200-Euro-Challenge: Ein Wochenende in Bratislava

Die Vorgabe: 200 Euro für zwei Tage in einer europäischen Großstadt samt Anreise, Besichtigungen und Essen. In unserer Serie testen wir, ob das gelingen kann. Unser Autor hat es in Bratislava ausprobiert und das Budget fast gesprengt.

Stuttgart – Zehn Minuten vor der geplanten Rückfahrt suche ich, noch ganz entspannt, meinen Zug auf der Anzeigetafel des Hauptbahnhofs, an dem ich zwei Tage zuvor angekommen bin. Aus meinen Gedanken an eine entspannte Rückfahrt wird innerhalb einer Sekunde die bittere Erkenntnis: Ich stehe am falschen Bahnhof. Und die Sorge: Werde ich es mit meinen verbleibenden 16,60 Euro und nun ungültigen Tickets überhaupt noch zurück nach Stuttgart schaffen? Aber fangen wir von vorne an.

Mit 200 Euro durch Bratislava

Freitag, 8.15 Uhr

Voll bepackt stehe ich am Bahnsteig des Stuttgarter Hauptbahn­hofes. Mit dabei: zwei Käsebrote, ein mit Hummus und Gemüse gefülltes Fladenbrot, etwas Obst und ein Longboard. Das soll Geld für Essen und öffentlichen Nahverkehr sparen. Als ich nach acht entspannten Stunden Fahrt am Hauptbahnhof Bratislava ankomme, habe ich mein Essen aufgevespert. Eher aus Langeweile denn aus Hunger. Dafür komme ich satt und erholt an und habe noch keinen Euro für Essen oder Getränke gebraucht. Mir bleiben trotzdem nur 66,25 Euro, ein Drittel des Budgets, der Rest ging für Zug (104,55 Euro) und Hostel (29,20 Euro) drauf. Kann man mit dem Geld 48 Stunden in Bratislava überleben?

Freitag, 17.30 Uhr

Die 34 Grad in Bratislava bringen die Luft über dem Asphalt zum Flimmern und die Leute darauf zum Transpirieren. Zeit für Abkühlung. Bratislava ist im Urlaubsmodus, die Gastgärten der Bars und Restaurants sind voll. Für 70 Cent kann man das Gastgarten-Feeling aber günstiger haben: Ich kaufe eine Dose Zlazy Bazant, slowakisches Bier, im Supermarkt und fläze neben Einheimischen unter den Bäumen am grünen Donauufer nahe der Alten Brücke. Die Brücken prägen das Stadtbild und bieten einen wunderbaren Blick auf die Altstadt, also breche ich zu einer Brückentour auf.

Tatsächlich ist die Alte Brücke recht neu, sie wurde 2016 eröffnet. Ihr Stahlgerüst ist aber dem Original von 1889 nachempfunden. Über das grüne Ufer gegenüber der Altstadt flaniere ich zur Brücke des Nationalen Aufstands, gebaut bis 1972, um den modernsten Stand der kommunistischen Architektur darzustellen. Über dem Hauptpfeiler schwebt in 80 Metern Höhe das sogenannte Ufo, ein Restaurant samt Aussichtsplattform. Das Essen dort soll überteuert, die Aussicht von der Plattform die 7,50 Euro Eintritt aber wert sein. Ich ziehe aber weiter, denn ich will Geld sparen. Im  Burger-Restaurant „BeAbout“ kommt man mit zehn Euro für Hauptgang und Bier aus – wie in vielen anderen Gaststätten der Donaustadt auch. Mit einem Gemüsewrap spare ich extra: acht Euro, Bier und Trinkgeld inklusive.

Samstag, 9 Uhr

Wer nach „free things to do in Bratislava“  googelt, findet genug Ratschläge für kostenlose Aktivitäten. Auch ein Besuch des sowjetischen Kriegerdenkmals Slavin kostet nichts, und wer früh am Morgen zu der Obelisk-förmigen Gedenkstätte  hochläuft, hat den wunderbaren Ausblick fast für sich. Auf dem Weg nach unten hole ich Frühstück und Kaffee aus dem Supermarkt (3,68 Euro) und genieße es im Garten des Präsidentenpalasts zwischen Blumenbeeten und Skulpturen.

