Aktivistin aus Stuttgart: „Jedes Kind soll wählen dürfen“

Marianne Siebeck ist Schülerin und Aktivistin. Zusammen mit anderen macht sie sich im Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ stark – und kettet sich für ihre Überzeugung auch mal an den Bundestag. Stadtkind hat mit ihr gesprochen.

Stuttgart – Marianne Siebeck redet schnell und viel. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine ganz normale Schülerin: 19 Jahre ist sie alt und steckt mitten im Abitur. Aber dann gibt es eben diese Tage, an denen sie in der Schule fehlt, weil sie Lobbyismus im Bundestag macht – oder sich an dessen Kuppel festkettet. Marianne ist Aktivistin. Sie kämpft dafür, dass Kinder und Jugendliche eine politische Stimme bekommen. Im Interview mit Stadtkind spricht die Stuttgarterin nicht nur darüber, was passiert, wenn man sich an den Bundestag kettet. Sie erzählt außerdem, warum Politiker auch nur Menschen sind und was sie mit dem Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ erreichen will, den sie mitgegründet hat.

„Wir waren angekettet, bis sie mit dem Bolzenschneider kamen“

Stadtkind Stuttgart: Du hast dich vor einiger Zeit mit anderen an den Bundestag festgekettet. Warum hast du das gemacht?

Marianne Siebeck: Das war gemeinsam mit verschiedenen Aktivisten aus ganz Deutschland – nicht von unserem Verein aus. Ich habe schon Lobbyismus im Bundestag gemacht und gemerkt, dass mich die Politiker nicht ernst nehmen. Wir haben deshalb überlegt, wie wir unser Anliegen künstlerisch darstellen können. Und da wir künftigen Generationen untrennbar mit dem Bundestag verbunden sind, haben wir uns angekettet. Die Message dahinter war: Wir wollen eine politische Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen.

Wie lange wart ihr da angekettet?

Eineinhalb Stunden tatsächlich. Die waren dort erst sehr überfordert, aber irgendwann kamen sie eben mit einem Bolzenschneider. Wir hatten einen Brief an die Bundesregierung geschrieben, in dem wir unser Anliegen klar formuliert hatten. Wir wollten auch selbstständig gehen, nachdem wir den Brief übergeben durften. Das wurde uns untersagt und wir wurden in Gewahrsam genommen. Dann wurden die Personalien aufgenommen und nach zwei Stunden durften wir wieder gehen.

„Die Konsequenz ist: noch konsequenter sein“

Habt ihr mit der Aktion etwas Konkretes erreicht?

Unser direktes Ziel, diesen Brief zu überreichen, haben wir nicht erreicht. Im ersten Moment habe ich mich sehr geärgert, weil ich es nicht verstehen konnte. Aber drumherum ist ja viel entstanden: Wir haben es in die Medien geschafft, Aufsehen erregt und es ist eine Petition mit mehr als 50.000 Unterschriften entstanden. Es ist vielleicht ein bisschen unverhältnismäßig, deswegen jetzt eine Anzeige zu bekommen, aber die Konsequenz, die ich daraus ziehe, ist noch konsequenter zu sein. Das war nicht die letzte Aktion in diese Richtung.

Diese Anzeige macht dir nichts aus?

Das macht mir schon was aus und es hat mir auch echt Angst gemacht, aber ich habe irgendwann in meinem Leben entschieden, dass ich nicht mehr so gegen mein Gewissen handeln möchte. Dafür muss ich auch Folgen wie diese in Kauf nehmen.

„Bildung ist fast wie ein diktatorisches System“

Nun kettest du dich nicht jeden Tag an Gebäude. Du bist auch sehr aktiv in dem Verein „Demokratische Stimme der Jugend“. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine demokratische Jugend-NGO. Entstanden ist die aus dem „Bildungsgang“. 2017 sind ganz viele Jugendliche in Stuttgart auf die Straße gegangen, weil sie unzufrieden waren mit dem Bildungssystem, wie es gerade ist. Der Verein ist eine Jugendbewegung, ein Gremium kann man fast sagen, in dem wir nicht nur einzelne Themen wie Bildung betrachten, sondern uns die Dinge grundlegend anschauen und sie verändern wollen.

Was stört euch denn an dem aktuellen Bildungssystem?

Bildung wird momentan kollektiv gedacht. Wir haben Systeme, in die man einfach reinpassen muss. Es gibt keine Möglichkeit für selbstbestimmte Bildung, für Selbstentfaltung. Man könnte fast von einem diktatorischen System in der Demokratie sprechen.

