1000 Tage Vannomaden

1000 Tage, 15 Länder und nun endlich angekommen? Nicht ganz, aber die Vannomaden haben jetzt eine Homebase und einen Hund. Uns haben sie im Interview verraten, wie es ihnen ergangen ist, was die Highlights waren und was sie rückblickend anders machen würden.

Stuttgart – Seit der ersten Stunde begleiten wir die Vannomaden, bestaunen ihre herzerwärmenden Schnappschüsse auf Instagram und träumen von einem ähnlichen Leben – frei, ungebunden und ständig on Tour. Doch ganz so easy ist das Vanlife nicht, wissen die beiden heute. Von wem die Rede ist?
Die Vannomaden, das sind Kathi Lanz und Paul Hübner aus Stuttgart – zwei Abenteurer, die ihre Jobs gekündigt und sich einen Van gekauft haben, um einfach mal loszufahren – der Nase nach – und ihren Platz in der Welt zu finden. Mit im Gepäck hatte die kleine Agentur auf vier Rädern zunächst nicht viel, sammelte aber fleißig Eindrücke und Erlebnisse – neugierig, rastlos, unter Druck, immer weiterreisen zu müssen. Bei unserem letzten Treffen auf der CMT 2017 hatte Paul bereits den Wunsch geäußert: „Ich will noch mehr zur Ruhe kommen.“ Deshalb fanden die beiden für sich eine Homebase – aber sind sie deshalb auch angekommen?

Wie geht’s euch? Wie ist das Leben mit Hund?

Uns geht es richtig gut, weil wir uns total wohlfühlen mit den Entscheidungen, die wir in letzter Zeit getroffen haben. Wir haben eine neue Heimat gefunden. Und auch wenn das jetzt vielleicht weniger abenteuerlich klingt, ist es für uns trotzdem aufregend und sehr zufriedenstellend – wir genießen es sehr.

Vor allem das Leben mit unserem Husky Tio. Das macht großen Spaß – auch das Reisen. Wir haben natürlich den Vergleich, weil wir lange ohne und jetzt mit Hund unterwegs sind. Es ist ein anderes Reisen. Wir sind noch weniger in Städten und mehr in der Natur, noch mehr Outdoor-Action, was voll unser Ding ist. Wir gehen bei jedem Wetter raus. Tipps und Tricks: Impfungen und spezielle Länder-Regeln beachten, immer eine Leine dabei haben. Wir lernen aber auch noch jeden Tag dazu. Es ist auf jeden Fall ein wunderschönes Reisen und Leben mit Hund.

Ihr sprecht von Rastlosigkeit und vom Druck weiterreisen zu müssen – wann habt ihr dieses Gefühl zum ersten Mal gespürt und wie seid ihr damit umgegangen? 

Dieses Gefühl hatten wir schon eine ganze Weile – als steten Beifahrer, mal lauter, mal leiser. Was uns gefehlt hat, war eine Art Routine, die es auch mal möglich macht, den Kopf auszuschalten und auf Automatik zu wechseln. Dann beginnt man die Dinge im Kopf zu verarbeiten, zu bewerten und sich weiterzuentwickeln. Uns ging’s irgendwann zu schnell, zu viel, zu aufregend. Mit einem langsameren Reisetempo haben wir da keine Ruhe reinbringen können, weil wir einfach neugierige Menschen sind. Wir lieben es, Dinge zu erleben! Daran wollten wir nichts ändern. Was geschaffen werden musste, war ein Ort, der für uns als Ruhepol funktioniert, ein Platz, den wir immer gerne ansteuern und sagen können: „Komm‘, wir fahren nach Hause.“

Ihr habt jetzt eine Homebase, wo ist die und warum dort?

Wer uns schon länger folgt, der konnte erahnen, es muss irgendwie mit Bergen zu tun haben. Was liegt da näher, als ein Bundesland zu wählen, das ebendiese schon im Namen trägt? Wir wohnen in VorarlBERG auf 700 Höhenmetern und das nächste Skigebiet ist sieben Minuten entfernt. Die Natur direkt vor der Haustür und das Licht zaubert jeden Morgen und Abend fantastische Sonnenauf- und untergänge an den Himmel. Schon während unserer Zeit als Nomaden haben wir Plätze wie diese gerne aufgesucht: In der Natur sollten sie sein, ruhig, sodass man die Kraft der Berge spürt, trotzdem nicht weit weg vom pulsierenden Stadtleben und gerne in der Nähe von unserem familiären Umfeld. Für uns trifft es ein Zitat besonders gut: „Der Mensch bereist die Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt. Und er kehrt nach Hause zurück, um es zu finden.“ Für uns hat’s eben zweieinhalb Jahre im Van gebraucht, um eine Heimat zu finden.

Seid ihr jetzt angekommen oder ist das nur ein Zwischenstopp?