Samstag, 14 Uhr

Nächste Station: die Burg Bratislava, die sich auf einem Hügel über die Altstadt erhebt. Mittlerweile hat es 37 Grad, beim Hochlaufen auf den Burghügel fließen die Schweißperlen schneller als die Donau. Den Barockbau zu erkunden ist frei, nur das Slowakische Nationalmuseum im Inneren kostet Eintritt. Ich will mir das Geld aber sparen und genieße von hier oben die Aussicht von der Altstadt bis ins sieben Kilometer entfernte Österreich. Danach erhole ich mich auf den Liegestühlen im Garten vom vorherigen Beinahe-Hitzekollaps und döse im Schatten der Bäume kurz weg.

Samstag, 16 Uhr

Wer solo reist, aber nicht allein bleiben will, kann sich mit den „Be Free Tours“ die Stadt zeigen lassen. Zum Treffpunkt kommen ausschließlich junge Backpacker, wohl vor allem, weil die Tour grundsätzlich frei ist – man zahlt den Guides, was man für angemessen hält. Ich entscheide mich für die „Free Communism Tour“, um etwas über das Leben in der Zeit des kommunistischen Regimes von 1948 bis 1989 zu erfahren. Die Tour führt zwar über schon abgegraste Schauplätze – Innenstadt, Burg, Präsidentenpalast –, aber der Tour­guide kann vermitteln, warum manche diesem repressiven System auch nachtrauern. Die Runde endet am Rundfunkgebäude. Wie diese umgekehrte Pyramide auf der Spitze steht, widerspricht allen Grundsätzen der Statik. Sie ist laut der britischen Zeitung „Telegraph“ eines der hässlichsten Gebäude der Welt. Die Einwohner Bratislavas nehmen das als Auszeichnung und sind stolz darauf.

Nach der Tour stoppen wir im  Slovak Pub für Bryndzove halusky, quasi Käsespätzle, aber aus Kartoffelteig und mit Schafskäse. Pflichtprogramm für Reisende aus Schwaben. Mit zwei der leckeren hausgemachten Biere kommt man auf 10,10 Euro, ein guter Deal. Der Abend klingt mit Bier am gemütlichen, aber etwas prolligen City Beach Bratislava aus.

Sonntag, 12 Uhr

Wie leben die Menschen in Bratislava abseits der touristischen Innenstadt? Die Frage treibt mich in den Bezirk Petrzalka. Dort reiht sich Wohnblock an Wohnblock. Sie sind rot und grün bemalt, um ihnen den grauen Geist des Kommunismus auszutreiben. An einem Seitenarm der Donau kann man durchs Grüne zum See Vel’ky Drazdiak spazieren. Ein idyllisches Gewässer vor massiven Wohnburgen, das wirkt paradox. Bei einer Snackpause an einem der Kioske am See bietet mir ein Einheimischer an, an seinem Joint zu ziehen. Ich versuche mir vorzustellen, wie Menschen vor dem Ende des Eisernen Vorhangs hier lebten. Haben die Jugendlichen damals auch am See gekifft?

Sonntag, 17.05 Uhr

Am Hauptbahnhof, der auf Slowakisch Bratislava hlavna stanica heißt, wird schnell klar: Viele Verbindungen Richtung Westen gehen vom Bahnhof Petrzalka ab, auch meine. Unmöglich, dort noch hinzukommen. Die letzte durchgehende Verbindung nach Stuttgart habe ich damit verpasst und eigentlich gilt das billig gekaufte Ticket nur für diesen Zug. Ich kaufe für 12,70 Euro eine Fahrkarte nach Wien. Von dort schaffe ich es irgendwie, die Schaffner zu überzeugen, mich ohne neues Ticket mitzunehmen,  weil sie glauben, eine Verspätung sei der Auslöser gewesen.

Mit den letzten Euros kaufe ich bei einem Zwischenhalt Frühstück, ehe ich um 6 Uhr morgens und quasi ohne Schlaf in Stuttgart ankomme. Ich bin blank, müde und habe noch zwei Stunden, bis ich zur Arbeit muss. Aber der Trip war es wert.

Text und Fotos: Florian Gann

Hier geht’s zur 200-Euro-Challenge in Paris >>>

Mehr aus dem Web