Alltags-
philosophische Ratschläge: Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um?

In unserer neuen Serie zeigt Emanuel Grammenos, dass Philosophie nicht verstaubt sein muss, sondern ganz praktisch im Alltag helfen kann. Endlich klarer Stellung beziehen, nicht mehr ausnutzen lassen, Entscheidungen treffen: In der ersten Ausgabe „Alltagsphilosophische Ratschläge“ gibt Emanuel Tipps, wie ihr schwierigen Situationen und Menschen entschiedener entgegentreten könnt.

Stuttgart – Bist du ein Mensch, der oft das Gefühl hat, dass andere über ihn hinweggehen? Fühlst du dich oft ausgenutzt? Findest du dich oft in Situationen wieder, in denen du denkst: „Warum habe ich da nicht klarer Stellung bezogen?“ Und: Tust du dich allgemein mit Entscheidungen schwer? Wenn du eine oder mehrere dieser Fragen mit Ja beantwortest, dann könnte die sogenannte Tit-for-Tat Strategie etwas für dich sein. Darum wird es in dieser Folge von „Alltagsphilosophische Ratschläge“ gehen.

Philosophie für den Alltag

Stelle dir folgende beispielhafte Situation vor, in der du mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert bist: Dein*e Chef*in will, dass du längerfristig die Arbeit eines kranken Kollegen mit übernimmst. Du arbeitest seit einem Jahr in dem Unternehmen und bist Berufsanfänger*in. Bei der Einstellung wurde dir eine Gehaltserhöhung nach der Probezeit zugesagt, die ist aber nie gekommen.

Jetzt fragst du dich, ob du die zusätzliche Arbeit übernehmen sollst oder nicht? Keine leichte Entscheidung. Hier kann Tit-for-Tat helfen. Schau dir also kurz mit mir an, worum es dabei geht, bevor ich das Ganze auf unser Beispiel übertragen werde.

Tit-for-Tat kommt aus der sogenannten Spieltheorie. In der Spieltheorie geht es um eine spezielle Problemstellung, kurz: ein Spiel. Dieses Spiel wird sehr oft wiederholt und dann wird geschaut, welche Strategie die erfolgreichste ist. Kurzer Spoiler an dieser Stelle: Tit-for-Tat ist die erfolgreichste Strategie, die es gibt.

‚Erfolgreich‘ bedeutet in unserem Kontext: ‚das Ziel erreichen, das ich mir gesetzt habe‘. Dieses Ziel kann alles Mögliche sein. In unserem Beispiel ist dieses Ziel: ‚zufrieden im Arbeitsleben sein‘. Was du zum Beispiel genauer fassen könntest als: ‚entweder viel Zeit haben oder viel verdienen und früh in den Ruhestand gehen, um Zeit zu haben‘.

Es kann natürlich auch etwas ganz anderes bedeuten wie zum Beispiel ‚Menschen helfen, ihre Probleme zu lösen‘, ‚Kindern einen guten Start ins Schulleben ermöglichen‘, ‚Gäste mit dem besten Essen beglücken‘, ‚einen Beitrag zum ökologischen Wandel leisten‘ und so weiter. Ich wollte hier aber ein Beispiel wählen, das recht einfach und oberflächlich(er) ist. Denn dann lässt sich der entscheidende Punkt klarer verdeutlichen.

Das Leben ein Spiel?

Dein*e Chef*in will also, dass du mehr Arbeit übernimmst, weil dein*e Kolleg*in lange krank ist. Denke noch mal daran, dass die Spieltheorie sich mit Spielen beschäftigt, die sehr oft wiederholt werden. In unserem Beispiel ist jede Situation, in der du etwas entscheidest, ein eigenes Spiel, sofern deine Entscheidung etwas mit der Arbeit zu tun hat und sich auf deinen Lohn oder deine Freizeit auswirkt. Denn das waren ja die Ziele, die wir oben als ‚Zufriedenheit im Arbeitsleben‘ definiert haben. Wenn du durch deine Entscheidung dem Ziel näherkommst, hast du das Spiel ‚gewonnen‘. Wenn du dem Ziel nicht näherkommst, hast du ‚verloren‘.

Tit-for-Tat ist nun definiert als eine Strategie des „cooperating on the first move and then doing what-ever the other player did on the preceding move“ . Sprich: Du kooperierst am Anfang immer und schaust dann, was dein Gegenüber macht. Wenn dein Gegenüber ebenfalls kooperiert, machst du weiter mit deiner Kooperation. Wenn dein Gegenüber nicht kooperiert, dann hörst du auf zu kooperieren. Fängt dein Gegenüber wieder an zu kooperieren, dann fängst du auch wieder an.

