6 Aussagen über Suizid, die nicht stimmen

Über Suizidalidät wird nur selten offen gesprochen. Dadurch entstehen viele Irrtümer, die Angehörige und Betroffene belasten. Unsere #letstalkaboutmentalhealth-Autorin versucht in ihrer heutigen Kolumne einige davon aus der Welt zu schaffen. Am Ende finden sich Anlaufstellen und Hilfsangebote

Stuttgart – Über Suizid wird nicht gerne gesprochen. Das führt zur Ausgrenzung von Betroffenen und Angehörigen. Wenn sich jemand das Leben nimmt, steht das große Warum drückend im Raum. Man fragt sich, was falsch lief, wie man mit dem Gefühl von Schuld umgeht und ob man es hätte erahnen können. Dieser Artikel soll helfen, Antworten zu finden, um diesem erdrückenden Thema, wenn auch nur ein wenig, die Schwere zu nehmen.

„Wer sich umbringen möchte, spricht nicht darüber.“

Jeder Mensch ist unterschiedlich. Und grundsätzlich stimmt es nicht, dass suizidale Personen nicht über ihre Gedanken sprechen. In 8 von 10 Fällen werden Suizidabsichten vorab geäußert. Ob das subtil in einem Nebensatz geschieht („Ich komme nicht zum Abendessen, aber meine Anwesenheit ist sowieso nicht von Bedeutung“) oder eine klare Todesabsicht geäußert wird („Ich wünschte, mich gäbe es nicht mehr“) – jede Aussage sollte ernstgenommen werden. Nicht immer ist es als Außenstehender klar zu deuten, dass sich jemand in einer suizidalen Krise befindet, allerdings ist Vorsicht in jedem Fall besser als Nachsicht. Im Zweifel hilft es eine professionelle Person zu Rate zu ziehen.

„Wer sich das Leben nimmt, ist egoistisch.“

Suizidalität kann Symptom einer psychischen Erkrankung sein. Ebenfalls kann es eine Reaktion auf eine Krise sein. Suizide passieren nicht aus Egoismus, sie sind die Folge schwerer Erkrankungen, in welchen sich Betroffene sehr einsam gefühlt haben können. Auch kann es sich anfühlen wie der einzige Ausweg oder eine Erlösung vom vorangegangenen Leiden. Auch wenn es Suizid-Angehörige schwer trifft, Betroffene haben oftmals das Gefühl, ihr Umfeld durch ihren Tod zu „entlasten“.

„Wer versucht sich umzubringen, will nur Aufmerksamkeit.“

Viele Suizidversuche bleiben unentdeckt. Weitaus mehr Männer als Frauen nehmen sich das Leben, allerdings ist die Zahl der Suizidversuche bei Frauen Schätzungen zufolge zehnmal höher. In Extremfällen kann es vorkommen, dass Betroffene Suizidandrohung oder Versuche als Druckmittel verwenden. Und auch wenn es Suizidversuche gibt, die „bloß“ der Aufmerksamkeit dienen, zeigen sie ein tiefgehendes Problem und die Betroffenen benötigen dringend professionelle Hilfe. Suizidale Handlungen können Anzeichen psychischer Erkrankungen sein.

„Suizide sind nur eine Randerscheinung.“

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund 10.000 Menschen das Leben. Jeder fünfte Deutsche erkrankt einmal in seinem Leben an einer Depression. Die Folge einer Depression kann Suizid sein. Weltweit stirbt ca. alle 40 Sekunden ein Mensch durch Suizid. Im Vergleich: ca. 3500 Menschen sterben jährlich durch Autounfälle.

„Suizidalität ist freier Wille.“

Es gibt philosophische Ansätze und andere Gründe für einen selbstgewählten Tod (zB. Protest). Allerdings ist Suizidalität resultierend aus einer psychischen Erkrankung kein freier Wille. Ungleichgewichte im Gehirn, chronische Depressionen und schwere Krisen können Auslöser für einen Suizid sein. Eine Erkrankung schränkt die eigene Entscheidungskraft stark ein. Oftmals sehen Betroffene Suizid als letzten Ausweg.

„Suizidalen Menschen kann nicht geholfen werden.“

Sowohl das Umfeld als auch man selbst, hat die Möglichkeit zu helfen. Suizidgedanken müssen nicht alleine ausgehalten werden. Es gibt Anlaufstellen, die bei akuten Suizidgedanken Hilfe anbieten (siehe Ende des Artikels). Depressionen sind behandelbar, Probleme lösbar und das Leben nicht so schwer, wie es sich in einem dunklen Moment anfühlen mag. Wer sich in die Hoffnungslosigkeit verliert und nur noch den eigenen Tod als letzten Ausweg sieht, dem kann ich versprechen, dass es einen anderen Ausweg gibt. Es muss sich nicht immer so schwer anfühlen. Therapeutinnen können durch eine schwere Krise begleiten. Notfallnummern sind rund um die Uhr erreichbar.

Wir können alle helfen, indem wir das Thema normalisieren, offen darüber sprechen, Betroffene und Angehörige unterstützen und verständnisvoll mit unserem Umfeld umgehen.

Menschen werden sich verändern, das Leben wird leichter und du solltest am Leben sein, um genau das zu erleben.

Titelbild: Yuris Alhumaydy/unsplash

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft, erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

Quellen:

Statistisches Bundesamt
GenderMed-Wiki

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