschen, die Dinge einfach mal in die Hand nehmen, wäre vieles nicht möglich“, sagt sie. Seit November 2012 hat sie an die 60 Konzerte organisiert, die meisten in ihrem Wohnzimmer in Feuerbach.

Die Stadt ist gefragt

Mittlerweile ist es eben sehr schwierig, mit dem Veranstalten von Konzerten ein Auskommen zu erwirtschaften. Kultur, vor allem im kleinen Rahmen, ist oft ein Verlustgeschäft. „Da wäre es wünschenswert“, findet Claudia, „wenn es in einer wohlhabenden Stadt wie Stuttgart mehr unkompliziert zu erlangende Projektförderung geben würde. Mir würden da für den Konzertbereich zum Beispiel städtische Räumlichkeiten vorschweben, in die sich diverse Veranstalter mehr oder weniger kostenfrei einbuchen könnten.“

Party im Büro

Bis es soweit ist (und wohl selbst danach) veranstaltet sie einfach munter weiter ihre eigenen Konzerte. Das nächste übrigens mit dem Stuttgarter Urgestein Stefan Hiss am 24. November. „Es macht immer noch großen Spaß, Musiker und immer wieder neue Gäste zu betreuen, zu bewirten und die Intimität eines Konzerts in diesem ungewöhnlichen Rahmen zu genießen“, so ihr Fazit.

Auch Fotograf David Späth und Manuel Wagner von Wagnerchic Postproduction & Retouching sind unter die Veranstalter gegangen. Was mit dem einen oder anderen Wohnzimmerkonzert bei Manuel zuhause begann, haben er und sein Kollege mittlerweile an ihren Arbeitsplatz getragen. Passenderweise „Bürokonzert“ getauft, empfangen sie das nächste Mal am 21. November den französischen Liedermacher Raoul Vignal und musikinteressierte Gäste an der Liststraße im Stuttgarter Süden.

Manuel (links) und David (rechts) in ihrem „Büro“.

Überstunden machen Freude

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir mit den Konzerten Leute erreichen, die eventuell gar keinen Zugang zu bestimmten Musikrichtungen haben oder einfach nur neugierig werden, weil das Konzert nicht in einer klassischen Konzertlocation stattfindet“, so Manuel. Dafür legen die beiden gern ein paar Überstunden im Büro ein – nicht zuletzt natürlich, weil sie Musik lieben. „Stimmt schon, Musik ist für uns beide eine große Leidenschaft und auch unser Antrieb. David hat im Sommer sein erstes Musikvideo für den Song ‚Niemals‘ der Band Die Nerven gedreht und ich porträtiere regelmäßig Musiker die mich faszinieren und begeistern. Für uns beide ist das ein schöner Kontrast zu unserer täglichen Arbeit.“

Ebenfalls recht neu auf der privaten Bühne sind die Künstlerin Danielle Zimmermann und der Philosoph Dirk Lenz. Ihr Atelier mit den beeindruckend hohen Decken ist Austragungsort der Atelierkonzerte. Fünf waren es bisher, ab 2019 sollen es zwischen vier und fünf Konzerte pro Jahr werden. „Wir haben das große Glück, im Stuttgarter Osten ein großes Atelier mit sechs Meter hohen Decken mieten zu dürfen“, so Dirk. „Das ist wie gemacht für schöne Konzerte, die Luft zum Atmen brauchen.“

Wir gehen meist mit finanziellem Minus raus

Auch Danielle und Dirk sehen sich nur als Ergänzung. „Diese Konzerte bieten eine andere Atmosphäre. Man ist viel enger an den Musikern dran, die Stimmung ist sehr konzentriert, alles fühlt sich an wie eine private Party bei Freunden“, findet Dirk. Eine private Party, die natürlich auch Geld kostet. „Investiert wird ja nicht nur Freizeit, wir gehen bei solchen Sachen auch meist mit finanziellem Minus raus“, sagt Dirk. Aber das ist ihm egal. „Wir können das ohne große Probleme leisten. Und diese Privilegien möchten wir gerne weitergeben.“

Literatur statt Happening

Wohnzimmerkultur gibt es auch abseits von Konzerten. Unter dem Namen zwischen/miete kümmert sich das Literaturhaus Stuttgart um junge Literatur. „Wir möchten junge Autorinnen und Autoren fördern und ihnen eine Möglichkeit geben, sich und ihre Texte zu präsentieren. Außerdem wollen wir junge Menschen dazu motivieren, sich mit Literatur auseinanderzusetzen“, so sagt Organisatorin Nina Wittmann.

Das Konzept: Junge Schriftsteller lesen in Stuttgarter WGs. Für fünf Euro Eintritt gibt es ein Bier, eine Brezel und die Lesung. Die nächste zwischen/miete steigt in der WG des Autors und Sprechers Fabian Neidhardt. „Ich denke, viele Leute kommen des Happenings wegen“, sagt der zu der Veranstaltungsreihe. „Die Autorin, der Autor sind zweitrangig. Weil es cool ist, in fremde Wohnungen zu kommen. Und wenn das Menschen wieder zur Literatur bringt, ist das eine ziemlich schöne Sache.“ Findet auch Nina. „Es ist etwas Besonderes, die eigenen Räumlichkeiten für einen Abend zum literarischen Veranstaltungsort werden zu lassen.“

Erweiterung statt Konkurrenz

Stattfinden wird das Ganze in der Gutenbergstraße im Stuttgarter Westen, auch hier betont Fabian: „Wir sind keine Konkurrenz für Kulturförderung, sondern eine Erweiterung. Es ist ja Teil des Erlebnisses, dass es in einer WG passiert und nicht ‚nur‘ in einem normalen Veranstaltungsraum.“ Es ist vielleicht also gar nicht schlecht, dass es gewisse Kunstformen in einer Stadt wie Stuttgart nicht allzu leicht haben. Der Erfindergeist sorgt nämlich auch hier für einige ganz erstaunliche Blüten, die das kulturelle Leben im Kessel wirklich bereichern. Dies, liebe Kulturförderer, ist allerdings noch lang kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen!

Mehr Infos:

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