Äthiopien goes Stuttgart: Leben mit der Katastrophe

Zwei junge Fotografen haben im Tatti Bilder eines Alltags im Ausnahmezustand gezeigt – und erklärt, wie das Leben in Äthiopien zwischen Hungersnot und Bürgerkrieg wirklich aussah.

Stuttgart – Ein kleiner Junge hält eine Pistole in der Hand und schaut betreten in die Kamera. Neben ihm steht ein Leuchter mit zwei Kerzen. „Seine Eltern haben ihm die Waffe zu seinem zweiten Geburtstag gegeben“, erklärt Philipp Schütz und streicht über das knittrige Schwarz-Weiß-Foto. Kurz nach dem Bild habe sich ein Schuss gelöst und der Kleine sei fast getroffen worden. „Seither feiert die Familie nicht mehr seinen Geburtstag, sondern seinen Überlebenstag.“

„Wie kamen Menschen in dieser Welt zurecht?“

Die Story des fragwürdigen Geburtstagsgeschenks ist nur eine der Geschichten, die Philipp gemeinsam mit der äthiopischen Fotografin Wongel Abebe in seinem Fotoprojekt „Vintage Addis Ababa“ erzählt. Der Bildband, den das Duo am Montag im Tatti vorstellte, zeigt eine fast vergessene Alltagswelt – weit weg von allen Klischees.

Lange Zeit galt Äthiopien als politisches und humanitäres Sorgenkind am Horn von Afrika. Die Geschichte des Landes klingt erschreckend nach dem Drehbuch eines Katastrophenfilms: Während der sozialistischen Diktatur wurden Regimegegner auf offener Straße hingerichtet. Hungersnöte stürzten rund acht Millionen Menschen in die Verzweiflung. Es gab Zwangsenteignungen, Ausgangssperren, Bürgerkriege.

„Aber wir wollten wissen, wie das Leben in Äthiopien in den 1970ern und 1980ern wirklich aussah. Wie die Menschen in dieser Welt zurecht kamen“, sagt Wongel. Rund 2500 Fotos aus privaten Fotoalben der Einwohner der äthiopischen Hauptstadt Addis Ababa haben die beiden dafür gesammelt und online archiviert.

Menschen erzählen ihre Geschichte

In der Schule hat die 23-Jährige vor allem die Eckdaten des Elends kennengelernt. Die nationale Geschichte als Landkarte des Niedergangs. „Und auch in den internationalen Medien wurde Äthiopien lange sehr negativ dargestellt“, sagt Wongel. Deshalb begann sie, Geschichten von Menschen zu sammeln, die inmitten der Katastrophe ihren Alltag führten – und sich dabei eine eigene Form von Normalität bastelten.

Viele dieser Geschichten haben Wongel und Philipp direkt von den Menschen erzählt bekommen. „Wir sind an Orte gegangen, an denen viele ältere Leute sind und haben ihnen das Projekt erklärt“, erzählt Wongel. Mit vielen aßen sie zu Mittag, führten lange Telefonate und spielten gemeinsam Brettspiele. „Die Leute mussten uns erstmal vertrauen und sehen, dass wir mit ihren Bildern nichts Schlimmes machen“, so Philipp.

Oft bekamen sie auch Rückmeldungen von jungen Leuten, die Bilder ihrer Familien mit ihnen teilten. „Wir wollten auch die Generationen zusammenbringen“, sagt Wongel. „Viele junge Leute haben so vielleicht das erste Mal ihre Eltern oder Großeltern gefragt, wie sie früher gelebt haben.“

Geschichten in Bildern: Die Fotomontage dreier Brüder

„Vintage Addis Ababa“ ist so zum digitalen Gedächtnis einer vergessenen Realität geworden. Die Fotos, die Philipp und Wongel in ihrem Fotoband zeigen, wirken auf dem weißen Papier fast surreal. Ein bisschen zerknittert, aus einer anderen Zeit, einem fremden Leben. Dem, das nicht in den Geschichtsbüchern steht.

Infos zum Projekt gibt es hier >>>

Titelbild: Sabine Fischer

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