30 Tage ohne Netflix und Co. – geht das?

Feierabend, Langeweile oder einfach nur Prokrastination? Fast täglich grüßt unser Netflix-Profil. Aber muss das sein? Unsere Autorin findet: Nein! – und hat 30 Tage lang Serien-Detox gemacht.

Stuttgart – Na, was suchtest du gerade? Oder sollte ich besser fragen: Wie viel? Denn, dass du’s tust, weiß ich. Laut einer Studie von Splendid schauen bis zu 50 Prozent der Deutschen an mindestens vier bis sieben Tagen in der Woche eine Serie. Wer zwischen 18 und 29 Jahren alt ist, aller Wahrscheinlichkeit nach auf Netflix und Co. So wie ich halt. Glow, Greys Anatomy, The Crown, House of Cards, Modern Family, Friends, Game of Thrones, Riverdale – ihr dachtet, das wäre alles? Oh nein. Die Liste der Serien, mit denen ich (fast) durch bin, ist länger als der abendliche Stau auf der A8.

Challenge Accepted

Für Android gibt es jetzt die App Statflix, die uns zeigt, wie viel Lebenszeit wir auf Netflix verbringen. Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass die App auf meinem iPhone nicht funktioniert. Denn ich will gar nicht wissen, wie viele Stunden ich im letzten halben Jahr auf Netflix verbracht habe. Als Studentin mit einem viel zu gechillten Erasmus-Semester hatte ich neben Freunden und Sport noch genügend Zeit, dass da schon mal fünf (?!) Stunden Serie am Tag zusammenkamen.

Pünktlich nach der letzten Folge „Modern Family“ habe ich entschieden: ab jetzt 30 Tage ohne Netflix und Co. Keine Serien mehr zum Essen, beim Zähneputzen und auch keine mehr nach der Arbeit. Und Achtung, Spoiler: Ich hab es überlebt.

Wie häufig haben Sie im vergangenen Monat Serien geschaut? | © 2018 SPLENDID RESEARCH GmbH

„All-you-can-watch-Mentalität“

Klar, Video-on-Demand ist die Zukunft. Aber ob ich am Abend nun zwei Stündchen Netflix oder Fernsehen schaue, macht ja keinen Unterschied, oder? Prof. Dr. Claus-Peter H. Ernst von der European Management School in Mainz beschäftigt sich seit 2015 mit Serien-Anbietern und dem damit verbundenen Nutzungsverhalten. Er sieht das etwas anders. „Im Fernsehen kann ich als Nutzer nur eine begrenzte Zeit lang spezifische Formate konsumieren“, sagt er. Im Gegensatz dazu herrsche bei den Online-Streaming-Anbietern eine „All-you-can-watch“-Mentalität. Wenn sich der Nutzer für eine Serie entschieden hat, dann kriegt er davon, für eine begrenzte Summe Geld im Monat, so viel wie er nur will. Und damit falle es natürlich auch leichter, das Produkt im Übermaß zu konsumieren.

Roman des 21. Jahrhunderts?

Serien ziehen uns wie gute Bücher in ihren Bann. | Foto: Victoria Heath via Unsplash

Statt zehn Buchtipps gibt es auch von uns Stadtkindern eher 10 Gründe, warum wir Stranger Things feiern und auf anderen Seiten können wir lesen, welches Essen perfekt zu unseren Lieblingsserien passt. Ich feier das, versteht mich nicht falsch. Die „Serienkultur“, falls man sie so nennen kann, ist nun mal Teil unserer Generation. Und eine gut produzierte Folge „Black Mirror“ ist sicher wertvoller als ein schnulziger Groschenroman oder eine Folge „Frauentausch“.