Klingt abstrakt? Ist aber ganz einfach.

Schauen wir das am Beispiel etwas genauer an: Wie gesagt, hast du vor Kurzem angefangen, in dem Unternehmen zu arbeiten. Beim Einstellungsgespräch wurde ausgemacht, dass du in der Probezeit weniger Gehalt bekommst, und dein*e Chef*in hat zugesagt, dass dein Gehalt nach der Probezeit erhöht wird. Du hast also kooperiert (Job angenommen trotz schlechter Bezahlung) für das Versprechen einer Kooperation in der Zukunft (Gehaltserhöhung nach der Probezeit). Jetzt arbeitest du seit einem Jahr dort, aber die Gehaltserhöhung kam nie. Dein Gegenüber hat also nicht kooperiert. Durch den Ausfall der Kollegin oder des Kollegen ist nun eine ‚Notsituation‘ eingetreten.

Dein*e Chef*in braucht deine Hilfe – anders ausgedrückt: Deine Kooperation. Du fragst dich also: Soll ich die Extra-Arbeit übernehmen oder nicht? Die Antwort unter der Anwendung der Tit-for-Tat-Strategie ist ganz klar: Nein. Denn dein*e Chef*in hat aufgehört, mit dir zu kooperieren, will aber, dass du weiterhin kooperierst.

Die fehlende Gehaltserhöhung ist ein ‚Verlieren‘ für dich. Du bist dadurch deinem Ziel ‚Zufriedenheit im Arbeitsleben‘ nicht nähergekommen. Eine weitere Kooperation von dir ohne Kooperation von deinem Gegenüber würde dich sogar weiter weg von deinem Ziel bringen.

Was kannst du also tun? Ich sehe hier zwei Optionen:

Du kannst still und heimlich die fehlende Kooperation deiner Chefin/deines Chefs bewerten und einfach sagen: „Sorry, aber die Arbeit werde ich nicht übernehmen“.

Besser fände ich es aber, auf die fehlende Kooperation hinzuweisen. Du könntest zu deiner Chefin/deinem Chef gehen und sagen: „Ich bin gerne wieder bereit, mehr Aufgaben zu übernehmen (also wieder anzufangen zu kooperieren), wenn Sie das Gehalt erhöhen (Sie kooperieren), aber bis dahin stehe ich nicht zur Verfügung“.

Hm, aaaber…

Vielleicht denkst du jetzt: „Aaaaaber … wenn ich das mache, dann verliere ich meinen Job“. Mach dir klar: Wenn dem so ist, dann spielt dein*e Arbeitgeber*in eine neue Runde des Spiels. Sie/Er sagt dann: „Ich habe nicht nur aufgehört, beim letzten Zug zu kooperieren, sondern ich nehme selbst die erste Kooperation (die Anstellung) zurück“. Er/Sie verhält sich somit also komplett irrational.

Allerdings ist es ja nicht sicher, dass es so kommen muss, wenn aber doch solltest du dir ernsthaft überlegen, wie wichtig der Job ist, und ob du nicht lieber wo anders arbeiten solltest. Aber, unabhängig dieses Worst-Case-Szenarios (davon wird der nächste ‚Alltagsphilosophische Ratschlag‘ handeln) würde ich empfehlen, die Tit-for-Tat-Strategie mal zu probieren. Denn eines ist klar: Würden alle Menschen diese Strategie konsequent spielen, würden wir deutlich mehr kooperieren. Die Strategie kannst du übrigens auch super auf andere Beispiele neben der Arbeit übertragen. Sie funktioniert in Freundschaften, Liebesbeziehungen, mit den Eltern und bei vielem mehr.

Let the games begin …

*Dieser Text ist eine gekürzte Version. Den vollständigen Text gibt es auf Emanuels Blog >>>

Emanuel Grammenos ist ein Philosoph aus Stuttgart. 2014 hat er die Reihe „Auf ein Bier mit der Philosophie“ gestartet. Der Plan: Philosophie zugänglicher zu machen. Weg vom klassischen Vortrag hin zum regen Austausch. Diskutiert wurde über sämtliche Themen, die junge Erwachsene interessieren – Macht, Körperlichkeit, Gender, digitale Öffentlichkeit und vieles mehr. Im Herbst/Winter wird es neue Termine geben. Neben den Vorträgen betreibt Emanuel einen Blog, auf dem er über Alltägliches und Allzualltägliches schreibt >>> Außerdem berät er Menschen als Philosophischer Praktiker und systemischer Berater.

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