Gute Frage! Vielleicht ist es eher ein Zwischenstopp – aber ein langer?! Obgleich wir die Gegend hier total als Heimat akzeptieren und es lieben, hier Zeit zu verbringen. Momentan sind wir mega glücklich, haben eine Adresse, einen Briefkasten, feste Nachbarn, einen Lieblingsbäcker und eine eigene Badewanne und Waschmaschine. Simple Dinge, die wir auch vermisst haben.

Trotzdem wissen wir nicht, ob das die vier Wände sind, wo wir für immer bleiben werden. Allein durch den Fakt, dass es zur Miete ist und wir nicht auf Lebenszeit zur Miete leben wollen. Wir sind da entspannt und lassen es auf uns zukommen und haben da gerade keinen Zwang wieder aufzubrechen.

Würdet ihr rückblickend irgendwas anders machen?

Paul: Ich würde einiges anders machen, aber insbesondere zwei Dinge. Ich würde meine Wohnung nicht mehr aufgeben. In der damaligen Situation ging es nicht anders, weil wir beide in WGs gewohnt haben. Aber von Anfang an eine Base zu haben, wäre schon besser gewesen. Man hätte sie vielleicht nicht so häufig angesteuert, aber sie wäre da gewesen. Was ich auch noch anders gemacht hätte: Mich einfach nur auf Vannomaden zu konzentrieren und nicht noch irgendwas nebenher zu machen. Das hat mir viel Zeit geraubt und mich auch sehr belastest.

Kathi: Ich würde keine Base behalten. Die Suche war zwar anstrengend, aber ich fand die ersten Momente total befreiend, dass man eben keine Base hatte und auf das Reisen im Van fokussiert war. Ein Extremzustand, der uns aber weitergebracht hat. Ich hätte mir aber gut vorstellen können, zum Beispiel ein Strandhaus fest zu mieten. Da hätten wir früher auf unser Bauchgefühl hören sollen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich aber keinen Ort gewusst, wo ich das hätte machen wollen, also hat es für mich gepasst. Aber ich wäre teilweise langsamer gereist, länger an einem Ort verweilt und hätte Aktivitäten mit Leuten vor Ort unternommen. Das war immer wertvoll und spannend. Das hätten wir viel mehr machen sollen.

Welche Tipps habt ihr für alle, die es euch gleichtun wollen?

Paul: Behaltet euch eine Base und konzentriert euch auf eine Sache. Macht das gut und clever und wirtschaftlich. Hört auf mit dem digitalen Nomadentum, mit diesem Blogger-/Vlogger-Zeug. Das funktioniert nicht. Lasst das. Überlegt euch, was eure Expertise ist und verkauft diese Expertise. Und die ist nicht, ich schreibe über Essen oder das Reisen, sondern zum Beispiel Buchhaltung, etwas Bodenständiges. Macht was „Gscheids“ und baut das aus. Schaut, dass ihr ein sauberes Einkommen habt.

Kathi: Ich würde gern etwas zur emotionalen Seite sagen. Habt keine Angst vor dem Scheitern. Im Endeffekt hat man nicht viel zu verlieren. Man muss nur mal aus dem gewohnten System ausbrechen und merkt, dass es nicht schlimm ist, wenn sich etwas ändert. Setzt euch eine Frist, um etwas auszuprobieren und machte es einfach. Sagt euch auch, dass es okay ist zu scheitern, habt einen Plan B in der Hinterhand und lernt draus. Auch gut ist es, sich vorab schon mit dem Thema Minimalismus zu beschäftigen. Es ist total angenehm und befreiend mit wie wenig  man auskommt. Man fängt an, Sachen selbst zu machen, auch Kosmetik, ist frei vom Konsum-Zwang und man merkt, dass man gar nicht so viel braucht. Auch wichtig ist es sich mit Leuten zu umgeben, die einen inspirieren und nicht ausbremsen. Und einem auch mal helfen, einen anderen Weg zu gehen.

Wollt ihr trotzdem weiterhin die Welt erkunden? Auch mit Björn?

Die Liebe zu Roadtrips und vor allem auch zu Björn ist so stark und wird nie vergehen. Gerade ist es für uns auch die perfekte Möglichkeit mit Hund zu verreisen, unsere liebsten Sportgeräte einzupacken und komplett spontan und flexibel zu sein.

Seit wir unsere Base haben, genießen wir natürlich ganz andere Dinge. Und hatten dadurch vielleicht auch etwas weniger Lust mit dem Van durch die Gegend zu cruisen – das mit Björn war zunächst eher zweckmäßig. Aber die große Reiselust kommt wieder, Bock auf fremde Kulturen und Exotisches bleibt. Wir wollen fremde Kontinente erkunden, nicht ganz so leicht mit Hund, aber machbar. Wir denken auch über eine Winter- und Sommer-Base nach. Aber lassen jetzt auch erstmal alles auf uns zukommen, entdecken primär Österreich. Und natürlich sind auch schon kleinere Reisen und größere Roadtrips geplant, wie zum Beispiel nach Portugal oder auch auf den Balkan.

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