Mindestens sechs Folgen am Stück

Aber bei Netflix und Co. habe ich manchmal das Gefühl, es geht gar nicht mehr nur um die Story selbst. Sobald eine gute Serie vorbei ist, sucht man sich schließlich sofort eine neue. In meinem Freundeskreis höre und sage ich oft den Satz: „Du, ich brauch‘ unbedingt ’ne neue Serie, kannst du mir was empfehlen?“ Und dann probiert man es mit den Serientipps – und Hand aufs Herz: Am Anfang denkt man sich doch eigentlich immer: „Neeee, nicht so mein Fall.“ Wie wenn man beim ersten Date nur so semi-zufrieden ist und sich dann trotzdem auf ein zweites einlässt. „Ja, du musst von der Serie schon mindestens sechs Folgen am Stück schauen, damit du süchtig wirst“, kommentiert dann eine Freundin. Okay, wird gemacht. Und dann, nach vier bis sechs Dates trifft dich auf einmal der Schlag. Du weißt: Mit dir verbringe ich jetzt für die nächsten Monate meine Feierabende und „Laptop-Light-Dinner“. Kann man sich jetzt streiten, ob das in der Liebe auch so gut funktioniert.

Netflix ist wie Schokolade

Weniger ist manchmal mehr... | Foto: Charisse Kenion via Unsplash

Umso mehr Folgen wir von einer Serie hintereinander schauen, desto mehr fühlen wir uns als Teil der Geschichte und bauen eine Verbindung zu den Darstellern auf (siehe Why Do We Indulge?“ 2018). Binge-Watching löst deshalb noch mehr Glücksgefühle aus, als wenn wir es bei einer Folge pro Tag belassen. Genauso ist das ja aber auch mit Schokolade. Da fällt es auch oft schwer, nur ein Stück zu naschen. Aber nur weil Serien keine Kalorien haben, heißt es ja nicht, dass wir die im Überfluss konsumieren müssen.

Meine Erkenntnis nach 30 Tagen:
„Mir fehlt gar nichts!“

Meine Erkenntnis nach 30 Tagen ohne Serie: Mir fehlt gar nichts. Und das hat mich echt geschockt. Klar, in manchen Situationen war es schwierig, nicht in alte Muster zurück zu fallen. Wenn man zum Beispiel essen will und keiner der Mitbewohner zum Quatschen da ist. Alleine am Tisch zu hocken: Das hasse ich. Und eine Folge Lieblingsserie um die leckere Pasta abzurunden – verlockend. Das Problem ist aber, dass wir uns gerade beim Multitasken nicht bewusst für das Abschalten entscheiden, sondern die Serie einfach weiterlaufen lassen, denn durch das Essen haben wir uns sowieso nicht hundertprozentig auf die Handlung konzentriert.

Verantwortungsbewusstsein für sich selbst 

Genau das ist der springende Punkt: Wir müssen lernen uns wieder bewusst für eine oder zwei Folgen unserer Lieblingsserie zu entscheiden. Ob Hinweise wie „Du schaust jetzt schon seit zwei Stunden, mach‘ mal eine Pause“, dabei helfen könnten bezweifelt Prof. Ernst jedoch. „Die Anbieter selbst wollen eben gut wirtschaften. Ein Supermarkt ist ja auch nicht gefährlich, weil er Alkohol verkauft.“ Die Verantwortung liege da beim Einzelnen und im gegenseitigen Miteinander. „Ein eigenes Verantwortungsbewusstsein ist ja immer Grundbedingung, um auf sich selbst aufzupassen“, sagt der Wissenschaftler. Aber da sei er guter Dinge, was die jüngere Generation betreffe.

Einfach mal auf „Aus“ drücken

Da ist sie wieder, die goldene Mitte, die wir bei so vielen Dingen im Leben anstreben sollten. Ich glaube wir dürfen Netflix und Co. nicht überdramatisieren, aber auch nicht verharmlosen. Dass uns Binge-Watching schnell zum Serienjunkie macht, ist jedoch Fakt. Meine 30 Tage Serien-Detox haben jedenfalls gut getan. Ich kann nur empfehlen, sich an manchen Tagen in der Woche einmal bewusst gegen Netflix und für Chill zu entscheiden – oder wenigstens sofort nach einer Folge den Aus-Knopf zu drücken. Mal sehen, wie das bei mir jetzt so funktioniert. Denn was ich bei meiner Netflix-Recherche entdeckt habe: Die dritte Staffel Glow ist eine ganze Weile schon draußen…

Titelbild: Marvin Meyer via Unsplash

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