Erinnerst du dich an konkrete Situationen, in denen du das Gefühl hattest, dich in der Schule nicht entfalten zu können?

Ich erinnere mich an sehr viele Momente, in denen ich Fragen hatte, die weiter gingen, als der Lehrstoff es vorgesehen hatte. Der Lehrer sagte dann: „Das hat hier gerade keinen Platz, das passt nicht.“ Und ich habe meine Fragen zurückgestellt und konnte nur das nehmen, was der Lehrer mir gegeben hat.

„Jedes Kind soll wählen dürfen“

Eure konkrete Forderung ist unter anderem ein Deutscher Jugendrat. Was soll das sein?

In unserer Demokratie wird eine ganze Generation ausgeschlossen, die in Zukunft aber die Folgen der heutigen Entscheidungen zu tragen hat. Diese junge Generation soll auf Bundesebene ein Gremium bekommen, das ihre Interessen vertritt und es soll ein Zukunftsveto haben, beispielsweise bei Entscheidungen wie dem Kohleausstieg. Dass wir sagen können: Nein, es ist unsere Zukunft, die hier gerade verspielt wird. Der Jugendrat soll dafür sorgen, dass Jugendliche Mitentscheidungsrechte haben und mehr das Gefühl haben, ein Teil sein zu können.

Ihr setzt euch auch für ein Kinder- und Jugendwahlrecht ein. Ab wie vielen Jahren soll man denn wählen dürfen?

Ab dem Zeitpunkt, zu dem man sich selbstständig in ein Wahlregister einträgt. Jedes Kind, das wählen will, soll wählen dürfen.

Wenn meine Eltern mir als Kind gesagt hätten, ich soll mich registrieren und die oder die Partei wählen, hätte ich das vielleicht gemacht. Meinst du nicht, dass Kinder von außen manipuliert werden könnten?

Damit wäre natürlich zwangsläufig eine Veränderung in ganz vielen Bereichen verbunden. Politische Bildung hätte plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Man müsste in der Schule viel darüber reden, wie man sich eine politische Meinung bildet. Natürlich ist Manipulation eine Gefahr, aber die müsste thematisiert werden. Und Kinder haben auch ihre eigene Meinung.

Denkst du wirklich, dass jeder Jugendliche unter 18 Jahren schon eine politische Meinung hat?

Ich bezweifle, dass die Erwachsenen alle eine haben… Das ist aber auch keine Begründung dafür, ihnen das Grundrecht der Mitbestimmung in einer Demokratie zu entziehen. Bei erwachsenen ist der IQ und die politische Bildung auch nicht ausschlaggebend für das Wahlrecht.

„Politiker sind auch nur Menschen“

In Baden-Württemberg stehen bald die Kommunalwahlen an, bei denen man schon mit 16 Jahren wählen darf. Hältst du diese Wahlen auch für wichtig?

Klar! Auf jeden Fall sollte man wählen! Nur ist man nicht nur mitverantwortlich an dem Tag, an dem man sein Kreuzchen macht. Man kann sich im Rathaus die Sachen anhören oder Rathausabgeordnete anrufen. Politiker sind auch nur Menschen. Die werden so oft als Bösewichte dargestellt – und sie verbocken auch wirklich viel – aber sie sind auch nur gefangen im System.

Was du so erzählst, klingt alles nach viel Aufwand. Du steckst gerade mitten im Abitur. Wie kriegst du das alles unter einen Hut?

Das glaubt mir kaum noch jemand, aber es ist möglich. Es geht viel mehr, als man immer denkt. Ich bin da auch nicht besonders, das ist nicht angeboren. Man muss es nur machen. Wobei ich es nicht verherrlichen will. Natürlich kämpfe ich auch mit der Schule, ich hatte die letzten Jahre nicht die besten Anwesenheiten, aber das Drumherum ist so gut, dass ich das auch innerlich irgendwie stemmen kann.

Willst du nach dem Abitur in die politische Richtung?

Viele sagen, ich soll es machen. Ich kann mir eher vorstellen, mich in das Geld- und Wirtschaftssystem einzuarbeiten. Mir will nicht in den Kopf, wie das so ungerecht sein kann, also manche Leute in Geld schwimmen, während andere verhungern. Und dann von außen auf die Politik zugehen, also mehr Lobbyismus. Mir ist der politische Apparat irgendwie zu schwerfällig. Nach dem Abi werde ich aber erstmal nach Berlin ziehen und ein oder zwei Jahre mehr Power in den Verein stecken.